Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 426 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seife 6 ranurr DIE STIMME Die Bestattung ' Max Liebermanns Über die am 11. d. M. stattgefundeue Be- < stattung Max Liebermanns auf dem Alten Friedhof der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee wird uns au<? Berlin berichtet: Ein kleiner Kreis hatte sich eingefmulen. um dem großen Toten das letzte Geleit zu geben. In der Halle des Friedhofs war unter Blumen der Sarg aufgebahrt. Die frauerfeier begann mit einem Cellospiel. Rabbiner Dr. W a"r s c h a u e r gab in seiner Gedenkrede eine Deutung des Werkes des \ erstorbenen im Geiste der Religion. Was wir in Max Liebermann in Dankbarkeit an Persönlichkeit und Schaßen als Gnade Gottes erkennen und was seine eigene Leistung war. seine sittliche Leistung, wie die Religion sie erfordert — zeichnete er in schlichten Worten. Für Liebeimann habe ein Satz Geltung gehabt, den ein talmirdischer Weiser einem Freunde zugerufen hat: Deine Welt magst du schauen dürfen in deinem Leben. Eine Welt schon der Dauer nach bedeutete das Leben Liebermanns. Es schloß viele Wandlungen im geschichtlichen und persönlichen Leben ein. Nicht zuletzt hat sich die deutschjüdische Bürgerlichkeit, in der der große Künstler verankert war, gewandelt. „Wir nehmen Abschied von ihm“, so sagte Dr. Warschauer, „als von einer Gestalt, in der ein Stück Geschichte vollendet war. Ein Vers jenes Psalms drückt das aus, den Humboldt das schönste Stück Naturpoesie nannte: .Es geht der Mensch hinaus zu seinem Schaffen und zu seinem Dienste bis zum Abend.4 Schaffen und Dienst war 70 Jahre lang Lebensinhalt des Verstorbenen bis zum Abend seines Lebens. Klar schied sein Blick Hohes und Niedriges, Unwertes und Wertvolles. Besseres und Bestes forderte er immer wieder von sich und seiner Arbeit. Unbestechlich war er im Urteil über sich selber und sein Schaffen. Die Fülle der Ehningen machte ihn niemals satt. Er stürmte ohne Unterlaß vorwärts, immer wieder über sich selbst hinaus. Sein Werk ist seiner sittlichen Auffassung der Heiligung des Künstlerischen entsprungen. Es ist gepaart mit Strenge und Härte des Pflichtgefühls, die ihn mit dem Geiste des deutschen Idealismus und des Preußentums erfüllt sein ließen. In seinem künstlerischen Ethos erkennen wir den heiligen Quell der Größe von Max Liebermann.44 Dann trat Karl S c h e f f 1 e r, der bekannte Kunst- und Kulturkritiker, an die Bahre Max Liebermanns, um im Namen der Kunst dem Toten zu danken. ,Kin Licht ist erloschen44, so sagte er, „das zu einem Leuchtfeuer geworden ist, nach dem die deutsche Kunst ihren Kurs bestimmt und immer wieder korrigiert hat. Daß der Genius der Geschichte entzündet zu haben scheint. Licbermann zeigte, daß das Wahre schön und das Schöne wahr sein kann. Weil Wahrheit und Schönheit in seinem W7erke eins geworden sind, konnte er zwei Generationen von Künstlern Autorität sein. Er konnte das Gewicht einer Institution annehinmi. Alle fühlten, daß hier ein Echter das Echte hütete und das ganz selbstlos tat. St'ine Werke wurden Vorbilder. Seinen kaO'-ciri'chen Formulierungen des Kunstgesci/.cs konnte sich niemand entziehen, weil sein Talent so zwingend war, wie sein Charakter. Max Liebermann haben die deutschen Künstler und Kunstfreunde gehuldigt. Alle fühlten, daß sie ihm Dank schuldig waren. Mit ihm tragen wir eine ganze Zeit, auch im Künstlerischen, zu Grabe. Er war der symbolische Mensch einer Epoche. Aber er stirbt