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Die Stimme · 1935-01-08 · Heft 415 (8.1.1935) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 415 (8.1.1935)
Date
1935-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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preis dieser Nummer 20 g V. b. b. Unsere nächste Nummer erscheint Freitag, den 11. Jänner 1935 JÜDISCHE ZEITUNG j«r I |irsA(1 O faMMU« «dfeAff I Redaktion und Administration: Wien, I., Maro-Aurel-StraBe B. I ww *®*lf UwUnW »tF<®3F I Tel,: U 22-3-91, .ledaktiontschluB Montag und Mittwoch vorm. I 'J Pater Pierre Charles, Brüssel: Die »Protokolle« - ein »niederträchtiges Falsifikat« Brüssel, 6. Jänner. (Z. T. A.) Oer bekannte katholische Gelehrte und Professor an der Universität Löwen, P ater Pierre Charles, hielt in Brüss e 1 vor einem Auditorium von Geistlichen, hohen Beamten und Offizieren einen Vortrag über die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Der Vortragende, der Mitglied des Jesuitenordens ist, legte die Entstehung dieser Fälschung dar und richtete an die katholischen Geistlichen den Appell, jener Welle des Hasses entgegen z u t r e t e n, die zur Abfassung des besprochenen Buches, das er als „niederträchtiges Falsifikat“ bezeichnete, geführt habe. (Was sagt dazu Pater Gaston Ritter? Die Redaktion.) (4^chewatth^569^ Oesterreich und das Ausland auf, diese Atmosphäre des Vertrauens nicht trüben zu lassen. Nur dann kann das Herz Europas seine Funktionen erfüllen. Kein Staat lebt für sich allein. Kein Staat kann eich gegen die Umwelt hermetisch abschließen und in dem wechselseitigen Verkehr, der immer dichter wird, bleibt nichts ungekannt, was in dem einen oder dem anderen Land geschieht. Es versteht sich von selbst, daß die antijüdische Agitation auch dem Ausland bekannt wird und daß man draußen die Vorgänge dieser Art genau verfolgt. Juden und Antijuden sprechen über diese Dinge, die Zeitungen aus Österreich gelangen über die Grenzen. Wir verurteilen es, wenn „Greuelnachrichten“ verbreitet werden sollten und von jüdischer Seite ißt dies nie geschehen. Aber hier erscheinen doch antisemitische Zeitungen, hier gibt es einen „ArisehenGeschäf tsw eis er“ und ähnliche Presseprodukte, die gegen den jüdischen Kaufmann, den jüdischen Rechtsanwalt, Arzt und Ingenieur hetzen und davon erfährt man auch in Prag und in Warschau, in Palästina und in der ganzen Welt. Die Juden wollen als freie und vollberechtigte Bürger an dem Aufbau des neuen Österreich mitarbeiten. Aber sie haben schließlich uch Augen und Ohren und man kann vor innen nicht verlangen, daß sie die Forderung nach ihrem uneingeschränkten Recht nicht um der schönen Augen der Boykottschreier zurückstellen und auch die Regierung wird das nicht wollen. Das Treiben der Boykottßchreier schädigt Österreich. Bundeemimster Berger-Waldenegg hat den richtigen Satz geprägt, daß Österreich nur durch die Kraft seiner Ideen wirken kann. Der antijüdischen Propaganda muß daher ein Ende gemacht werden. Jabotinsky am Scheidewege -. JPIIIIIIIIIIIlllilllillllilllllllillH Der österreichische Außenminister Berger-Waldenegg hat in einer Konferenz der auswärtigen Presse über Österreichs innere und äußere Politik gesprochen und unter anderm ausgeführt: „Lassen Sie mich noch kurz von der Propaganda sprechen, die gegen Österreich wegen angeblicher Entziehung der Gleichberechtigung der nichtkatholischen Bevölkerungskreise geführt wird. Sie, die Sie hier leben und an unserem Kulturleben teilhaben, können und müssen Gelegenheit gehabt haben, sich zu überzeugen, daß alle diese Behauptungen über angebliche Unterdrückung protestantischer oder jüdischer Staatsbürger in Österreich böswillige Erfindungen sind. Wir müssen in diesem Märchen nichts anders erblicken, als verabscheuungswürdige Mittel der Propaganda einer gewissenlosen Publizistik. Ich richte in dieser Hinsicht an Sie den dringenden Appell, auch hier der Wahrheit ihr Recht zu geben. Wir Österreicher werden immer religiösen und nationalen Minderheiten in unserem Staate einen Rechts- und Kulturschutz angedeihen lassen, der für alle Welt vorbildlich sein kann.