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Die Stimme · 1934-11-27 · Heft 404 (27.11.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 404 (27.11.1934)
Date
1934-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Niu« R4r«m dar Redaktion und Administration „Die Stimme“ ab 39. November: J&9 Wlan, I., Mar<-Aure!-Strafle 5. Telephon: II 22-3»91. Nr. 404 | Wien, 37. November »934 [ | <30- KUlew 5695) | 8. Jahrgang preis dieser Nummer 20 g V. b. b, Neue ermäßigte Tarife für Touristenreisen nach: NORDAMERIKA ZENTRAL¬ AMERIKA¬ PAZIFIK SÜDAMERIKA SÜDAFRIKA AUSTRALIEN «„COSUUCK" ff II Ahlm | ^ÄsÄslfl acumtaKftter Wien, t Klmtnerrliic «. Teleplio<i U 47-MP JÜDISCHE ZEITUNG Amerlkanlsch-Jfldlsdier Kongreß beim österreldtlsdien Gesandten Washington, 25. November. (2. T. A.) Eine Abordnung des Präsidiums des Amerikanisch-jüdischen Kongresses, geführt von Stephen S. W i s e, besuchte den österreichischen Gesandten in Washington und übergab, ihm ein Memorandum, in weichem dargelegt wurde, daß die Juden in Österreich unbeschadet ihrer formalen Gleichberechtigung unterschiedlich behandelt werden, und die österreichische Regierung ersucht wird, auch über die f a ktiscbe Gleichberechtigung der Juden an whcheif. Der Gesandte erklärte, ST werde däis Memorandum an die österreichische Bundesregierung weiterleiten. liehen Leben predigte. Ein mehrfaches Eingreifen Hitlers, der sich ttbrigens auf die Seite Försters stellte, zur Herbeiführung eines Ausgleichs zwischen Regierung und Parteileitung in Danzig war ergebnislos geblieben. Die Juden im Saarland Der Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge James MacDonald, der in diesen Tagen in Rom. geweilt hat und mit dem Vorsitzenden des Dreier-Ausschusses zur Vorbereitung der Saar-Abstimmung Baron Aloisi, und mit dem Unterstaat: Sekretär im Außenministerium, Flavio S u v i c h, Unterredungen pflog, hat, wie jetzt bekannt wird, den italienischen Staatsmännern die Notwendigkeit dargetan, die Rechte der jüdischen Minderheit an der Saar im Falle einer Rückgliederung unter allen Umständen zu sichern, damit eine neue Flüobtlingswelle vermieden werde. Wie wir hören, hat Baron Aloisi Herrn MacDonald seine vollste Unter Stützung augesagt, und die Frage der Sl oherung der Rechte der jüdischen Minderheit wird voraussichtlich in dem Meinoran dum, das der Dreier-Ausschuß dem Völker b u n d unterbreiten wird, im Sinne der Forderung MacDonalds behandelt. Die gleichen Zusicherungen sind schon vorher an den Präsidenten des Coraitö des D6l6gations Juives in Paris, Dr. Nahum Goldmann, der vor kurzem von M u ss o l i n i empfangen wurde, gegeben worden. Ritualmordlilerafur in Oesterreich Die tage in Danzig Wie aus Danzig berichtet wird, ist der Staatspräsident des Danziger Freistaates, R a u s c h n i n g, von seinem Amte zurückgetreten; der Regierungschef mußte also dem Willen des Gauleiters der Nazipartoi, Förster, weichen. Dies bedeutet eine Verschärfung der Lage der Juden ipti Freistaat Danzig. Rapsohning war Anhänger einer gemäßigten Wirtschaftspolitik und er wklensetzto sich auch einer offenen Boykottpolitik gegen die Juden. Anders aber der Gauleiter Förster, der der Partei in Deutschland unterstellt ist und wiederholt den Regierungschef Rausohning desavouiert bat, indem er, wann immer Rausobhing eine Erklärung gegen den Ju denboy kott abgab, in Ansprachen auf Partei Versammlungen den Judonboykott wie überhaupt die Ausmermag der Juden am dem getarnten öfieat- In Österreich wird gegenwärtig ein Buch verbreitet, das den Titel führt „Gibt es jüdische Ritualmorde?