Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 406 (4.12.1934)
- Date
- 1934-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Preis dieser Nummer so. JÜDISCHE ZEITUNG Klee AälS» I Wien A Tluvamfiu«* TO'XA I Redaktion und Administration: Wien, I., Marc-Aurel-StraDe 6. fNSro d§Vw fl vT ICZI9 4# UCZBIuDBr ^7^4 I Toi.: U 22-3-B1. RedaktionsschluB Montag und Mittwoch vorm. e Sii»; Die vorzüglichen, großen LuxusschifFe „GERUSAIEMME“ UND „PIISNA“ der direkten Eillinie TRIEST—JAFFA des LLOYD TRIESTINO (Abfahrten jeden Mittwoch um 13 Uhr) fahren nur eine erste und eine Touristenklasse Audi in der Touristenklasse höchster Komfort (zwei* und mehrbettige Kabinen) und täglich vier sehr gute Mahlzeiten Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 6,Tel.U-47-5-60 I (37* Kislew 5695) | 8# Jahrgang Eduard Herriot: Frankreich duldet keinen Judenhaß Der frühere französische Premier und jetzige Vizepremier Eduard Herriot übergab der New-Yorker jiddischen Zeitung „Der Tog“ die folgende Erklärung: „Werden die Reaktionäre in Frankreich wieder das Haupt erheben, werden sie die Rassenfrage zur Diskussion stellen und versuchen, die Tage des Dreyfus-Prozesses wieder zurückzurufen, so werden wir Linken ihnen eine Lektion 'erteilen, so einprägsam, daß sie ur Überzeugung kommen werden, daß Frankreich kein Platz ist für Antisemitismus. Die Juden haben sich ganz in das französische Volk eingefügt, sie arbeiten loyal auf auf allen Gebieten mit, ihre Söhne haben mit unseren Söhnen auf den Schlachtfeldern geblutet; dies nicht nur im letzten Weltkrieg, sondern auch in allen Kriegen seit der Emanzipation der Juden durch die französische Nationalversammlung von 1789. Die französische Kultur wurde durch jüdische Beiträge, bereichert, wir sind den Juden für diese Beiträge dankbar. Die Menschen und Organisationen, die durch Aufwerfen der Rassenfrage das französische Volk spalten wollen, spielen mit dem Feuer. Weil die Demokratie tolerant ist, scheint es, als ob sie Fortschritte machten. Aber wir werden einer Sabotage der demokratischen Hauptprinzipien scharf entgegentreten und es nie und nimmer zulassen, daß unsere jüdischen Mitbürger gepeinigt werden wie in anderen Ländern. Wird die Reaktion von Worten zu Taten übergehen, so wird sie auf den festen Widerstand der großen radikalen Mehrheit des französischen Volkes stoßen, welches nicht allein mit Worten, sondern auch mit Einsetzung seines Blutes die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verteidigen wird. Die Juden bilden einen organischen Teil unserer Gesellschaft; wer sie anrührt, greift die Souveränität des französchen Volkes an. Das darf nicht sein!“ Keine Maßnahmen gegen jüdische Einwanderer Von amtlicher französischer Seite geht der Jüdischen Telegraphen- Agentur folgende Mitteilung zu: „Im Ausland kursieren Meldungen, von denen einige auch in die jüdische Presse Eingang gefunden haben, denen zufolge gewisse in Frankreich durch Gesetzgebung oder administrative Verordnung getroffene Maßnahmen gegen die hier lebenden jüdischen Einwanderer gerichtet oder auf antisemitische Gedankengänge zurückzuführen sein sollen. Für eine solche Auffassung besteht keinerlei Grund. Es handelt sich bei diesen Gerüchten anscheinend nicht nur um Übertreibungen, sondern ihuen liegt der Wunsch zugrunde, darzutun, daß selbst das freiheitlichste und d'uldsamste Land Europas die Notwendigkeit einer Art von „Schutz“ vor den Juden erkannt habe. Es gibt keine einzige von den französischen Behörden getroffene Maßnahme, die gegen die Juden, seien es eingewanderte, fremde oder einheimische, gerichtet wäre. Die in Bezug auf die Arbeit von Ausländern in Frankreich getroffenen Maßnahmen sind ausschließlich mit Rücksicht auf die steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich beschlossen worden und finden gegenüber allen Ausländern, gleichgültig, welcher Nationalität oder welchem Glauben sie angehören, Anwendung. Antijüdische Diskriminierung gibt es in Frankreich auf keinem Gebiete, weder de jure noch de facto. Hinzuzufügen ist, daß die Behörden jeden Einzelfall, in dem eine Ausnahme von der allgemeinen Regel möglich sein könnte, ohne daß dadurch die allgemeinen Interessen des Landes geschädigt werden, auf das sorgfältigste prüfen und größte Weitherzigkeit aus Gründen der Menschlichkeit walten lassen. Die jüdische Presse sollte davor gewarnt werden, solche unbestätigte und alarmierende Nachrichten ohne entsprechende Nachprüfung, zu übernehmen. Frankreich schützt die jüdb ätschen Minderheiten Am Schlußbankett des Kongresses der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus hielt der frühere Ministerpräsident Paul Bonoour 'eine Rede, in der er daran erinnerte, daß Frankreich im März 1933 auf Grund eines Begehrens der Juden in Oberschlesien den Völkerbund eingeladen habe, sich mit den Rechten der jüdischen Minderheiten zu befassen. Trotzdem seien in einem Staat Maßnahmen ergriffen worden, von denen zu Unrecht behauptet wird, daß eie eine vollkommen innero Angelegenheit seien und die anderen Länder nichts angimgen. Paul- Boncour erklärte, daß er für den internationalen Kampf gegen den Antisemitismus eintrete, weil dieser Kampf in seinen Augen nichts anderes sei als ein Teil des Kampfes gegen die Erschütterung der Reohtsauffassung. — Die Rede Paul-Bonours wurde durch Rundfunk übertragen. Selbstauflösung einer antisemitischen Gesellschaft in Liverpool Dde vor einigen Monaten von Oharies F. A s h t o n in Liverpool gebildete „National Association for Resistance to Jewish Monopoly“ beschloß ihre S e 1 b stauflös u n g mit der Begründung, daß die Öffentlichkeit sich zu den Zielen der Gesellschaft „betont gleichgültig“ verhalten habe. i Völkerbund und Saar Die kommende Volksabstimmung im Saarland soll vom Völkerbund dieser Tage in einer außerordentlichen Session behandelt werden, deren Beginn schon zweimal verzögert worden ist. Die Verhandlungen des Dreierkomitees, das unter Vorsitz des italienischen Delegierten Baron A1 o i s i steht, mit den deutschen Vertretern ziehen sich sehr in die Länge. Es handelt sich darum, daß der ungestörte Ablauf der Abstimmung gesichert, daß für den Fall eines für Deutschland günstigen Ergebnisses alle Repressionen verhindert und daß die bisher von Frankreich ausgebeuteten Kohlengruben von Deutschland abgelöst werden. Am stärksten umstritten ist der zweite Punkt, da vom Dritten Reich und den Nationalsozialisten im Saarland immer wieder gedroht wird, daß die Neinsager ihre Haltung schwer zu büßen haben werden. Die Völkerbundkommission will eine derartige S t r a fexpedition verhüten und sie hat von Deutschland Garantien gefordert. Deutschland will aber in diesem Punkte nicht nachgeben. Dem Hitler-System liegt es sehr am Herzen, seine antijüdische Gesetzgebung auf das Saarland auszudehnen und es scheint, daß die Arierkommission zur Nachgiebigkeit bereit ist. Wenigstens spricht der Regierungskommissär Iinox schon jetzt von dem traurigen Schicksal, das den Juden des Saarlandes bevorsteht. Der Völkerbund steht vor einer Probe, nicht etwa auf seine politische Geschicklichkeit eine heikles Problem zu lösen, sondern vor einer Probe auf seine menschliche Anständigkeit. Etwa 4000 Juden leben in dem Land; sie fallen bei der Abstimmung überhaupt nicht ins Gewicht. Aber in ihnen tobt sieh der höllische Haß der Nationalsozialisten ungehemmt aus. Schon jetzt, unter dem Protektorat des Völkerbundes, sind sie allen Quälereien ausgesetzt und ihre Lage ist so beschaffen, daß sogar eigene jüdische kChulen eingerichtet werden mußten, um die Kinder den Beschimpfungen