“ Minister Borger-Waldenegig hat weiters die richtige These angeführt, daß ein kleiner Staat nur durch die Kraft seiner Ideen seine Argumente durchßetzen kann. Freilich lassen sich die Ideen, die im Innern Österreichs wirksam sind, nicht so leicht präzisieren. Österreich ist von vorneherein darauf angewiesen, die Sympathien der Mächte zu gewinnen und festzuhalten, die im Mittelpunkt Europaß Kultur, Gesittung und Gerechtigkeit festzuhalten entschlossen sind. Die Annäherung an die Westmächte, die der Minister ankündigt, entspricht der Lage Österreichs und ist, wenn sie tatsächlich erfolgt, ein sehr starker Schutz gegen die vom Norden her immer wieder versuchte Überflutung mit den Ideen der Gewalt und der ständigen Bedrohung des Friedens. Wird die Annäherung an den Westen sich im Rahmen der geistigen Kultur halten, die in diesen Zentren lebendig ist, so wird das für Österreich und für die Sache des Friedens nur gut sein. In den Weststaaten ißt die Grundlage der Politik noch immer die alte demokratische Theorie, daß der Staat alle ihm Angehörigen mit der gleichen rückhaltlosen Unparteilichkeit zusammenfaßt und daß er sich niemals mit irgend einer politischen oder sozialen Richtung identifizieren darf. Schließt eich Österreich hei aller Ablehnung der rein parlamentarischen Demokratie diesem Bekenntnis an, so zeigt es damit den Willen, allen Bestrebungen, die den inneren Frieden stören wollen, entgegenzutreten. Der Minister, der alß moderner Mensch das Recht der Kritik anerkennt, weiß sicherlich, daß solche Bestrebungen in Österreich vorhanden sind. Sie haben sich die jüdische Bevölkerung zum Angriffsziel gewählt. Es geht ihnen darum, die Juden aiiß dom Leben der Gesellschaft auszuschließen, sie langsam und planmäßig in ein politisches und wirtschaftliches Ghetto zu pferchen und sie nach dem Vorbild de« Dritten Reiches zu Parias herabzuwürdigen. Diese Pläne reichen heute bereits sehr weit über die unter der nationalsozialistischen Influenz stehenden Kreise hinaus und sie finden ihren Außdruek in einer Menge von Boykottaufrufen, in Versammlungsreden und Presseorganen, die eine ganz eindeutige Sprache führen. In einem Staate, der verfassungsmäßig die Gleichberechtigung festgelegt hat, ißt es unbedingt notwendig, daß antisemitische Agitation von Staats wegen zurückgewiesen wird, da sie nichts als Aufreizung zum Haß bedeutet und dies auch offen eingesteht. Von jüdischer Seite ist noch nie eine antiarische, antideutsche, geschweige denn antikatholische oder antiprotestantische Propaganda betrieben worden. Das Judentum hat nun einmal in Fleisch und Blut die Anschauung, daß der Mensch nie nach seiner . Geburt, sondern nur nach seinem persönlichen Wert beurteilt werden soll, nach der Art, in der er sich der Gesellschaft einfügt. Das jüdische Sittengesetz, das die Heiligkeit der Person, des Wortes, der Arbeit ausspricht, ist von den zivilisierten Nationen übernommen worden und sie haben auf dieser Grundlage ihre staatliche Organisation vollzogen. Aber während das Judentum sieh an die Vorschriften seines ethischen Gesetzes strenge hält, wird ihm gegenüber ein ganz anderes Verfahren gepredigt. Es ist anzuerkennen, daß der österreichische Staat, der im Umbau begriffen ist, einen sehr schweren Stand hat. Er ist ein deutscher Staat und es ist ein natürlicher Vorgang, wenn Einflüsse aus dem großeu deutschen Gebiet über die Grenze heriiberschlagen. In der Gegenwehr gegen diese Tendenzen, die nicht nur das Judentum, sondern auch die katholische Kirche bedrohen, hat Österreich die Freundschaft der Kulturstaaten gewonnen. Die Unabhängigkeit, des Staates ist heute garantiert und dies legt auch allen Bewohnern Österreichs, nicht nur der Regierung, die Verpflichtung Heute Dienstag tritt in Krakau die We1tk0nferenz der Union der Z i 0 n i s t e n - R e v i s i 0 n i s t e n zusammen, ' um den Friedenspakt, den Jaboti nsky mit Ben' Gurion vorbehaltlich der Genehmigung ihrer Parteien abgeschlossen haben, zu genehmigen oder abzulehnen. Zum ersten Male seit dem Bestände der revisionistischen Fraktion wird es sich also nicht wie den Konferenzen von Prag, Wien, Calais und Kattowitz mehr oder minder um propagandistisches Feuerwerk handeln, sondern um eine Entscheidung, die für die Frage des Verhältnisses der Revisionisten zur zionistischen Weltorganisation und damit auch für diese selbst von großer Bedeutung sein kann. Die Konferenz wird nämlich nur dann von Bedeutung sein, und zwar im positiven oder negativen