Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 417 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 417 - 15. Jänner 1086 Oll STIMM! Seit® 5 Der Dank der Juden an ihre Freunde Eine Anregung von Theodor Ehrenstein Kürzlich hielt. Theoflor Ehrenstein, Antor des „Alten Testaments im Bilde“, im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien einen Vortrag unter dem Titel: „Rund um das Esther-Fragment von Franz Grillparzer“. Am Schlüsse desselben gab er eine bemerkenswerte Anregung, die wir gerne veröffentlichen. (Red.) sind in Palästina In den letzten Jahren zahlreiche Haine und Wälder gepflanzt worden, meistens zur ewigen dankbaren Erinnerung an die Wiedererwecker Palästinas. Nun aber sollte jetzt, wo wir ßcbon etwas festeren Boden unter den Füßen spüren, ein Hain gepflanzt werden, unter dem Namen .Judas Dank. Zum Andenken an jene änderest ämmige Männer und F r a u e n. die uns in den Zeiten unserer Drangsale und Nöte Helfer, Freundo, Beschützer waren, angefangen vom König G y r i! s, Alexander dem Großen und den Kalifen in Spanien bis zum König Alexander von Jugoslawien und Königin W i 1 h e 1 m i n e von Holland, von Julius Cäsar biß zu Mussolini, Masaryk, R o o s e v e 11, P i 1 s u d s k i. Wenn Sie die Geschichte des jüdischen Volkes von Grätz oder Dubnow durchblättern, so werden Sie kaum eine Seite finden, ohne blutige Verfolgungen und Drangsalierungen unserer Vorväter, etfreulichcrweise aber kommen Sie zwischendurch immer wieder auch auf Berichte auß allen Zeiten und von allen Völkern über edle, hochgesinnte Menschen, die den Juden wohlwollten, darunter Päpste und Bischöfe, Könige und Staatsmänner. Da man im allgemeinen nur sehr wenige von ihnen dem Namen nach kennt, und man auch von ihrer Zahl keine rechte Vorstellung hat, könnte man meine Anregung für eine skurrile Idee halten, weshalb ich Ihnen deren mehrere nennen werde, und zwar zunächst die Männer in der großen französischen Revolution, die für unsere Menschenrechte, -für unßere Gleichberechtigung gekämpft haben: M i r a b e a u, A b b 6 Gregoire, Talleyrand, Graf Clermont Tonnerre, Pastor Rabeau St. E t i e n n e, die Abgeordneten D u p o r t und'G’odard, Staatsanwalt Cahier de G e r v i 11 e, A b b 6 Bertolio, der Maire von Pari3 B a i 11 y, dann Napoleon, seine Brüder Louis Bonaparte als König von Holland, nebst dem holländischen Staatsmann Schiinmelpenninck, Jeröme Bonaparte, als König von Westfalen, General Ney,- später Louis Philippe, Minister M e r i 11 o n, Graf P o r t a 1 i s, der jetzige Völkerbunddelegierte G o d a r t; in England C r o m w e 11, Lord Holland, Robert Grant, der berühmte Historiker Mac a ule y, Robert Owen, John Rüssel, O'Connel, Brougham, G 1 a d 6 t o n e, Peel, P a 1merstone, die Königin Victoria, M a c d o n a 1 d, Churchill, W e d g owood, und ‘natürlich allen voran: Lord B a 1 f o u r, General A 11 o n b y; in Dänemark König Christian IV., der edle Gönner der Juden zu Zeiteu Gliickels von Hammeln, un-d der jetzige KönigVictor E in a n u e 1 IIJ., Graf Cavon r, Garibaldi, Masßimo d’A z e g 1 i o, M a z z in i; in der Schweiz E s c h e r, Secretan; in Österreich Kaiser Josef II., Graf K o 1 o w r a t, später Minister Schmerling, Kaiserin Elisabeth, deren Lieblingsdicht.or Heine war und die ihm auf Korfu ein Denkmal setzen ließ, deren Lehrer im Ungarischen der Jude Max Falk war (dazumal Chefredakteur dee „Pester IJoyd“ — er konnte ungarische Parlamentsreden gleich deutsch mitstenographieron); in Ungarn Franz Deäk, Minister Szom e r e, Baron E ö t v ö s, die beiden T i s z a; in Polen Kazimir der Große, Butrimovicz, Jezerski, Czazki, Kosciusko, hernach die Fürsten G o 1 i z i n und Adam C z a r t o r i 8 k i; in Rußland der Staatsrat Sperans k i J, später der Dokabrist