Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 401 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 20 g V.b«b* JÜDISCHE ZEITUNG Redaktion und Administration. Wien, i. KMrntneratraÖe iö Tel. R 27-4-85 RedaktlonsschluQ Montag und Mittwoch vorm Nr« 401 i Wien, 16. November 1934 Neue ermäßigte Tarife für Touristenreisen nach: NORDAMERIKA ZENTRAL¬ AMERIKA¬ PAZIFIK SÜDAMERIKA SÜDAFRIKA AUSTRALIEN mm. WM ÄS „HUHU-MJAUm.ll Oewcralagtatur Witn, I. Mrninerrlng 6, Telephon U 47-5-80 (9» Kislew 5695) 1 8. Jahrgang Jabotinsky tritt in die Zionistische Exekutive ein? Die Lemberger „Chwi 1 a“ meldet aus Paris: Nach langwierigen Unterhandlungen zwischen dem Präsidenten der Revisionistischen Union, Wladimir Jabotinsky, und dem Führer der palästinensischen Arbeiterschaft, Ben Gurion, die lange nach Abschluß des Londoner Abkommens geführt wurden, ist es jetzt zu einer Verständigung in folgenden Fragen gekommen, die für die Bedeutung der weiteren Entwicklung innerhalb der Zionistischen Weltorganisation von größter Tragweite sein kann. Die Punkte des Übereinkommens sind folgende: 1. Die Revisionisten anerkennen die allgemeine Arbeiterorganisation Palästinas, die Histadruth-Haowdim als einzige Organisation, die das Recht hat, Berufsvereinigungen der Arbeiterschaft (Gewerkschaft) in Palästina zu, bilden. . 2. Die Revisionisten beginnen aufs neue die Arbeit für die Fonds. 3. Die Revisionisten anerkennen die Disziplin der Zionistischen Weltorganisation und unterwerfen sich ihr rückhaltslos. 4. Die Revisionisten werden für die Kandidatur Prof. Weizmanns als Präsident der Zionistischen Weltorganisation stimmen, unter der Bedingung, daß Jabotinsky das Amt eines Vizepräsidenten übernimmt. Zwecks Durchführung all dieser personellen Änderungen auf den höchsten Stellen der Zionistischen Weltorganisation soll ein außerordentlicher Zionistenkongreß einberufen werden, an welchem dieselben Delegierten, die zum XVIII. Zionistenkongreß gewählt waren, teilnehmen sollen. Scheidung zwischen der Zionistischen Weltorganisation und der Revisionistischen Union kommen. Ben Gurion soll im Namen der Exekutive erklärt haben, daß ohne die Erfüllung der angeführten Friedensbedingungen eine weitere Zugehörigkeit der Revisionisten zu der Zionistischen Weltorganisation unmöglich erscheine. * Wir geben diese sensationellen Nachrichten mit aller Reserve wieder. Das Amt eines Vizepräsidenten existiert derzeit nicht. Gleich vor dem Gesetz, .gleich vor der Arbeit! Bei Drucklegung des Blattes erfahren wir aus einer Meldung des „H a j n t“, daß die vorstehenden Nachrichten mit der Wirklichkeit nicht ganz übereinstimmen. . So soll über die Frage des Präsidenten und Vizepräsidenten nicht gesprochen worden sein. Soll bloß über eine Beteiligung der Revisionisten an der Bildung einer Exekutive gesprochen worden sein? Dabei soll die Person des Prof. Weizmann in der neuen Exekutivbildung keinem Hindernis von Seiten der Revisionisten begegnen. Die Abmachungen sollen streng vertraulich gewesen sein und die Lemberger „Chwila“ war das erste Blatt, die diese Verhandlungen in ihren Details veröffentlicht hat. Überdies sollen diese Abmachungen noch nicht unterschrieben worden sein. Ihre endgültige Bestätigung ist einerseits von der Zionistischen Exekutive und anderseits von der revisionistischen Partei abhängig. Im Falle, daß eine der Parteien das oben erwähnte Friedensprojekt ablehnen sollte, so — dies ist ein Separatabkommen zwischen Ben Gurion und Jabotinsky — müsse es zu einer vollständigen s, pezialverkehr nach Palästina Gütertransporte, Llftvans-Ubersledlungen Ullmann, Rink & Co. Wien I, Kurrentg. 