Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 399 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Prtii dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG UEW YORK ml* den Rteieseehtffen .Rex* i Bleue« Band 1933 n .CONTE Dl SAVOIA*. .Rome*. ,Augu»to« . .Silaraia", .Vuleanla*. Kürze*!« Verbindung aaeh SÜDAMERIKA mild, modernden Uuxuuehllfen. Neueste Eipreullale nach SÜDAFRIKA (13 Tage ab Oenuai mit d. Ellechlf («n .Dollio* und Olutlo Ceeare" Uotorechlffllnle nach AUSTRALIEN weebalungarelche Verpflegung. £S.JtnliB-Cosulicr''°=r Qsneralagentur Wien, l. Kärntnerrins 6. Telephon U 47*5-50 Nr. 399 | Wien, 9. November 1934 I Redaktion und Administration Wien, KämtnerstiaBe 2b Tel. R 27*4-85 RedaktlonssoMuB Montacj und Mittwoch vorm I (2. Kislew 5695) j 8. Jahrgang Herbert Lehmann wieder• gewählt New York, 7. November. (Tel. der „Stimme“.) Der bisherige Gouverneur des Staates New York, Herbert Lehmann, ist gestern mit einer Mehrheit von über 600.000 Stimmen wiedergewählt worden. Das Resultat ist deshalb wichtig, weil die 'deutschen nationalsozialistischen Vereine mit allen Mitteln die Wahl Lehmanns zu verhindern bestrebt waren. * Präsident Roosevelt, der eigens nach dem Staate New York kam, um mit dem ganzen Gewicht seiner Geltung für die Wiederwahl seines Freundes Lehmann einzutreten, vollzog den Wahlakt im Hyde Park, wo sein Besitztum gelegen ist. Er erklärte, daß ihm die Wiederwahl Lehmanns große Freude bereite. Herbert Lehmann, 1878 in New York als Kind aus Deutschland eingewanderter jüdischer Eltern geboren, spielt in allen großen jüdischen Gesellschaften New Yorks, vor allem im Joint Distribution Committee und in der Arbeit für Aufbringung der Mittel zum Aufbau des jüdischen Palästina, eine führende Rolle. Die „Protokolte der Weisen von Zion“ —■ Schundschrift Das „Neue Wiener Tagblatt“ meldet: Da innerhalb der vom Gerichte bestimmten Zeit die Angeklagten in dem Prozeß wegen der „Protokolle der Weisen von Zion“ das Sachverständigengutachten dem Gerichte nicht zur Verfügung gestellt haben, tritt das Gutachten des vom Präsidenten bestellten unparteiischen „Oberexperten“, des schweizerischen Historikers Dr. Loosli, in Kraft und muß dem Urteil zugrundegelegt werden. Dr. Loosli hat sein Gutachten, das ein ganzes Buch ausniacht, dem Gerichte bereits eingereicht. Er kommt darin zu der Anschauung, das Werk als eine Scfaundschrift bezeichnen zu sollen. Eine Rede des Vizebürger* meisters Lahr Aus Klagenfurt meldet die „Neue Freie Presse“: In einer Kundgebung des Kärntner Heimatschutzes hielt der Wiener VizebüJägermeister Lahr eine Rede über nationale Politik. Über die Judenfrage äußerte sich der Redner dahin, daß diese nicht nach dem Muster der Nationalsozialisten zu lösen sei. Wir müssen, meinte er, unser Augenmerk der arischen Jugend zuwenden und darauf sehen, daß wir für diese eine Zukunft haben. Wenn darunter zu verstehen ist, daß für die „arische Jugend“ neue Arbeitsgelegenheit geschaffen wird, so wäre nichts einzuwenden. Andere liegt die Sache, wenn durch Maßnahmen jüdische Personen arbeitslos gemacht werden« Christen und Juden Pater B i c h 1 m a i r, dessen Wiener Taufstatistik wir kürzlich besprochen haben, kündigt in der „Reichspost“ das Erscheinen einer Zweimonatschrift „Die Erfüllung“ an, die im Aufträge des Wiener Pauluswerkes von Johann Oesterreicher im Reinhoid-Verlag herausgegeben wird. Die Zeitschrift geht mit dem Gruß und Segen des Erzbischofs von Wien in die Welt hinaus und will, wie ihr „Vorspruch“ sagt, einer Begegnung der Juden mit dem Geiste Jesu Christi und einer Begegnung der Christen mit der Sendung Israels dienen. Sie „bekennt sich zum Primat des Geistes. Sie weiß, daß die Entscheidung der Geschichte im Geiste und nirgendwo anders fällt, daß a.us unserer Not kein Ausweg ist als geistige Wiedergeburt“. Sie will „das verborgene Sein des Judentums ans Licht bringen. Sie wird von der göttlichen Wahrheit und menschlichen Erhabenheit der Bibel sprechen; von Weisheit im Talmud und von chassidischer Frömmigkeit. Sie wird den großen Anteil auch des heutigen Judentums am modernen Geistesleben prüfen“. Wir wollen abwarten, in welchem Ausmaß, mit welcher Sachkenntnis und Unbefangenheit dieses Programm erfüllt wird. Eine geistige Begegnung, die tatsächlich unter dem Primat des Geistes und nicht unter dem Druck der Zahl steht, wird bei uns immer Bereitwilligkeit vorfinden, in der Voraussetzung, daß kein Missionszweck verfolgt wird. Dies muß hervorgehoben werden, da eine redaktionelle Note der „Reichspost“ ausdrücklich auf die religiös-seelsorgliche Seite der Frage hinweist. Welcher Frage? Pater Bichlmair antwortet: Der Judenfrage. Die Judenfrage, führte er aus, stehe im Mittelpunkt öffentlicher Besprechungen und praktischer Maßnahmen. Die Judenfrage stelle sich immer wieder von selbst und belaste in ihrer Ungelöstheit Christen und Juden zugleich. Man begnüge sich im Augenblick mit einer Verschiebung der Lösung, die „im geschichtlichen Augenblick möglich“ gewesen sei zugunsten einer Ordnung, trotzdem müsse an der Schaffung jener Voraussetzungen gearbeitete werden, die für eine Lösung der herrschenden Spannungen unerläßlich sind. Der Autor tritt also aus dem rein geistigen Gebiet auf das politische Territorium und das ist gut so. Die Frage, um die es sich handelt, kann, so wie sie sich heute — und nicht erst heute, son-j dern seit dem Eintritt der Juden in die euro-l päisehe Gesellschaft — nicht anders als politisch angesehen werden. Die Frage wird nicht von den Juden gestellt und sie ist nicht die Judenfrage. Es ist richtig: in öffentlichen Besprechungen steht die Frage auf der Tagesordnung und praktische Maßnahmen — hauptsächlich diese — gelten der Frage und sie lautet einfach, klar und in der Sprache der Agitation: Wie verwirklichen wir das „Hinaus mit den Juden!“ Wie vollziehen wir am raschensten die Entfernung der jüdischen Ärzte, Anwälte, Techniker, Kaufleute, Hochschullehrer, Kindergärtnerinnen von ihren Stellen und ihre Ersetzung durch Christen, respektive Arier? Zu einem Teil ist diese Entfernung und Ersetzung bereits geschehen. Nur einige Details: Aus den Fondskrankenanstalten, aus den Heilinstituten der Gemeinde Wien, aus den Sozialversieherungsinstituten sind die jüdischen Ärzte bis auf sehr geringe Ausnahmen bereits verschwunden und durch Arier ersetzt worden. Im neuen Wirtschaftsrat ist kein einziger Jude. In den Dienst des Staates, der Länder, der Gemeinden gelangt kein Jude, unter den neuangestellten Lehrern befindet sich kein Jude. Das ist die Frage, die als Judenfrage herumgeistert. Sie kann naturgemäß von Juden weder gestellt noch beantwortet werden; Juden können auch nicht zustimmen oder gar mitwirken, wenn Lösungs- oder Ordnungsversuche unternommen werden, sei es im Wege der Machtanwendung oder im Wege von Ausgleichsverhandlungen, nicht auf offener Schaubühne, noch versteckt hinter Kulissen. Für die Juden erwächst aus der hier mir sehr dürftig geschilderten Behandlung der Frage ein überdimensionales soziales Problem. 