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Die Stimme · 1934-12-11 · Heft 408 (11.12.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 408 (11.12.1934)
Date
1934-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 408 | Wien» 11. Dezember 1934 I Redaktion und Administration: Wien, I., Mare-Aurel-StraBe 6. Tel.: U 22*3-91. .TedaktionesehluS Mentag und Mittwoch vorm. Liiir Die vorzüglichen, großen Luxusschiffe ••GERUSAIEMME“ UND „PIISNA“ der direkten Eillinie TRIEST-JAFFA das LLOYD TRIESTINO (Abfahrten Jeden Mittwoch um 13 Uhr) führen nur eine erste und eine Touristenklasse Audi in der Touristenklasse höchster Komfort (zwei- und mehrbettige Kabinen) und täglich vier sehr gute Mahlzeiten Auskünfte: Lloyd Triestlno, Wien, I., Kärntnerring 6, Tel. U-47-5-60 (5. Tebeth $695) | 8. Jahrgang Rosenbergs Mythos Der Beschluß über die Saar• Juden Der Berioht der Dreier-Kommission zur Regelung der Saar-Angelegenheiten, der — wie bereite mitgeteilt — u. a. den nationalen und religiösen Minderheiten für den Fall des Rückfalls der Saar am Deutschland (in diesen Belangen kommen einzig und allein die Juden in Betracht) . die Gleichberechtigung und den Schutz vor Diskrimination nur für ein Jahr zubilligt, wobei dieser „Schutz“ von Deutschland ausgehen soll, ist im Völkerbundsrat .einmütig zum Beschluß erhoben worden. . Der Vorschlag der Dreier-Kommission äst, wie vom maßgebender Seite mitgeteilt wird, nicht leichtherzig gefaßt worden; ee wurde versucht, Deutschland zu dem Zugeständnis zu bewegen, den Minderheiten, 0. h. den Juden, Dauer rechte zu gewähren, Deutschland ließ sich aber nicht um stimmen, im Gegenteil, es wollte sogar den einjährigen Schutz einzig und allein den „angestammten jüdischen Einwohnern4, nicht aber den aus Deutschland zugewandertem oder im Ausland geborenen Juden gewähren. Schließlich kaan man überein, daß Schutz vor Diskrimination für einjährige Dauer allen jenen Juden gewährt sein soll, die mindestens seit drei Jahren im Saargebict wohnen. Diejenigen Juden, auch deutsche Staatsbürger, die kurz vor oder die nach Übernahme der Macht durch Hitler in das Saarland eingewandert sind, werden keinerlei Schutz genießen.; Erwähnenswert ist, daß von französischer Seite an den Verhandlungen der Kommission betreffend die Ablösung der Saargruben als Sachverständiger ein Jude, Herr R u e f, Direktor des Valuta-Departements im französischen Finanzministerium, teilgenommem hat. Der Fetzen Papier Die große amerikanische Presse äußert Erstaunen und Entrüstung über das in Rom erreichte Übereinkommen betreffend die Saar, welches den Schutz und die Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes für die Dauer eines einzigen Jahres vorsieht. „Evening Post“ gibt der Ansicht Ausdruck, daß huch der im Abkommen vorgesehene einjährige Schutz der Juden nichts sei als ein „Fetzen Papier, der ui emand täuschen wird“. „New York S u n“ fordert Aufklärung darüber, welche Garantien Deutschland gegeben hat, daß es sein Versprechen, die Juden an der Saar wenigstens für die Dauer eines Jahres zu schützen, durchführen wird „New York Times“ und „New York H e r a 1 d“ fordern vom Völkerbundsrat Erklärungen darüber, warum die jüdischen Bürgerrechte und der Schutz des Lebens der Juden an der Saar auf nur ein Jahr beschränkt worden sind. Die jüdische Presse Amerikas bezeichnet den in Rom abgeschlossenen Saarpakt als einen internationalen Verrat an Leben und Interessen der Juden. Samuel Untermyer äußert in Zuschriften an die Presse seine tiefe Entrüstung über das Saarabkommen, das eine xollkommene Preisgabe der Juden bedeutet. Untermyer weist auf die großen Resultate der Londoner Boykottkonferenz hin,und erklärt, die deutsche Botschaft in London habe es bei der englischen Regierung durchgesetzt, daß diese einen Druck auf die Presse ausübte, über die Konferenz nicht zu berichten. Eine Pogromüste Die einzige unter. nationalsozialistischer Redaktion erschienene Nummer von „W e s tland“— die Zeitung ging bekanntlich als Folge irreführender Machenschaften ■ in die Hände von