“. Sein Ver fasser nennt sich Christian Loge und das Buch ist im Ulrich-Moser-Ver- 1 a g, - G r a z - L e i p z i g, kürzlich erschienen und wurde in der Universi- -t ä t s b u c h:d r u c k e.f e i Styria ' i n Gräz gedruckt. Es wird in Österreich frei vertrieben und eff ist bisher no c h k e in em Staatsanwalt Cid g & fäll e n, dieses Buch, das in unerhörter Weise und grundlos die Juden beleidigt und zweifelsfrei den Tatbestand der Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Religionsgesellschaft (£ 302 StG.) und er Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaft (§ 303 StG.) bildet, zu konfiszieren und ein Strafverfahren einzuleiten. Um dieses Versäumnis zu beleuchten, lassen wir unten einige Proben aus dem Buch folgen. Ee scheint Kreise, in Österreich zu geben, die der Ansicht sind, daß dieses Buch ein besonders geeignetes Weihnachtsgeschenk ist. Es wird nämlich in einer Beilage der Zeitschrift: „ö s t e r r. pädagogische Warte“ vom 15. November 1934, Folge 11/34, Schriftleitung und Verwaltung Wien, _I., Miohaelerplatz 2, den katholischen Lehrern als Weihnachtslektüre empfohlen. Die gonannte Zeitschrift ist das Organ des katholischen Lehr erbt» n d e s für Österreich,’ der Vereinigung christlich-deutscher Mittelschullehrer Österreichs, sowie der Gruppe dos Vereins für christliche Erziehungswissenschaft. In dem gleichen Prospekt werden andere antisemitische Schriften als Weih nachtslektüre empfohlen, so zum Beispiel: „Das Judentum und die Schatten des Antichris t“, von Pater Gaston Ri.ttor, gedruckt mit Erlaubnis des Bischofs von Graz. Diese« Buch steht bekanntlich auf dem Standpunkt, daß die „Protokolle der Weisen von Zion“ echt seien. Weiters wird angekündigt: „Ausschluß der Juden aus der Stäudeordnung“ von Antön 0re 1, „Der Talmud und Schulchan Arucb“ von Tbeologieproessor Dr. P. Severin Grill, und schließlich ,,Judaismus, der weltgeschichtliche Gegensatz zum Christentum“ von Anton Orel. Von diesem letztgenannten Buch sagt eine beigedruckte Buchbesprechung einer reichedeutschen Zeitung: „Die kirchliche Druckerlaubnis garantiert die Grundsätzlichkeit des gelehrten Autors.“ 1 Das Buch: „G ibt es jüd is ch e Ritual m o rd e“, von Christian Loge, bringt eine Reihe von Abbildungen, auf denen man sieht, wie Juden im Mittelalter Ghristenkindem das Blut ‘ abzapften. Auf einem Bild sieht man schon 5 Kinderleiohen auf der Erde liegen, während die Juden dem sechsten Kind da6-.Blüh abzapfen. Um d i eser der willen allein, die eine gründTo'se Beleidigung und u-be-rhÖffe1 Ä re i z._ung . die J u d en b i I d en, mü -ß-jt e d a s . B u c h konfis ziert werden. Dasselbe gilt aber auch von seinem Inhalt. Es beginnt sehr scheinheilig, damit, daß eine Notiz in einer uns unbekannten Wiener Halbmonatsschrift „Das neue Volk“ zu einem aufgeregten Brief einer getauften Jüdin aus Deutschland geführt .habe, die erklärt habe, daß es keinen Ritualinord gäbe. .Darüber ist der Autor aufgebracht und untersucht nun „w i« s e n ß c h a f 11 i oh“ die Frage des Ritualmorde6. Er teilte Juden in Israe lite n (Gottesstreiter) ein und in J u d a .i s t e n. Die Israeliten leben nach Gottes Gebot, die Judaisten aber sind diejenigen, von denen «lies böse kommt, auch der Ritualmord. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die geschichtlichen und theologischen Verdrehungen des Buches im einzelnen zu besprechen. Es bringt eine Reihe von „Ritualmorden“, so die Geschichte verschiedener heiliger Märtyrerkinder, insbesondere die Geschichte des Knaben Simon von Trient, den Tisza-Eszler-Prozeß und den Hülsner-Prozeß und ee kommt schließlich zu der Schlußfolgerung, daß es Ritualmorde bis in unsere Zeit gebe. Für Christian Loge ist der freigesprochene Moriz Scharf weiter ein Ritualmörder, ebenso Mendel Beilis und viele aridere; selbst veretändlich alle jene unglücklichen Juden, denen man im Mittelalter unter entsetzlichen Folterqualen falsche Geständnisse erpreßt hat. Verschiedene B u I I e n der Päpste, in denen mit aller Schärfe dargetan wird, daß es keinen Ritualmord gibt, bedeuten natürlich Herrn Christian Loge nichts. Er bringt z. B. ©inen Brief des Kardinals Kopp, der aus Anlaß des Tißza-Eszler-Prozesses erklärt hat, daß die Ritualmordbeschuldigung, „a u f w e l c h e Voraussetzungen imme r sie zurückgeführt werden möge, als ei nee n ts chied en frevelhafte Unwahrheit bezeichnet.werden muß“. Dazu erklärt Loge einfach, diesen Brief habe der Rabbiner Cohn' aus Kardinal Kopip „h erraus geh ol t“. Es gibt in’, die«* Sem Büche überhaupt nichts, was als Währ* heit nicht äugepriesen wird, .wae\irgendwo in der . antisemitischen oder •.nationälsozialistischen Schundliteratur behauptet wurde. . . Hitler-Deutschland hat die Rit u a f m o r d n u m m e r des „Stürmer“ "verboten, weil 6ie den tiefsten Abscheu der gesamten Kulturwelt und insbesondere der hohen Geistlichkeit i n F rankreich und England hervorgerufen hat.. Österreich legt Wert darauf, immer als Hort der Kultur im Herzen Europas dazusteben und seine Führer grenzen sich stets mit aller Deutlichkeit vom nationaLsozialistisehen Deutschland ab. Ist es dann möglich,- daß dieses Buch von Christian Loge, das die ungeheuerlichsten und niedrigsten' Beschimpfungen und Verleumdungen des Judentums danstellt, weiter feilgeboten wird? Wir richten liiemit an die Regierung die- Frage, was sie in dieser Frage zu unternehmen gedenkt. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde ist, wie wir hören, bei den kompetenten Behörden bereits eingeschritten. Der Hetze mit der BlutlUge muß ein Ende bereitet werden. Wir werden uns. diese Schmach nicht bieten lassen. Wir rufen aber auch alle anständigen Christen dazu auf, uns in diesem Kampfe beizustehen, da dieses Buch letzten Endes nicht nur das Judentum, sondern auch das Christentum schändet. Das Wort hat nun die österreichische Regierung. Wir erwarten ihre klare und eindeutige Stellungnahme. Aus Loses „Gibt es Jüdische Ritualmorde?" „-Die Juden müssen wissen, daß es niemandem einfallen würde, das Judentum für Mordtaten verirrter Sektierer verantwortlich zu machen, wenn die Judenschaft sich gegen solche V erhrecher kehrte, ihr e Ausfindigmachung und B e s t r a-jwu ßtsein oder f u n g f o r d e f t’e u n d f ö r-\E mp finden einer derte; sie würde eben dadurch offensichtlich machen, daß das Judentum als solches mit solchen Verbrechen ebensowenig zu tun hebe als die Schriftsteller des Alten Testaments, die die damaligen Ritualmorde als schwere Verbrechen brandmarkten. Man sollte meinen, daß schon die Klugheit der Judenschaft geböte, sich ebenso zu verhalten. Wenn wir trotzdem zu allen nachmessianischen Zeiten das Gegenteil wahrnehmen, so gibt es mir einen Schluß daraus: Daß nicht unfaßliche Torheit die Juden dabei leitet, sondern entiveder das Beein ahnendes gewissen, wenn auch nicht persönlich verschuldeten S oli dar ität mit den Ritualmördern. Wenn ein Angehöriger der katholischen Kirche einen Mord begeht, so wird das jeder Katholik tief bedauern, aber keiner wird seine Kirche dadurch mitschuldig fühlen und diese Mitschuld durch Ableugnung und

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