Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-12-18 · Heft 410 (18.12.1934) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 410 (18.12.1934)
Date
1934-12-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054165--4711-3060360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

r Nr. 410 - 18. Dezember 1034 Oll STIMME Seit# 5 JÜDISCHE TÄNZE ....illlilllll.■■Hl. Das paarweise Tanken war in alter Zeit bei den Juden überhaupt unbekannt. Während bei anderen Völkern der Tanz sozusagen dem Vergnügen der Tanzenden selbst diente, bildete der hebräische Tanz an weit, höherem Maße ein erfreuliches Schauspiel für die Gesamtheit der zu einem Fest versammelten Menschen. Wenn sich in der Bibel und im Talmud auch mehrere Ausdrücke finden, die bei den verschiedensten Anlässen auf eine verschiedene rhythmische Bewegung schließen lassen, wie Springen, Hüpfen, fröhliches Bewegtsein, Sich-hn-Kreis-Drehen und Jn-Reihen- Tanzen, so läßt sich daraus doch nur eine recht unvollkommene Vorstellung von der Art der einzelnen Tänzo gewinnen. Selbst aus dem Hohenlied, das das anmutsvolle Tanzen wohl zu würdigen weiß, erhält man keine plastische Darstellung der tänzerischen Ausdrucksweise Sulamiths. Einen größeren Anhaltspunkt für tänzerische Figuren gibt der Talmud, wenn er einen der Tänze näher erklärt, nämlich „rikkud“, der am häufigsten genannt wird. Hat auch das alt jüdische Gesetz mit seinen festgerogelten Religionsnormen, die das gauzo Leben eng umschließen, für Theaterspiel und Mummenschanz keinen Raum, so ist ihm doch dio im Tanz geäußerte Freude bei festlichen Anlässen, beim Mahl, bei religiösen und Siegesfeiern, bei der Weinlese, bei Hochzeiten und seltsam, erweise auch bei Leichenfeierlichkeiten keineswegs fremd. Am bekanntesten steht jedem der Tanz um das goldene Kalb in Erinnerung, auf den Heinrich Heine in einer launigen Anwandlung den zu seiner Zeit aufkommenden Cancan zurückführen wollte. Aber so wild und kompliziert wie dieser ausgelassene, ein wenig freche Tanz des zweiten •französischen Kaiserreiches sind die althebräischen Tänze gewiß nicht gewesen. Daß das Tanzen für Männer nichts Herabwtyrdigendes bedeutete, zeigt der Tanz des Königs David vor der Bundeslade. Trotzdem war es in erster Linie den Kindern, Frauen und Jungfrauen Vorbehalten, die im Reigentanz den Sieg und die Siegerfeierten, wie Jephtas Tochter, die dem Vater nach der siegreichen Schlacht gegen die Ammoniter mit Pauken und Reigen entgegenkam, wio die „Weiber aus «allen Städten Israels“, die den aus der Schlacht gegen die Philister heimkehrenden König Saul mit Gesang und Tanz feierten, wie Ahrons Schwester, die Prophetin Mirjam, die nach dem Durchzug durchs Rote Meer die Pauke in dio Hand nahm, gefolgt von Frauen, dio tanzend hinter ihr her zogen, während sie das Daoklied anstimmte: „Singet dem Herrn, denn er ist hoeherhaben; Roß und Reiter stürzt er ins Meer!“ Am Versöhnungstag wurden in den Weingärten von den Frauen öffentliche Tänze veranstaltet. Und auch der 15. Aw ■wurde von den Jungfrauen Israelis mit dem Stamm Benjamin durch tänzerische Veranstaltungen festlich begangen. Eine große Rollo spielte der Tanz auch Ibei der Hochzeit. Am Hochzeitstag zog der Bräutigam, von Freunden begleitet, festlich geschmückt und bekränzt, zum Elternhaus der Ausersehenen, wo ihm die tief verschleierte Braut von den Eltern mit einem Segensspruch tibergehon wurde. In festlichem Zug, unter Gesang, Musik und Tanz, fübrto dann der Bräutigam die von ihren Freundinnen begleitete Braut in sein oder seiner Eltern Haus zum Hochzeitsmahl. Am Abend des Hochzeitstages war es oine noch heute in Syrien orhaltooo Sitte, daß die Braut, umgeben von einem Ring aus Männern und Frauen, einen anmutigon Schwerttanz vorführte. Daß es im allgemeinen nicht angängig war, wenu Männer sieh öffentlich vor Frauen heim Tanz zeigten, geht aus den spöttischen Worten von Sauls Tochter, Michal, hervor, mit denen eie den König David überhäufte, als or bei der Abholung der Bundoslado nach Jerusalem, „begürtet mit einem leinenen Leibrook“, vor dom Herrn sprang und tanzte. Sie Hatto ihm durchs Fenster zugeseheu und ging ihm dann entgegen, um ihm ironisch zu sagen: „Wie herrlich ist heut® der König von Israel gewesen* der sich vor den Mägden seiner Knechte entblößt hat, wie sich die losen Leute entblößen!