Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 391 (12.10.1934)
- Date
- 1934-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054146--4546-3060176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Prel« dieser Nummer 20 g V. fe. b. Die nächste Numtrier der,Stimme' erscheint Dienstag früh! JÜDISCHE ZEITUNG i«i» mit den vorzüglichen,großen Salonschiffen der direkten Eil.lnle TRIEST-JAFFA LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mittwoch um 13 tlhr Ferner: Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Höchster Komfort Auskunft: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 6,Tel.U-47*5>60 Nr. 391 | Wien, 12. Oktober 1934 | | <3» Cheschwan $695) [ 8. Jahrgang Die Notwendigkeit gesamt- Politik Es gab und es gibt leider noch heute verschiedene Gegner einer gesamtjtidischen politischen Betätigung. Die Gründe für dieses Verhalten sind verschiedentlich. Ein Teil der Gegner, sie nennen sich mit besonderem Nachdruck Realpolitiker, meinen, daß Politik nur mit Mitteln ausgesprochener Macht getrieben werden kann. Und da die Juden weder über Waffen noch, über. geschlossene Zwangsorganfeationcn verfügen, so können sie, nach Meinung dieser Kreise, in' Wirklichkeit' keine Politik treiben und müßten sich damit bescheiden, Objekte des Geschehens, zu sein. Andere Gegner ver treten die Ansicht, daß es dem jüdischen Interesse abträglich sei, wenn die Juden offen als' gesamtjüdisclie Organisation vor die Welt treten und im Namen des jüdischen Volkes Klagen Vorbringen oder Ansprüche erheben. Diese Kreise sind der Ansicht, daß es viel ersprießlicher sei, durch indrsdduelle jüdische Beziehungen Einfluß zq gewinnen und auf diese Weise zum Beeten der jüdischen Gesamtheit zu wirken. Im* Grunde genommen vertreten diese Menschen die althergebrachte Form der Fürsp'rechwesens (Schtadlanüth), das im Mittelalter die einzige Form jüdischer, politischer Betätigung gewesen ist. Glücklicherweise hat sich aber in den letzten Jahrzehnten im jüdischen Leben eine grundlegende Wandlung vollzogen.. Jüdische Politik muß entsprechend der Struktur des jüdischen Volkes natürlich ganz anders auseehen als die Politik anderer Völker, aber auf jede politische Betätigung verzichten ist noch lange nicht notwendig. Jüdische Politik kann ihrem Wesen nach hauptsächlich nur Ideenpolitik sein, aber als solche ist sie möglich und muß mit modernen Mitteln geführt werden. Diese aber sind weitestgehende Öffentlichkeit, Mitwirkung der jüdischen Volksmassen, Organisation auf interstaatlicher Basis und unablässiges Bestreben, Subjekt der eigenen Geschichte zu werden. Diese Grundsätze, zum ersten Male in den Zionistenkongressen verwirklicht, haben das Antlitz der jüdisch-politischen Betätigung in den letzten Jahren völlig verändert. Heute sind wir Zeugen, wie Exponenten gesamtjüdisoher Organisationen im Namen des jüdischen Volkes auftreten und bei denjenigen Faktoren, welche die allgemeine Politik bestimmen, Gehör finden. Es gehörte natürlich jahrzehntelange Erfahrung und ein: Fundus von allmählich erworbenem Vertrauen dazu, bis dieser erfreuliche Zustand erreicht wurde. Wie es gegenwärtig um die jüdischpolitische Betätigung bestellt ist, lieferte die letzte Vollversammlung des Völkerbundes in Genf einen sinnfälligen Beweis. Vertreter des Comitö des Dölegations Juives und des Jewish Board of Depnt-ies wurden von den führenden Staatsmännern der Großmächte empfangen, intervenierten bei den Außenministern verschiedener Länder, nahanen von Regierungschefs Erklärungen entgegon und führte ' vor internationalen Kommissionen mit