12 Tel. U 22254 „Das vergangene Jahrhundert hatte die Gleichheit der Bürger voi dem Gesetz proklamiert, und dies war eine Errungenschaft von gewaltiger Tragweite. Das Jahrhundert des Faschismus hält diesen Gr u n d s ä t z aufrecht und festigt ihn sogar, aber es fügt noch einen andern und nicht weniger wichtigen Grundsatz;bei: Die Gleichheit, der Men sehen vor der Arb eit als Pflicht; Recht, Schaffensfreude, die das Leben erweitern und adeln, nicht abtöten und erdrücken soll.“ (Aus der Rede Musso liniis über den Ko rporation.sStaat.) In einem Monstermeeting, wie es selbst große Parteien in der parlamentarischen Ära Österreichs selten gesehen haben, .hat das Wiener Judentum a.m Dienstag abends die Berichte seiner Führer entgegengenommen. Der neu ernannte Stafcsrat Dr. Friedmann, der Rat der Stadt Wien Dr. Ehrlich, der Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Löwenherz und der Vorsitzende der zionistischen Landesorganisation Doktor Grünbäum sprachen zu den jüdischen Massen, und die Aufnahme, die ihre Referate fanden, war ein durch stürmischen Beifall akzentuiertes Vertrauensvotum für die Männer, die in diesen bedeutungsschweren Tagen an der Spitze der Wiener Judensohaft stehen. Einmütig war der Dank für ihre Pflichttreue und Arbeitsfreudigkeit und die nationale Hymne, die am Schluß der in musterhafter Disziplin verlaufenen Riesenversammlung aufrausohte, gab deutliche Kunde von der Stimmung der Teilnehmer. Sie ließen keinen Zweifel diaran, daß sie den Führern ihre uneingeschränkte Anhänglichkeit widmen und daß sie zu den Männern stehen, die durch freie Wahl auf ihre Posten berufen worden sind. Diese Einmütigkeit ist von sehr hoher Bedeutung. Sie unterstreicht noch einmal die Legitimation, die das Volk seinen Sachwaltern ausgestellt hat, die vor der Umwelt als die berufenen Vertreter der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt noch einmal anerkannt wurden. Zur gleichen Stunde hatte in einer Versammlung der christlichen Arbeiter der bekannte Politiker Kunschak gesprochen, und wir wollen einen Teil seiner Rede hier wiedergeben, weil sie in einer gewissen Analogie au den Reden in der jüdischen Versammlung, insbesondere zu dem Referat Dr. Friedma-nns, stehen. Herr Kunschak besprach seine Ernennung zum Staatsrat und .sagte: „Was mich berührt, ist nicht die Beziehung zu meiner Person und au meiner Arbeit, sondern der Gedanke, der darin zum Ausdruck kommt: Daß man die Arbeit der christlichen Arbeiter braucht, daß man sie würdigt,* 1 daß man~Wertdarauf -legt, dies auch den christlichen -Arbeitern durch eine weitleuchtende Tat zuf beweisen. Darin erblicke ich den /tiefsten Sinn meiner Berufung in den Staatsrat.“ < Man kann diese Worte auch auf die jüdische Situation anwenden und sägen, daß in der Berufung Dr. Friedmanns zum Ausdruck gebracht werden sollte, -daß man die - Mitarbeit der Juden an dem Aufbau des neuen Österreich braucht, daß man sie würdigt und daß man Wert darauf legt, dies den Juden.durch eine weitleuchtende Tat ziu beweisen. „Einer solchen Handlung“ — sagte Kunschak weiter — „hat es bedurft, weil es gilt, die christlichen Arbeiter zu versöhnen m i t manchem, was man ihnen zugemutet, als Opfer auf erlegt hat, noch mehr aber, wedl es gilt, die gesamte Arbeiterschaft mit Vertrauen zu erfüllen, nicht nur in die Aufrichtigkeit und gute Gesinnung der führenden Männer, sondern auch mit Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Grundsätze