Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1935-02-22 · Heft 428 (22.2.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 428 (22.2.1935)
Date
1935-02-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054183--4853-3060520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

▼. Kfc. Irtit dieser Nummer 20 g Freitag-Ausgabe JÜDISCHE ZEITUNG 10. bis. 16. Min 1935 (Rotunde bis 17. März 1935) BEDEUTENDE FAHRPREIS-ERMASSlGUNGENl Messeausweise & S 6.— bei der Wiener Messe- Aktiengesellsdiaft, Wien, VII., Messeplatz 1.— Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) i S 2.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser Nr. 4*8 | Wien, »«. Februar 1935 | | (»9. Adar 5695) | 8. Jahrgang Hauptmann, Streicher und die anderen Wenn das eiin Judr gewesen wäre! Der Richard Hauptmann nämlich, der in einer kleinen amerikanischen Stadt nach einem wochenlangen dramatischen Prozeß zum Tode verurteilt worden ist. Er soll das Kind des Fliegers Lindbergh entführt, das Lösegeld eingesteckt und das Kind trotzdem getötet haben. In dem Prozeß wurde von Anklage und Verteidigung ein umfangreicher Beweisapparat aufgeboten, wobei Haupttums eingegangen ist. Hauptmann hatte sich angestrengt, einen Juden namens Isidor Fisch aus Breslau iu die Erörterung einzubeziehen. Streicher sah schon hoffnungsvoll nach Amerika hinüber. Aber das Vergnügen wurde ihm von dem verfluchten Juden gestört. Fisch war schon vor der Tat gestorben. Was hätte wohl dieser Streicher aufgeführt, wenn Hauptmann ein Jude gewesen manns Verteidiger über riesige Mittel verwäre. Welche Titelüberschriften, welche fügte, obzwar der Angeklagte ein armer Zimmermann ist. Dieses Moment konnte inzwischen aufgeklärt werden. Hauptmann gehört der nationalsozialistischen Bewegung in New York an, und sein Prozeß ist von diesen Kreisen bezahlt worden. Das gibt der ganzen Angelegenheit ein besonderes Gesicht. Die Nationalsozialisten sind auch in Aufsätze, welche Bilder wären wohl im „Stürmer“ erschienen und wie hätte sich diese Flut über die Länder gewälzt! Freilich kann man heute schon dessen gewiß sein, daß in einem Jahr, wenn sich bis dahin nichts anderes Bedeutenderes ereignet, dieser Streicher seine nicht unbeträchtliche Phantasie anstrengen wird, um über den jüden Vereinigten Staaten nicht anders als in dischen Mörder. Hauptmann zu singen und Europa, und in ihren Zeitungen haben sie ' zu sagen. allerlei über die Juden auszusagen gewußt, j Er ist inzwischen in Deutschland selbst die vom Menschenraub bis zujn Betrug solrtgghr stark beschäftigt. Er hat wieder in ziemlich jedes Verbrechen, angelastet erhal- Nürnberg ein paar jüdische Geschäfte „ariten. Und nun ist der Kinderräuber, dessen s.iert“ und die jüdischen Besitzer hinter den Tat das größte Aufsehen erregt hat, ein Stacheldraht in Dachau gesteckt, hat ein deutscher Nationalsozialist, ebenso wie der paar neue Geschäftsofferte mit „goischem Gangsterkönig Dillinger, der als Staatsj Blut“ und geschändeten Mädchen ersonnen feind Nr. 1 in die Geschichte des Banditen- und von den Konkurrenten der beseitigten Der Hungerstreik in Akko Vor dem englischen Unterhaus Im englischen Unterhaus interpellierte Oberst Wedgwood den Kolonienminisier Sir Cunliffe-Lister über den Hungerstreik der illegalen Einwanderer im Gefängnis von Akko. In seiner Antwort verwies der Minister auf die angeordnete Freilassung gegen eine Bürgschaft von 100 Pfund für jeden Verhafteten. Auf die Frage Wedgwoods, wie lange der Kolonienminister diese unglücklichen Juden in Palästina im Gefängnis zu halten gedenkt, erwiderte Sir Cunliffe- Lister, illegale Einwanderung verstoße gegen das palästinensische Gesetz; es liege im Interesse der Sicherung der Einwanderung für die dazu Berechtigten, daß das Gesetz respektiert werde. Wedgwood fragte, ob der Minister wisse, daß diese Praxis der Einkerkerung von Flüchtlingen, die den europäischen Höllen