Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 425 (12.2.1935)
- Date
- 1935-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. t». b. Freie dieser Nummer 20 g Dienstag-Ausgabe JÜDISCHE ZEITUNG Redaktion und Administration: Wien, ln Msre-Aurol-StrsBe 5. Tel.: U 22-3-91. .TedaktionuehluB Montag und Mittwoch vorm. 11811 Hl Die großen, vorzüglichen Salonschiffe (lOaltlea(S „Palcstlna“ und „Gernsalemme“ der direkten Eillinie TRIEST - JAFFA des LLOYD TRIESTINO verkehren Jeden Mittwooh und Jeden zweiten Freitag / Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich bloß zirka ö. S 258‘— / Auskünfte: Lloyd Triestino, I., Kärntnerring fl (9* Adar 5695) | 8» Jahrgang Lord Harry Snellf London: Die Verantwortung der Christen ' Oft behaupten Menschen von politischer Kurzsichtigkeit, daß der einzige Vorteil des .Wiederaufbaus von Palästina darin bestehe, ein großes, historisches Unrecht gegenüber dem jüdischen Volke gutzumaohen. Dies wäre tatsächlich der Fall. Aber der Wiederaufbau Palästinas würde noch viel mehr bedeuten. Er würde einer kaleidoskopischen Welt die Stärke und Stabilität einer neuen politischen 'Struktur bringen; und würde neben der überragenden geographischen und ßtrategisohen Bedeutung eine solide und verantwortliche westliche Nation schaffen, die von einem erfahrenen, kräftigen und langlebigen Volke geführt wird. Betrachten wir zunächst, die geographische •Bedeutung' des Landes. Ein wiederaufgebaqtes und politisch zuverlässiges Palästina kann eine essentielle Bedingung kommerzieller Freiheit im Mittelmeer werden. Die Eisenbahn, die den Irak und Mesopotamien jpit Haifa verbindet, macht diesen Hafen zürn größten Zentrum des östlichen Mittelmeers. ■ Es scheint mir oft, daß die Verantwortung für die Schaffung des Jüdischen Natio- •nalheims durch die letzten Ereignisse von den Juden auf die Christen übergegangen ist. Als Christ schreibend, sprechend und denkend, empfinde ich ein Gefühl persönlicher Verantwortung für die grausamen Ausbrüche antisemitischer Leidenschaft, die sich in letzter Zeit ereigneten. Während das Judentum an seinem Körper, nicht a b er a n seiner Seele durch solche Ereignisse verletzt wird, wird dem Christen dadurch eine viel tiefere Wunde geschlagen, er wird dadurch verletzt und herabgesetzt in seinem geistigen Wesen. Wenn das letzte Problem der Welt darin besteht, das Zusammenleben der Rassen in Frieden unid Eintracht herbeizufiihren, so haben die Ereignisse der letz-ten Jahre diese Problem aktualisiert und dessen Lösung dringlicher gemacht. Die Zivilisation hat zwar große Fortschritte gemacht. Die Nachteile der räumlichen Entfernung der verschiedenen Völker der Welt sind erheblich herabgemindert worden und damit der Weg geebnet für den übernationalen Zusammenschluß, den Prof. Graham Wallas die „Große Gemeinschaft“ genannt hat. Auf der andern Seite aber sind die nationalen Vorurteile und rassischen Antipathien wieder aufgelebt, und sie waren begleitet von einer Wiederholung antisemitischer Verfolgungen, einer der grausamsten und häßlichsten Leidenschaften, die die Geschichte kennt. Was soll die christliche Welt dagegen unternehmen? Die moralische Verantwortlichkeit lastet auf uns Christen. Wenn die Juden in Deutschland, Polen, Rußland oder anderswo nicht gewünscht werden, dann haben wir den Juden ein Stück Land zur Verfügung zu stellen, auf dem sie in Sicherheit, Frieden und Freiheit leben können. Wenn nach Ansicht gewisser Kreise die Juden zu viel Handel treiben, möge man ihnen Land geben, das sie beackern können, Das Gewissen der Menschheit kann auf die Dauer die mittelalterliche Tortur eines Volkes in unseren Zeiten nicht mitansehen. Es muß rasch ein Weg gefunden werden, diese Zustände zu beseitigen. Dieser Weg ist in der Tat gefunden worden, wobei die Leiden der