190.000 jüdische Seelen befinden sich in Wien; 55.000 von ihnen stehen in der Fürsorge der jüdischen Gemeinde und es ist alle Aussicht vorhanden, daß diese Zahl noch weiter ansteigt, zumal die Verarmung der Judenschaft Wiens sich ununterbrochen fortsetzt. Von 50.000 Steuerzahlern der Gemeinde sind im letzten Jahr 5000, also ein volles Zehntel gestrichen worden! P. Bichlmair hat sicherlich den ernsten Willen zu gegenseitigem Verstehen bei Christen und Juden. Er möge sich einmal diese Tatsachen, diese Ziffern, diesen Stand der Dinge bedenken. Er möge auch bedenken, wie es auf die Juden seelisch wirken muß, wenn diese Akte der wirtschaftlichen Ausschaltung auch noch mit Demiiti- Wallaea TAGES GESPRÄCH AUER WELTSTÄDTE | scHWEDEn-H mo um Morgen Samstag 729 Uhr abends, im Festsaal des Gewerbeverein es, I., Eschenbachgasse 11 Vortrag Josef Kasteln über „Jüdische Neuorientierung" gungen und mit Haßgesängen begleitet werden. Diese Art von Judenfrage besteht schon sehr lange. Sie ist aber jetzt in solcher Schärfe aktuell geworden, seit der Nationalsozialismus in Deutschland am Werk ist. In Deutschland ist daneben auch eine Katholikenfrage entstanden, die darin besteht, daß katholische Beamte aus ihren Stellungen entfernt werden. Die katholischen Führer irt Österreich empfinden dies mit Recht sehr tief. Auch wir. Wir sehen nun einmal vor allem den Menschen und in unserem Fühlen hat nun einmal das rein Menschliche den Vorrang. Man verlange nicht, daß wir den jtidischeu Menschen vergessen und auch nur einen opfern. Unsere Frage, unsere Judenfrage ist die, wie wir die historisch gewordene, aber dpeh heute unmögliche innere Gliederung des jüdischen Volkes beseitigen und eine gesunde Nation schaffen. Das ist in den heutigen Wohnländern unmöglich. Kein Volk Europas würde uns Kolonisationsboden zur Verfügung stellen, Amerika hat sich abgesperrt. Deshalb haben wir, an die Tradition des jüdischen Volkes anknüpfend, uns nach Palästina gewendet und dort wollen wir im Einvernehmen mit der Kulturwelt an die Lösung der Judenfragc gehen; aus unseren Mitteln, aus unserer Kraft. Gerade jetzt, am 2. November, hat sich der Tag der Balfour-Deklaration gejährt, die das Recht des jüdischen Volkes auf seine nationale Heimstätte in Palästina feststellt, jedoch hinzufügt, daß dies keine Rechtsverminderung der Juden in den Staaten bedeuten kann, in denen sie leben. Der Völkerbund hat diese Erklärung in sein Statut aufgenommen. Auf dieser Basis stehen wir und bleiben wir. In dem Artikel des P. Bichlmair wird gesagt, daß im gegenseitigen geistigen Verkehr zwischen Christen und Juden eine heilsame Änderung möglich und notwendig ist. Wir stimmen zu und werden es begrüßen, wenn die neue Zeitschrift schon im Ton wird erkennen lassen, daß die Juden immerhin Menschen sind. Von jüdischer Seite ist noch niemals ein Angriff auf Christen als Christen geschehen. Dagegen können wir dem Autor nebst einer ganzen Kollektion antijüdischer Hetzschriften das Buch des P. Gaston' Ritter aus Graz entgegenhalten, das dio Protokolle der Weisen von Zion im Anschluß an Rosenbergs Schrift popularisiert. Die Fälschung der „Protokolle“ ist schon für jeden, der zu lesen versteht und der sich irgendwie mit jüdischen Dingen befaßt, seit Jahren erkennbar gewesen und es hätte nicht erst des Berner Prozesses bedurft. Henry Ford hat den „Unbekannten Juden“ öffentlich zurückgezogen, Gaston Ritters Broschüre „D a s J u d e n t u m u n d die Schatten des Antichrist“ ist noch immer aufrecht.