Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 406 (4.12.1934)
- Date
- 1934-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 406 — 4. Dezember 1934 DIE STIMME Seite 3 Ein Interview mit Nah uni Sokolow gewährte vor seiner Abreise aus Palästina dom Redakteur der hebräischen Tageszeitung „Doar Ilajom“ ein Interview, in dem er ausfiiihrte: Die englische Verwaltung in Palästina ist in der Behandlung des jüdischen Problems als ganzes und der Frage der jüdischen Einwanderung im besonderen allzu zaud e r n d u n d a 11 z u kons e r v a t i v; ich bin über diese Haltung der Engländer sehr enttäuscht. Mohr Ermutigung für Juden, die in das Heilige Land kommen wollen, erhöhte Möglichkeit für die Teilnahme von Juden an den öffentlichen Arbeiten der Regierung und an der öffentlichen Verwaltung sowie ein erhöhter Beitrag der Regierung für das jüdische Unterniohtswesen sind dringend zu wünschen. Die Regierung will eine loyale Haltung einnehmen; ich glaube nicht an die Behauptung, daß die Regierung sich anstrengt, den Antagonismus zwischen Arabern und Juden zu verstärken. Aber in der Frage der jüdischen Einwanderung herrscht viel zu viel Konservatismus; hier müßte ein [Wandel eintreten. Zur arabischen Frage sagte Sokolow: Soll ein Friede zwischen Arabern und Juden eintreten, müssen die Araber zuerst das Mandat und das, was Im Mandat inbegriffen ist, anerkennen. Sie müssen das Recht eines Volkes, wieder eine Nation zu werden, anerkennen. So lange die Araber sich weigern, das Recht der Juden, sich in Palästina seßhaft zu machen, anzuerkennen, kann ein wahrer Friede nicht bestehen. Palästina habe etwa die Größe Belgiens, Sn dem rund 7 Millionen Menschen existieren; es ist dies annähernd die Zahl, die auch Palästina beherbergen könnte. Sokolow erklärte, der Plan der Einführung einer Legislative Assembly sei übereilt, die Zeit sei noch nicht reif für einen Solchen Schritt, die Juden widersetzen sich 'diesem Plan. Nah/um Sokolow richtete zum Schluß eine Mahnung an die Juden in der Welt, in größerer Zahl als bisher Menschen nach Palästina zu schicken. Wenn wir, sagt er, zahlenmäßig dem Status eines jüdischen Gemeinwesens näher kommen, dann wird das Palästina-Judentum bereit sein für eine Selbstregierungsmaßnahme, wie sie jetzt geplant Ist. Rosenberg über die „Protokolle" Man kann unmöglich annehmen, daß das Gespräch richtig wiedergegeben worden ist. Es ist doch bekannt, daß die Juden bereit sind, in größerer Zahl Menschen nach Palästina zu senden, aber die Palästina-Regierung ist nicht gesonnen, sie einzulassen. Verhandlungen über den gesetzgebenden Rat• Jerusalem, 2. Dezember. Wie der Oberkommissär von Palästina mitteilt, werden demnächst Besprechungen mit den Führern der Araber und 'Juden aufgenommen werden, um die Form festzustellen, die der geplante ge-; etzg, . end j Rat, der Palästina eine Art Selbstverwaltung geben würde, erhalten soll. ¥ tfNear East and India“: Eine völlig neue Situation• London, 2. Dezember. (2. T. A.) „Near East and India“, das Organ des Britischen Colonialamtes, führt in einem Bericht aus Jerusalem die Meldungen über einen Entschluß der Palästina-Regierung, vorläufig nicht, an die Verwirklichung des geplanten Legislative Council heranzugehen, auf die Neuorientierung der arabisch >, n Politik nach der Niederlage des früheren Bürgermeisters von Jerusalem Raghed Bey Nashashibi bei den letzten Stadtratswahlen zurück. Diese Niederlage habe auch dazu geführt, daß die Anhänger der Nashashibi-Partei, mit deren Beteiligung am Legislative Council die Regierung gerechnet hatte, jetzt nicht mehr bereit sind, in eine solche Körperschaft cinzutreten. Es