nur leiblich, sein Werk gehtin die Geschichte ein. Es wird Jahrhunderte überdauern und unsere Kindeskinder werden es noch sehen. Und es wird ein Glück sein, dir, Max Liebermann, in Dankbarkeit treu zu bleiben.44 Max Liebermanns Judentum Anläßlich der Aktion zur Ansiedlung der „Werkleute" auf Keren-Kajemeth-Boden in Palästina durch den Keren Hajessod schrieb Max Liebermann am 28. Februar 1934 an einen Berliner Freund unter anderem: ..h/.s dem schönen Trnum der Assimilation sind wir leider, fehler! nur zu jäh aufgeweckt: Für die jüdische Jugend sehe ich keine Bettung als die. Auswanderung nach Palästina, wo sie a/s freie Menschen anfwachsen kann und den. Gefahren des Emigrantentums entgeht. Leider bin ich, der ich im S7. stehe, zu. all um aus zu wandern, aber der heran wachsenden jüdischen Generation zu einem freien Dasein zu verhelfen, scheint mir die wünsch,enswerteste Hilfe.“ Was leistet der Bei einer Pressekonferenz in Jerusalem sprach kürzlich Leib Jaffe über die Tätigkeit des Keren Hajessod. Wir bringen unseren Lesern einen Auszug aus den interessanten Darlegungen Jaffes. Was ist mit 1,600.000 Pfund, die der Keren Hajessod in der Landwirtschaft investiert hat, in Palästina geschaffen worden? Wir haben heute rund 12.000 Menschen in den vom Keren Hajessod gegründeten oder subventionierten Siedlungen gegenüber 3000 im Jahre 1924 und 7500 im Jahre 1930. In den Siedlungen des Emek hat sich die 126 -- 15. Fohr»ui TREFFER ANLEIHE POLIZZEN gegen MonatiprJmicn ®®®®®®®®®®®®$®$®$®®®<S®<3<®®®®®®®®®®®®®®®@© ® ® ® ® ® @ ® (•) ® ® ® ® Sie haben mich geblendet und geschwächt, Sie ließen mich für sie die Mühlen drehen, In ihrer Götzen Tempel muß ich stehen, Geschornen Hauptes, ein verhöhnter Knecht. Ich, der die Stärksten rein und stolz geführt, Hab’ dumpf und arglos mich in Lust gebettet Und mein Geschick mit Frauengunst verkettet, Ich klage nicht, mir ward, was mir gebührt. Geschmiedet in des Hasses harte Haft, Umbrandet von der Sieger feigem Spotte, Hebt sich mein Heldenherz zu seinem Gotte Und fühlt im Büßen neuerstand’ne Kraft. Gib, Herr, daß sie noch einmal mich umschwebt, Daß unter meines Löwengriffs Umpranken Die Säulen splittern und die Mauern schwanken Und die Vernichtung meine Schmach begräbt . . Oskar Bendiener. >J®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® ®® ®® ® ® ® Zahl der Siedler verdoppelt, aber auch an den anderen Punkten ist sie erheblich gewachsen. Mit Freude dürfen wir fo.-4stollen, daß im verflossenen Jahre 5094 zum ersten. Male die Siedlungen des Keren Hajessod ihre Bilanz mit Gewinn abgeschlossen haben. Kurze Zeit noch, dann werden sie beginnen, an den Keren Hajessod das in. ihnen investierte Kapital zurückzuzahlen. Ohne weitere Budgets ißt es den Siedlungen ferner gelungen, eine große Anzahl neuer Einwanderer aufzunelnncn. Unsere Siedlungen haben zirka 500 Einwanderer, und 350 Kinder und Jugendliche aus Deutschland aufgenommen, die jetzt dort •eine palästinensis oh e landw i r ts chaftliehe Erziehung erhalten: dabei kommen immer noch weitere Einwanderer, ln unsere Dörfer sind über 265 Eltern und von den Arbeitern abhängige Familienangehörige eingezogen. Man hat sich darüber beschwert, daß der größte Teil der Keren Hajessod-Gelder nicht an Angehörige des Mittelstandes gegeben worden ist. Man hat; dabei vergessen, daß aus den Mitteln des Keren Hajessod zirka 10.000 Söhne des Mittelstandes untergebracht worden sind. Jetzt bringen diese Kinder ihre Eltern und Verwandten ins Land. Es ist interessant, diese Eltern in den Kwuzot und Moshawim bei ihrem besonderen Leben, ihrem Gottesdienst und ihren Gotteshäusern zu beobachten. In Ein Charod haben die Mitglieder des' Kibbuz ihren Eltern aus den Mitteln ihres Kultnrbudgets eine Thora-Rolle zutu Geschenk gemacht. Einer der Väter sagte; „Wir haben der Chaluziut unserer Kinder uns widersetzt, man trauerte um diese Kinder, die nach Palästina gingen, beinahe wief man um einen Toten trauert, und jetzt kommen wir in ihren Dörfern u.nd Kwuzot zu unserer Ruhe.