Juden und die Verantwortung der Christen herabgesetzt und vielleicht beseitigt werden können: Durch die E’r richtung des Jüdischen Nationalheimes in Palästina. Nach meiner Ansicht wird der Wiederaufbau Palästinas den Juden nicht alle Vorteile bringen, die sie davon erwarten, aber ihr Landhunger wird damit befriedigt werden, er.wird.auch ihre Rasse veredeln und wird dem jüdischen Volke erlauben, seine eigenen kulturellen Qualitäten zu entwickeln in einem Lande, das durch den prophetischen Genius. ihrer Vorfahren unsterblich geworden ist. Ich habe bereits ■ erklärt, daß die moralische Verantwortlichkeit für die. Fortdauer der Judenverfolgungen und für die schlechte Die Amsterdamer katholische Tageszeitung „De Tijd“ veröffentlichte am 7. d. ein Interview ihres Redakteurs, mit dem österreichischen Bundeskanzler Doktor Schuschnigg, in welchem der Bundeskanzler sich zum jüdischen Problem wie folgt geäußert haben soll: Ich halte die vom Gesichtspunkte der deutschen Rasscnfrage unternommenen antisemitischen Aktionen für falsch. Die Juden sind den Ariern gegenüber durchaus nicht inferior, sie sind ihnen vebenbürtig“. Wenn sie sich zuweilen als geistig stärker, schärfer erweisen, so geht i h n e n; ander s e i t s „Bodenständigkeit“ ab (die holländische Zeitung läßt die Worte „ebenbürtig“ und „Bodenständigkeit“ unübersetzt). Zuweilen machen eie von diesen geistigen Qualitäten einen falschen Gebrauch und versuchen, die Arier auszunutzen; h I egegen müssen wir natürlich Vorgehen. Wenn jüdische Geistigkeit falsch gelenkt wird, so hat dies weit gefährlichere Folgen, als wenn dies der Fall bei arischer Geistigkeit wäre. Ich beabsichtige nicht, gegen die Juden in Österreich etwas zu unternehmen, ich halte es zum Beispiel für falsch und töricht, einen Künstler, nur weil er Jude ist, aus seinem eigentlichen Betätigungsgebiet auszuschließen. Aber ich bringe nicht gern Juden in die höchsten Positionen, weil „au fond“ e s nur sehr wenige Juden gibt, die sich nicht vor allem anderen als Juden, statt als Österreicher, fühlen. Im Hinblick auf die Tatsache, daß die Bankhäuser fast alle in den Händen von Juden waren, halte ich es für besser, daß es nun in der Leitung der »Kreditanstalt4 keine Juden mehr gibt. Wenn die Arier gegen die Juden, weil eie anderer Rasse sind, vorgehen wollen, dann soziale Position, in der sich viele Juden befinden, bei der christlichen Welt liegt. Die Ehre der ‘Menschlichkeit als Ganzes ist durch deren Fortdauer kompromittiert. Aber die Juden sollten nicht warten und um Hilfe von außen her bitten. Diejenigen, die sich befreien wollen, müssen ihre eigenen Retter sein. Letzten Endes ist das jüdische Palästinaproblem reduziert auf eine einfache und bestimmte Frage: Ist das jüdische Volk so überzeugt von der Notwendigkeit der Errichtung eines Nationalheims, daß es dafür Arbeit, Geld und Bequemlichkeit opfern will? Das jüdische Volk hat viele Qualitäten, es hat Ideale, Mut, Geist und rassische Disziplin. Wenn es noch Geduld, Enthusiasmus aufbringt, wird es ein wieder aufgebautes Palästina erleben. Der in letzter Zeit in Palästina gemachte Fortschritt ist bemerkenswert und. die Arbeit der Pioniere hat das Interesse und die Bewunderung der Welt gefunden. Die Zukunft des Experiments liegt allein bei den Juden, besonders 'bei der jüdischen Jugend. Hören wir auf die Stimme, die sagt: Und der Ewige sprach zu Moses: „Was schreist Du zu mir? Sage den Kindern Israels, daß sie vorwärts gehen!