sei somit im Hinblick darauf, daß jetzt nicht nur dio Juden, sondern auch die Araber gegen die Einsetzung des Council sind, eine yöllig neue Situation gesohaffen worden. Alfred Rosen >b e r g, von Adolf Hitler »um „Erzieher“ des deutschen Volkes eingesetzt, a.uf dessen Initiative und unter dessen Leitung die „Protokolle der Welsen von Zion“ und andere schmutzige antisemitische Fälschungen überall in der Welt in den verschiedensten Sprachen verbreitet weiden, scheint durch die Entwicklung, die der Prozeß wegen der „Protokolle“ in Bern genommen hat, beunruhigt zu sein. Er vcr.stei.gt sich zu Drohungen in der vagen Hoffnung vielleicht, daß die Juden, durch die Terrordroilmng eingesch üchtert, von einer weiteren Verfolgung der Angelegenheit der erwiesenermaßen gefälschten „Protokolle“ abselien werden. In einem „Der Judenprozeß in Bern“ übersehnicbenen Leitartikel im „Völkischen Beobachter“ (Nr. 333 vom 29. November), von dem Fortsetzungen angekündigt werden, führt Alfred Rosenberg aus: „Wir werden den gesamten Komplex, der hier von den Juden selbst heraufbeschworen wurde, in einer Anzahl von Aufsätzen einer sachlichen Prüfung unterziehen, und es wird nicht unsere Schuld sein, wenn erneut die große Gefahr, die die jüdische Finanz, der jüdisch geleitete Kommunismus für die Geschicke der Welt bedeuten, ins grelle Licht des Alltags gestellt wird. Grundsätzlich müssen wir, da auch unser Zentral-Parteiverlag vor dem Berner Gericht angeklagt ist, folgendes bemerken: Wir bestreiten die Aktiv-Legitimation der Jüdischen Kultusgemeinde in Bern, einen Prozeß 'für das Judentum an sich zu führen. Schon allein die Tatsache, daß die dortige Kultusgemeinde durch die Angriffe auf die jüdische Weltpolitik sich persönlich beleidigt fühlt und als Grund dafür angibt, daß, wenn alle Juden angegriffen werden, auch die Mitglieder der Kultusgemeinde in Bern mitangegriffen seien, zeigt schon die Solidarität der Judenhe it in aller Welt. ... Ehe war auf die Materie selbst eingehen, ist noch vorbereitend zu bemerken, daß es sieh Mer unseres Erachtens weniger um die sogenannte Echtheit der „Protokolle“ handeln kann, alrs um die innere Wahrheit dessen, was in den „Protokollen“ erklärt wurde. Die Tatsache, warum sowohl an die Echtheit, als auch an die innere Wahrheit dieser „Protokolle“ geglaubt wurde, besteht eben darin, daß die Menschen, die offenen Auges in die heutige Welt der Wirtschaft, der Politik und Kultur blicken, fast alles 1h*tätigt fänden, was dort als Plan niedergclegt und von dem russischen Schriftsteller Nilus vor rund zwanzig Jahren bereits veröffentlicht worden war.“ Rosenberg zitiert einen Ansspruch W e i zmann s, der in der „Jüdischen Rundschau“ im Jahre 1920 erschien und der lautet: „Wir sagten den maßgebenden Persönlichkeiten: Wir werden in Palästina sein, ob ihr es wollt oder es nicht wollt. Ihr könnt unser Kommen beschleunigen oder verzögern, es ist aber besser für euch, uns initzuhefen, denn sonst wird sich unsere aufbauende Kraft in eine zerstörende verwandeln, die die ganze Welt in Gärung bringen wird.“ Rosenberg zieht folgendle Schußfogerung: „Prinzipiell kommt hier das wahre Bewußtsein des jüdischen Zionistenehefs zutage, daß der jüdische Großka.pitalismus in allen Ländern eine engste Verbindung mit dem jüdischen Weltkommunismus hat, daß er sich so sicher fiihte in der unbeschränkt jüdischen Geldherrschaft, daß er es in Jerusalem wagen konnte, auf die Hebel der Erpressung offen hinzuweisen.