Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 411 (21.12.1934)
- Date
- 1934-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054166--4720-3060370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kt. 411 — 21. Dezember 1934 oii rriMMi Seite 7 Die „Stimme" bringt: Addf Stand in Briefen Au« seinen Briefen an Dr. Marek Scherlag Am 28. Kislew 5680 ist Adolf Stand gestorben. Die Persönlichkeit dieses Zionistenführers, den Nordau den Mann im Feuerofen genannt hat, steht heute noch unvergeßlich vor unseren Augen. Sie tritt aber noch weit schärfer aus seinen Briefen hervor, aus denen wir im nachfolgenden einige markante Stellen, mit Erlaubnis de9 Empfängers Dr. Marek Scherlag, folgen lassen. Lemberg, Walowa 21. 10. Dezember 1900. — — Mein Lebenslauf? Genau so, wie bei uns allen. Zuerst nichts, dann Zionismus, nachher Unzufriedenheit mit dem, was man so gemeinhin Zionismus nennt und schließlich irgend eine neue Synthese zwischen Zionismus und Gesellschaft. Wir sind Juden und Kinder der Neuzeit, Patrioten und Europäer. Wir lieben unser Volk und verehren unsere geistigen Führer. Von welcher Art mein Zionismus ist? Mit einem Wort: Der jüdische Übermensch. Wir hatten ihn einst besessen, als das Land noch da war. Die später kamen, waren allesamt „Hans Ohnelandwaren Stürmer (Spinoza, Marx, Lassalle), Vermittler (Brandes und überhaupt die Kritik, die Publizistik, das Feuilleton, die Literatur) und Epigonen (Auerbach usw.). Und ist das Land notwendig, so sei es doch nur, um ihn hervorzubringen. Er wird neue Kultur werte schaffen. Das ist alles. Aber um das zu erreichen, müssen wir die Vorurteile abtun, Körper und Geist härten und stählen, und alle Eigenheiten in uns hegen und pflegen. Und auf passen sollen wir auf das, was Europa tut, was auf seinen Kulturgipfeln sich abspielt und das Echo von seinen geistigen Montblancs, die Stimmen der Nietzsche, der Multatuli in uns auffangen. Ja, wir sollen uns mit alledem vollsaugen, all das in uns verarbeiten und so ein palästinensisches Grundelement mit dem modernen Westen verbinden. Das ist das Gerippe, das sind die Umrisse meines zionistischen Gedankens. Sie berühren viele interessante Themen, die einer eingehenden und tieferen Behandlung wert sind. Wir werden noch Zeit und Gelegenheit finden, sie alle zu besprechen. Ich schließe mit einer bestimmten Bitte: Baben Sie die Güte, mir umgehend irgend eine Arbeit für den zionistischen Kalender einzusenden, den ich demnächst in polnischer Sprache erscheinen lasse... Ihr Adolf Stand. Lemberg, den 14. Dezember 1900. Nach dem Lesen Ihres Briefes drängen sich mir einige Bemerkungen auf. Sie schreiben: „Und nur zu reden, und jede Gelegenheit dazu suchen und sich üben, übqn!“ Nicht um das geht es. Wichtiger, ja, das einzig Wichtige ist. etwas zu sagen haben, was einem keine Ruhe läßt, was mit aller Gewalt aus Seelentiefen her vor sprudelt. Das, nur das ist auszusprechen, kühn, scharf, ganz. Alles andere ist nur — Maulwerk, Lärm, Spektakel. Ich bin bemüht, so zu reden. Ich spreche daher nur selten, sporadisch. Wer viel einst zu verkünden hat, Schweigt viel in sich hinein, Wer einst den Blitz zu zünden hat, Muß lange — Wolke sein. Das ist eins. Und um noch eines geht es. Wir Jungen haben im Zionismus eine gewisse Mission zu erfüllen. Es geht vor allem darum, den Zionismus von aller Kretinenhaftigkeit zu befreien, ihn zu „entplebejisieren“, die Bewegung sozusagen zu entschleiern. Wir haben das neueste, aller neueste Losungswort auszugeben. Wenn Sie uns auch nicht verstehen, nicht begreifen — das schadet