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Die Stimme · 1934-10-26 · Heft 395 (26.10.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 395 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Prdi flmr Nnmmer SO g V.b.b. Heute: Frauenbeilage Seite 6 bis 7 JÜDISCHE ZEITUNG Dein Kind soll einst euf geraden, gesunden Fußen stehen - dazu brauchen die zarten Fußknochen unbedingt eine Stotz«: Dr.Hechts Spezialeinlasen für Kinder! Führendes Fachinstitnt Bnndnqen-lMtliDlBSCh II., Taoo.Strobe 22 letephon R 4M-8S Seit 32 Jahren für den Kinderfuß spezialisiert! Nr. 395 | Wien, 26. Oktober 1934 I Redaktion und Administration Wien, KärntnerstiaBe 2b Tel. R 27-4-85 Redaktlonssohluß Montag und Mittwoch vorm |(17*Cheschwan§>695) J 8. Jahrgang Gleichheit und Gleichberechtigung Über den Empfang1 des Präsidiums der Wiener Israelitischen Rultusgeanein.de beim Bundeskanzler wind eine amtliche Mitteilung a/usgegeben, die in mehr als einer Richtung bemerkenswert ist. Wir bringen den Text der amtlichen Mitteilung an einer anderen Stelle unseres Blattes. Der Bundeskanzler bezieht sieh auf „seine bereits an anderer Stelle abgegebene n E r k 1 ä r u n g“ über dde Stellung der Juden in Österreich. Damit ist ■die Erklärung gemeint, die der Bundeskanzler gelegentlich seiner Anwesenheit in Genf, dem Präsidenten des Com.ite des Delegat dons Juives Dr. Nah um Goldmann und dem Präsidenten des Jew.ish Board :of. D;eputies. Neville La,ski abgegeben hat. Damals hat der Bundeskanzler erklärt, „daß Österreich Bürger zweierlei Grades nicht kennt. Die neue Verfassung hat den Selbstverständlichen Grundsatz absoluter Gleichberechtigung übernommen und keinen. Unterschied vor dem Gesetz und, keine Einschränkung der persönlichen ( Freiheit, es sei denn, daß solche aus Rücksicht für die Interessen des Staates und zum Schutze des Gemeinwohles gegenüber allen Staatsbürgern ohne jeglichen Unterschied wirksam sind.“ Die nunmehr dem Präsidium der Kultusgemeinde abgegebene Erklärung über die Gleichheit und Gleichberechtigung der Juden geht über die Genfer Erklärung hinaus. Weiters ist zu beachten, daß die Erklärungen ' des Bundeskanzlers an die gesetzliche Vertretung der Wiener Jüdischen Gemeinde nach einer gründlichen Aussprache erfolgt ist und damit eine Enimziation an die Juden Österreichs darstellt. Dem Bundeskanzler wurde voan Präsidenten Doktor Friedmann ein 'Memorandum überreicht, das die Wünsche und Beschwerden der österreichischen Juden enthält, und wie wir hören, hat der Bundeskanzler für das Vorbringen des Präsidiums lebhaftes und warmes Interesse gezeigt. Man kann sich unschwer ausmalen, worüber unsere Vertreter Anlaß hatten, sich zu beschweren. Da ist einmal der berühmte S c .h u 1 e r 1 a ß. Allem Anscheine nach haben die Verfasser dieses Erlasses nur seine Wirkung auf den katholischen Teil der Bevölkerung bedacht, nicht aber seine Auswirkungen auf den jüdischen Teil der Bevölkerung. Wir hoffen, daß der Bundeskanzler dieser Frage sein regstes Augenmerk zuwenden wird. Er wird dann sicher für die Gutmachung des geschehenen Unrechtes der entstandenen Diskriminierung sorgen. Das Gleiche erwarten wir' bezüglich der Beschwerden über die Hintansetzung jüdischer Ärzte in den Fonds-Spitälern, der Entlassungen von Ärzten bei der Gemeinde Wien, den Kündigungen bei Banken usw. Das muß schon ans Gründen der Gerechtigkeit erfolgen, an die wir nie verzweifeln dürfen. Der Bundeskanzler, der das schwere Werk der Befriedung Österreichs durchführt, wird nunmehr Gelegenheit haben, das ihm überreichte Memorandum, das autbentischee Material enthält, zu prüfen, geschehenes Unrecht gutzumaohen und dadurch den verkündeten Grundsatz der Gleichheit und Gleichberechtigung in die Praxis überführen. Österreich ist die Drehscheibe Europas. Was hier i geschieht, wirkt naturgemäß über die Grenzen hinaus. Das Judemproblem in Österreich j ist bei gutem Willen leicht zu lösen und wir wollen nun Taten sehen und es wird Österreichs. Ansehen in. der Welt' heben, wenn hier wirklich Gleichheit und Gleichberechtigung für alle Bürger ohne Unter- , schied herrscht. Wir wollen auf den Gej reohtigkeitssinn des, Bundeskanzlers ver- [ trauen. 