Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 398 (6.11.1934)
- Date
- 1934-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 898 — 6. November 1931 Oll STIMME Sott« 3 Vortrag JOSEF KASTEIN *amstag9 den 10. November 1934, präzise y29 Uhr abends, veranstaltet das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich!m Pestsaal des pewerbea •r v r» I f i h-e _n I / . l . I_1 L _! J/\m Uahi'Uvm^a inrlicnlia Hicf rwiL* Af J Q 5 Kt ■ K A 5 B I AI ÜDCr QäS flvUs vereines, I., Eschenbachg-asse 11, einen großen Vortragsabend, bei welchem der berühmte jüdische Historiker KASTEIN II über sprechen wird. Karte« erhältlich: Zion. Landeskomitee, I., Kämtnerstraße 28. Telephon R 27-4-86; Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20a. Telephon R 43-305; Bücherstube Löwith, I., Wollzeile 6, Telephon R 25-4- 8* Bücheistube Lanyi. I., Kämtnerstraße 44, Telephon B 25-6-75. _ —B Oer Londoner Fakt r:7:v, .... Das in London zwischen Jabotinsky und Ben Gurion getroffene Übereinkommen zur Herstellung eines Burgfriedens ist, wie Prof. Brodetsky bei einer Versammlung in London darlegte, ein Ereignis von außerordentlicher Bedeutung. Prof. Brodetsky führte aus: „Es gab kaum ein wichtigeres Ereignis im Zionismus als die soeben erreichte Verständigung bezüglich der Frage, wie ein Auseinanderfallen der Bewegung in verschiedene einander bekämpfende Parteien zu vermeiden sei. Wir haben eine Dankesschuld an (liejeinigen abzutragen, die diese Verständigung möglich machten, besonders an Herrn Ben Gurion, der Zurückhaltung und staatsmänni3ohe Klugheit gezeigt hat. Das Zustandekommen dieser Einigung zeigt eine weitere große Entwicklung im Zionismus an. Ihre großen Ergebnisse kommen darin zum Ausdruck, daß der Konflikt innerhalb der Bewegung nun aufhört, die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Palästina und zwischen den palästinensischen Arbeitergruppen untereinander geregelt werden und —• last not least — die Autorität der Zionistischen Organisation und Exekutive gefestigt dasteht. Die Zionistische ^Organisation bedeutet dem jüdischen Volke das, was die Regierung irgend eines Landes ihrem Volke bedeutet; demgemäß müssen die Zionistische Organisation und ihre Organe mit dem Prestige und der Würde ausgestattet sein, für das jüdische Volk zu sprechen.“ Man kann diese Worte Brodetskys nur unterschreiben und der Hoffnung Ausdruck geben, daß sich die an den Pakt geknüpften Erwartungen auch einstellen mögen. Dazu wird es des guten Willens sowohl auf Seite der Revisionisten als auch aiuf Seiten der Linken bedürfen. Die Allgemeinen Zionisten hatten es Gott sei Dank nicht erst notwendig, mit irgend einer zionistischen Partei einen derartigen Pakt zu schließen, weil auf Seite der Allgemeinen Zionisten die leider Jn der zionistischen Organisation eingerissenen Methoden nie gebräuchlich waren und | stets mit aller Entschiedenheit abgelehnt wurden. Soll aber das Werk, das in London so verheißungsvoll begonnen wurde, nicht Schiffbruch erleiden, dann werden die Flügelparteien mit allem Ernst darangehen müssen, ihre gegenseitigen Beziehungen und ihre Beziehungen zu anderen zionistischen Organisationen neu zu regeln. Es unterliegt keinem Zweifol, daß alle Anstrengungen daraufgerichtetwerdenmüssen, der Zionisti sehen Exekutive die Autorität der selbstgewählten Regierung zu verleihen. Es besteht aber, was nicht vergessen werden darf, zwischen der Zionistischen Exekutive und irgend einer Regierung ein bedeutender Unterschied. Die Zionistische Exekutive ist das Oberhaupt einer auf freiwilliger Mitarbeit aufgebauten Organisation und die Regierung irgend eines Staates ist die Regierung einer Zwangsgemeinschaft, mit