Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 431 (5.3.1935)
- Date
- 1935-03-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 431 — T>. März DIE STIMME Seite 5 Volle Freiheit für alle! III! Bei dom 8tant,sbcs«uo'li der «österreichischen Minister in Paris sind Rcbm gelullten worden, (iio wollt nur auf diu Französische, sondern aiudi auf die österreichische Öffentlichkeit wirken müssen. Österreich sucht hei den Westmüeilten Schutz gegen die braune Gefahr: es verlangt die Hilfe der Demokratie gegen (|;l,s Steppensystem. das sich in Deutschland fostgcset.Zil hat. ln genauer Krkenntnis der Voraussetzungen dieser Unterstützung hat der Bundeskanzler die ii'oisti^o und kulturelle Verbuii'diMiludt Österreichs mit. Frankreich gefeiert. Kr wirbt um diu Freundschaft mit dieser Nation, deren Hauptstadt nach einem schönen und wahren Wort das zweite Vaterland eines jeden Furopäcrs ist. Diese französische Kultur basiert auf den Gntndlag'en. die ihr die, große Revolution am Ausgang de* 18. .Jahrhunderts gegeben hat. auf dem Bekenntis zur Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, zu der Verwandtschaft aller Menschen und Nationen, zur Verwerfung aller Vorurteile, die aus Abstammung und Glaubenssätzen abgeleitet werden. Während sieh dien diese Vorurteile im Deutschland des Driften Reiches auf den Thron gesetzt .haben, Italien die Demokraithm Frankreichs und Englands au dem Grundbegriff der Freiheit fest und der österreichische Bundeskanzler hat aus seiner katholischen universalen Weltanschauung heraus gesprochen. Der Staat, den er vertritt, lobt, auch in Freundschaft mit Italien und auch dieser Staat hat aus seiner neuen Ordnung der Gesellschaft jeden Haß gegen die Nase entfernt und nimnut mit offenen Armen jeden zur Mitarbeit an, der eines guten Willens ist und in wohlverstandener Bürgerpflicht; sich riickhaftsslos eiugliedern will. Nähert sich Österreich diesen Grundsätzen, so muß sich dies auf allen Gebieten vollziehen. Eine Grenzlinie zwischen Außenpolitik und Innenpolitik ist heute undenkbarer als je. Frankreich, England und Italien kennen nicht den Ras seht,1 griff und in ihrem politischen Arsenal gibt es keinen .Judenpunkt, Sie sind damit nicht schlecht gefahren. Man vergleiche mit ihrer Lage die Situation der Staaten, in denen der Rassebegriff in die Verwaltung eingedrungen ist. Der Staat muß über den Parteien stehen, die Unparteilichkeit seiner Führer kt die Vorbedingung für eine korrekte Verwaltung. Wenn mau von einem 'Staatsvolk spricht — was ist dann die Antithese? Der Staat kann sich nur auf der Wohlfahrt aller Bewohner aufbauen: wenn er dies als Lebenszweck und Lebensinhalt einsieht, dann findet er Vertrauen und Hilfe. Österreich Unabhängigkeit und Selbständigkeit kt bedroht, aber nicht von •Juden, auch nicht, von den .Tilden. Sondern von denen, die sich als Oberdeutsche aufspielen und in den Plan des Dritten Reiches eiliges eh ml tot. sind, der darauf abzielt, auch Österreich in sein Phaos hineinzuziehen, es ausznsaugen und zu ruinieren. Die besonder» Moralbegriife des Nationalsozialismus bringen es zinveco. daß diese Oberdeutschen mit, Ehrenwort und Eid Fangball spielen und daneben einen wütenden Judenhaß betreiben, der vor gar nichts Halt, machen will. Sie sind in den Amtsstuben in stärkerer Zahl zu linden, als mau glaubt, und sie führen von dort aus im Dunkeln ihre Propaganda, deren Einzelheiten man dann in diversen Fhigzeftelu, Numerusetausiis-Fonlenuiigm und ähnlichen Postulatoti des Futterneides aufscheinen sieht. Daneben geh,t die Unlerwühlung der staatlichen Konstruktion beharrlich weiter. Da gibt es eine Flüsterpropaganda, die