Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 429 (26.2.1935)
- Date
- 1935-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ihwii Meter Nummer 20 g V* fl« bs Dlenttafl-Ausaab* JÜDISCHE ZEITUNG Für die Sonderfahrt des Riesenozeandampfeis „ROMA“ (33.000 Tonnen) TRIEST—PALÄSTINA 28. Marz 1935 wurden die Preise EINHEITSKLASSE (ERSTE KLASSE) auf Lire 1220*- (das ist etwa S 562'-) herabgesetzt Nur drei Tage Überfahrt! EINE EINMALIGE GELEGENHEIT! Sichern Sie sieh rasch Ihren Platz bei der Generalagentur des „Lloyd TrittStino", Wien, I., Kärntnerring 6 Nr. 4Z9 liriniT «A OAlaaHiaai I Redaktion URd Administration: Wlon, L, Msro-Aursl-StrsBo 8. ▼T ien9 ZOa r eoruar «7^5 I Tnl,: U 22>3-91. .KdiktlonischluO Monts« und Mittwoch vorm. I (»». Adar 5695) | 8. Jahrgang Das europäische Gift Die palästinensische Mandats Verwaltung hat vor einigen Tagen ihren Voranschlag für 1935/36 veröffentlicht. Die Einnahmen werden auf 5-5 Millionen Pfund gegen 3’4 Millionen Pfund für da« laufende Jahr geschätzt, wobei aber zu bemerken ist, daß die tatsächlichen Eingänge im laufenden Jahr etwa 4’5 Millionen Pfund betragen dürften. Insbesondere wird eine starke Erhöhung der Zolleinn,ahmen erwartet, die schon im laufenden Jahr mehr als die Hälfte der Einnahmen erbracht haben. Der Voranschlag der ordentlichen Ausgaben bleibt mit 8 2 Millionen Pfund ziemlich unverändert; daneben werden außerordentliche Ausgaben für öffentliche Bauten, Eisenbahnen, Hafenanlagen und dergleichen im Betrag von 2 Millionen Pfund eingesetzt. Der Voranschlag läßt zum erstenmal ein ■festes Vertrauen der Regierung in den Fortgang der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas" erkennen. Es ist politisch von großer. Wichtigkeit, daß die Regierung in •dieser'Weise ihre Zuversicht zum Ausdruck bringt.- Die’Grundlage dieses Vertrauens ist einzig und allein die jüdische Arbeit. Die Regierung hat verschwindend wenig zur Förderung der Wirtschaft beigetragen, noch weniger zur Förderung der im Mandat vorgesohriebenen Entwicklung Palästinas zum jüdischen Nationalheim. Man kann sogar von einer sich klar abzeichnenden Resistenz der englischen Verwaltung sprechen, die sich bald in einer rigorosen Handhabung der Einwanderungsvorschrifte.il, bald in der erkünstelten Bevorzugung der arabischen unkontrollierten Einwanderung ausdrüokt. Zu dieser sozusagen legalen Obstruktion gesellen sich noch von Zeit zu Zeit Nadelstiche der Bureaukratie, wie die versuchte Aberkennung des Bürgerrechtes gegen mißliebige jüdische Personen, die skandalöse Behandlung jüdischer illegaler Häftlinge in den Kasematten von Akko, da.s Verbot der Erweiterung der Plantagenfläche, die Abschließung des Beisan-Landes gegen Juden ,usw. Demgegenüber stellt aber die Entschlossenheit der Juden, den jüdischen Charakter von Stadt und Land immer fester zu untermauern. Selbstverständlich kommt das wirtschaftliche Gedeihen allen Bewohnern zugute und man darf hoffen, daß dies mit der Zeit auch die arabische Opposition abschwäohen und den Frieden befestigen .wird. lung. Man male sich die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und für die innere Organisation der ganzen Arbeit aus, wenn neben der Kapitalisteneinwanderung — die man nicht mit ungemischter Freude betrachten darf — plötzlich 35.000 neue Menschen einströmen würden, für die der Lebens- und Arbeitsraum noch nicht vorhanden ist. Das jüdische Hinterland ist für eine derartige Probe noch nicht genügend entwickelt. Es . Ist schon vieles, geschehen, was noch vor fünf Jahren wie-ein Traum schien, und es sind . sicherlich sehr große Möglichkeiten vorhanden. Aber eben doch nur Möglichkeiten, die nicht von heute auf morgen reifen können. Wo jetzt einer ist, können zur Not zwei sein, aber nicht drei. Das sind nationalökonomische Gesetze, die schon zu Dogmen geworden sind. Aber solche. Schwierigkeiten sollten genügen; um die Durchdringung des Landes nicht auch noch, mit Problemen, die aus dem europäischen Giftgeist geboren eind, zu belasten. Es wird zur Sabotage, begangen Anselo Sacerdoti: Die Idee des Jüdischen Weltkongresses Der eben