nichts. Verkünden wir es nur leidenschaftlich, unablässig, beharrlich; suchen wir uns neue Inhalte, denn die alten haben sich überlebt, wandeln wir neue Pfade, denn die alten sind bereits ausgetreten. Mit einem Wort: Verbreiten wir unseren Zionismus, einen aristokratischen, idealen, vergeistigten Zionismus. Pflegen wir ihn zunächst in um selbst wie ein schmächtiges, zartes Pflänzchen, das wir umgeben und davor behüten müssen, daß Unkraut cs überwuchert. Denn der Zionismus der Menge ist: Sonntagsruhe, Ratenzahhmgsgesctz, Salzmonopol... Kann das das Losungswort für die Jugend sein? Gewiß, es sind keine Grabgesänge für Leichen, deren Auferstehung wir nie Id wünschen, deren Wiedergeburt wir nicht wollen. Wir brauchen Fanfaren und Kriegstrompeten. Laßt uns allem Kleinlichen entsagen und uns ein erhabenes, weites großes Ziel schaffen, ein Ziel, an das ioir zu glauben vermögen; so es uns aber nicht gelingt, an dieses Ziel zu glauben, so f anal isie re n wir un s! Das erst macht das Leben wert und auch die Leiden. Das erzeugt eine Spannung des Geistes, der Seele, des Herzens, des Mutes. Das ist Leben! So leben wir, indem wir die Leitworte des zwanzigsten Jahrhunderts verkünden und verkündend für sie leiden. Jenseits von „Fortschritt“ und „öffentlicher Meinung“, dort, wo die Bekümmertheit um Zustimmung und Anerkennung aufhört, beginnt der Zionismus. Ein reiner, unverfälschter, wahrer Ton muß aus der Seele unserer Jugend kommen! Lange mag es im Inneren gähren, sich formen und gestalten; aber erst wenn die Leidenschaft so stark ist, daß sie die Brust zersprengt und das Feuer im Innern dampft, daß ein Krater sich öffnet, erst dann soll es aus uns sprechen, unbewußt, gleichsam mit Naturgewalt... Lemberg, den 26. Dezember 1900. ... mit Interesse habe ich Ihre Briefe gelesen. Mit so mancher Anschauung würde ich mich nicht einverstanden erklären, bald dies, bald jenes ablehnen. Aber das Ganze zieht mich an und vornehmlich das, tvas hinter diesem Ganzen steckt, nämlich die Summe der Eindrücke, der Gedanken und Gefühle, die vorwärts stürmen. Wir müssen unverdrossen wirken für unsere Idee, sie verbreiten und vertiefen; wir müssen zum Volk und zu uns selbst wiederfinden; wir müssen — was wir zwanzig Dr. Igna^ Sehlper 2Su seinem SO. Geburtslag r. Eine der vielseitigsten Persönlichkeiten der an hervorragenden Köpfen reichen Judenheit Polens, ist Dr. Ignaz Schiper. Er ist Historiker, Literaturkritiker und aktiver Politiker zugleich. Jüdische Geschieht»?, jiddische Literatur und jüdische Politik sind Gebiete, die er souveritn beherrscht. Weigl eich ihm Leistungen auch nur auf einem dieser Gebiete und in diesem Ausmaß aufzuweisen hat, gilt als führend. Es ist keine Seltenheit, daß Wissenschaftler ihre Disziplinen opfern und sich der Politik widmen. Schiper hingegen widmet sich voll und ganz der Geschichtswissenschaft und der Literaturkritik, obwohl er ständig im Dienste der jüdischen Politik und der zionistischen Arbeit steht. Erst unlängst wurde er zum Präsidenten der zionistischen LandosorganiBation Polens gewählt. Dies Amt allein, die Leitung des Zentralkomitees in Warschau, hat sein Vorgänger, ein Mann wio Jizchak G r ü nb a u m, nur mit Anstrongung bewältigen können. Schiper denkt nicht einmal daran, seine historischen oder literarischen Arbeiten zu unterbrechen, obwohl er das schwöre Amt des Präsidenten der allgemeinen zionistischen Organisation Polens tibernommen hat. Phänomenal ist seino Arbeitskraft, bewundernswert seine Vielseitigkeit. II. Ignaz Schiper als Ilistorikor. Ajg solcher geht er eeit 30 Jahren