entflohen sind, dem Ansehen Englands nicht nützen könne. Der Speaker ließ die Frage nicht zu, es wurde auf sie keine Antwort erteilt. Tel-Aviv: 120.000 Einwohner Die Lage in Danzig Die von der Dan zig er nationalsozialistischen Fraktion beschlossene Auflösung des Danziger Volkstages hat auch in jüdischen Kreisen stärkste Besorgnis wachgerufen, da es sich hier ganz offensichtlich darum handelt, eine Änderung der Verfassung herbeizuführen. Dies kann aber — wie das Organ der Danziger Juden, das bDanziger Echo“, betont — das Schicksal der Danziger Juden entscheidend beeinflussen. Zwar liegt die Kontrolle über Danzig in den Händen des Völkerbundkommissärs, aber es ist nicht zu zweifeln, daß er letzten Endes einen schärferen Konflikt wegen der jüdischen Minderheit vermeiden wird. In dem Wahlkampf, der bereits begonnen hat, verwenden die Nationalsozialisten alle Mittel, die sich in Deutschland und im Saargebiet bewährt haben, wobei der Judenhaß die stärkste Rolle spielt. Wegen der offen betriebenen a n t i j ü d i- S-chen Boykottpropaganda hat sich der Vorstand der Jüdischen Gemeinde an den Senat der Freien Stadt Danzig gewandt, um ihn unter Bezugnahme auf die wiederholten amtlichen Erklärungen des Senats über die freie Betätigung der jüdischen Gewerbetreibenden von den Boykottfällen in Kenntnis zu Betzen. Die Eingabe enthält genaue Angaben über die von einer Zentralstelle aus systematisch geleiteten Boykotbaktionen. Präventivzensur gegen ein Hetzblatt in der Schweiz Der Regierungsrait von Solothurn hat gegen die seit kurzem in dieser Stadt erscheinende, dom Vorbild des reichsdeutschen „Stürmer“ folgende Zweiwochenschrift „Der Volksbunid“, die sich Organ des „Bundes Nationalsozialistischer Eidgenossen“ nennt, die Präventivzensur verhängt. Der Solothurner Regierungsrat begründete seine obige Verordnung damit, daß die besagte Zeitschrift „eine äußerst schmutzige Sprache gegen das Judentum und die Feimauerei führe, die mit einer objektiven Kritik nichts mehr zu tun hat.“ Fürst Starhemberg über die Juden in Österreich Haag, 20. Februar. (2. T. A.) In einem Interview mit dem Redakteur der angesehenen Wochenschrift „De Haagsche Post“ erklärte der österreichische Vizekanzler unter anderem, es bestehe wohl in Österreich ein jüdisches Problem, aber niemals werde der Österreicher Personen anderer als christlicher Religion durch Sondergesetz zu Bürgern zweiter Klasse machen wollen. Das Problem sei von sehr delikater Art; viel böse Propaganda gegen die Juden wurde von außen auf geheimen Wegen nach Österreich hiineingetragen, aber der „Erfolg der deutschen Rassenpolihik“, schloß Fürst Starheinberg, „beweise, daß ich recht habe, wenn ich sage, daß derartige Probleme nicht durch Gewalt gelöst werden können“. Am115. d. besuchte der High Commissioner Tel-Aviv. Sofort nach seiner Ankunft begab er sich in das Haus des Bürgermeisters Herrn Meir Disengoff. Er drückte diesem gegenüber seine Freude zur Wiederherstellung von schwerer Krankheit aus und wünschte ihm, daß er bald wieder seine regelmäßige Tätigkeit in der Leitung der Stadt aufnehmen könne. Herr Disengoff dankte für den Besuch und erklärte, daß, sobald er zu seiner Arbeit zurückkehre, er den Besuch des High Commissioners in seinem Palais in Jerusalem erwidern werde. In der Unterhaltung berührte Herr Disengoff auch die Frage der großen Kanalisationsarbeiten, die die Stadt von den Schäden befreien werden, die sie jedes Jahr durch die Überschwemmungen erleidet. Er bat darum, daß die Regierung die Genehmigung des erforderlichen Budgets für diese Arbeiten beschleunige. Der High Commissioner sagte die beschleunigte Erledigung dieser Angelegenheit zu. Weiters erklärte Herr Disengoff, daß er die gegenwärtige Einwohnerziffer Tel-Avivs auf 120.000 Personen schätze. Bei dieser Gelegenheit erinnerte der High Commissioner Herrn Disengoff an ihre Unterhaltung bei seinem Besuch vor zwei Jahren, als sie von einer Ziffer von 100.000 Einwohnern als von „Zukunftsmusik“ sprachen. Herr Disengoff erzählte darauf dem High Commissioner, daß Tel-Aviv zur Zeit des Besuches des verstorbenen Lord Balfour 30.000 Einwohner zählte, und daß Balfour ihm damals sagte: „Sie sind ein zu großer Bürgermeister für eine so kleine Stadt.