“ (II. Buch Mosiis, Kap. 14, Vers 15.) dürfen sie an das eine nicht vergessen: daß die Juden in der Minderheit sind und daß es unfair ist, gegen sie Mittel anzuwenden, wie sie in Deutschland gegen sie angewandt werden. Hitler hat es nicht zu Wege gebracht, sich der jüdischen Großkapitalisten zu entledigen, die ja gefährlicher sind als die kleinen jüdischen Geschäftsleute. Der Bankier Mendelssohn wurde sogar zu einem Ehrenarier ernannt, das heißt: es wurde ihm dokumentarisch bescheinigt, daß er genau die gleichen Rechte wie die wirklichen Arier genießt. Auf die Frage des holländischen Journalisten, ob wirklich viele jüdische Angestellte von der Wiener Stadtverwaltung entlassen wurden, habe der Bundeskanzler Dr. Schuschnigg geantwortet: Das stimmt, aber diese Personen wurden entlassen, weil sie Sozialisten sind, und die Sozialisten nehmen eine feindliche Einstellung zur Regierung ein. E s i s t b 1 oß e r Z u f ä 11, daß sie auch Juden sind. Das Gespräch entstellt Im Bundeskanzleramt wurde dem Wiener Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur erklärt, daß der Bundeskanzler wohl vor einiger Zeit eine Unterhaltung mit einer holländischen Journalistin geführt habe, daß jedoch ein Interview, wie es vorliegt, nicht stattgefunden hat, daß die Äußerungen des Bundeskanzlers falsch wiedergegeben wurden und auch mit den Ansichten des Bundeskanzlers nicht übereinstiraraen. Das Bundeskanzleramt legt auf die Feststellung Wert, daß die dem Bundeskanzler in den Mund gelegten Äußerungen weder in der veröffentlichten, noch in einer ähnlichen Form vom Bundeskanzler gemacht wurden. Die Weltfälscher an der Arbeit In der Turiner „Gazetta del Popole“ hat vor kurzem Pietro Solari ein Ansteigen der antisemitischen Tätigkeit in Deutschland festgestellt. In seinem Aufsatz erinnert er an sein Interview mit Goering vor dem Machtantritt Hitlers und führt aus, viele haben damals nicht glauben wollen, daß der Nationalsozialismus gerade sein antisemitisches Programm so konsequent verwirklichen wird. Man dürfe eich, schreibt Solari, nicht der Illusion hingeben, daß Hitler sein antisemitisches Programm abschwächen wird, nein, je mehr Konzessionen er auf anderen Gebieten zu machen gezwungen ist, um so unnachgiebiger wird er gegenüber den Juden sein. Mit dieser Entwicklung hängt es zusammen, daß das Propagandaministerium Goebbels seine Bemühungen, eine in« ternationale Programmaktion anzustiften, neuerdinge verstärkt. So erscheint jetzt, mit deutschem Geld gegründet, in New York eine Zeitschrift unter dem Titel: „Deutscher Beobachter of New York“ zweimal wöchentlich. Bezeichnend für die antijüdische Weltpropaganda und für die Parolen, die für sie ausgegeben werden und für die Einheitlichkeit, mit der sie befolgt werden, ist ein langer Artikel im „Deutschen Beobachter of New York“ über den Berner Prozeß wegen der sogenannten „Protokolle der Weisen von Z i o n“. Gegen den Richter und gegen die Zeugen sowie gegen die gesamte nichtnationalsozialistische Presse in allen Ländern wird der Vorwurf eines unaufrichtigen und rechtswidrigen Verhaltens erhoben. Das Blatt fordert zu einer Geldsammlung zur Unterstützung der angeklagten Verbreiter der Protokolle auf. Die gesammelten Mittel sollen nach Erfurt, an den Bodung-Verlag, Gartenstraße 38 — der technischen Zentrale des Welt-Antisemitismus — geschickt werden. In der Aufforderung heißt es: „Es muß doch in der Welt Pro-Arier geben, die willig sind, eine edle Sache zu unterstützen!... Ein internationales Komitee hat sich gebildet, um die erforderlichen Schritte zu unternehmen...“ Diese vom „Deutschen Beobachterof New York“ ausgegeberie Parole Das Neues/e: Das Budget derPalästinaRegierung Jerusalem, 10. Februar. (2. T. A.) Für das Finanzjahr 1935/36 werden die Einkünfte der Palästina-Regierung auf SM Millionen Pfund, die Ausgaben auf 3H Millionen Pfund veranschlagt. Ein iüdischer Abgeordneter in der türkischen Kammer Ankara, 10. Februar. Bei den Kammerwahien sind zum erstenmal Vertreter der Minderheiten gewählt worden. Unter ihnen befindet sich ein jüdischer Abgeordneter, Angeblidie Äußerungen des Bundeskanzlers