P e s t e l, Nikita M u r a w j o w, Graf Michael W o r o nz o w, Fürst Wassiltscbikow, Zar Alexander II., Graf Stroganoff, Herzen, Tscbernisehewski; in Deutschland Hardenberg, Wilhelm, D o b in, der Schriftsteller Nicolai und Alexander von Humboldt, der bayrische H o f r a t Grund, Minister Schenk; in Bayern Minister Lamoy; in Baden Kaiserin Augusta, Horzls Gönner Großherzog Max von Baden und Gattin, und last not least B i sm a r c k, unter dessen Kanzlerschaft, ich zitiere da aus dem jüdischen Lexikon, den Juden rechtlich die volle Emanzipation zuteil wurde; «auch wie in den Siebziger- und Aobtzigerjahren, als die Wellen des Antisemitismus noch so hoch gingen, hatte er sich nie darauf eingelassen, den Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte irgendwie zu beschneiden. Noch wären als Beschützer der Juden hervorzuhebon. in der Türkei Sultan Abdul Medschid und in Amerika der große Washington. Hiezu kommt dann noch die große Serie der Denker und Dichter, zum Beispiel: R e u c h 1 i n, Immanuel Kant, der Moses Mendelssohn einmal im Hörsaal vor allen Studenten umarmt hat, der an Markus Hertz immer nur als würdigster Freund, als verchrtester Freund schrieb und schon lange vor der Emanzipation als „Ihr ergebenster Diener und Freund“ fertigte, der Philosoph Traugott Wilhelm K r u g, weiters Lord Byron, M i c k i ew i c z, Turgenjew, die russischen Philosophen S o 1 o w j e w uiul Tolstoi, Zola, Björnstjerne, die Deutschen Jean Paul, Herder, Lessing, Wieland, Hebbel. Gutzkow,, Otto Ludwig Thomas Mann, D e h m e 1, George, der schwedische Kultusminister Artur E n gb e r g und noch viele andere, die näher besehen, sieb als Jtidenfreunde erweisen werden. Das sind die Männer, denen wir unsere Gleichberechtigung zu verdanken haben. Ohne ihren zähen Kampf, der fast überall, in West und Ost, in Nord und Süd, hauptsächlich nur gegen den eingewurzelten und von Nutznießern immer wieder aufgestachelten Egoismus des Kleinbürgertums zu führen war, wären wir vielleicht auch heute noch überall in Europa, in Amerika, Asien, Afrika und Australien ebenso rechtlos, wie es die Juden heute in Deutschland sind. Wenn ich so zahlreiche, darunter viele sehr illustre Namen angeführt habe, eo nicht zuletzt auch um zu zeigen, daß der von mir angeregte Hain, genannt Judas Dank, wohl mit Recht auch Judas Stolz wird heißen können. Gewiß, e« brennen uns heute gleichsam viele andere reale Fragen auf den Fingernägeln, aber darum, weil das hier eine rein ideale Frage ißt, soll ihre rascheste Verwirklichung minder wichtig sein? Sollte man uns mit Recht des Materialismus zeihen? Kann es übrigens’ heute unwichtig sein, der Nazipropaganda in der ganzen Welt durch eine Tat entgegenzutreten, die all überall Beifall fände, ja sogar Bewunderung auslösen würde, die uns sicher die Sympathien der ganzen Welt einbrächte? Und die Pflanzung eines solchen Hains wäre solch eine Tat! Für jeden einzelnen unserer andersstämmigen Freunde müßte ein Baum gepflanzt und davor ein ein Granitstein mit Namens- und kurzer Leistungeangabe gesetzt werden — wie man sonst überall das Andenken verdienstvoller Männer durch Pflanzung eines Gedenkbaumes zu ehren pflegt. (Also jeden einzelnen Baum eingefriedet, wie es zum Beispiel der Lueger-Baum im Wiener Rathauspark ist.) Der ganze Hain müßte durch jüdische, moderne Le Nötres — Le Nötre war der berühmte Gartenkünstlor Ludwig XIV., der den Park von Versailles schuf, welchem dann unser Schönbrunn und Herrenchiemsee bei München nachgebildet wurde — der ganze Hain also müßte durch jüdische, moderne Gartenkiinstlor zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges gestaltet werden. Er müßte Zeugensehaft ablegen von einer neuen, edlen palästinensischen Kultnr, von der auch die Weltpresse