Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 416 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41« - 11. Jänner IMS DIE STIMME Seite 5 Ungewollte Selektion (Aus der Zeit Kaiser Franz I.) Von Dr. Mayer Ebner Der Zufall wirft mir ein Dokument aus dem Anfang (les vorigen Jahrhunderts auf den Tisch. Ein altes vergilbtes Papier in einem Großbogenformat, geschrieben mit dem Gänsekiel und den damals üblich gewesenen Schnörkeln. Es handelt sich um die amtliche Zuschrift der Lemberger Schulober auf.sieht an die königliche Trivialschule in Sadagona (Bukowina), Von kulturhistorischem Interesse ist das Hofkanzleidokret des österreichischen Kaisers Franz 1., der den jüdischen Kindern gestattet, die christlichen Schulen zu besuchen. Form und Bedingungen dieser „gnädigen“ Erlaubnis sind charakteristisch ftir die Engherzigkeit, und Kleinlichkeit des Monarchen, den ein boshafte» Schicksal zur Folio für Napoleon 1. gemacht hat,. Aber zur Ehre der Habsburger sei cs gesuigt, daß sio auch einen Josef II. und einen Franz Josef I. hervorgebracht haben. Namentlich Fra,nz Josef I. bewahren die Juden ein ehrendes und liebendes Angedenken. Auch Kaiser Karl I. war den Juden wohlgesinnt Sie haben sein persönlich tragisches Schicksal aufrichtig beklagt. End mm das Dokument, Es La/utet: G über zahl 3407 g. Vermittelst höchsten Hof - Kanzley- Dekrets vom 26. Juni 1. J. haben Seine Majestät die Vereinigung der deutschjüdischen Lehranstalt im älteren Teile Galiziens mit denjenigen der allgemeinen Volksschulen angeordnet und befohlen, den Juden, die es verlangen, sey die Absendung ihrer Kinder ln die christlichen Schulen, ohne ihnen übrigens hierzu einen Zwang aufzulegen, unter den Bedingnissen zu gestatten: a) Dass keine mit Krankheit behafteten oder schmutzigen und lunipichten Kndben oder Mädchen, sondern nur solche zugelassen werden, welche keine Art von Hautkrankheit oder durch andere Krankheit und Unsaubrigkeit Widerwillen oder Gefahren der Ansteckung erregen, sondern gesund, gereinigt und gehörig bedeckt erscheinen. b) Dass solche Kinder bei Vernehmung solcher Krankheiten oder Vnsaubrlgkeiten sogleich von der Schule ausgeschlossen. c) Dass in den Schulen selbst die Judenkinder zusammen auf abgesonderte Bänke gesetzt, alle Verbindung derselben mit den Christenkindem abgeschnitten, übrigens stets in strenger Aufsicht gehalten, diejenigen aber, welche die jungen Gemüter ihrer christlichen Mitschüler auf irgend eine Art zu verderben versuchen würden, auf der Stelle ohne alle Nachsicht und für immer ausgeschlossen werden sollen. Zugleich haben seine Majestät zu erklären geniht, dass die Aufhebung der deutsch-jüdischen Lehranstalt keinen abträglichen Einfluss auf die anderweite Höchste Vorschrift haben können, Kraft deren jüdische Brautleute zur Erwirkung der kreisämtlichen Heiratsbewilligung sich zuvor Über den dabei gemachten guten Fortgang ausweisen müssen. Heiratslustige Juden werden also von nun au ihren Unterricht in den christlichen Volksschulen einzuholen haben und durch gute Verwendung und empfehlende Zeugnisse der in diesen Volksschulen angestellten Lehrer sich befleissen müssen. Auch haben Seine Majestät gestattet, an Hauptschulen in wirklichen Städten und Märkten eigene Cathecheten anzustellen, in den gewöhnlichen Dörfern und bei dem Landvolke haben Seine Majestät befohlen, diesen Unterricht den angesteUten Pfarrern, jedoch mr insoweit, als sie die nötigen Kenntnisse und Eigenschaften eines Cathecheten besitzen, zu überlassen. Deswegen hiermit unter einem der Konkurs für die erledigte mit 300 fr. besoldeten Cathechetenstellen zu