“ Er (Disengoff) habe darauf geantwortet: „Das macht nichts aut, die Stadt wird wachsen und größer sejden.“ Juden ein paar fette Inserate zum Dank erhalten. Die Einbildungskraft dieses Mannes ist erstaunlich und sie wird nur noch von seiner erotisch beschwingten Vorstellungsgabe übertroffen, die ihn andauernd mit Vergewaltigungen beschäftigt und es ihm ermöglicht hat, auf dem Gebiet der Sexuaihygiene Neues, Erschütterndes zu schaffen. Er ist heute der führende Mediziner und hat herausgefunden, daß die Juden, wenn sie nicht gerade Christenmädchen schänden oder Christenblut sammeln, dem deutschen Volk die Syphilis einimpfen. Daß ein Jude die Syphilis-Reaktion, ein anderer das Salvarsan entdeckt hat, tut nichts zur Sache, und man kann — sagt Streicher — auf beides verzichten. Das war sogar dem Deutschen Ärztebund zu stark, und er erklärte, bei aller Anerkennung für Streichers Verdienste um die Rasse könne man doch nicht sein Rezept akzeptieren. Die Antwort war eine solenne Ehrung Streichers, der 50 Jahre alt geworden ist. An seinem Geburtstag fand sich der Führer und Reichskanzler bei ihm ein, ernannte ihn zu seinem Gefährten und dankte ihm für seine Verdienste. Die Stadt Ansbach übersandte ihm eine Reitpeitsche und das bayrische Justizministerium schenkte ihm die bei der Münchener Staatsanwaltschaft lagernden Akten, die für Streicher belastend gewesen wären. Ritualmord, Medizin, Politik und Rechtspflege Arm in Arm oder Schulter an Schulter, wie man es will. Es ist ein liebliches Bild aus dem Dritten Reich. Es gibt aber nicht nur den einen Streicher. Das deutsche Volk zählt noch ein paar Dutzend solcher Kämpen, und einer von diesen gibt in Berlin einen „Jndenkenner“ heraus, ein Blatt, das ganz nach Streichers Vorbild den Judenmord in allen Gassen predigt. In Deutschland darf ohne hohe obrigkeitliche Erlaubnis keine neue Zeitung gegründet werden, und so wird es deutlich, daß die Machthaber gegen den Pogrom nichts ein zu wenden haben. Er ist für sie ein politisches Mittel, wie viele andere. Für daheim wie für draußen. Für daheim, um die Massen abzulenken, für draußen, um im Trüben zu fischen und Haßkomplexe zu dirigieren. Das wird so in aller Welt betrieben, und wenn dann irgendwo unvermutete Komplikationen entstehen oder ein Aufstand losbricht, so sind die Leute vom braunen Reich nicht weit davon. Die panislamische Welle, die gegenwärtig durch Marokko und Algier tobt, ist von Deutschen erzeugt worden. Das amerikanische Repräsentantenhaus hat nach langer Untersuchung bestätigt, daß Organe der deutschen Botschaft und deutsche Konsuln in die Affäre der „Silberhemden“ verwickelt sind, eine nationalsozialistische Vereinigung, die mit Waffengewalt den Präsidenten stürzen wollte. Auch dort stand die Aufreizung zum Judenhaß am Anfang. Und die Berliner Dirigenten werden es wohl als sehr unfreundlichen Akt des Judentums werten, daß der Kimierräuber Hauptmann einer der Ihren war und die heroische Weltanschauung, die ihm das Hakenkreuz lehrte, bestätigt hat. INSTALLATIONEN ELEKTRISCHE KRAFT-, MODERNE BELEUCHTUNGS- UND RADIO- ANLAGEN /ELEKTR. H AUSHAL- TUNGSGERÄTE/LUSTER /RADIO Fachmännische Beratung kostenlos Paul Heller, I., Llchtensteg 1 Tel. U 21-9-19 ACHTUNG HAUSBESITZER! Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen ■■■■■■■nHaaeaHnaaeeHaMmMeMMaMeMai und Reparaturkredite kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten*, Hypotheken* und Verwaltungsbttro Tel. A 48*9*28 Sensal R. TAUBMANN Wien, II., Nordpolstraßc 2/3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.