allerlei Komipüi'Hi'Sge-schichten und minderwertigsten Tratsch in Umlauf setzt, da gibt es ,,freiwillige Kapitulation“ von nationalsozialistischen Verbänden, eine Roßfäuschergeschiichte, die wohl bei niemanden Glauben gefunden bat, und da gibt es verwirrende Mehlungen über Ausland.serkliirungen, über finanzielle Berat engen der außenpolitischen „Ämter“ Ronen,hurgö iirnl ähnliche Dinge, an die inan sieh hier schon gewöhnt hat. Ahm1 draußen hat man mehr Distanz zu den Vorgängen, kann sie schärfer beobachten und ist sehr hellhörig in bezug auf Österreich. Aus den Reden und Erklärungen, die aus Paris und London init.geteilt, wurden, erkennt man die Probleme, über welche die ösiierreio bischen Minister Aufklärung erteilten. Ein Londoner Blatt hat berichtet, daß auch die Frage dm* Judensc.ha.ft eine Rolle gespielt hat, im Zusammenhang mit dem ganzen übrigen Komplex der Fricdensbcsfimmurigeu von >S(, Gennain. Es sei — so wurde mitgelcilt — keine Rede von einer Diskriminierung der Juden. Demgemäß hat auch der Außenminister Berge r- W a! den egg in einer Pressekonferenz darauf Bezug genommen, daß or in Paris und London Auskunft gegeben hat über ..die kulturellen ,m,J | jalil religiösen Minderheiten“. .Sein«’ Darstellung lautet iim offiziellen Text: ..Ich konnte auch über die Frage dm* M i n o r i t ii t e u Auskunft; gebmi und habe den Standpunkt, wie er von uns immer unverrückbar festgehalteri wurde, neuerdings klar präzisiert: bei uns genießen die kulturell «ui. sprachlichen und religiösen Minoritäten volle F reihe i t. Was wir aber von ihnen verlangen, ist. daß sie sich zum Staat, bekennen und am Staat niitarbeiten. Wenn «lie Mitarbeit an unserem Staat geleistet wird, wird sich keine Minderheit beklagen können, daß sic in ihren Rechten geschmälert würde.“ Da.- ist ein der Situation in Park und London entsprechendes Aviso an gewisse Wünsche und Quertreibereien in Österreich. Es wird erklärt: es gibt keine nntijüdkclie Gesetzgebung und cs kann keine gehen. Volle Freiheit, für jeden, der «Jen Staat, beend mitarbeiten will! Von Dr. A. SchmerEer Es ist richtig, daß in Österreich alles anders und besser geworden ist und daß die Verzweiflung zu weichen beginnt, aber l‘iir uns Juden ist die wirtschaftliche Not noch unsäglich groß und die Erwerbs- und Arbeitslosigkeit nimmt in der jüdischen Bevölkerung erschreckend zu. Täglich und stündlich gehen Existenzen zugrunde, der Abbau und die Nichtanstellung der jüdischen Angestellten und Arbeiter dauern fort, und namenloses Elend und grauenhafte Verzweiflung lassen allzuoft die Erlösung im Tode ersehnen. Denn Arbeitslosigkeit bedeutet Brotlosigkeit, und diese sinkt wie Bleigewicht in die Tiefen des qualvollen Lebens und bringt Hunger, Kälte, Obdachlosigkeit und Krankheit. Täglich und stündlich weinen im jüdischen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis Eltern ob des Hungerns ihrer Kinder, Mädchen und Jünglinge ob des Darbens ihrer Eltern, denn in ihren Familien sind seit Jahren alle arbeits-, erwerbs- und existenzlos. Intellektuelle mit akademischen Berufen erstreben kommerzielle, kaufmännisch Geschulte erkundigen sich nach Dienerstellen, qualifizierte Arbeiter wollen als Hilfsarbeiter tätig sein, Sechzig- und sogar Siebzigjährige wollen „jede A r b e i t“ annehmen. Alle wollen Schutz vor der Deklassierung, die Verarmung und vor dem Absinken in dunklen Mächte des Lehens. Mit brennender Sehnsucht wünschen wir Juden auch für uns, daß jeder vor dem Ärgsten geschützt sei und das Leben in Österreich froher und schöner werde und insbesondere, daß die innenwirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Erwerbs- und Arbeitslosen Lebensraum durch Einordnung in den Arbeitsprozeß gewähren. Dem Rufe: „Glaubt an Österreich und an euch selbst!