Jaslow, Stry, Sambor, Tarnopol, Zolkiew ausgeschrieben wird. Lemberg, den 15. September 1806. A. A. Hilferding m. p. L. s. w Aber aus all diesen Vorschriften geht hervor, daß die damalige JudonfeindschaJt, die dem Geiste der Aufklärung des Zeitalters Konzessionen zu machen gezwungen war, wider Willen für eine jüdische Selektion gesorgt hat. Indem man strengere Anforderungen an die Juden stellte und von ihnen mehr verlangte, als von den anderen, z tl c h t, e t c man im Sinne des Dichterwortes vom Geiste, der Böses will und Gutes schafft, eine Judenschaft, die nach erlangter Emanzipation ungeahnte sittliche und geistige Kräfte entwickelte und namentlich in den Ländern mit deutscher Kultur es auf allen uometen zu {Spitzenleistungen brachte. Wenn nun diese als jüdische Überlegenheit g e d e u t, e t, e Entwicklung von den Deutschen unangenehm empfunden wird, sind sie selber an der II o c h z ü c h t u n g des jüdischen Menschen „schuldig“. Kuriositäten aus dem Dritten Reich Juden und In Preuß'isch-Schlesien Elektrizität sind Plakate mit der auffallenden Überschrift zu sehen: „Die Juden sind unser Unglück, verwendet elektrische n S t r o m!‘‘ Der Inhalt der Plakate fordert die Bevölkerung mir auf, elektrisches Licht und elektrische Geräte zu verwenden, befaßt sich aber weiter nicht mit den Juden, die ja schließlich mit der Elektrizität nicht mehr zu tun haben, als daß zum Beispiel Professor Hertz die elektrischen Wellen entdeckt hat und Emil Rathenau die A. E. G. Union geleitet hat. Offenbar muß man aber in Deutschland auch dam auf die Juden schimpfen, wenn man in einer ganz unpolitischen Sache die Aufmerksamkeit erregen will. Jesus, der erste Na/! Der Naziorganist in der Synagoge Dem Redakteur des | Handelsteiles der „Göt-' tinger Nachrichtenu, j Flehrke, ist ein arges Mißgeschick passiert.' Wachsame Parteigenossen entdeckten, daß er jeden Samstag früh in die Göttinger Sy-, nagoge schlich und landen heraus, daß PG. Flehrke morgens in der Synagoge die Orgel spielte. Herr Flehrke fand weiter nichts dabei und sagte, wenn es gestattet sei, daß Arier bei Juden angestellt sind und ihr Brot essen, dann könne er auch in der Sy-, nagoge angestellt sein und Orgel spielen. * Das Parteigericht war aber anderer Meinung und Herr Flehrke wurde aus der nationalsozialistischen Partei ausgeschlossen. Ob er beim Orgelspielen die Armbinde mit denn Hakenkreuz getragen hat, ist nicht bekannt.;■ Bauernführer Kürzlich erkrankte ein Darrö und der Kind des Bauernführers, Arierparagraph und Ackerbauminister j Darre, worauf dieser prominente Nazi dem jüdischen Arzt Doktor i Blumenstein die Behandlung seines j Kindes übergab. Als Darre von Parteigenossen zur Rede gestellt wurde, warum er gerade einen jüdischen Arzt nehme, sägte er: „Ich habe zu den ander en kein V er-. trauen.“ | Die „R eligiüse Rev olutio n”, das von dem bekannten Antisemiten Artur Di fiter geleitete offizielle Organ der „D e u tschen V o l k s k i r c h e“ erklärt, daß alle samtigen Klröhen verjudet, sind, weil sie die Lehren des Ariers Jesus Christus in der Verfälschung bringen, wie sie der jüdische Rabbi Paulus gelehrt habe. Paulus als Jude sei unfähig gewesen, den ar is c h>- her o isc he n Sinn der Lehren Christi zu verstehen. Die reine und originelle Lehre Jesus ist verwandt unserem germanischen Blut und Dasein. Sie ist arisch und herbisch durch und durch. Die Lehre des heiligen Paulus aber ist Unvereinbar mit deutschem Blut uiid Fühlen, sie ist unheroisch, jüdisch, pazifistisch und weckt die niedrigen Instinkte der Menschheit. Der Satz des nationalsozialistischen Parteiprogramms: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ist nichts anderes als die praktisch politische Form des von Jesus gepredigten Evangeliums der Liebe. So ist Jesus der erste und größte Nationalsozialist aller Z eiten. Der unentwegte Die Tochter eines be- Assimilant kannten S. A.