allen Machtmitteln ausgerüstet, um ihren Willen durchzusetzen. Daraus ergibt sich, daß sich die Zionistische Exekutive in einer ungleich schwierigeren Situation befindet, als die Regierung irgend eines Staates und daß sie nur regieren kann, wenn sie vom Vertrauen der breitesten Massen der Zionisten getragen ist. Es kann daher die Exekutive nur dann ersprießliche Arbeit leisten, wenn durch ihre Wahl nicht breite, arbeitsfreudige Kreise vor den Kopf gestoßen werden. Das ist ein Grundsatz, der leider beim letzten Kongreß nicht die richtige Würdigung erfahren hat und es wäre zu wünschen, daß man sich in zionistischen Kreisen daran gewöhnt, daß künftige zionistische Exekutiven auf möglichst breiter Basis zustande kommen sollen. Eine Voraussetzung hiezu ist selbstverständlich, daß die Parteien, die sich an der Bildung der Exekutive beteiligen, untereinander nicht nur in dem Wunsche einig sind, sich an der Bildung der Exekutive zu beteiligen. Es muß auch eineklare Arbeitsplattform vorhanden sein, welche unbeschadet differenzierter Anschauungen sachliche Arbeit, gewährleistet. I Das Jubiläum der Kattowitzer Konferenz r Am' 6. November 1934 (28. Marche- Schwan 5695) feiern wir zum fünfzigsten Male den Tag, an welchem sich im Saale der Bnei Brith-Loge in Kattowitz 36 D elegierte der „Chowewe Zion“ aus verschiedenen Ländern zu der ersten bedeutsamen und für die weitere Entwicklung des Zionismus grundlegenden Konferenz .versammelten. Es sei vorweggenommen, daß sich an dieser Konferenz vornehmlich Juden aus Polen und Rußland beteiligten. Kattowitz wurde nur deshalb zum Sitz der Konferenz gewählt, weil im russischen Zarenreich kein Platz und keine Möglichkeit für eine zionistische Versammlung war. Die Tagung etand unter dem Schatten hervorragender jüdischer Notablen der Judonheiit, vor allem des damals neunzigjährigen Sir Moses Montefiore, des in der Blüte seines Schaffens stehenden Historikers Heinrich G r ä t z, dos hervorragenden Berliner Oberrabbiners Hildesheimer und des in Wien lebenden Vorkämpfers des Zionismus und Schriftstellers Perez Smolensk i. Diese Persönlichkeiten, welche die Geschichte des jüdischen Volkes und seines Schrifttums in der zweiten Hälfto des vorigen Jahrhunderts beeinflußten, waren jedoch zu der Kattowitzer Konferenz nicht erschienen. Sie hatten Begrüßungsschreiben geschickt und wurden zu Ehrenmitgliedern des in Kattowitz gegründeten „Montefiore-Ver- 1> au des zu v F ör de r ung dos A ck e vbaues unter den Juden, reep. zur Unterstützung der jüdischen Kolonien in Palästina“ ernannt. Unter den Förderern der neuen Bewegung finden wir auch Namen hervorragender Juden, welchen es dann beschieden war, im späteren, um 13 Jahre jüngeren Kongreßzionismus eine besondere Rolle zu spielen. In diesem Zusammenhang sei der Name des Rabbiners Rülf (Memel) Dr. S c h ap i r a, Dozent der Mathematik in Heidelberg, des Schöpfers des Keren Kajemeth, welche auch nicht persönlich teilnehmen konnten, aber mit den Zielen und Bestrebungen der Konferenz vollkommen übereinstimmten, genannt, Schon damals hat Doktor Schapira in seinem Begrüßungstelegramm betont: „Viele Taten und wenig Worte.“ „Die Ermöglichung sicherer Einnahmequellen ist eure wichtigste Aufgabe.