immer wieder zu berichten hätte, und da es etwas einzig in seiner Art sein wird, wird wohl koin Palästina besuchender Tourist verabsäumen, ,Judas Dank“ z" besichtigen, immer vorausgesetzt, daß sich da ein erlesener Geschmack mit wahrer Kunst vermählen werden, um bei aller Einfachheit etwas eindrucksvoll Schönes hervorzubringen und es durch liebevolle Pflege dauernd zu erhalten, um auf diese würdige Art unsere Dankbarkeit allen unseren Freunden und Wohltätern vor aller Welt zu dokumentieren. Ich stelle mir vor, daß um einen mächtigen, sehr hohen, von Zierblumen kunstvoll umsäumten Granitblock mit der weithin sichtbaren Überschrift: Judas Dank für gleiches Recht, die bereits beschriebenen, eingefriedeten Gedenkbäume in fächerförmig angelegten Avenuen und Alleen gepflanzt werden unter folgenden Bezeichnungen: Avenue der gekrönten Häupter, der Päpste und der Bißchöfe, der Staatspräsidenten, der Staatsmänner, der großen Politiker und Historiker; Allee der Denker und Schriftsteller, der Dichter und sonstiger um das Judentum verdienter Männer und Frauen. Am Ostrand de« Haine wird sich in größeren Dimensionen halbkreißförmig eine marmorbekleidete, mit dorischen (weil einfacheren) Säulen geschmückte, offene Halle erheben, an deren Sims in großen, marmorbehauenen Lettern in alphabetischer Reihenfolge die Namen aller lebenden zivilisierten Völker prangen werden; hinter jedem Namen ein gußeiserner Fahnenhälter mit schöner, großer Flagge in den Farben’der betreffenden Nation. Über dem Wort ..Germany“ wird bis auf weiters eine Trauerfahne wehen. Alljährlich, an einem bestimmten, schulfreien Tag, findet ein Huldignngsfest statt, geweiht den Manen jener, die für unsere Rechte gekämpft haben: die weißgekleidete, blumengeschmückte Jugend singt einen Choral, die Festrede — vor den Festgästen (Behörden usw.) — hält immer entweder ein Student der palästinensischen, jüdischen Universität oder ein junger jüdischer Arbei ter; eine musikalische Darbietung durch ein jüdisches Symphonieorchester beschließt die Feier; abends festliche Beleuchtung de Hains. Am selben Tag werden am Eingang in die bereits bestehenden König-Alexander-, König-Albert-Wälder die blau-weißen Flaggen gehißt, wie überhaupt das ganze jüdische Palästina die Flaggongala an legt. Dieses hohe Ziel im Auge, werden für diesen Hain — ich meinerseits möchte dafür jetzt schon zum Andenken an den unsterblichen Dichter des Esther-Fragments einen Baum ßtiften — für diesen Hain also werden die Juden in aller Welt, ob Zionisten oder Nicbtzionisten, es als eine Ehrenpflicht betrachten, Beiträge zu leisten, um so mehr, als die Pflanzung dieses Hains die einzig richtige Antwort an jene Engstirnigen wäre, die glauben, das jüdische Volk vernichten zu können, dieses Volk, da«, wie Disraeli einmal den englischen Peers zurief, die Könige Assyriens, die Pharaonen Ägyptens, die Ciiearen Rome überdauerte. Unserer palästinensischen Jugend aber wird er den seelisch sehr nützlichen Anschauungsunterricht vermitteln, daß es in der Welt nicht nur Hamans und Hitlers gab und sie wird neben den großen jüdischen Menschen auch die vielen andersstämmigen in ihr Herz schließen, wenn sie dem Volk der Juden so vom Herzen zugetan waren, wie es Österreichs größter Dichter Franz Grillparzer war. Jüdische SpUcUwSctea Eine Ohrfeige verheilt, ein Wort bleibt im Gedächtnis. Ein Narr wird unter Klugen lästig, ein Kluger unter Narren. Wer im Wagen obenan sitzt, fällt zuerst hinaus. IFas der Mensch sich selbst antut, können ihm nicht zehn Feinde antun. Arm sein ist keine Schande, aber auch keine Ehre. Als Kinder waren alle Leute klug, aber bei den meisten ist der Verstand von damals geblieben. Schick die Narren zum Markt und die Krämer werden sich freuen. Nimm dir einen Dienstboten