-Führers in Berlin, die außerdem Führerin beim „Bund Deutscher Mädel“ ist, verliebte sich in einen Juden. Die Liebe besiegt bekanntlich alles, und so wandte sich das Mädel kurz entschlossen an das Paläst in a-A mt in Berlin und verlangte für sich und ihren jüdischen Verehrer ein Zertifikat nach Palästina. Da kam sie aber schön an. Ihr Bräutigam, der ein unentwegter Assimilant ist, wies die Zumutung, nach Palästina zu gehen ab und erklärte: „Ich bin ein Deutscherund ich bleibe in meiner deutschen H eima t.“ Schade, daß der Name dieses Jünglings nicht bekannt ist. Hoffentlich gelangt es zur Kenntnis Dr. Naumanns, des Obmannes des Verbandes nationaldeutscher Juden, der hier einen kongenialen Genossen gefunden hat. Drohung der „Nationab teitung“ gegen die Zionisten Essen, 9. Jänner. (2. T. A.) Zu der Meldung, daß Professor Max leinhardt sein Weihefeetspiel von Franz iVerfol, „Weg der Verheißung“, inszelieren wird, in dem mythische Urzeit und ler Schickealßweg des jüdischen Volkes jezeigt worden, bemerkt die Essener „Naionalzeitung“, daß Franz Werfel Zionist ein soll. „Bisher konnte der Nationalsozialismus“ —- so meint das Blatt —- „der ionistischen Bewegung eine gewisse Symlathie nicht versagen, weil er in ihr einen gesunden Ausgangspunkt für eine endliche leköhning des Judentums zu1 den Werten ines achtunggebietenden National!ebens zu ehen nieinte. Wenn sich der Zionismus jeoch dazu herbeiläßt, das jüdische Erbübel .ee Welthorreehaftawillens aufzugreifen, der ich seit jeher unter der Flagge des ,Mesia&glaubens4 verbirgt, wird die Sache anersl Dann allerdings heißt es auf der Hut ein...“ Neue Uabllltatlonsordnung In Deutschland Berlin, 7. Jänner. (Z. T. A.) Der Roichsminister für Wissenschaft, Eriehung und Volksbildung hat eine neue [abilitatiousordnuug erlassen. Durch sie rird ein nouer akademischer Grad geschaf- =>n, der Dr. habil., der kejne Lehrberechtiuug verleiht. Als Voraussetzung für en Dr. habil, wird a riß che Abstami u n g des Bewerbers und seiner Ehefrau erlangt. Dozent kann ebenfalls nur werden, rer Beamter werden kann, wozu bekannt- ,ch auch arische Abstammung erforderlich ist. Es ist also in Zukunft nicht möglich, daß jüdische Bewerber habilitierte Doktoren an einer Universität werden. Ebensowenig können sie künftig die Lehrberechtigung an einer Hochschule erhalten. Fast keine Mischehen in Deutschland Berlin, 8. Jänner. (2. A. T.) Dr. Felix A. Teilhaber stellt in der „Jüdischen Rundschau“ fest, daß Mischehen zwischen Juden und Christen in Deutschland so gut wie aufgehört haben. 1931 übertraf die Zahl der Mischehen die der rein jüdischen ums Doppelte. Damit war die jüdische Familienbildung in vollster Auflösung. Gutheißung des Lesslng-Mordess Drei Wochen Gefängnis Brünn, 6. Jänner. (Z. T. A.) In einem vom Privatbeamten Franz Dobrovsky verfaßten Artikel im Teplitz- Sohönauer „Beobachter des deutschen schaffenden Volkes“ erblickte die Leitmeriteer Staatsanwaltschaft eine Gutheißung des Mordes an Professor Theodor Lessing. Dobrovsky wurde nach § 16 Schutzgesotz angeklagt und vom Kreisgericht Leifcmeritz zu drei Wochen Arrest unbedingt verurteilt. Die Nichtigkeitsbeschwerde wurde gestern vom Obersten Gericht in Brünn verworfen. Verurteilung wegen Ritualmord• Verleumdung Wilna, 8. Jänner. (Z. T. A.) Die Dleustmagd Marja JJbowska wurde wegeu