“ # Aus diesen Worten Weizmanns eine Verbindung mat Großkapitalismus oder Kommunismus herauszulesen — das trifft nur der germanisch - arische - baltisch - russische Rosenberg. Man muß aber öffentlich und deutlich sagen, daß Rosenberg wissentlich falsche Schlußfolgerungen zieht und daß diese Perle nationalsozialistischer Schreiber es weiß Gott unterlassen müßte, von Erpressungen zu reden. Es ist auch hübsch, daß er den Schweizer Juden die Legitimation absprdcht, eich als beleidigt zu fühlen, und im selben Atem über die Prager Vorfälle zu schreiben. Aber der Berner Prozeß wird zu Ende geführt werden, ob dies dem Rosenberg paßt oder nicht. Blau-Weiß Palästinafahrten auf dem Landweg Billige Sonderfahrten. Reisedauer Wien—Haifa nicht ganz 4 Tage! Abfahrt: Sonntag/ den 6. Jänner 1935 von Wien-Ostbahnhof Ankunft Donnerstag. Rückfahrt am 26. Jänner von Haifa Bequeme Fahrt. Schlafh. Speisewagen. Rituelle Küche. Kb werden Platzkarten aufigegeben. Anmeldungen für Purim-, Petach- und Makablade- Fahrten werden bereits entgegengenommen. Auskunft'-, Kartenverkauf : ÖSTERREICHISCHES VERKEHRS BUREAU Wien, I., Friedrichstraße. 7 Telephon B 27*500 InloM/iatinnen : PALÄSTINAFAHRTEN Wien,l., Franz-Josefs-Kal 7*9. Telephon R 28-0-65 CSTERR. PALÄSTINAAMT Wien, I., Kärntnerstraße 28. Telephon R 27*4*86 SanitätsratDr.Simon Sdierbel-Lissa an seinem 76.(ieburtstag erschlagen Königsberg i. Pr., 2. Dezember. (2. T. A.) Der bekannte jüdische Arzt und Schriftsteller, Sanitätsrat Dr. Simon Scherbel in Lissa (Ostpreußen), ist an seinem 76. Geburtstag, als er von einem Krankenbesuch in seine Wohnung zurückkehrte, von unerkannt gebliebenen Personen so schwer mißhandelt worden, daß er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Die Zeitungen stellen die Sache so dar, als ob Scherbel von Einbrechern, die sich in seine Wohnung geschlichen haben, erschlagen wurde. Der Fall liegt aber durchaus nicht so klar, wie ihn die Zeitungen erklären. Sanitätsrat Dr. Simon Scherbel war der älteste Sohn des einst sehr populären Predigers und jüdischen Volksdichters Moritz Scherbel, der gleichfalls in Lissa geboren war. Dr. Simon Scherbel ließ sich bereits mit 24 Jahren in seiner Vaterstadt als Arzt nieder und entfaltete neben seinem Beruf eine rege schriftstellerische Tätigkeit. In den letzten Jahren bereitete er ein Werk „Berühmte jüdische Ärzte der Neuzeit“ vor. Bisher erschienen von ihm „Jüdische Ärzet und ihr Einfluß auf das Judentum“, „Ehen zwischen Blutsverwandten“ und eine Reihe populär-medizinischer Schriften. Er war Vorsitzender des Rep rasen tan tenkollegiums der Jüdischen Gemeinde und Kurator des jüdischen Kranken- und Siechenhauses in Lissa. lebenden Juden der älteren Generation zu den Deutschjuden und zwei Drittel zu den Fremdjuden kommen würden.“ „Würde jetzt... die deutsche Regierung sich dazu verstehen, einfach alles ungeschehen zu machen, was seit dem März 1933 (Dr. N. meint hier: in bezug auf die Juden, Red.) geschahen ist. so wäre dies ein Unglück.., für die deutschen Juden im besonderen.“ Hitler, der heimliche Bewunderer Naumanns• „La Croix“, die größte katholische Zeitung Frankreichs, veröffentlicht ein Interview mit Dr. Max Naumann, Berlin. Auf die Frage, ob er Jude sei, erwiderte Naumann: „Verzeihung, ich bin Deutscher jüdischen Glaubens! Wir national* deutsche Juden hätten es ale ein nationales Unglück füll Deutschland und für uns nationale Juden gehalten/wenä Hitler nicht die Geschicke des deutschen Volkes in die Hand genommen hätte. Die Mitglieder unseres Verbandes, mehr als 5000 Menschen, haben wie ein Mann für Hitler bei seiner Wahl zum Reichspräsidenten gestimmt. Hitler ist unser Schicksal, Keiner außer ihm wird die Judenfrage lösen können. Naumann sagte, Hitler habe sich wickelt, er sei ruhiger, nachdenklicher, reifer geworden; er