Aussicht auf Erfolg die Sache bedrohter Judenheiten. Man soll sich vor einer Überschätzung : derartiger Besprechungen und Audienzen hüten. Man darf sie aber auch nicht unterschätzen. Schließlich ist es doch keine Kleinigkeit, daß jüdische Politiker, and »war in ihrer Eigeosohaft als jüdische Politikerund nicht wegen sonstiger persönlicher in der ganzen Welt anerkannter Leistungen, von den Vertreter Frankreichs, Englands, vom Außenminister Polens, vom Bundeskanzler Österreichs, von dem Vorsitzenden der Saarkommission und von anderen politisch maßgebenden Persönlichkeiten empfangen, angehört und als legitime Wortführer eines beachtlichen politischen Faktors empfangen werden. Und dabei ist zu betonen, daß diese Aufnahme der jüdischen Vertreter im.Hinblick auf die .Zustimmung erfolgt ist, welche diese jüdischen Vertreter bei den Massen des jüdischen Volkes gefunden haben. Fast jede politische Demarche der jüdischen Vertreter in Genf war durch die Anspielung gekennzeichnet, daß .vor kurzem eine Jüdischo Weltkonferenz stattgefunden und bestimmte 'Wünsche der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht haben. Man hat in dem Vertreter .des. Comites des D616gations Juives und des Jewish Board of Deputies Exponenten der interterritorialen Judenheit gesehen, und ihre Äußerungen als die Meinungen der jüdischen Gesamtheit anerkannt. Das ist ’ bin nicht zu übersehender Erfolg, der das Ergebnis einer jahrzehntelangen jüdisch-politischen Arbeit auf moderner Grundlage darstellt. Die Anerkennung der Legitimität der jüdischen Vertreter ist auf der letzten Tagung des Völkerbundes in Genf in einigen Fällen ganz deutlich erfolgt. Ein Beispiel hiefür ist das Eingreifen im Interesse der saarländischen Juden, die aus verschiedenen Gründen außerstande sind, selbst ihre Sache zu führen. Ein anderes . Beispiel sind die verschiedenen Interventionen zu Gunsten der deutschen Juden. Ein drittes schließlich die jüdischen Aktionen im Interesse der Erhaltung des Minderheitenschutzes. Und es ist bezeichnend, daß in all diesen Aktionen nicht nur der Vertreter des Comites des Delegations Juives tätig gewesen ist, sondern daß . er sich in Gesellschaft eines Vertreters einer jüdischen Organisation befand, die bisher nicht gerade als" Anhänger demokratisch gesamtjüdischer politischer Arbeit betrachtet werden konnte. Darin kommt zum Ausdruck, daß das neue Prinzip der d e m okratisch-jüdischen Politik eine natürliche Hegemonie im jüdischen Leben erlangt hat, und abseits stehende jüdische Faktoren seinem Arbeitsmethoden zu koordinieren verstanden hat. Die Organisation der jüdisch-politischen Arbeit ist noch lange nicht restlos ausgebaut. Ein Volk, welche« über die ganze Erde zerstreut ist und bis vor kurzer Zeit jeder politischen Erfahrung entbehrt hat, kann nicht im Laufe geringer Zeiträume soweit; herangereift sein, um seine Sache mit vollendeter Meisterschaft führen zu können. VII., KAISERSTRASSE 123 * IX., ALSERSTRÄSSET Es bedarf noch großer organisatorischer Arbeit, es bedarf vor allem einer wirklich straffen ^iisamm enf assung der volksbewußten Teile der jüdischen Gesamtheit in der ganzen Welt, bevor man dazu gelangen kann, alle jene Organe zu entwickeln, die zur Führung einer zielbewußten jüdischen Politik, sowohl'bezüglich des jüdischen Nationalheime in Palästina wie auch der jüdischen Diaspora notwendig sind. Aber die Erkenntnis dieser Unzulänglichkeit darf nicht die Genugtuung trüben, die man empfinden muß, wenn man Zeitgenosse dieser Wandlungim jüdisch-politischen Leben ist, Politik ist die Kunst de« Möglichen. Man