Verleumdung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie gegen ihren Dienstherrn Chaim Britanski dir* Beschuldigung des Ritualmordes erhoben hatte. Behördliche Maßnahmen gegen Rltualmordhetse fit der Gegend von Wilna Wilna, 7. Jänner. (Z. T. A.) Die Behörden haben M a ß n a h m e n ge g e n die unter der woißrusn i s e h e n Bauernbovölkerung getriebene J u d o n h e t z o angeordnet. Unter den Bauern wird das Märchen von einem Ritualmord an einem Knaben aus dem Dorfe Kobilniki verbreitet, obwohl die gerichtliche Obduktion Hunger als Todesursache festgestellt hat. „G a z e t a Warszawska“ meldet, daß die Bauernschaft davon überzeugt sei, daß ein Ritualmord verübt wurde. Der jüdischen Bevölkerung in dem benachbarten Städtchen habe sich angesichts der Haltung der Bauern eine Panik bemächtigt. Wiederwahl Cyrus Adlers zum Präsidenten des Amerb can Jewish Committee New York, 8. Jänner. (2. T. A.) Auf der Tagung des von Louis Marsh all geschaffenen American Jewish Committee zur Wahrnehmung der jüdischen Rechte ip der Welt wurde der nach dem Tode Marshalls im Jahre 1929 zum Präsidenten des Committee gewählte Dr. Cyrus Adler, Leiter des Dropsie College, e i nmütig wiedergewählt. Mit der gleichen Einmütigkeit wurden die Übrigen Mitglieder des Präsidiums und des Vorstandes wiedergewählt. Die Tagung, an der etwa 500 Delegierte aus allen Teilen der Vereinigten Staaten teilnahmen, beschloß, an der Haltung entschiedener Opposition gegenüber den Plänen der Schaffung eines Jüdischen Weltkongresses und eines erweiterten American Jewish Congress festz u halten. Neville L a s k i, Präsident des Board of Deputiee der englischen Juden, der an der Tagung als Gast teilnimmt, sprach für jene Gemeinschaften der englischen, französischen, holländischen und belgischen Juden, die ebenfalls dem Kongreßplan opponieren. Großes Interesse weckte insbesondere die Mitteilung von Dr. Cyrus Adler, daß das American Jewish Committee Anstrengungen unternahm, um die Freiheit zionistischer Betätigung und des religiösen Lebens in der Sowjetunion zu erwirken. Diese Aktion hatte bereits einen Briefwechsel zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Franklin S. R o o s e v e 11 und dem Kommissär für auswärtige Angelegenheiten der Sowjetunion, L i t w i n o w, zur Folge. Einen ergänzenden Bericht über die Tätigkeit des American Jewish Committee erstattete der Sekretär des Committees Morris W a 1 d m a n n. Der Bericht bezog sich insbesondere auf Aktionen in Deutschland, Polen und Österreich. Pension Eckslein - Mm Der erweiterte ameriham nisch-füdische Kongreß Wie bereits gemeldet, werden an den Wahlen zum erweiterten Jüdischen Kongreß Amerikas, die am 28. April 1935 stattfindeir, außer dem eigentlichen Kongreßverband weitere 15 jüdische Organisationen teilnehmen. Unter ihnen befinden sich: Brith Sehalom, Verband Young Israel, Verband der polnischen Juden, Hadassab, Unabhängiger Orden Brith Abraham, National-Jüdischer Arbeiterverbaud, Verband der jüdischen Kriegsteilnehmer, Amerikanischer Misrachi-Verbaud, Orden Bne Zion, Pionier- Frauenorganisatnon, Verband Poalo Zion- Zeiire Zion, Verband der orthodoxen Synagogengemeinden, Verband der rumänischen Juden, Zionistische Organisation Amerikas und Verband der amerikanischen Zionisten- Revisionisten. Für eine Reihe von Organisationen wurden für den Fall ihrer Beteiligung an den Wahlen Plätze reserviert. Das Wahlkomitee arbeitet die Pläne für die Durchführung von demokratischen Wahlen aus. Das American Jewish Committee, die Bne Brith und einige weitere Organisationen haben oine Beteiligung an der Wahl abgelehnt.