Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 406 (4.12.1934)
- Date
- 1934-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Z DIE STIMME Nr. 40t? — 4. Dezember 10?» t den auch im Bundestag eine Vertretung erhalten werden. In der Eröffnungssitzung hielt. Bundeskanzler Dr. Schuschnigg eine groß angelegte Rede, in der er den Friedenswillen (Werreiehs betonte und mit Bezug auf die Minderheiten im Staate erklärte: „Es ist selbstverständlich und bedarf keiner Erwähnung, daß wir Österreicher es als eine Ehrenpflicht ansehen, ich möchte sagen, unseren Ehrgeiz darein setzen, den wenigen Minoritäten, die uns geblieben sind, vorbildlichen Rechts- und Kulturschutz zu geben.“ * Die Erklärung des Bundeskanzlers schließt «ich an seine bekannten Zusicherungen in Genf vor dem Völkerbund und den Herren Dr. Goldmann und Iaiski an. Sie wurde jetzt im Bundestag gegeben, in dem sich kein einziger jüdischer Vertreter befindet. Die weitere Entwicklung wird zeigen, inwieweit die Bestrebungen des Bundeskanzlers von den nachgeordneten Stellen unterstützt werden. WIR BERATEN SIE iN ALLEN BAU- und GRUNDSTÜCK- ANGELEGENHEITEN FOR PALÄSTINA DURCH UNSER BORO IN WIEN UND HÄiFA AUSKUNFT AN DIE R UNTER „ARCHITEKTUR-BORO" EDAKTION DER „STIMME” Warnung vor Emigrations-Hyänen Immer wieder muß vor Unternehmungen gewarnt werden, die darauf hinzielen, Juden auf illegale Weise nach Palästina zu schmuggeln, da. abgesehen davon, daß die Gesundheit und das Leben dieser Reisenden auf das Stärkste gefährdet wird, diese Reisenden nur ihr letztes Geld in den Rachen gewissenloser Agenten und kleiner Schiffsuntemehmungen werfen. Aus S n i a. t y n in Polen wird mitgeteilt, daß dort die 350 jüdischen Passagiere des Dampfers -,V e 1 o s‘:, dem das Anlaufen eines palästinensischen Hafens verweigert ■wurde und der dann eine lange Irrfahrt durch alle Häfen der Levante gemacht hat, eingetroffen sind. Die jüdischen Organisationen bemühen sich, die enttäuschten Palästinafahrer auf verschiedene Orte im Lande zu verteilen. Es handelt sich meist um Jünglinge und Mädchen, Angehörige der Intellektuellen-Klasse, die einen Umschichtungskurs durchgemacht haben und in Palästina ein neues Leben beginnen wollten. Sie wurden von Agenten verführt, die Fahrt nach Palästina, ohne mit den nötigen Dokumenten ausgestattet zu sein, zu wagen. Diese schmerzliche Affäre wird hoffentlich wenigstens soweit wirkten, daß die Auswanderungslustigen vorsichtiger werden und sich ihre unbefugten Ratgeber und Helfer näher ansehen. Daß man sich nach den Anordnungen der Palästinaämter richten wird, wagen wir nicht zu hoffen ... Emigrant en-Tragödien Prag, 1. Dezember. (2. T. A.) Die Drangsalierungen jüdischer Emigranten in verschiedenen Ländern nehmen ihren Fortgang. Wie aus Amsterdam gemeldet wird, hat die dortige Polizei auf die Meldung hin, daß ans Deutschland und Polen stammende Personen die Grenze nach Holland heimlich und ohne gültige Pässe überschritten haben, eine Razzia in den jüdischen Wohnvierteln v angenommen. 3 7 Juden wurden verhaftet und sollen nun auf Grund der jüngsten Verfügungen, betreffend den Gremzverkcbr, über d i ebelgische Grenze abg eecliobe n werden. Wie aus Pari« gemeldet wird, sind etwa 200 Juden, die unter die neuen verschärften Bestimmungen gegen Fremde fallen, für die Aus Weisung registriert worden. Revisionistische Weltkonferenz Die sechste Weltkonferenz der Union der 7/iomstem-Revisionisten wurde bekanntlich für den 9. Jänner 1935 nach Krakau einberufen. Die Wahlen zur Konferenz finden am 16. Dezember d. J. statt. Es wird die erste reviftioni»bische Weltkonferenz nach der Kattowitzer Krise-» * in. darum sind die Wahlvorbereitung**)! ~nhr lebhaft. Judenhetze als Geschält Wie wir als erstes Blatt in Wien zu berichten wußten, hat die Staatsanwaltschaft in Graz auf Grund des Einschreitens der jüdischen Gemeinden in Wien und Graz das Buch von Christian Loge: „Gibt es jüdische R i t u a 1 in o r d e?