“ Den Männern Vorbehalten -waren auch die Tänze, die aus Anlaß der Feier desWasserschöpfenß am zweiten Abend des Laubhütten festes dem Volk zur Musikbegleitung dargeboten wurden, und zwar tanzten dabei gerade dio Frommen und die „Männer der Tat“. Diese Tanzvorführungen fanden am Abend statt. Die Männer hielten dabei, wie die Misohua berichtet, brennende Fackeln in den Händen, die sie hoch in die Luft warfen und kunstvoll wieder auffingen. In den späteren Zeiten gab es natürlich auch Berufst änzer, die jedoch der niedersten Mensehenklaeso angehörteu und sich in Schenkbuden herumtrieben. Der besser geartete Tänzer führte in der von griechischen Elementen durchsetzten Gesellschaft Palästinas den rein griechischen Namen Orchestes. Überhaupt haben eich die kunstreichen Tänze der späteren Zeit a.n griechisch-römische Muster angelehnt, wie der Solotanz, den die Tochter der Herodias beim Gastmahl des Hcrodes tanzte. Auch der Na-mc einer altjüdischen Tänzerin ist uns erhalten geblieben. In einer Abhandlung über die szenischen Larven, die in Rom im Jahre 1754 erschien, befindet sich die Abbildung des Deckels eines Sarkophage. Darauf erblickt man eine viereckige Platte, die von einem Lockenhaupt und einer weiblichen Maske flankiert ist. Die griechische Inschrift lautet in deutscher Übersetzung: „Hier liegt Fanstina.“ Darunter steht in hebräischen Buchstaben das Wort Sohalom. Daneben. sieht man einen Palmzweig, den siebenarmigen Leuchter und das Salbhorn. Die Symbole weisen fraglos auf eine Jüdin, die Enbleme auf eine Schauspielerin oder Tänzerin hin. Man glaubt aus I heit. dem Namen auf die Zeit des vergnügungssüchigen Kaisers Antoninus (um das Jahr 150 der gewöhnlichen Zeitrechnung) und seiner Gattin Faustina schließen zu können und vermutet, daß es sich um eine Freigelassene handelt, die, wie dies üblich war, den Namen ihrer Herrin angenommen hat. Der Inbrunst der Ekstase, die die Anhänger der chassidischen Bewegung erfüllt, entspricht die reinste Form, in der der ganze Körper der erregten Seele dient, der Tanz. Von dem Tanz eines Zaddisk erzählt Birber in seiner Legende des Baal- Schom: „Sein Fuß war leicht wie der eines vierjährigen Kindes, und alle, die sein heiliges Tanzen sahen — da war nicht einer, in dem sich nicht dio heilige Umkehr vollzog, .denn er wirkte im Herzen aller, die es sahen, beides: Weinen und Wonne in einem.“ Wer einmal Aufführungen des Moskauer Jüdischen Künstlerthcatcrs oder dor Habimali erlebt, hat, kann sich einen deutlichen Begriff davon machen, wie diese Cha&sidim Tänzer ihrer Triebe sind. Er hat auch davon gehört, daß es Brauch ist, nach Trauungen ein Grab zu umtanzen, um ein längst verstorbenes Brautpaar, das am selben Ta; den Tod erlitten, im jenseitigen Leben zu erfreuen. Einer der frommen Tänze, der die Bezeichnung „Rickud“ führt, wird in der Weise ausgeführt, daß von den Männern einer dem andern die Hände auf die Schultern legt, wobei eie einen Kreis bilden und sich unter dem Summen einer mystischen Melodie langsam im Kreis drehen. Unvergeßlich werden auch jedem, der eine Vorstellung des „Dybuk“ gesehen hat, die krausen Bettlertänze bleiben, die das Hochzeitsfest der Braut umschrecken. Der Tanz endlich, der aus aller Mystik und Schwermut herausgehoben ist in die Atmosphäre unbekümmerter Fröhlichkeit, ist der palästinensisch-jüdische Volkstanz H o r r a, der arabischen Ursprungs ist. Er wird