1! Österreich tritt jetzt in eine sehr schwie rige Ära des Neuaufbaues ein. Die b e r u f s s tä n d i s c h e Organisation des öffentlichen Lebens, die vollkommene Umformung der Volksvertretung wird alle Kräfte des-'Staates anspannen. Die produk tive Mitarbeit der Judenscha.ft an den neuen Aufgaben ist dem Staat sicher und die Loyalität der. Juden wird ja an keiner maßgebenden Stelle in Zweifel gezogen Aber die jüdische Bevölkerung, die dem Staate immer gibt, was des Staates ist, kann erwarten, daß sie nicht durch Akte subaltern er Naturen und verbitterter deutschböhmischer oder anderer Emigranten beleidigt wird. Schließlich haben auch die Juden Nerven und sie empfinden es gerade nicht als Dank, wenn ihnen, den treuesten Bürgern, die noch nie für ihre positive Haltung zu Staat und Gesellschaft eine Kompensation verlangt haben, immer wieder die Prozentzahl unter die Augen gehalten wird. Beim Steuer zahlen wird von diesem arithmetischen Verhältnis kein Gebrauch gemacht und die Juden haben sich um die Wirtschaft des Bundesstaates Verdienste erworben, die auch der Mißgünstigste nicht leugnen kann. Der j ü d i s c he Kaufmann und der jüdische Reisende haben in den schweren Jahren nach dem Krieg der österreichischen Ware den Absatz im Ausland aufrecht gehalten. Sie haben das erfüllt, was Dr. Schuschnigg in seiner Genfer Erklärung gesagt hat: „Positive Haltung gegenüber dein Staate, die naturgemäß begleitet ist zum Willen zur Respektierung der Kultur- und Glaubenswerte der überwiegenden Mehrheit der österreichischen Bevölkerung, das Bekenntnis zu Österreich im Kriege und in der Nachkriegszeit, wird jederzeit und bei allen volle Anerkennung finden.“ Die Juden wünschen nicht jeden Tag die Anerkennung, aber auch nicht das Gegenteil. Sie wollen nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch gleich sein, ihre eigenen religiösen und kulturellen Angelegenheiten autonom regeln und mit allen Bürgern in Frieden leben. Sei den Saar Juden Von unserem Korrespondenten. Das beslbekannle Restaurant Hotel „Stefanie“ II., Taborstraße 12, Tel. R 46-5-57 empfiehlt seine relclihaltiee Speteenauswnhl Menü von S 160 an. Speisen am Rost, tag- Uob frische Fische, erstklassige Bedienung. Saarbrücken, Ende Oktober. Lange Zeit unbeachtet, dafür später um so stärker in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt, ist die Saarfrage zum Angelpunkt der europäischen, ja der Weltpolitik geworden. Bis zur Entscheidung über das endgültige Schicksal des Gebietes durch den Völkerbund (oder, wie manche befürchten, durch einen Gewaltstreich) nach dem Plebiszit am 13. Jänner 1935, sind dieses Datum sowie der .15. November, an welchem Tage der Völkerbundrat die letzten Beschlüsse vor der Abstimmung fassen soll, Schicksalstage ersten Ranges für das Saargebiet und die Welt., Am 15. November sollen die Sicherungen verschiedenster Art für den Fall der Rückgliederung des Saargebietes an Deutschland festgesetzt werden. Unter diesen Sicherungen, betreffend die Abstimmung, das Schicksal der verschiedenen Funktionäre, Verpflichtungen des Gebietes usw., soll auch die Sicherstellung der Gleichberechtigung der Juden im Saargebiet figurieren. Es ist bekannt, daß in dieser Hinsicht von jüdischer Seite (Comite des Delegations Juives, Jewisb Board of Deput.ies) der Saarkommission des Völkerbundes ein Memorandum überreicht wurde, das eine eingehende offizielle Behandlung in den Besprechungen mit Frankreich und Deutschland gefunden hat. Der ermordete französische Außenminister B a r t h o u hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß er die Forderung nach Unversehrtheit der jüdischen Gleichberechtigung für alle Fälle zu einer conditio sine qua non der französischen Haltung in der Saarfrage machen