“ wollen wir gern folgen, und aus diesem Glauben an uns heraus dürfen auch wir Juden nicht verständnislos und ohne Anteil an dem Leid der jüdischen Arbeitslosen dastehen, denn Arbeitslosigkeit demoralisiert und radikalisiert. Einst machte man den Armen unseres Volkes fürs Verdienen des bemittelten Juden verantwortlich, und heute würde man leicht diesen für das Sinken und Gleiten des brotlosen Volksgenossen in den peripheren Radikalismus beschuldigen. * Jüdische Unternehmer, erfasset den Ernst der Zeit, fördert die Arbeitsbeschaffung zugunsten der jüdischen Arbeitslosen und fordert den Bedarf an Angestellten und Arbeitern beim Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, I., Kohlmessergasse 4, Telephon U 27-0-65, an. Landeskongreß der ungarischen Kultusgemeinden sowie die sollen ihre eigokann der jetzt, ein als allge- Heiite wind in Budmpeist zum erstenmal wieder ein Kongreß des lioologon Judentums zusam,menget reten. Unser Biula]»ester Mitarbeiter schreibt lins dazu: Die Einberufung dos Kongresses stieß auf mannigfache konstiutionelle Schwierigkeiten, welche nur durch jahrelange Bemühungen der Leitung des Landesverbandes der (neologen) Kultus,gemeinden überbriiekt werden konnten. Bekanntlich haben im Ungarn die konservativtm (orthodoxen) ge nannten S t at u s-q u o-G e i n e i i neu Landesverbände, und so beginnende Kongreß nicht meiner Kongreß der ganzen ungarischen Jiidenheit betrachtet, werden: da jedoch die überwiegende Mehrheit des ungarischem Judentums dem (neologen) Israelitischen Landesverband angehört, ko mimt; den Beratungen allgemein große Bedeutung zu. Der Kongreß, der durch den derzeitigen Vorsitzendem dos Landesverbandes, Hofrat Samuel Stern, in Anwesenheit der Regierung eröffnet wurde, setzt sieh aus 210 Delegierten zusammen, von denen allein aus der Hauptstadt Budapest 100 Vertreter erschienen sind. Hauptaufgabe der Tagung wird die Schaffung eines n e u e n 0 r g a u i s at i o u ti s t. a t u t s des L a nd e «S v e r b a nd e s sein, dessen Entwurf bereits durch den Anwalt der Fester Kultusgemeinde, Dr. Ernst, M u n k ä c s i, mit, einem Redaktionskomitee sorgfältig vorbereitet wurde. Der Entwurf ist eine hervorragende juristische und koüitikatorisebe Arbeit und traeiltet Aufgabonkreis sowie Tätigkeit sowohl der Kultugomi'imlen, als auch der zentralen Instanzen zeitgemäß zu regeln. Der nicht, unbedeutende z i o l) i s t i s e h " und Palästina freundlich gesinnte Teil der Delegierten betrachtet jedoch dm g«*plant«Mi Bestimmungen dos Statuts für n i e h 1. zeitgemäß und bereitet daher seit vielen Monaten eine Ergänzung derselben vor. Insbesondere wird «lie obligatorische Einführung des p r o p o r z i o n e 11 e n W a h I- Systems bei «len Kultuswahlen gefordert, da, zum Beispiel in «1er 'Fester OroßgiMiieinde als Folge des veralteten Majoritätssystein.s «lie Minderheiten gar nicht zum Worte kommen können. Weiters wird die Förderung des P a 1 ii. s t i n a - A u f b a u w «■ r k e s, d e r h e b r ä i s e h e n S pr ache u n d Kult u r sowie U m s c h i e h t u n g d e r j ii d i s c b e n J u g e n d gefordert. Eine Anzahl von Kultusgemewnh'm hat; sieh diesen Forderungen angeschlosseu und prominente Führer des ungarischen Judentums werden beim Kongreß fiir dieselben ein,treten. Da die offizielle Leitung derartigen, dem jüdischen Leben und der Forderung der Zeit entsprechenden Ansichten indifferent oder sogar fei ml lieh gegoniiberst and. ist, eine 1 e b h af te D e b a t-te zu. erwarten. Zur