verstorbene Oberrabbiner von Rom, Angelo Sacerdoti, hat seinerzeit in der Genfer Konferenz für den jüdischen Weltkongreß das Wort ergriffen. Er sagte unter anderem: Der Jüdische Weltkongreß ist eine gebieterische Notwendigkeit und wird deshalb stattfinden, auch wenn er Gegner hat, die sich darin-gefallen; sich ein von aller Wirk-, lichkeit fernes, jüdisches Leben vorzustellen. In einer Welt, in; der Organisation alles bedeutet, in der die Kollektivität sich immer mehr über das. Individuum erhebt, .bedeutet isoliert bleiben und die. Notwendigkeit eines zentralen Organs des Judentums nicht fühlen, eine Absurdität. Die Bedenken derjenigen, die dem Gedanken des Weltkongresses feindlich gegenüberstehen, sind mir wohl bekannt: Wie könnt ihr es wagen, sagen diese, die unter unseren Gegnern verbreiteten Legenden von einer angeblichen-jüdischen Internationale mit ihren dunklen und mysteriösen Gefahren zu bestätigen? Wie könnt ihr ihnen Recht geben, indem ihr ein internationales Zentrum schafft? Auf diese Frage" antworte ich: Gerade darum ist der J'üdische.Weltkongreß notwendig! Gerade darum, weil diese Legende geglaubt. wird und man es, was immer wir. sagen und tun könnten, für feststehend hält,-, daß die Juden von einem internationalen zentralen Organ geführt werden, ist die ein-: zige uns übrigbleibend« Möglichkeit, dieses Organ in öffentlicher- und offener Form zu verwirklichen, statt glauben zu lassen, daß es in geheimer und verdächtiger Weise besteht! Wenn der Jüdische Weltkongreß Wirklichkeit sein und de? Weit seine genau bestimmten Ziele be- käjStotgebeH. ftirdj ’-dSnnvrwiid man genötigt sein, die Reinheit und Aufrichtigkeit unserer -Absichteh anzuerkennen. ' Welches sind, nun diese von dem Kongreß angestrebten. Ziele? Die Würde und das Leben derjenigen von uns zu .verteidigen, die gefährdet sind, und vor allem tiefgehend dahin zu arbeiten, daß in unserem Volke wahrer jüdischer Geist geweckt und sein geistiges Leben erneuert werden. Ich bin der tiefen und unerschütterlichen Überzeugung, daß die uns von Gott aufgegebene ewige Mission darin besteht, ein „Volk von Priestern“ zu sein.- Diese heilige Mission materiellen Interessen zu opfern, würde unseren Untergang bedeuten. In der geistigen Krise, die die heutige Welt erfaßt hat, ist es notwendig, daß das Volk Gottes den Glauben und die Wahrheit zu lehren wisse, um diejenigen zu entwaffnen, die schlechten Willens sind. Der Jüdische Weltkongreß wird sich unter keinem Vorwand in die innere Politik der einzelnen Länder einmischen und wird .in keiner Weise Sonderinteressen stützen. Wir werden ein Element der E i n i g u n g, niemals ein solches der Uneinigkeit sein. . Möge das Judentum seine geistige. Einheit wiederfinden, möge es noch einmal der Welt die Gerechtigkeit, die Wahrheit und den Glauben an den einigeinzigen Gott schenken! Die jüdische Inbesitznahme ist in einem immer steileren Aufstieg begriffen. Dies ist aber weniger die Folge einer moralischen Expansion des nationalen Gedankens in der Galuth, als vielmehr eine Folge der europäischen Krise, der Absperrung Amerikas und der antijüdisohen Strömungen, die in vielen Ländern Europas teils offen, teils versteckt auf die Vernichtung der jüdischen Einzelexistenzen und des jüdischen Kollektivs hinarbeiten. Diese Umstände bringen in die jüdische Einwanderung einen sprunghaften nervösen Zug. Da die zur Verfügung gestellten Zertifikate nicht ansreiohen — nicht weniger als 35.000 junge jüdische Menschen warten zur Zeit auf die erlösende Order — greift der chaotische Drang nach illegaler Einwanderung weiter und schafft schwere, sogar kataßtrophenartigo Zustände der Verzweif¬ Lemberger Oberrabbiner Samuel Wolf Gutmann gestorben Lemberg, 21. Februar. Im 71. Lebensjahre starb der Oberrabbiner von Lemberg und bekannte jüdische Gelehrte Samuel Wolf Gutmann. Er war seit 1900 zweiter, seit 1920 erster Rabbiner in Lemberg. Er war der erste Prediger, der die polnische Predigt eingeführt hat. Er gehörte zu den ältesten Zionisten Galiziens und führte einen energischen Kampf gegen die Assimilation. Seine Predigten erschienen in drei