eigene Wege in der jüdischen Geschichtswissenschaft. Er hat hier vor allem ein Gebiet bearbeitet, das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ganz brach gelegen ist, nämlich die jüdische Wirtschaftsgeschichte. Die Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Wirtschaft im Altertum, im Mittelalter und in der Neuzeit sind verhältnismäßig sehr jungen Datums. Die jüdischen Historiker des 19. Jahrhunderts konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf unsere Leidens- und Literaturgeschichte. Hermann G r a e t z bezeichnete selbst die äußere Geschichte der Juden im Galuth als eine Leidensgeschichte und die innere Geschichte als Geistesgeschichte. Die Fragen des wirtschaftlichen Lebens, die Fragen, mit denen die großen Massen sich beschäftigt haben, wie und weshalb sie von der Urproduktion vertrieben und in andere Berufszweige hineingedrängt wurden, warum wir ein Volk von Kaufleuten und Händlern geworden sind, auf alle diese Probleme gaben uns die früheren Historiker keine Antwort. Es ist daher mit Recht einmal von Werner Sombart bemerkt worden, daß wohl viel über das jüdische Volk geschrieben worden ist, daß aber das wichtigste Problem: über seino Stellung im Wirtschaftsleben kaum etwas von grundlegender Bodoutung gosagt wordon ist. Ignaz Schiper hat diese große Lücko in der jüdischen Historiographie au s ge f ii 111. Sein erstes Buch, durch welches der kaum 22jährigo Schiper die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich lenkte, war „Die A n f äng o des K a p i t a 1 i sm u s bei den abendländischen Juden im früheren Mittelalter“. In dieser Studio werden die wirtschaftlichen Verhältnisse der Judon vom frühesten Mittelalter bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts in Süd- und Westeuropa geschildert. Interessant ist die von ihm aufgestellte Hypothese, die er durch eine Fülle historischen Materials bekräftigt, daß die Hauptbeschäftigung der Juden im frühesten Mittelalter der Ackerbau war. Sein zweites grundlegendes Buch sind die „Studien zu den Wirtschaftsverhältnissen der Juden in Po- 1 e'n während des Mittelalter s“, welches im Jahre 1911 in polnischer Sprache erschienen ist und vor einigen Jahren ins Jüdische übersetzt wurde. In diesem Werk ist die wirtschaftliche Lago und die soziale Struktur der polnischen Judenheit bis zum 15. Jahrhundert Gegenstand seiner quellenmäßigen Forschungen. Das jüdische Wirtschaftsleben in Vergangenheit und in Gegenwart beschäftigen unaufhörlich diesen Forscher und das Ergebnis seiner Studien in der Zeit nach dem Kriege ist ein vierbändige „W irtschaftsgeschichte“ in jiddischer Sprache. Dieses Werk ist der Anfang eines geplanten Monumentalwerkes in 16 Bänden üher die soziale Struktur, und dio wirtschaftlichen Verhältnisse dee jüdischen Volkes vom Altertum bis zur Neuzeit. Ignaz Schipor ist auch als Historiker vielseitig. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der Erforschung der jüdischen Wirtschaft einst und jetzt. Aber auch anderen Problemen der jüdischen Historik wendet er seine Aufmerksamkeit zu. So bereicherte er die jüdischo Wissenschaft durch mehrere Beiträgo zur Erforschung der jüdischen Autonomie in Po- 1 e n, durch seine Studien Über das K u’l t u r 1 o b e n der polnischen Juden im Mittelalter uud durch eino großangelegte, vier Bände umfassende Arbeit über die G o* schichte der jüdischen Thoaterk u n s t und dos Dramas. Schiper vereinigt in sich die Eigenschaften eines exakten Historikers und eines intuitiven Künstlers. Er ist eino Gelehrten- und Künstlernatur zugleich. Er hat