“ Die Kolonisation ist heute leichter und billiger. Wir haben heute einen Bauern, der im Boden wurzelt, mit der Natur verbunden Mefo&iscU&s- Eowaut Sonntag, den 10. Februar, fand im Großen Konzerthaussaal das mit Spannung erwartete, vom ,.K eren K a j e m e t h“ und dem Klub „E r e z Israel“ gemeinsam veranstaltete H ebräische Konzert statt, das dem Gedenken C h a i m Nach man B i aliks gewidmet war. Der Name B i a 1 i k in Verbindung mit dem Großen Wiener Konzerthaitssaal weckt wehmütige Erinnerungen: Jänner 1932. Mächtiger Orgelklang schallt durch den lichtumfluteten schönen Saal. Er kündet den Willkommgruß, das „Baruch Haba“, dem größten lebenden Dichter, der an jenem Abend vor einem illustren jüdischen Publikum eine, die Herzen der Wiener Judenschaft weckende Predigt hielt. An jenen Abend, der allen Teilnehmern zu einem starken, unvergeßlichen Erlebnis wurde, muß man heute denken. Dazwischen liegen drei ereignisreiche, schwere Jahre. Eines, das letzte, in vieler Beziehung das schwerste, ließ auch die Stimme Bialiks verstummen. Die Liebe und Verehrung der Wiener Judenschaft für den großen Dahingeschiedenen kam auch an diesem Abend zum Ausdruck. Dr. Dawid R o t h b 1 u m, der Präsident der HLtadruth Iwrith, wies in seiner hebräischen Gedenkrede auf Bialiks zukunftssehöpferische, bedeutungsvolle Arbeit hin, auf den sogenannten „K i n u s“, dessen Wesen darin besteht, die großen Werte jüdischer Geschichte früherer Jahrhunderte dem jüdischen Menschen von heute zugänglich gemacht zu haben. Darin vvr Bia!!!;- Wirkt ■ nni.-d-ggültig. Er iiat damit eine Kuitmschöpfung inauguriert, die schon jetzt auf überraschende Ergebnisse zurückblicken kann. •k So sehr die Idee der Veranstalter des Hebräischen Konzerts, einerseits das Andenken Bialiks in einem großen Rahmen zu ehren, anderseits das Bestreben, Werte jüdischer und hebräischer Musik einem größeren Publikum zugänglich zu machen, zu begrüßen war, so muß leider im vorhinein festgestellt werden, daß Wille und Fleiß allein nicht ausreichen, um auch künstlerisch dieser hier skizzierten Idee zu entsprechen. Daran ändert nicht die Tatsache, daß an diesem Abend all die herrlichen Perlen Bialikscher Dichtung gehört werden konnten, und daß sich, was billigerweise zugestanden werden muß, alle Akteure um das hebräische Wort an diesem Abend recht bemüht haben. Es fällt dem Referenten herzlich schwer, hier mehr als guten Willen gelten zu lassen, es fällt ihm noch -c!: <■ erer, hier ein Wort der Kritik zu unterdrücken. Der Name Bialik verpflichtet. Und durch die Aneinanderreihung von Gedichten, vertonten und un vertonten. ist dieser Verpflichtung noch nicht Genüge getan. Prof. Arthur Wolf, der künstlerisch verantwortlich zeichnende Leiter dieses Konzertes, in allen Ehren. Er hat die Einstudierung der Chöre liebevoll besorgt, sie mit jugendlichem Schwung auch an diesem Abend geleitet und sich auch sonst mit aller Kraft um die Ausgestaltung und Durchführung des Programms