“ Die Namen der Teilnehmer der Kattowitzer Konferenz, die auch sonst in der Geschichte des Zionismus einen guten Klang besitzen, sind neben dem Initiator und Vorsitzenden Dr. Leo Pinsker, Dr, Chazanowioz, der spätere Gründer der großen. Bibliothek in Jerusalem, der Schriftsteller S. Rabinowicz, der Redakteur des „Hamaggid“, H. Gordon, die Rabbiner Samuel Mohiiewer, F. Friedman, Chanales, Raines, Redakteur Zederbanm, Rechtsanwalt Jasinowski, Kal isolier (Thorn), der Industrielle Wysooki, der Bankier Hildesheimer und Herr L. Schalitt zu nennen. Die weitaus wichtigsten Namen, welche der Konferenz Glanz und Inhalt verliehen und deren Ruhm begründeten, sind die de« Dr. Leo Pina- Der Londoner Pakt ist nur ein erster Schritt. Die Parteien, die beim nächsten Kongreß ihre Vertreter in die Exekutive entsenden wollen, müssen rechtzeitig dafür Vorsorge treffen, daß die Arbeitsplattform für die nächste Exekutive rechtzeitig klar Umrissen wird. Nichts wäre gefährlicher, als den Londoner Pakt zum Anlaß nehmen zu wollen, um über die schweren Differenzen hinwegzutäuschen, die zwischen den einzelnen zionistischen Gruppen in sachlicher Beziehung bestehen. Man mag sich darüber freuen, daß die zionistischen Arbeiter ihre Differenzen nicht mehr mit der Faust austragen werden. Das darf aber nicht genügen. Man muß die tatsächlich bestehenden Differenzen auszugleichen versuchen. Zwei Probleme sind es, die schonungslos, aber im Geiste der Freundschaft und'Loyalität ehestens gelöst werden müssen. Das eine Problem heißt: Union der Zionisten-Revisionisten und Zionistische Weltorganisation. Es muß endlich klargestellt werden, welchen faktischen Status die Revisionisten in der Weltorganisation haben wollen, ob sie Disziplin halten wollen oder nicht. Das ist die Prämisse für weitere Verhandlungen. Das zweite Problem, das mit dem ersten Problem verquickt ist, in gleichem Maße aber den Weltverband der Allgemeinen Zionisten interessiert, ist das Problem der Arbeiter g>e werkschaft in Palästina. Die Allgemeinen Zionisten sind gegen die Zerstörung der Arbeitergewerkschaft. Sie werden sich aber mit aller Macht dafür einsetzen, daß die Arbeitergewerkschaft entpolitisiert. wird. Von einem Monopol der Arbeifcergewerksohaft kann insolange keine Rede, sein, als nicht durch entsprechende, genau formulierte vertragliche Abmachungen eine Föderation aller Arbeitergruppen hergestellt wird, die in der Histadruth. ihr gemeinsames Heim finden. Die Leitung dieser Histadruth muß proportioneil aus den Vertretern der verschiedenen Gruppen, die ihrerseits eine gewisse Autonomie haben müssen, zusammengesetzt sein. Die oben (nach einem Bericht der Ita) wiedergegebenen Äußerungen Prof. Brok e r und Ascher Ginzburg (Achad Haam), Das jüdische Volk hat ihre Großtaten für den Aufbau des Zionismus nicht vergessen, Der Schöpfer der „A u t o e m a n z i p at i o n“, Dr. Pinsker, hat ebenso wie Theodor Herzl mit dem „Juden Staat“ den Grundstein für die theoretische und praktische Aufbauarbeit des Zionismus gelegt. Für diese erste Phase des Vorkongreßzionismus, welche mit dem Erscheinen der „Autoemanzipation“ im schrecklichen Pogromjahr 1882 (5645) ihren Anfang nimmt, ist der Ruf „nach Zion“, ebenso charakteristisch wie für die heutige Generation, in welcher die Zionsidee tiefere Wurzeln geschlagen hat. Den erleuchteten Geistern jener Zeit ist es klar geworden, daß die Assimilation der Juden nicht durchgeführt werden könne, und daß der richtige Weg zur Lösung der Judenfrage nur in der Rettung des Volkes durch die Selbstbefreiung liege. Dr. Pinsker hat in den Jahren der erreichten geistigen Reifo und Erkenntnis tief erschüttert durch die harte Lehre des Jahres 1882, den Plan gefaßt, die Judenfrage im Sinne des ewigen Volksgedankens, der Z i o n s 1 i e b e, zu lösen. Er hat, wie später Max N o r d a u, auch als Arzt am Krankenbett dos Judentums stehend, die Ursachen des abnormalen Zustandes seines Volkes erkannt; den Mangel des nationalen Bewußtseins und das Fehlen der politischen Einheit als das Hauptübel, Ebenso wie Theodor Herzl entfremdete sich Dr. Leo Pinsker in den ersten