und Güte des Systems, das sie vertreten,“ Wir nehmen diese Zweckdefmition - auf. Auch die jüdische Bevölkerung > muß mit manchen versöhnt werden, auch sie muß mit Vertrauen erfüllt werden in die Richtigkeit der Grundsätze ihrer Vertreter. Daß sie dieses Vertrauen äußert, haben wir am Montag in der Versammlung gesehen und damit ist eine Tatsache geschaffen, die auch für die Regierung und das Mehrheitsvolk Österreichs in Bezug auf das Verhältnis zur Judenschaft richtunggebend ist. Es ist selbstverständlich, daß diejenigen, die als Sprecher der jüdischen Gemeinschaft anerkannt sind, an dem Gedeihen der Allgemeinheit und des Staates mitwirken. Und es ist ebenso selbstverständlich, daß die für den Staat und seine Entwicklung maßgebenden Persönlichkeiten u-nid Institutionen auch VII., KAISERSTRASSE (23 * IX., ALSERSTRASSEl» BESTE QUALITÄTEN ANTHRAZIT KOHLE KOKS BASCH lv-"“""““SlIIiS047-5-40 der Judenschaft Vertrauen entigegenbringen. Es sind Dinge geschehen, die wir als Fehler auffassen. Fehler können gut gemacht werden. Es beginnt ein neues Kapitel in” der Geschichte des Staates und die Hauptsache ist, daß der neue Kurs die Judenschaft als einen bewährten und wertvollen Faktor beim Neuaufbau der politischen Gesellschaft und der Wirtschaft gelten läßt und die volle, uneingeschränkte und vorbehaltlose Gleichheit nicht nurin der Theorie der Verfassung, sondern; auch in der Praxis anerkannt. Die selbstlose Mitarbeit an -Staat und Allgemeinheit ist dem Judentum eine Selbstverständlichkeit, die zu dem durch religiöses Gebot bekräftigt wird. Aber sie muß in der Wertschätzung durch die Maßgebenden ihr Korrelat finden. In Österreich lebt nur ein sehr geringer Teil des Siebzehm- | Millionen-Volkes der Juden. Das; jüdische! Volk ist in seiner politischen Psyche; genau | so konstruiert wie jedes andere Volk. Und j wie Deutsche und Polen und Magyaren und i Tschechen an dem Schicksal jedes einzelnen ihrer Volksteile mit dem Herzen interessiert sind, so sieht auch das' jüdische Volk der ganzen Welt, insbesondere aber das selbstbewußte und kräftige Judentum Palästinas auf die 190.000 Volksgenossen in Österreich und auf ihr Schicksal. Dieses Judentum empfindet es sehr ßtark mit, wenn in Österreich von ■ Gruppen und Grüppchen und geschäftskundigen Subjekten getarnter Boykott in Szene gesetzt wird, wfenn. erfahrene Ärzte, gegen die nie* mals ein Vorwurf erhoben werden konnte, mit einemmale' kurzerhand brotlos gemacht werden, wenn das führende Organ der „Betont-Nationalen“ an der Spitze des Blattes die numerus clausu s-F or de r u ng der „arischen Rechtsanwälte“ gegen ihre Konkurrenten veröffentlichen kann. Wir werden niemals für die Macht der Zahl Verständnis haben. Aber es ist doch noch mehr als numerus clausus, daß in den neuen Wirtschaftsrat kein einziger der doch in der Wirtschaft, in Handel .und Industrie so stark vertretenen Juden aufgenommen worden ist, daß die neue Gewerbeordnung gerade den jüdischen Gewerbsmann und Handwerker besonders stark trifft. Die jüdische Steuerkraft ist sehr gesunken, aber trotzdem tragen die Juden weit über ihre Kraft, weit über ihre Ziffer zu den finanziellen Erfordernissen des Staates bei. Wenn schon die Macht der Zahl angewendet wird, dann muß auch die Steuerleiistung der Juden ins Kalkül gezogen werden. Die Judensehaft verlangt nichts, was nicht auch den anderen als recht und billig zugemessen wird. Sie verlangt, daß sich das Vertrauen zu ihr in der Feststellung ihres gleichen Rechtes und seiner Befolgung manifestiert.