sei auf dem besten Wege, sich auch in der Judenfrage zu ändern. Dann setzte Naumann den Inhalt des von ihm der Hitler-Regierung unterbreiteten Gesetzentwurfes zur Lösung der Judenfrage auseinander, wonach drei Arten von Juden zu unterscheiden seien: Polen- Weihnachtsreise Abfahrt 20. und 23. Dez. 1934 Vormittag Rückkehr 6. Jänner 1935 Besonders billig — bequem — bewährte Führung. Anmeldungen, Auskünfte: Poln. Verkehrsbüro ,,Francopol“ (Gebäude d. Poln. Konsulats) Wien, III. Rennweg I. T. U 16-4*90 Naumann, der Deutschjude Max Naumann, der Vorsitzende de Verbandes der Hitler-Juden, hat durch da Niederländische Pressebüro seine Ansichten über die Vorgänge in Deutschland verbreiten lassen. Es ist selbstverständlich, daß Naumann alles billigt, was gegen die Juden geschehen ist. Die Nationalsozialisten danken ihm dies dadurch, daß sie ihn nicht ins Konzentrationslager stecken. Daß Naumann aber auch noch die Herstellung des früheren Rechtszustandes als Unglück für die deutschen Juden bezeichnet, ist nicht einmal mehr Assimilation. Es wirft sich die Frage auf: Wie ist dieser Naumann ins Judentum gekommen? Einige Stellen aus seinen Darlegungen: „Zu meiner tiefen Erbitterung sah ich, daß gerade in dieser Zeit des Zusammenbruchs (unmittelbar nach dem Kriege, Red.) viele undeutschfühlende Juden die Konjunktur hemmungslos ausnutzten. Durch die Bresche in den zertrümmerten Grenzmauern Deutschlands waren Tausende von O s t j u d e n ins Land gekommen.., Fast alle... hatten Moralanschau- 1 tragen, die tSt von mir wie von jedem nationalen Nichtjuden als asiatisch empfunden wurden.“ „Aber für die Juden, die aus dem Osten kamen, bestand die Besonderheit, daß inländi sehe Juden... ihre Sünden gegen das deutsche Wesen vertuschten und beschönigten und bei jeder Gelegenheit ihre Solidarität mit den .Brüdern aus dem Osten' hervorhoben.“ „Der deutschnationalen Partei konnten wir nicht angehören, da diese Partei schon seit vielen Jahren keine Juden a u f n i m m t. Trotzdem hat ein sicherlich großer Teil unserer Verbandsmitglieder bei Wahlen deutschnational gestimmt.. „Was bisher gegen die Gesamtheit der in Deutschland lebenden Juden geschehen ist. war eine ... menschlich b e g r e i f 1 i c h e Reaktion gegen das Treiben gewisser jüdischer Kreise.... insbesondere gegen den den natürlichen Anteil der Juden am öffentlichen Leben weit übersteigenden Prozentsatz derer, die sieh vordrängten und meist, zu den undeutsch-fiililenden Elementen... gehörten...“ „Wer D e u t s e li j u d e ist. muß deutscher Volksgenosse sein. Wer fremd ist. muß unter Fremd en recht gestellt und als Staatenloser behandelt werden, leb schätze.... daß... .etwa ein Drittel der heute noch in Deutschland 1. Die das Gefühl haben, immer Deutsche gewesen zu sein; 2. die Assimilierten; 3. die Zionisten. Allein 150.000 Jaden sind fähig, ein Unterpfand eines erprobten Patriotismus zu liefern, diese allein sollen in die nationale Gemeinschaft Deutschands bedingungslos aufgenommen werden. Die übrigen 300.000 müssen wie Ausländer behandelt werden, das heißt, man müßte beginnen. ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit zu entziehen. Sie mögen ihren Geschäften nachgehen, aber der geringste Versuch der Einmischung in die Innenpolitik würde für sie die Ausweisung aus dem Lande, dessen Gastfreundschaft sie verletzt hätten, nach sich ziehen. Naumann sagte zum Schluß, der unerschütterliche Patriotismus der nationaldeutschen Juden habe sich selbst die h e i m 1 ie li e B e w u n d e r u n g Hitlers erzwungen. Reines möbliertes Kabinett an soliden beiufstäligen Herrn zu vermieten l\\ Schleifmühlgasse 15/19 mm i