“ beschlagnahmen lassen. Damit verschwindet vom Büchermarkt ein Buch, welches geeignet war durch die Ausschrotung der Blutlüge nicht nur die Juden in Österreich schwer zu beleidigen und die Bevölkerung Österreichs zum Haß und zur Verachtung gegen die Juden aufzureizen, sondern auch den guten Ruf Österreichs als eines Kulturstaatso in der Welt zu kompromittieren. Das peinliche Aufsehen, welches dieses Buch hervorgerufen hatte, wäre aber zu vermeiden gewesen, wenn die »Staatsanwaltschaft 8 of o r t nach Erscheinen des Buches eingeschritten wäre. Weun wir verlangen, daß nun auch das »Strafverfahren gemäß § 302 und 303 »Strafgesetz durchgeführt wird, so geschieht das aus dem Grunde, weil einerseits die Verletzung des Gesetzes eine Sühne erfordert und weil auch jenen Elementen, die aus der Verhetzung Kapital schlagen wollen, endlich das Handwerk gelegt werden soll. Die Lüge vom jüdischen Ritualmord ist nicht erst seit heute ein Geschäft. Sie war es von ihrer Entstehung angefangen und mehrere Päpste haben in dankenswerter Weise die Lüge des Ritualmordes entlarvt, so insbesondere Papst Innozenz IV., der im Jahre 1247 eine Bulle an die Bischöfe von Deutschland und Frankreich richtete, die wir hier wiedergeben. In dieser Bulle heißt es: „Wir haben die flehentliche Klage der Juden vernommen, daß manche kirchlichen und weltlichen Würdenträger, wie auch sonstige Edelleute und Amtspersonen in euren Städten und Diözesen gottlose Anklagen gegendie Juden erfänden, um sie aus diesem Anlaß auszuplündern und ihr Hab und Gut an sich zu raffen. Diese Männer scheinen vergessen zu haben, daß.es gerade die alten Schriften der Juden sind, die für die christliche Religion Zeugnis ablegen. Während die Heilige Schrift das Gebot aufstellt: Du sollst nicht töten! und ihnen sogar am Passahfest die Berührung von Toten untersagt, erhebt man gegen die Juden die falsche Beschuldigung, daß sie an diesem Feste das Herz eines ermordeten Kindes essen. Wird irgendwo die Leiche eines von unbekannter Hand getüteten Men sehen gefunden, so wirft man sie in böser Absicht den Juden zu. Es ist dies alles nureinVorwand, umsieingrausamster Weise zu verfolgen. Ohne gerichtliche Untersuchung, ohne Überführung der Angeklagten oder deren Geständnis, ja in Mißachtung der den Juden vom apostolischen Stuhl gnädig gewährten Priviligien beraubt man sie in gottloser und ungerechter Weise ihres Besitzes, gibt sie den Hunger quälen, der Kerkerhaft und anderen Torturen preis und verdammt sie zu einem schmachvollen Tode... Solcher Verfolgungen wegen sehen sich die Unglückseligen gezwungen, jene Orte zu verlassen, wo ihre Vorfahren von alters her ansässig waren. Eino restlose Ausrottung befürchtend, rufen sie nun den apostolischen Stuhl um Schutz au ...“ Zu dieser Bulle sagt der jüdische Historiker K a s t e i n: „Solche Erklärung, dazu vom Papsttum ausgehend, erspart dem Historiker die Motievier u n g.“ Tatsächlich haben viele Stadtobrigkeiten, Fürsten und Herren mit der Judenhetze glänzend« Geschäfte gemacht. Es flatterte das Gerücht von einem Ritualmord oder von einer Hostienßchäudung auf, man warf die Juden in dun Kerker und folterte sie solange, bis sie gestanden was man wollte. Dann vertrieb man die Juden auB dem Land und konfiszierte ihre Häuser und Habseligkeiten und was noch wichtiger war, dio Selmldurkunden und Pfänder von Christen, die sie besaßen. Es war keinZufall, daß sich unter den beschlagnahmten Schuldurkunden und Pfändern manchmal auch Selmldurkunden und Pfänder jener Obrigkeit' n befanden, welche die Ausweisung verfitzt hatten. Der R i fc u a 1 ni o r d war also ein G e s e h ä f t, zu dessen Dur c h f ü hrungdie niedrigen Instinkte der unwissenden Masse geweckt w u r d e n. Die Obrigkeit verdiente