und mache deine Arbeit allein. Hast du, halt's; weist du, schweig; kannst du, tu. Der Hals hat ein kleines Löchl und verschlingt ein Haus mitsamt dem DäcM. Juliusz Wolfsohn: l/ßt* Stßtoip&tojfU fais ]&&chUi* Jüdische Geiger*) (Schluß.) Es kam die nächste Generation: der große jViolinzauberer Bronislaw Huberman; es liegt in seinem Spiel ein romantischer Zauber, eine melodisch-sinnliche, prachtüberquelleude Tongebung. Sein Spiel ist voll überströmender Begeisterung, es ist oin förmliches Aufgaben in der Kunst — er ist also der würdige Schüler Joachims. Ferner der in Amerika als Geigenkönig proklamierte Fritz Kreisler, mit seiner bezaubernden Eleganz, zarten Klangschöuheit und in leuchtenden Farben hingeworfenen Details der poetischen Phrasierung. Er meißelt jedes Werk zu einem Marmorbild, er gestaltet monumental Konzerte oder Sonaten und macht aus jeder kleinen Komposition (liaupbsächlich aus seinen berühmten eigenen Werken) ein Kabinettstück graziösester und schönster Art. Wien meldete sich mit Arnold R o s 6 und Karl F1 e s c h, dom gegenwärtig bekanntesten Pädagogen, dessen Lehrer der Jude Jakob Grün war. Die spezifische Begabung der Juden zum Violinspiel blüht auch weiter mit ungeschmälerter Intensität. Aus der nächsten Generation müssen drei große Geiger erwähnt werden: Jaseha Heifetz, der „Unfehlbare“, dessen Spiel von jener märchenhaften Präzision kennzeichnet Ist, die an die Dirigentenleistungen Toscaninis erinnern; Miscba El man, der poesiovolle Gestalter, und Efrem Zimbalist, dessen klangprächtiges Musizieren wio ein Wunder wirkt. Sie alle waren Schüler des berühmten Violinpädagogen Leopold Auer, der selbst ein Joachim-Schüler und Jude war. Nach den obengenannten erschienen neue Sterne in der Müsikwelt: Josef S z igeti, der bedeutendste Interpret modernster Musik, dessen Wiedergabe verblüffend Dt und eine faszinierende Wirkung ausübt. Und erst die Erica M o r i n i! Sie ist das größte weibliche Geigentalent aller Zeiten; mit ihrem vulkanischen inneren Feuer, mit der individuellen Glut, der Monumentalität des Aufbaues und ihrem kräftig "upackendea Musikertum wirkt sie hinreiLe^d. Ihren, glühend-pathetischen Ton, der den Zuhörer förmlich erzittern läßt, kann man von allen anderen Geigern unterscheiden, und das macht ihr Spiel immer interessant Erica Morini und ihr Kollege Nathan M i 1 s t e i n haben hier in der letzten Zeit die Zuhörer In Taumel versetzt. Milstein ist ein phänomenaler Violinvirtuose. Ob er Bach, Brahms oder Tschaikowsky spielt, hört man ans jeder Phrase den großen Musiker und Geiger, der zu den grandiosesten Erscheinungen in der Musikwelt gilt. Schließlich die an Joachim mahnendo jüngste Violingröße Jehudi M o n u h i n, der schon als elfjähriger Knabe das Publikum ln Paris und in Amerika förmlich elektrisiert hat. In der letzten Zeit produzierten sich wiederum einige ganz junge Geiger, die die besten Anlagen haben, die oben erwähnte Reihenfolge fortzusetzen. Es sind dies: die beim internationalen Wettbewerb in Wien preisgekrönten Richard Odnopossoff, Wanda Luzzatto und die 13-15jährigen Ossy R e n a r d i, Henry Schering uud Fredy Wang. Diese Zeilen sollen uicht im entferntesten als eine Art nationaler Überhebung oder Chauvinismus aufgefaßt werden. Der Zweck dieser Ausführungen ist vielmehr, zu beweisen, daß die Juden eine ganz besonders ausgeprägte Neigung und Befähigung zur Kunst des Violiuspiels besitzen; zur Geige, die dem unmittelbarsten, schönsten Instrument dos Gefühls — der menschlichen Stimmo — am nächsten steht. Ist doch die höchste Kunst der Interpretation auf einem Instrument (Klavier, Geige odor Cello) „singen“ zu können! Diese Kunst offenbart sich in höchstem Maße bei den vorher erwiihnten Geigern. *) Siehe „Dio Stimme“ vom 1t. d. M.