durch die Lehrer und ihre Kameraden zu entziehen. In dem ganzen Land ist der Boykott im vollen Gange; die nationalsozialistischen Zeitungen verzeichnen jedes jüdische Geschäft, jeden bei Juden kaufenden oder mit Juden verkehrenden „Arier“. Der unglaublichste Terrorismus wird straffrei betrieben, die Regierungskommission konnte nichts praktikables unternehmen. Erst jetzt sind ihr ausländische Polizeikräfte zur Verfügung gestellt worden, die selbstverständlich nur die äußere Ruhe sichern können. Es herrschen Zustände, als wäre das Saargebiet schon rückgegliedert. Diese Verhältnisse sind allgemein bekannt und sie hätten schon längst ein entschiedenes und energisches Einschreiten des Völkerbundes erfordert, der schließlich für diese Entwicklung mitverantwortlich ist. Die einzig richtige Maßnahme ist von Barthou vorgeschlagen worden, der einer Besetzung des Landes durch internationale Militärkräfte das Wort redete. Aber ihm fiel, wie das schon immer so ist, England in den Arm und desavouierte von vornherein jeden Versuch, den braunen Horden das Handwerk zu legen und die unglückliche jüdische Bevölkerung vor weiteren Mißhandlungen zu schützen. Wäre Barthous Vorschlag durchgedrungen, so herrschte heute Ruhe im Lande und der weiße Schrecken wäre gebannt worden. Es trat auch tatsächlich für kurze Zeit etwas Ordnung ein, als nämlich die französische Regierung ansehnliche Truppenkörper gegen die Grenze verschob und damit den Hitler-Agitatoren und ihren Beschützern andeutete, es könnte einmal auch Ernst gemacht werden. Bei aller Großmäuligkeit haben diese Helden doch Angst vor bewaffneten französischen Soldaten. Ihr Mut reicht nur aus, wenn es gegen waffenlose Juden geht. Im übrigen konnten sie sich auf die geheime Abteilung der SS. verlassen. Ehe noch Barthou zu einer Tat schreiten konnte, wurde er ander Seite des jugoslawischen; Königs in Marseille erschossen. So wie das den Plänen der Weisen von Berlin entspricht.; Nun hat der Völkerbund seine Entschei- . düngen zu treffen. Der Schutz von 4000 Menschen ist keine Angelegenheit, die irgendwie ins politische oder wirtschaftliche spielt. Der Völkerbund hat dem Vertrauen von 4000 jüdischen Menschen zu entsprechen. die alle Hoffnung auf Genf gesetzt haben. Hinter ihnen steht das ganze jüdische Volk. Der Völkerbund hat viel an Ansehen verloren, aber bisher sind es gerade und ausschließlich die Juden gewesen, die den tief ethischen Grundgedanken des Völkerbundes erfaßt und getragen haben. In; den nichtjüdischen Massen hat niemals besonderes Interesse für diese Institutionen bestanden. Das Kapital an Vertrauen und Sympathie, das der Völkerbund bisher nur dank der Unterstützung durch die jüdischen Intellektuellen sich erwerben konnte, steht jetzt in Frage. Liefert der Völkerbund die 4000 jüdischen Menschen an ihre Bedrücker aus, so würde das ini gesamten Judentum als ein Verrat an allen Grundsätzen der primitivsten Anständigkeit empfunden werden. Der österreichische Bundestag: Vorbildlicher Rechts- und Kulturschutz Wien, 30. November. Der neugeschaffene österreichische Bundestag ist Freiitag, den 30. November, ira Saal des ehemaligen Herrenhaußes zu seiner ersten Sitzung zusaminengetreten. Den Vorsitz führte der Präsident des Staatsrates, H o y o s. Der Bundestag, dem auch das Budgetreoht zusteht, besteht aus 59 Mitgliedern, die aus den vier vorberatenden Körperschaften delegiert werden, und zwar aus je 20 Mitgliedern des Staatsrates und des Bundeswirtsohaftsrates, 10 Mitgliedern des Bundeskulturrates und 9 Mitgliedern des Länderrates. Während je ein jüdisches Mitglied dem Staatsrat (Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Friedmann) und dem Kulturrat (Prof. Dr. Frankfurter) angehören, ist der Bundestag vollkommen judenrein. Wir wollen hoffen, daß die Ju«