dabei auf alle Fälle, maneliainl auch so, daß sie den Juden Schutz gegen Ritualmordanklagen bot und sich dafür gut bezahlen ließ. Man verstand es sogar, selbst dann aus der Legende eines Ritualmordes oder einer Hostienschändung Kapital zu schlagen, wenn alle Juden dem Furor der verhetzten Menge zum Opfer gefallen waren. So gab es zum Beispiel im Elsaß in den Jahren 1337 und 1338 die judenhetzerisehe Bewegung des Schankwirtes Zimberlin, die sich „A r m- 1 e d e r“ nannte. Damals wurden ganze Judengemeinden li ingemordet und es ereignete sieh, daß manche Stadtbehörden auch damals gute Geschäfte machten. Sie nahmen die Juden jeweils gegen hohe Zahlungen in Schutz und gewährten den Mördern gegen Zahlung Amnestie. Ein besonders lehrreiches Dokument aus dieser Zeit ist ein Vertrag, den Ludwig der Bayer mit den Elsäßischen Städten wegen der Ermordung der Juden schließt: „Für den Verzicht auf alle unsere Ansprüche, die wir gegen sie wegen der Ermordung von Juden von Mühlhausen oder der diesen zugefügten Verluste und Schäden geltend machen könnten, stellen sie uns tausend Pfund in alter Baseler Mliuze zur Verfügung. Um indessen den bczeichneten Bürgern die Aufbringung des von ihnen zu leistenden Betrages zu ermöglichen, überlassen wir ihnen das ganze Hab und Gut der in der Stadt ermordeten Juden: Haus, Hof, Pfänder und sonstiges Gut...“ In dieses Kapitel gehören auch die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes, da tausende Juden gefoltert, gerädert, gehenkt und verbrannt wurden. Man kümmerte sich nicht darum, daß der Schwarze Tod (Pest) auch die Juden hin-1 wegraffte, man verhetzte die Menge mit dem Märchen von den Brunnenvergiftungen durch ide Juden, rottete die Juden aus und eignete sich ihr Vermögen an. Der König von Frankreich wollte gewissenhaft sein. Vor der Beschlagnahme der jüdischen Vermögen ließ er eine gerichtliche Untersuchung darüber anstellen, ob die Juden wirklich die Brunnen vergiftet hätten. Das Urteil lautete, daß die Juden völlig unschuldig seien. Daraufhin wurde ihnen — eine Geldstrafe von 150.000 Livres auferlegt, für die damalige Zeit, eine Riesensumme. Also auch die Unschuld wurde bestraft. Die hohe Geldstrafe zwang die Juden zur Auswanderung. Der Zweck der gerichtlichen Komödie war erreicht. Auch die Inquisition in Spanien war ein gutes Geschäft. Das Vermögen der Verurteilten wurde ja beschlagnahmt. Nach der ersten Serie von Hinrichtungen verkündigte da« Sanctum officium eine A m n estie für alle „Judaisierenden“, die sich freiwillig meldeten. Hunderte gingen auf den Lelm. Als sie sich meldeten, verlangte das Tribunal die Preisgabe der Namen ihrermarranißehen Verwandten, sonst würden sie, da sie ihre Verfehlungen cingestanden haben, wie Ketzer behandelt. Diejenigen, dio wirklich nichts zu gestehen haben, sind verstockte Leugner und ebenfalls wie Ketzer zu behandeln. Mit einem Wort: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt.“ Was für ein Geschäftsunternehmen die Inquisition war, möge ein Beispiel illustrieren. In Toledo wurden im Jahre 1486 verbrannt: Am 12. Februar 750 Ketzer, am 2. April 900, am 7. Mai 750. Ebensoviele Vermögen wurden eingezogen. Sogar Papst Pius IV. hat sich ompört gegen die spanischen Methoden gewendet. Er erklärte, daß die meisten Prozesse „nicht vom Glaubenseifer und von der Sorge um das Seelenheil, sondern von Gewinnsucht bestimmt sind.