Sinne, wenn sie in ihren Beschlüssen eine klare Stellung bezieht. Es ist müßig, zu prophezeien. Man muß sich aber darüber klar sein, daß es zwei Dinge sind, die einen im Interesse der ganzen zionistischen Bewegung liegenden Erfolg erschweren. Einmal ist die Tatsache vorhanden, daß der rechte Flügel der Revisionisten, die sogenannten Aktivisten schwer zur Raison zu bringen sein werden. Der Führer dieser extrem-radikalen Richtung, A b b a A c h i M e i r verbüßt zwar derzeit eine Gefängnisstrafe, aber seine Richtung, die den Terror nicht unbedingt ablehnt, wird zweifellos bei der Konferenz vertreten sein. Auch wenn Jabotinsky ehrlich den Frieden will — ee bestehen keine Anzeichen das Gegenteil anzunehmen, wenn auch Jabotinsky seine eigenen Vorstellungen vom Frieden hat — wird es ihm schwer fallen, die unruhigen Geister der aktivistischen Gruppe zu bannen. Zumindest die gleich große Schwierigkeit aber besteht in der Haltung Jabotinskys selbst. Er hat seit dem Wiener zionistischen Kongreß im Jahre 1935 eine Politik betrieben, die kaleidoskopartig wechselte. Er, der seinerzeit dafür eintrat, daß Pal ä* ß t i n a alß 7. D 0 m i n i 0 n dem englischen Weltreich angegliedert werden solle, hat später England maßlos angegriffen. Er hat nach den Augustunruhen des Jahres 1929 gepredigt, daß die Zionisten die K 010 n isationstätigkeit in Palästina e i nstellen sollen, solange nicht England unseren Wünschen willfahrt. Es braucht nicht erst auegemalt zu werden, wie verhängnisvoll dieser Rat Jabotinskys hätte wirken müssen, der glücklicherweise von niemandem befolgt wurde. Jabotinsky hat dann weiter beim 17. Kongreß in Basel seine Delegiertenkarte zerrissen und den Kongreß verlassen. Seine Politik hat schließlich bei der Konferenz in Kattowitz zur Spaltung der revisionistischen Union geführt und er, der während der Konferenz für den Austritt aus der zionistischen Organisation eintrat, hat wenige Stunden später den Befehl erteilt, sich an den Kongreßwählen zu beteiligen. Es kam dann die häßliehe Periode der Sabotage d e r F 0 n d s, die Versuche auf eigene Fa" st Außenpolitik zu machen, und die Petitionsbe wogung. Der Arioeo off. prozeß verschärfte schließlich maßlos die Oie UeberfOlirune der Gebeine Herzls iiiiiiiisiiiiiiiiiiiiii. Kürzlich ging durch die Presse die Nachricht, daß die sterblichen Überreste Theodor Herzls von Wien über die Tschechoslowakei, Polen und Rumänien nach Constanza und von da per Schiff nach Palästina überführt werden sollen. Wie wir erfahren, wird dieser Plan nicht zur Ausführung gelangen, da ihm schwer wiegende Bedenken entgegenstehen. Richtig ist es nur, daß die Überführung der Gebeine Herzls bevorsteht. Das Zionistische Landeskomitee wird in der nächsten Zeit den Plan ausarbeiten, um die Überführung der sterblichen Überreste des Führers zu einer großen zionistischen Manifestation zu gestalten. Vor der Exhumierung soll der letzte Grabgang der Wiener Zionisten zum Grabe Theodor Herzls stattfinden. Eine besondere Ehrung Theodor Herzls wird durch die zionistischen Frauen Wiens vorbereitet. Frau Else Grtinbaum, die Gattin des Präsidenten des Zionistischen Landesverbandes, hat angeregt, daß die Wiener Zionisten ein Bahrtuch spenden sollen, mit dem der | Sarg, angefangen von der Exhumierung bis zur endgültigen Beisetzung in Erez Israel, bedeckt sein soll. Dann soll das Bahrtuch dem Herzl-Museum im Hause des Keren Kajemeth in Jerusalem einverleibt werden. Das Bahrtuch wird von einem jüdischen Künstler entworfen werden. Zionistische Frauen sollen das Recht haben, gegen eine entsprechende Spende einige Stiche bei der Arbeit des Bahrtuches zu machen. Das dadurch aufgebrachte Geld soll dem Keren Kajemeth, und zwar der Kfar-Kre menezky - Aktion zur Ansiedlung österr. Zionisten in Erez Israel zufließen. Wie wir hören, hat das Präsidium des Landeskomitees der sinnigen Anregung der Gg. Else Grünbaum zugestimmt und hiefür die Zustimmung der Präsidentin der Wizo, Frau Sophie Löwenherz, des Präsidiums der Wizo und des Leiters des Keren Kajemeth, Dr. Tartakower, gefunden. In den nächsten Tagen wird ein besonderes Komitee gebildet werden, das die Ausführung des Bahrtuches und die Durchführung der damit verbundenen Keren Kajemeth-Aktion übernehmen wird.

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