die Fähig- Jahrhunderte nicht gewesen sind — Männer der Tat werden. Das wird Frucht bringen. Lemberg, den 21. Mai 1901 Lieber Freund! ... Ich bitte Sie um einen schönen Beitrag für das Jahrbuch. Das Manuskript müßte spätestens am 15. Juni d. J. in meinem Besitze sein. Sonst ist nichts Neues. Mit Lilien habe ich ein paar schöne Tage verbracht. Wir haben über so manches gesprochen. Es reifen in ihm die schönsten Gedanken. Der Plan zu einer Hagada-lllustration ist in allen Einzelheiten fertig. Ilerzl teilt mir mit, daß er am 17. d. M. vom Sultan in Audienz empfangen wurde, und daß er den Charter so gut wie sicher erlangen werde. Ich habe meine hiesigen Parteifreunde davon in Kenntnis gesetzt. Sie nahmen die Nachricht etwas skeptisch auf. Ich dagegen glaube an dieses Ereignis, weil ich fest und unerschütterlich an Herzl glaube. Er, nur er allein, wird unsere Sache vorwärts bringen. Lemberg, den 28. Dezember 1901. ... Ich mache jetzt eine Vortragsreise durch ganz Galizien. Ich war auf den Makkabäer-Abenden in Brody und Tarnopol, sprach zweimal in Lemberg (Weltzionistentag und Studententag) und fahre morgen nach Stryj. Es läßt sich hier vieles tun, denn die Leute sind empfänglich. Man braucht sie bloß anzufeuern und zu entflammen, anzuregen und zu ermuntern, man braucht sie bloß in Begeisterung zu setzten und zu erheben.- (Fortsetzung folgt.) Sei flidilififien »Befcfttoer&en n. Souf« fdjnteräcn toirft £ogol tafdj uttb fidler, ißreiä S 2-40. ftit allen Styotfafen erplttify ©mb Qflfjnen S 2*40 sutotcl, ineun ©ie ©dpneräen log toenben lonrten? ©in 53erfuefy überzeugt! fragen ©ie Streit GROSSFLEiSCHHAUERE• JIEGM. KORNMEHL ZENTRALE IX., BERGGÄSSE NUMMER 19 lELEPHONNUMMEB A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen I. "qps>Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabblnats der IsraelltisohenKultusgemelnde Wien Autozustellung kostenlos IX., Berggasse 15, XVIII.,Währingerstraße 71 keit, neues, von anderen Forschern unbeachtet gebliebenes historisches Quellenmaterial ausfindig zu machen, es kritisch zu prüfen und zu beleuchten. Hiebei besitzt er die Gabe, seine wissenschaftlichen Ergebnisse in wahrlich künstlerischer Art zu gestalten. Deshalb ist die Lektüre seiner historischen Schriften auch für den Laien ein wahrer Genuß. Sie sind nicht nur belehrend, sondern auch fesselnd und anregend in ganz besonderem Maße. III. Auch als Literaturkritiker hat* Schiper einen klangvollen Namen. Noch in ganz jungcu Jahren erregte er Aufsehen durch seine Abhandlungen über jiddische Dichter und ihre Werke. Es ist zum Teil Schipers Verdienst, die jüdisch-galizische Intelligenz mit der wachsenden und viel versprechenden jiddischen Literatur in der Vorkriegszeit durch seine Aufsätze und Studien, die in mehreren Zeitschriften und Zeitungen erschienen sind, vertraut gemacht zu haben. Die wichtigsten Ergebnisse seiner umfassenden kritischen Arbeiten über jiddische Literatur sind in der „Encyclopcdia Judaica“ zusammengefaßt. Schiper war durch viele Jahre führend im Weltverband des Poale Zion. Lange Zeit hindurch arbeitete er organisatorisch und publizistisch Hand in Hand mit Salomon Kaplansky und mit dem verstorbenen Max Rosenfeld, welche im alten Österreich dio Grundlagen für den Poalo Zionismus geschaffen haben. Im letzten Jahrzehnt vollzog sich bei Schiper ein Gesinnungswechsel. Er ist nunmehr allgemeiner Z i o n i s t, welcher das soziale Moment in der Bewegung sehr stark betont und in kultureller Hinsicht eino besondere Neigung für das Jiddische bekundet. Dr. Theodor W e i s s e 1 b o r g o r.