“ Künftige Geschichtsschreiber werden einmal die niedrige Stufe der Kultur unserer Zeit — man verwechselt Kultur so oft init Technik — damit charakterisieren, daß der dümmste Aberglaube und die ausgepichtesten Lügen in unserer Zeit noch Verbreitung finden konnten, so zum Beispiel die Lügen vom jüdischen Ritualmord, von den Protokollen der Weisen von Zion usw. Mit derartigen Lügen läßt es sich schön verdienen, ja man erlangt durch ihre Verbreitung, durch die systematische Aufpeitschung des Judenhasses Einfluß und die höchste Macht. Hitler ist hier das lehrreichste Bei-» spiel. Wir erleben cs in unseren Tagen wiederholt, daß der Antisemitismus oft nichts anderes ist als transformierter Brotneid. Erinnern wir uns doch daran, daß die antisemitische Hetze gegen die jüdischen Ärzte in Wien durch einen Artikel im „österreichischen Beobachte r“ eingeleitet wurde, in welchem dio jüdischen Schulärzte als eine sittlich verkommene Gesellschaft geschildert wurden, „dio systematisch ganze Mädchcnklassen nackt auszogen“. Wir glauben, daß es Sache der anständigen Christen ist, in ihren Kreisen aufklärend zu wirken. Freundliche Worte sind genug gewechselt. Die Zeitschrift des Pater Bidilmaier „Die Erfüllu n g“ hätte hier ein reiches Betätigungsfeld. Es wäre ihre Aufgabe und Aufgabe aller vernünftig denkenden Christen dagegen einzuschreiten, daß die Kultur und der Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ durch Schriftsteller geschändet wird, die zum Haß und zur Verachtung gegen Andersgläubige hetzen. Das erste Heft der „Erfüllung“ ist mit einem Vorwort des Kardinalerz bisch ofes Dr. Innitzer erschienen, der sich in der jüdischen Bevölkerung, nicht zuletzt wegen seines Wahlspruches: „I n L i e b e d i e n e n“ der größten Wertschätzung erfreut. „Die Erfüllung“ sollte sich diesen schönen und sittlich hochstehenden Spruch zum Motto nehmen und von sich aus gegen die Hetzer einschreiten, die den interkonfessionellen Frieden und damit die Ruhe und Ordnung stören wollen. Leider ist das jetzt beschlagnahmte Buch von Christian Loge: „Gibt es jüdische Ritualmorde“ nicht die einzige Schrift, die in die Kategorie von Schriften gehört, die das Judentum in seiner Ehre kränken und mit alten, leider aber noch immer die Volksseele vergiftenden antisemitischen »Schlagworten arbeiten. Von einem anderen Buche dieser Kategorie, und zwar von Pater Gaston Ritters „Das Judentum und die Schatten des Antichrist“ werden wir demnächst sprechen. Ein Aufruf der tschechischen Schriftsteller gegen die Heize Prag, 1. Dezember. (2. T. A.) Mehrere hervorragend« tschechoslowakische Schriftsteller haben das folgende Manifest erlassen: „Die Unterzeichneten Mitglieder der Gemeinde der tschechoslowakischen Schriftsteller verurteilen die Geschehnisse, zu denen es in diesen Tagen in den Prager Straßen gekommen ist, und die Gewalttätigkeiten gegen anderssprachige Mitbürger und Mitbürger eines anderen religiösen und politischen Bekenntnisses. Wir fordern zur Abwehr der organisierten Angriffe der Faschisten gegen die Freiheit des Geistes auf, eines Angriffes, der die Methoden reaktionärster, antidemokratischer und unserem Volksoharakter zutiefst fremder Bewegungen übernimmt. Insbesondere verurteilen wir, daß diese Angriffe gegen kulturelle Institutionen gerichtet waren und den Universitätsstreit, der von den deutschen Nationalisten entfacht worden ist, zur Verunehrung des guten Namens der Hauptstadt unseres Staates mißbraucht haben. Wir fordern die gesamte demokratische und antifaeohistißcho Öffentlichkeit, alle arbeitenden Schichten und namentlich die fortschrittliche und gebildete Jugend ohne Unterschied der politischen Überzeugung auf, an ihren Plätzen und mit Ihren Mitteln der politischen und sozialen Gefahr solcher otganäsierter reaktionärer Angriffe entschieden entgegenzutreten.“ Dor Aufruf ist unterzeichnet von Joßef und Karel Öapek, Ottokar Fischer, Frant. Götz, Ad. Hoffmeister, Josef Hora, Edmond Konrad, Frant. Kupka, Frant. Langer, JiFi Mähen, Petr Krißka, F. V. Krejßl, Michael Marefi, Zd. Nojedly’, St. K. Neumann, Vit. Nezval, Ivan Ol bracht, Ford. Perout ka, Karel Poläftek, F. X. Saida, F. Snlmek, Karel Teige, Josef und Karel Toman, VI. VanÖura und viele andere. Deutsche Schriftsteller haben einen »solchen Aufruf noch nie berauegegoben.