Jahren seines Schaffens seinen Volksgenossen und wuchs dann durch sein Werk zu einem Propheten heran, welcher das ganze Vr-'k aus der Lethargie wecken sollte. i I detskys scheinen uns in einem wichtigen Punkte zu optimistisch zu sein. Er bezeichnet als Ergebnis des Londoner Paktes, daß der Konflikt innerhalb der Bewegung nun aufhört und die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und zwischen den palästinensischen Arbeitergruppen geregelt werden. Dazu wäre zu sagen, daß nach den bisherigen Verlautbarungen lediglich zwischen denArbeitergruppen ein Burgfrieden geschaffen wurde. Die Differenzen aber bestehen weiter. Sie können nicht durch Friedensdeklarationen beseitigt werden, sondern nur dadurch, daß man den Kern des Übels bloßlegt, und der Kern des Übels ist die Histadruth als politisches Machtinstrument der Poale- Z i o n. Dieses politische Übel muß beseitigt werden und mit seiner Beseitigung werden viele Differenzen und Bitterkeiten, die derzeit die Organisation schwächen, ein Ende nehmen. Es hat keinen Sinn, wenn seitens der Poale-Zion und ihrer Freunde bis zum Überdruß das Märchen von der unpolitischen Histadruth aufgetischt wird. Die Histadruth ist einmal eine politische Kampforganisation der Linken. Sie ist es faktisch, nicht rechtlich, und das ist noch ärger. Es hat keinen Sinn, diesen Zustand zu tarnen. Der faktische Zustand der Histadruth ist klar erkannt und er muß geändert werden, sonst kann es keinen Frieden geben. Die Histadruth muß auch deswegen entpolitisiert werden, damit die Zionistische Exekutive, wie Prof. Brodetsky sagt, „das wird, was die Regierung irgend eines Landes dem betreffenden Volke bedeutet“. Die Histadruth ist heute eine Nebenregierung und beherrscht Palästina. Eine Partei hat alle Macht an sich gerissen. Das ist eine Quelle ewiger Beunruhigung. Dieser Zustand muß behoben werden und erst dann kann der Londoner Pakt den-Auftakt zu einer Periode des Frieden und der Erstarkung des zionistischen Gemeinschaftswillens bedeuten. Gastspiel Alex. Stein r— Jüdische Bühne, Wien, II., Prateretraße 60 (Telephon R 43-4-59). Täglich: „Die beiden Knui Lerne 1“, Komödie von A. Goldfaden. Inszeniert von A. S t e in . Pinsker sammelte die zerstreuten Anhänger der Zionsidee trotz seiner 60 Jahre mit jugendlichem Eifer und ging mit festem Entschluß zur Realisierung seines. Planes. Um eine Aussprache zwischen den Führern zu ermöglichen und die ganze Arbeit großzügig zu gestalten, war die Einberufung der Konferenz notwendig. Sie sollte eine mächtige Kundgebung nach außen sein und die Mittel zur Geulath-haarez schaffen. Da der Tagung auch eine außenpolitische Bedeutung zukommen sollte, war zunächst der Ort derselben nach Konstantinopel verlegt worden, Da jedoch sich diesem ersten Plan Schwierigkeiten entgegensetzten, " einigte man sich auf Kattowitz. Aus der historischen Eröffnungsrede der Kattowitzer Konferenz, welche von Dr. Pinsker mit großem Schwung und jugendlichem Elan gehalten wurde, möchte ich zum Schluß nur einen Satz herausgreifen, welcher für diese Konferenz ebenso wie für unsere Zeit charakteristisch und maßgebend ist: „An uns ist es, zu begieifen, daß sich jetzt, in derZeit, in der wir leben, großegewaltigeEreignisse vorbereiten. Die Zeichen dieser Zeit fordern von uns, dringend unser Werk zu beschleunigen und unsere Achtung, die uns genommen wurde, wieder zu erlangen.“ Der Kattowitzer Konferenz war kein erheblicher Erfolgbeschieden. Trotzdem bildet sie oinen Markstein in der zionistischen Geschichte. Dankbar erinnern wir uns heute der Männer, denen es gelang, die Zionsliebe wach« zuhalt an, v-i <! große Erwecket- Theodor Herzl kam. Dr. Arnold Friedinaun.