bemüht. Es soll hier nicht die Frage, ob es eine jüdische, hebräische Musik gibt, angeschnitten werden. nach diesem K ■ rnuüi. . ia < f-aung gestimmt werden und in der Beantwortung dieser Frage Skeptizismus Platz greifen lassen. Und noch etwas: Das Leben in Palästina ist so bunt, so glutvoll und farbenreich, daß es unverständlich bleibt, bei einer Vertonung eines Bialikschen Gedichtes, das von diesem pulsierenden, neuen jüdischen, farbenprächtigen Bildstreifen erzählt, daran vorbeizugehen und sich in einer lithurgisohen Welt zu bewegen, die doch ihre eigenen und anderen Gesetze und Werte hat. Lithurgie in allen Ehren. Der Vortrag von Psalmen hat in einem hebräischen Konzert seinen berechtigten, ja sogar bevorzugten Platz. Man mißverstehe uns nicht. In einem hebräischen Konzert, das noch dazu dem Dichterfürsten der neuhebräischen Poesie gewidmet ist, muß aber auch jenes Lied vom neuen jüdischen Menschen, vom neuen jüdischen Leben und Weben mitschwingen. Zu dem schönen „Haohnissini“-Gedicht gibt's z. B. eine reizende Melodie. Aber man hörte sie nicht in diesem Konzert. Statt dessen kam eine kantorale Komposition zu Gehör. Nach diesen vielleicht etwas scharfen Worten, die niemandem wehtun wollen, bleibt nur noch zu registrieren: daß die künstlerischen Höhepunkte des Abends die Darbietungen des ausgezeichneten Knabeuchoros des Stadttempels, der unter der sorgfältigen Leitung des talentierten Dirigenten Kurt F u c h s g e 1 b Bialiks „Techesaknah“ in musterhafter Weise interpretierte, und das Spiel des Meisters Julius W o 1 f s o h n s waren. Das Virtuosentum dos Pianisten Wolfsohn ist von berufener Seite bereits genügend gewürdigt worden, so daß es sich erübrigt, hier noch besonders darauf liiuzu- ’vi*isc*n Darüber hinaus aber erzielt, .'leister Wolfsohn in dem unübertrefflichen Vortrag seiner Paraphrasen jüdischer Volksliedmotive nicht zuletzt deshalb die große Wirkung, weil er aus dem Vollen jüdischen Wissens und Empfindens schöpft. Die ganze reiche! Welt des jüdischen Menschen, der Kleinstadt des Ostens, die Sphäre dos ostjüdischen. Hauses, des Kindes, des Lehrers, der jiidw sehen Hochzeitsstube, zaubert Meister Wolf-, sohn auf der Klaviatur vor. Es war das Stärkste an diesem Abend. Oberkantor Igno Mann aus Brünn, der über eine schöno Opernstimme verfügt, holte sieh einen war-: men Applaus, ebenso fanden Oberkantor P o s t o 1 o w, Opernsänger Julius Kurz und Konzertsüngorin Grete Rosen fehl, der am besten das Wanderlied „Haljalkut al Iias schnellem“ gelang, reichen Beifall. Ganz ausgezeichnet war das Spiel des Orchesters des Bundes jüdischer Frontsoldaten, welches sich insbesondere in der Wiedergabe der Mendelssolinschen Symphonie zu blendendem Zusannnenspiel fand. Ein Wort schließlich über die Chöre, die im großen und ganzen ihrer nicht leichten Aufgabe sich durchaus gewachsen zeigten, und schließlich ein lohendes Wort für den Dirigenten des Gesangvereines, Israel B ra n d m a n n, dem leider an diesem Abend viel zu wenig Wirkungsfehl geboten wurde. Alles in allem hat, das Hebräische Konzert mehr Wünsche olTengelasscn, als ihre Erfüllung gebracht. Die Zeilen sollen keine Kritik bedeuten. Dies sei nochmals betont. Sio sollen bloß eine Anregung sein, nicht zuletzt für die mit so viel Eifer und Aufopferung bei der Sache gewesenen Künstler und Veranstalter, insbesondere für den Klub Ercz Israel, der hei Veranstaltungen oft schon mit großem Erfolge eine glückliche Hand bewies, für das — nächste Konzert sein. j. r. *