Goebbels-Emißsäre über —• veröffentlichte eine. Liste saarländisch er J u d e n, dje angeblich Gelder für die statuö-quo-Be w'e g u n g gegeben hätten. Der Verband der Synagogengemeinden des Saargebietes veröffentlicht nun eine Erklärung, in der u. a. festgestcllt wird: ,,... Die Liste ist inzwischen als das entlarvt, als was sie von jedem Eingeweihten von vorne herein erkannt werden müßte, als eine plumpe u n d g ewissenlose Fälschung. Man hat an Hand eines, veralteten Teiephonbuches jüdisch Ic I i n g e n d e N amenin kleineren Orten des Saargebietes abgeschrieben und hat sie mi t willkürlichen Summen ergänzt. Längst Verstorbene werden angeführt, und auch Firmen, die inzwischen den Inhaber gewechselt haben. Unter den angeblichen „Spendern" befinden sich absolut vermögenslose! Zum großen Teil sind auch die Adressen veraltet .... Das Verzeichnis bezweckt nichts anderes, als eine Gruppe wehrloser Menschen dem wildesten Terror auszuliefern ... Wir wollen der Liste ganz deutlich den Namen geben, den sie schon von anderer Seite erhalten hat: Pogromliste. Sie hat zur Folge gehabt, daß eine Reihe von jüdischen Geschäftsinhabern telephonische, mündliche und schriftliche Boykottandrohungen entgegennehmen mußten... Wir erheben im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit feierlichen Protest gegen Methoden, die mit einem fairen politischen Kampf nichts mehr gemein haben." Alfred Roeenberg, des Dritten Reiches Erzieher, läßt nicht locker. Der Berner Prozeß um die „Protokolle“ hat einen für das Hakenkreuztum ungünstigen Verlauf genommen und Stück für Stück der Fälschung bloßgelegt. Das ist augenscheinlich auch in den nationalsozialistischen Kreisen nicht ohne Eindruck geblieben und darum eröffnet Alfred Rosen berg eine neue Kampagne. Es liegen bis jetzt zwei seiner Artikel im „Völkischen Beobachter“ vor, in dienen Rosenberg die „innere Wahrheit“ der Protokolle verficht. Es sei belanglos, meint er, ob die Protokolle echt sind oder nicht, Hauptsache sei, ob das, was sie behaupten, dem tatsächlichen Lauf der Dinge entspreche. Er bleibt dabei, daß alles, was sich seit. Erschaffung der Welt zugetragen, von den „Weisen' von Zion“ nicht nur vorausgesehen, sondern vorher bestimmt worden ist, um den Weg für diie Weltherrs&haft des jüdischen Königs, aus dein Hause David zu bereiten. Die Sache ist himrissig, eine Abstrus ität jagt d)ie andere, aber darin liegt doch die vön.H i 11 e r in „Mein Kampf“ angegebene Methode: eine Behauptung unbekümmert um Gegenrede solange zu wiederholen, bis sie sich festgesetzt hat und dadurch allein schon zur Realität wird. ’ In Bern ist bisher schon , in öffentlichem Verfahren naebgewiesen worden: es hat keine Geheimsitzungen des ersten Zionistenkongresses gegeben; es hat keinen Sprecher in der von den „Protokollen“ behaupteten Funktion gegeben; die Protokolle sind ein zu mnerrus&ischen Zwecken von einem Ochrana-General und seinen unterstellten Schreibern angefertigtes Elaborat; sie sind in Moskau von Sergej Nilus übersetzt worden; sie sind ein fast wortgetreues Plagiat aus der Schrift des Pariser Advokaten Joly gegen Napoleon III.; Joly ist kein Jude gewesen, sondern ein katholischer Adeliger aus der Bretagne. Übrigens haben die Plagiatoren übersehen, daß Joly in seiner Schrift eine antijüdisohe Bemerkung macht: „Ihre Händlersitten wetteifern mit jenen der Juden, die sie sich zum Muster genommen 1 haben.“ Wir nehmen an, daß Rosenberg von dieser Mitteilung Gebrauch machen wird, in seiner Weise nämlich. Von den tatsächlichen Ergebnissen des Berner Prozesses nimmt er keine Kenntnis. Dagegen klammert er sich an politische, aus der Situation bestätigte Äußerungen Weizmanns und an Aufsätze der Berliner „Jüdischen Rundschau“ und beschuldigt die deutschen Zionisten des fortgesetzten Verrats an Deutschland, da sie selbst im Krieg an ihren zionistischen Zielen festgehalten und die Interessen der Türkei, eines Verbündeten Deutschlands, geschädigt hätten. Das ist eine selbst für einen Rosenbeig zu starke Entstellung und die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat seine Behauptungen öffentlich zurückgewiesen. Außerdem führt die „Jüdische Rundschau“ einen umfangreichen politischen Beweis für die stets loyale und ehrliche Politik der deutschen Zionisten. Rosenberg wird sich dadurch nicht verblüffen lassen. Für ihn handelt es sich ja gar nicht um die Wahrheit, Er hat am 1. April 1933, an dem Tag des gelben Flecks, in seinem ,,Völkischen Beobachter“ unter vollem Namen Theo dorHerzl als jenen genannt, der die Jolysohen Leitsätze in Basel verkündet hatte. In dem Grauen jenes Boykottages ist diese. Tat Rosenbergs von jüdischer Seite nicht bemerkt worden; wir teilen dies heute mit. Es ist Rosenbergsche Praxis, von Feststellungen, Beweisen, Protesten keine Kenntnis zu nehmen. Er ist kürzlich öffentlich in einer Schweizer katholischen Zeitung angeklagfc worden, daß er sogar seinen „Mythos“ von irgend einem Halbwahnsinnigen abgeschrieben bat. Rosenberg hat sich nicht gerührt. Er wirft den deutschen Zionisten Landesverrat im Kriege vor. Aber während die deutschen Juden, Zionisten und Nichtzionisten,, im Schützengraben bluteten und starben — 12.000 Kriegstote allein zählt das deutsche Judentum — saß Alfred Rosen berg munter und ungefährdetem Hinterland. Er ist ein baltischer Deutscher; Rußland ist sein Vaterland, das konnte er doch nicht bekriegen; dem deutschen Volk gehört er an und da konnte er doch nicht gegen Deutschland marschieren. In Deutschland hungerte man; also war Rosenberg Nichtkombattant, fröhlicher Zuschauer bei dem Totentanz, und zwar in' Paris. Sie waren alle so: Goebbels saß in Köln, Reventlow in Berlin, Darre war in Brasilien, Heß in Kairo, der Zinsbrecher Feder hatte rechtzeitig einen Fahrradunfäll. Die Juden durften für Deutschland sterben, die großen Kämpfer für Deutschlands Ehre und Rüstung und Weltgeltung sparten sich auf, um jetzt rlen Lohn dafür einzuheimsen. Indes in Deutschland kein freies Wort mehr gilt — 6iehe die „Weisen von Zion“ und ihre Staatsthcorie — indes in Deutschland viele tausende Menschen ohne gerichtliches Urteil in den Latrinen der Konzentrationslager verrecken, indes der deutsche Arbeiter seinen Lohn schwinden sieht, Hamsterei von Waren und Lebensmitteln um sich greift, indes Deutschland keinen Kredit finden kann, die Ruhe im Saargebiet durch internationales Militär gesichert werden und das so stolze Deutschland zustimmen muß, Der amerikanisch-jüdische Kongreß an die österreichische Regierung Die „New-Yorker Staatszeitung“ berichtet us Washington unterm 22. November: Der merikanisehe Jüdische Kon r e ß hat heute durch ein Komitee unter er Führung des Rabbiners Stephen S. iise von New York dem österreichischen esandten Edgar L. G. Prochnik einen rötest gegen die angebliche antisemitische Bwegung in Österreich überreicht. Das Koiteo ersuchte den Gesandteu, den Protest i seine Regierung weiterzuleitön, „als die eaktion der amerikanischen öffentlichem einung auf die Verletzungen der Grunlchte Österreichs.“ „Dieses Grundgesetz“, heißt es in der Erklärung des Komitees, garantiert allen Bürgern Österreichs, ohne iicksicht auf Glaubon oder Kasse, gleiche jehte. Obscbon die österreichische Regieug sich wiederholt zu der strikten Befoling dieses Grundgesetzes bekannt hat, so I wird es doch in einer Reihe von V er waltungsmaßnah m'en verletzt “ Diese Mitteilung deckt sich mit der Meldung, die „Die Stimme“ am 27. November veröffentlicht hat. D i e „W i e n e r Neuesten Nachrichte n“ bemerken zu dieser Intervention: „Ein neuer Beweis dafür, wie von den Juden im Ausland Stimmung gegen Österreich gemacht wird.“ Natürlich haben die Juden nicht das geringste Interesse daran, gegen Österreich Stimmung zu machen. Dafür sorgen die Gesinnungsgenossen der „Wiener Neuesten Nachrichten“, wie man zum Beispiel aus dem Aufsatz „Antisemitismus auf Gummisohlen“ ersehen kann, den ein J. L. anfangs Dezember in der Jenaer Zeitschrift „Die Tat“ veröffentlicht. Die Taten der getarnten Verwaltungsbeamten bleiben im Ausland nicht unbemerkt.

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