zu einer monoton-leidenschaftlichen Weise getanzt und erfreut sich bei der Jugend des neuen Palästina großer Beliebt- Weise für den edlen Zweck zur Verfügung gestellt haben. Es ist zu wünschen und zu erwarten, daß das jüdische Theaterptiblikum diesen Abend zum Anlaß nehmen wird, dem von so tragischem Schicksal betroffenen Künstler seinen Dank für die zahlreichen, genußvollen Stunden, die ihm Kamen« Kunst geschenkt, durch zahlreichen Besuch der Vorstellung abzustatten. /,die. andue- Seite." - Ue&cäiscU Tßeater * Kunsi IIIIIIIIIIIIH V.atäsüna sieht dich oh Dr. Rezeks Palästina-Film werden. P alästina sieht dich an! Mit Spannung und Verzückung folgt man hier den Bildern auf der Leinwand. Es sind mehr als Bilder. Es sind Phasen und hat bei seiner kürzlich stattgefundenen Vr- Etappen auf dem harten Wege der jüdiaufführung in der Zionistischen Sektion schen Arbeit im Neuen Lande. Da ist die VIUlIX einen durcfischlage?iden Erfolg er- Kwuzah Winaith, wie sie ihre Zelte zielt. Was wir bereits in unserer Vor- und Häuser baut, und dort der entzückende besprechung auf Grund der Probevorführung Kindergarten, in dem nach modernster dieses Films schrieben, hat sich hier nur Montessori-Methode jemenitische Kinder ervoll und ganz bestätigt. Der Film gibt einen zngen werden. Ferner die imponierenden ausgezeichneten Querschnitt des jüdischen Bauten des neuen, aufstrebenden Tel- Palästina von heute. Er füllt eine seit lan- Aviv, der „Stadt der Hundertger Zeit stark empfundene Lücke aus. Er tausend4*, dann die Haifa-Bag und unterscheidet sich aber von den bisherigen die intensiven Arbeiten im lebhaften Haifaer Palästina-Filmen nicht nur dadurch, daß Hafen, und vieles, vieles andere, er die letzten Phasen jüdischer Entwich- Ein Film, der Palästina einem jeden lung im Lande vermittelt, sondern vor naherückt, ein Film, der den Palästinaalletn durch die Auswahl dessen, was die Kenner in vertraute und bekannte Gefilde Linse suchte _ und auch festzuhalten verfuhrt, und dem Nicht-PaUistinakundigen mochte. Es ist alles mit dem Blickpunkt eine neue, von stärkstem, jüdischem Leben auf die jüdische Arbeit, auf die aufpfemngsdurchpulste, von jüdischer Arbeit durchvollen, zähen, harten und Schritt um glühte Welt offenbart. Ein Film, in dem die Schritt fortschreitenden Leistungen jilzionistische und Palästina-Propaganda einen discher Pioniere gesehen. Schon auf dem ausgezeichneten Helfer gefunden hat. Dampfer zeigt uns Dr. Rezek tanzende, Dr. Rezek, der überdies die Filmvorfüh- Chaluzim. In Palästina selbst führt uns rmg mit kurzen erläuternden Worten bedie Kamera Dr. Rezeks zunächst durch die gleitete, ist der herzliche Dank Aller gewiß. alten, heiligen Stätten Erez Israels. Hach Schluß der Aufführung applaudierte Dr. Rezek hat ungeachtet dessen, daß er nm ein zahlreiches, dankbares Publikum, dem neuen Palästina viel Schönes, Groß-1 j artiges und Wertvolles abzugewinnen | -- suchte, auch das in seiner Art schöne, bis- Donnerstag - Josef'Kamen• weilen so weihevolle, alte Erez Israel zu zeigen sich bemüht. Alles ist Dr. Rezek fast mühelos ge- Abend Wie wir in unserer letzten Nummer bereits berichteten, haben die Freunde des langen. Ganz wundervoll ist der Übergang sehwerkranken Wilnaer Schauspielers Josef vom Alten ins Neue. „Dem Emek ent- Kamen, die jüdischen Schauspieler von ge ge n“, lautet hier der sinnvolle Titel. Wien, beschlossen, einen Josef-Kame u- Aus wüsten, öden und kahlen Strecken Abend zu geben, dessen Erträgnis zur führt uns der Film jäh und unmittelbar in Gänze dem so schwer heimgesuchten Künstparadiesische Gärten und grüne, blühende 1er gewidmet sein soll. Es wird ein „Bunter Haine. Eines der reizvollsten Bilder in dem Abend“ sein, der am Donnerstag, den schönen Film. Über den Film zu schreiben, 20. Dezember, in deu J tl d i s c h o n hat eigentlich wenig Sinn. Man kann nur Ktinstlerspielon