propagandistischen Vorbereitung ihrer Forderungen, gab die Zionistische Landesorganisation mehrere Broschüren heran,-, hielt eine Reibe von öffentlichen Versammlungen all und bereitet, für den Vorabend des Kongresses ein Massen-Meeting vor, bei dem ,Staatsrait Dr. Desider F r i e «1 m a n n, der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, das Hauptreiferat, führt. Es ist dem Zionistischen Landeskomitee gelungen, Dr. Josef K a s t e i n zu bewegen, vor seiner Übersiedlung nach Palästina nochmals Österreich zu besuchen. Der erste Vortrag Kasteins „Die jüdische Neuer i e n t i e r u n g“ war ein großes Erlebnis für das Wiener jüdische Publikum. Die beim Zionistischen Landeskomitee fortwährend einkiufmiden Bestellungen auf diese Broschüre beweisen, wie nachhaltige Wirkungen dieser blendende Vortrag ausgelöst hat. Der zweite Vortrag Kasteiris findet am 30. M ä r z um 8 Uhr abends im Mittleren Konzerthaussaal statt. Diesmal wird Kaste in über das beziehungsreiche Thema „A li a s v e r oder die Überwindung eines Mytho s“ sprechen. Dieser Abend wird zweifellos bereits in der nächsten Zeit ausverkuuft sein, da schon jetzt zahlreiche Bestellungen vorliegen. Rechtzeitige Bestellung von Karten beim Zionistischen'Landeskomitee. Wien, ist angezeigt. T.. Marc-Aurel-Straße 5, Der Kolonienminister über die Illegalen London, 28. Februar. (Z. T. A.) Im Unterhaus richtete Josiali Wedgwood au den Kolonicnminister die Frage, wieviele jüdische Flüchtlinge jetzt als „illegale Einwanderer“ sieb in Palästina-Gefängnissen befinden und wieviele von Urnen auch nach Verbüßung der ihnen zudiktierten Gel'ängniisstiraifen noch im Gefängnis ziurüekbehalten werden. Kolonienminister Sir Philip O u n I i f f e- Lister erwiderte, laut Mitteilung des High Commissioner verbüßen gegenwärtig 25 Julien wegen Verletzung der Einwanderungsvorschriften eine Gefängnisstrafe. 87 alitiere wurden nach Verbüßung der Strafe im Gefängnis zuriiekbehaiten. Von diesen werden in wenigen Tagen viele gegen Kaution freigelasseu werden*, er erfahre, daß 18 bereits auf freiem Fuße sind. Auf die Frage Wedgwoods, ob solche Personen endlos in Haft, gehalten werden können, erwiderte der Kolonienminister, laut der Immigration Ürdinauee von 1923 sei der lligh Commissioner befugt, illegal in P a 1 ä s t i n u w eilende Personen s o 1 a u g e i u H a f t, z u b e h a 11 e n, b i s e s m ö g 1 i e, h g e w o r d e n so i, A rr a n g ements für i h r e R e p a t r i i el* u n g zu t r e f f e n. Das jetzige Vorgehen des High Commissioner sei also vollkommen legal, und es sei auch von der Notwendigkeit diktiert, daß die Einwanderung nach Palästina nur den richtigen Leuten freistehen soll. Die Dauer der Zurückhaltung illegal Eingewanderter hängt von der Dauer der Arrangements zu ihrer Ausweisung ab. Der High Commissioner zeige sieh immer bereit, Häftlinge gegen eine angemessene Gehlhürgsehaft freiz»lassen. Zionistische zirkssoktion n «S i Z Hietzing in Habners Park-Hotel Sdiönbrunn, XIII., Hietzinger Hauptstraße 12/14 am 9. Mürz t935 Beginn 9 Ulir abends 1. Heiteres Kabarett 2. Eine Stunde im „Walzerparadies“ ein Querschnitt, durch die gleichnamige Operette von Oskar Straus unter persönlicher Leitung des Komponisten und in der Ofiginalbesetzung (Lichtegg, S t ö s s o l, 1) olzschuh, Stettner) TANZ Kapelle: Isi Geiger tforverkaufskarten zu S 4*— (an der Abendkassa SS*-) erhältlich bei: Zion. Landeskomitee; I., Marc-Aurel-Straße 5 Eugen Prager: I., Spiegelgasse 25 B, Pasternak: XIII., Nlsselgasse 8 7lon. Bez.-Soklion u.Who; XIII., Hletz. Hauptstr. 22 (Pleti. Hof) Budihaudlung I. L. Poilak: XV., Marlafillferstraße 140