werde. Es ist also anzunehmen, daß der Völkerbundrat am 15. November im Sinne der im jüdischen Memorandum zum Ausdruck gebrachten berechtigten Wünsche beschließen wird. Wie wird nun diese voraussichtliche Garantie des Völkerbundes — auch wenn Deutschland sich zu ihrer Anerkennung bequemen wird — von jüdischer Seite im Saargebiet bewertet? Ich habe darüber mit vielen führenden, aber auch einfachen Juden an der Saar gesprochen. Am drastischesten und, wie ich selbst zu glauben geneigt bin, am treffendsten hat ein Ingenieur die Sachlage beleuchtet. Er sagte: „Wenn ich vor der Abstimmung oder kurz nachher erschlagen werde, so wird meine Witwe vor dem Abstimmungsgericht oder vor einer anderen Instanz, die nachher über die Einhaltung der übernommenen Verpflichtungen zu wachen haben wird, recht bekommen.“ Die Bewertung der vorgesehenen Sicherungen zum Schutze der bedrohten jüdischen Minderheit durch andere Personen lautete efähr: Sogar wenn der Arierparagraph ira Saargebiet — im Falle eines deutschen Abstimmungssieges — nicht zur Anwendung kommen sollte (wie in Oberschlesien), so haben die lokalen Nazigrößeu tausend Mittel zur Hand, um das Leben der Juden im Saargebiet unerträglich zu machen. Boykott, Verfemung und Terror werden unnachsichtlich zur Anwendung gelangen und man wird auch nicht vor handgreiflicher Gewalt zurückschrecken. Die Nationalsozialisten haben bereits alle. Vorkehrungen nach dieser Richtung getroffen. Der zukünftige Kommandant des saarländischen Konzentrationslagers ist bereits bestimmt, und was das bedeutet, weiß man ja zur Genüge aus dem Dritten Reich. Über die Chancen beim Plebiszit schwanken die Voraussagen beträchtlich. Im allgemeinen nimmt man an, daß die Zahl der Hitler-Gegner viel größer sein wird, als die lärmende und die .Straße beherrschende Propaganda der Nazis vermuten läßt. Wird sie aber so groß sein, daß der stätus qüo ohne Widerstand erhalten bleibt? Und vor allem, wird Frankreich in diesem Falle jede schwächliche Nachgiebigkeit von sich weisen? Wer kann voraussehen, wie sich im Jänner 1935 die allgemeine politische Lage in der Welt gestalten wird? Wir erleben ja in der letzten Zeit fast allmonatlich einen Szenenwechsel in dieser Beziehung. Wie wird Englands, wie wird Italiens Haltung* sein? So lauten die nicht präzise für den Termin Jänner 1935 zu beantwortenden Fragen. Wird Deutschland die vom Völkerbund verlangten Garantien geben? Wird es, wenn es sie anerkannt hat, sie auch respektieren? Werden Völkerbund und Großmächte im Falle einer Verletzung der von Deutschland übernommenen Verpflichtungen mit allen Mitteln die Respektierung der Zusagen und die Wiedergutmachung etwa begangenen Unrechtes zu erzwingen bereit sein? Diese skeptischen und mißtrauischen Überlegungen hört man fast aus jedem jüdischen Munde im Saargebiete. Gewiß, die „Deutsche Front“, die Trägerin der Hitler-Propaganda, befleißigt sich, im Vergleiche mit dem Vorjahr, eine robuste antisemitische Agitation zu vermeiden und verzichtet zur Zeit auf blutrünstige judenhetzerische Parolen. Sie fordert sogar die Juden nachdrücklich auf, ihr beizu treten. Drei jüdische Knechtseelen oder Narren oder Lumpen — man weiß nicht recht, wie man sie nennen soll — sind Mitglieder der „Deutschen Front“. Aber die Juden an der Saar wissen genau, woran sie bei der „Deutschen Front“ sind, die keineswegs ihren programmatischen Judenhaß abgeschworen oder ganz auf ihn verzichtet hat. Im Gegenteil! Sie hält es lediglich für angebracht, diesen Judenhaß nicht zu betonen, wie es noch vor ganz kurzer Zeit an der Saar geschehen ist. Dafür aber singen die der „Deutschen Hont“ angehörenden Nazitrupps nach wie vor bei ihren Märschen das schöne Lied: „Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, geht’s uns nochmal so gut.“ Unter diesen Umständen findet nian es begreiflich, daß von den etwa 5000 im VII., KAiSERSTRASSE (23 ★ IX., ALSERSTBASSE tf

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