unter Mitwirkung schwer die entzückenden Stätten aus der Künstlerinnen Sevilla Pastor, Erna Dagania und Afuleh, aus P et ach- Siegler, Hilda Dulitzkaja sowie Alex Steins T i k io a h und Ri s hon le Zion und (des Bruders Kameus) und des gesamten vieles andere in einem kurzen Referat mit Ensembles der Siegler-Truppe stattfindet, die Worten abtun. Der Film wufr g e sehen j sich alle selbstverständlich in selbstloser Jerusalem, Ende November. Das jüdisc-ho Kunstleben Palästinas ist seit kurzem um das „Theatron Chadash“ (Neues Theater) des Regisseurs Alfred Wolf reicher. Zur Feier der Eröffnung und wohl auch zur Besinnung in einer Zeit, die uns um zwanzig Jahre vom Beginn des Weltkriege« trennt, ging Sheriffs „Die andere Seite“ in Szene. Das dramatische Lied vom guten Kameraden packte in der hebräischen Übertragung Nathan A11 e rin ann s, wie es vordem schon hi vielen anderen Fassungen das Publikum ergriff. Man trägt auf der Bühne englische Uniformen, doch das Unterstandsgec-präch der todbedrohten Soda ton ist allgemein.- gültig. Da aber bereits die anderen hebräischen Theater Stücke aus aller Welt adoptieren, wünscht man von Wolff in Zukunft nicht zuletzt qjnoa Spielplan, der auch das Leben des Landes auf die Bretter bringt. Außerdem erhofft man eich von dem neuen Unternehmen eine gewisse Regeneration der erez-israelitdsohen Darstellerschar. Deutlicher als frühere Versuche hat gerade die Aufführung der „Anderen Seite“ bewiesen, daß auch diejenigen jüdischen Schauspieler, die — im Gegensatz ’ zu den meisten Mitgliedern von „Habimah“ und „Chel“ — dem Westen Europas entstammen, für das hebräische Theater einen bedeutenden Zustrom an Kunstkraft darstellen. Sie sprechen hebräisch heute schon mit einer Sicherheit, die den Ahnungslosen kaum vermuten lassen könnte, daß die Sprache ihrer Kindheit und dramatischen Entwicklung eine andere war. Der Führung darf man Vertrauen entgegenbringen. Alfred Wolf ist ein Regisseur des Maßes. Er gibt dem Theater, was des Theaters und — des Dichters äst Experimente liegen ihm wenig; auch hat er sich in keinen „Stil“ verrannt Er inszeniert mit Tempo, ohne sich zu überstürzen, und mit Sinn für naturalistische Effekte, ohne oberflächlich zu werden. Dämpfung einiger weniger schauspielerischer Aufdringlichkeiten dürfte allerdings Restpflicht einer Regie sein, die in der Zügelung mittlerer Kräfte ebenso ihre Vollendung beweisen kann, wie in der Befeuerung der ersten — einer Regie, die zu unterdrücken versteht und nicht nur immer „herausholen“ will. Kalman Konstantyner, Wolf Berlinisky und Arie Ariel waren eindrucksvolle Gestalten des Schlachtfeld-Infernos. Mit edler Männlichkeit zeichnete Joseph Schapira das Bild ihres Hauptnmnn Stanbope, dem es in der ewigen Nacht seines Schicksals so schwer fällt, immer nur Vor—Bild zu sein. Von Szene zu Szene wurde er dem Betrachter vertrauter, und seine Seele entblätterte sich vor ihm, wie das Tagebuch eines von Qualen gepeinigten Freundes. Erich Gottgetreu. Vor dem Polizeigericht in Portsmouth sagte ein Angeklagter, es sei sehr schwer für ihn eine Beschäftigung zu finden. Der größte Teil der Arbeitgeber in Portsmouth bestehe aus Juden und die Juden bezahlen keinen hohen Lohn. (Die gesamte Bevölkerung von Portsmouth beträgt 247.000 Einwohner, darunter 800 Juden.) (Aus „Royal Cornwall“.) Der englische Geistliche W. C. Jackson sagte in einer Predigt, es sei unschicklich in der letzten Mimte rasch in die Kirche zu laufen. Ein Freund, der in jüdischen Kreisen verkehrte, habe Ihm gesagt, er habe niemals einen Juden gesehen, der in die Synagoge laufe. Er könne sich das nur so erklären, daß die Verrichtung des Gebetes für die Juden eine wichtige Sache sei, der man sich nicht ln geschäftiger Eile, sondern in Muße widmen müsse. (Aus „Methodist Times and. Leader44.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.