Sammelbänden. An der Bestattung nahm die jüdische Bevölkerung. in großen Massen teil. Die Geschäfte waren während derselben geschlossen. Dr. Gutmann nahm auch an dem jüdischen sozialen Hilfswerk führend teil. Neue Unruhen in Constantine Paris, 22. Februar. (2. T. A.) In der algerischen Stadt Constantine, wo ee vor einigen Wochen zu sehr blutigen antijüdischen Unruhen kam, wobei einige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde getötet und mehrere verletzt wurden, ist es gestern, den 21. Februar, zu neuen Unruhen gekommen, die sich zunächst gegen die Polizei richteten. Etwa 4Ö0 Araber überfielen ein Polizeikommissariat und forderten die Entlassung eines im Zusammenhang mit den Angriffen auf die Juden verhafteten Arabers. Dabei wurde das Gebäude des Kommissariats fast ganz zerstört. Die Polizei, die der Aufgabe nicht gewachsen war, gab den Gefangenen frei. Unter der Judenschaft herrscht wegen dieser Entwicklung der Verhältnisse Besorgnis. durch Juden, durch Zionisten, wenn1 die Regelung der Einwanderung, die Verteilung der dem Bedarf,' noch weniger aber der Nachfrage zur Verfügung stehenden Zertifikate unter Parteigrundsätzen erfolgt. - Es ist eine Versündigung gegen den Geist des Zionismus, wenn nicht die persönliche Eignung des jungen Menschen, seine Ausbildung in Arbeit und Sprache für die Erlaubnis zur Einreise maßgebend sein soll,' sondern wenn von ihm eine gewisse, genau umschriebene Gesinnung gefordert wird. Keine Partei, keine weltanschauliche oder militaristisch-nationalistische Richtung hat als solche einen besonderen Anspruch auf Berücksichtigung. Keine dieser Richtungen, die sozialistische, wie die revisionistische, hat ein Monopol oder gar ein Recht der Totalität. Es sind Parteien, die als solche mit dem Judentum, seinem Geist, seiner Geschichte, seiner Tradition wenig zu tun haben. Sie sind Nachahmungen europäischer Formen, die in Europa Schaden genug-gestiftet haben und uns alle warnen ' sollten. Trotzdem aber scheint die sozialistische Richtung, derzeit im Besitz des Leitungsapparates, nicht gesonnen, ihre Methoden aufzugeben oder auch nur abzumildern,;- Sie verführt junge Menschen zu Gesinnurig^- zwang und Gesinnungsschnüffelei." Anderseits erweckt sie durch dieses herrische Verhalten die gleichen Tendenzen bei den Revisionisten. Und diese sind dazu auch noch vollständig außer Kontrolle, weil sie bereits mit beiden Füßen außerhalb der zionistischen Organisation stehen, die vor dem Gewissen des jüdischen Volkes, vor den 'Völkerbundmächten die Verantwortung für-alles trägt, was von zionistischer Seite geschieht oder unterlassen wird. Die Bedenkenlösigkeit der revisionistischen Politik hat schon jetzt den Schaden gestiftet, daß eine Interpretation der Mandatskommission über die Frage des Judenetaats provoziert wurde. Wir überschätzen dies nicht. Es handelt sich um eine Frage, die nicht den Revisionisten, nicht den Judenstaatlern, nicht der Mandatskommission gehört. Sie liegt im: Schoß der Zukunft und wird beantwortet werden, wenn die Zeit dafür da ist. Nicht früher» nicht später. ' Unser aller Aufgabe ist es, unsere Pflicht zu tun und immer daran zu denken, daß Palästina dem jüdischen Volk ' gegeben wurde, aber nicht einer Partei. Der Zionismus ist der arbeitende, sorgende, handelnde Vertreter der gesamten Nation. Was er leistet, hat ihm das Vertrauen der Juden und der ganzen Kulturwelt gebracht. Das jüdische Volk, der einzelne Schekelzahler, der einzelne Einwanderer, der einzelne ChaJuz schaffen die Grundlagen für ein einheitliches, von den Schlacken des Galuth freies jüdisches Volk. Diese Grundlagen dürfen nicht durch europäische, nichtjüdische „Weltanschauungen“ verfälscht werden. Die illegalen Einwanderer Im Gefängnis von Akko Von den in Akko gefangen gehaltenen illegalen Einwanderern, die vor kurzem einen Hungerstreik durehgeführt haben, ist soeben der erste, ein gewisser Grischa Pupko, gegen Kaution freigelassen worden. Die Freilassung der übrigen dürfte in den nächsten Tagen erfolgen. Unter den Häftlingen herrscht tiefe Unzufriedenheit über die Hinauszögerung ihrer Enthaftung.