kann von ihr nicht verlangen, daß sie alle Nöte aus der Welt schafft und für alle Krankheiten des Volkskörpers Heilung finde. Es genügt, wenn sie das Erreichbare zu verwirklichen sich bestrebt und der jüdischen Gesamtheit das Bewußtsein wiedergibt, daß man doch imstande ist, im Wege der Selbsthilfe manche« Unrecht gut zu machen, Notstände zu mildem und Wege in die Zukunft zu weisen. ,s. n. Weizmann über die Maßnahmen der Mandatsregierung In der am 7. d. in Londön abgehaltenen Konferenz der englischen Zionisten hielt der gewesene Präsident der Jewish Agency, Professor Dr. W e i zm a n n, ein Expose, dem wir das Folgende entnehmen: Es ist kein Geheimnis, daß die Schwierigkeit des Erwerbs von Boden durch Juden in. Palästina immer größer wird. Es existiert da eine verwickelte Gesetzgeb u n g, und es ist schon beinahe eine Wissenschaft, eine Kunst, ein Stückchen Land zu bekommen. Die Bodenspekulation macht die Lage noch verwickelter. All da.s schraubt den Lebensindex auf eine Höhe, die in keinem Verhältnis zu dem allgemeinen wirtschaftlichen Status des Landes steht. Es ist natürlich bequem, der zionistischen Organisation oder der Mandatamiacht die Verantwortung für alle Unbill zuzuschieben; für ein Übel aber ist niemand verantwortlich zu machen: Palästina ist ein kleines Land, hier wird immer Bodenknappiheit herrschen. Als zwischen 1918 und 1921 die Schaffung eines Nationalheims erörtert wurde, waren wir uns alle dieser Schwierigkeit klar, obwohl wir uns damals ein Palästina im Westen und im Osten des Jordans dachten. Später aber ist Palästina aus irgend einem Grunde stark beschnitten worden. Sozusagen über Nacht wurde das Territorium des Landes halbiert.. (Durch den Oberkommissär Herbert Samuel. — Red.) Und nun kommen uns die gleichen Personen, die dies getan haben oder ihre Anhänger mit der Ausflucht: „Ihr werdet nicht viel machen können, Palästina ist ein kleines Land.“ Wir können antworten: Nicht wir haben es zu einem kleinen Lande gemacht. Als das Problem damals erörtert wurde, gab es nicht ein Westjordaiiland und ein Ostjordanland, die Balfour-Deklaration hatte auf Palästina wie auf Transjordanien Anwendung. Als irgend jemand die Ostgrenze erwähnte, wurde ihpi gesagt, es gebe keine Ostgrenze für Palästina, denn im Osten gehe das Land in die Wüste über. Jetzt wird die Grenze gegen Osten (die Jordangrenze, nicht die Wüste) sehr gut bewacht, aber doch nur sehr Mussolini über den Judenhaß Rom, 8. Oktober. Der italienische Rundfunk verbreitete vor einigen Tagen eine Erklärung über die Position der Juden ln Italien, die, wie man allgemein annimmt, vom Regierungschef Benito Mussolini persönlich inspiriert worden Ist In der Erklärung wird auch direkt anf die Stellung des Duce zur Judenfrage und zu der Behandlung der Judos In Deutschland Bezug genommen« (Ausführlicher Bericht im Innern des Bl.) einseitig: Araber dürfen nach' Palästina kommen, Juden nach Transjordanien aber nicht. Es ist eine Tür, die sich nur in eine Richtung öffnet. Dies hat zur Folge, daß die Kleinheit Palästinas nicht so sehr auf seine geographische Gegebenheit als vielmehr auf einen politischen Grund zurückzuführen ist. Daraus folgt: Die Juden haben einen triftigen moralischen Grund, zu sagen: Transjordanien muß der jüdischen Arbeit geöffnet werden. Die in Transjordanien der jüdischen Arbeit auferlegten B e- Schränkungen sind etwas ganz Neues im British Empire. Die Araber Transjordaniens wollen, daß die Juden in ihr Land kommen, die Araber Palästinas wollen dies nicht; so ist beinahe ein Zustand eingetreten, daß der Transjordanier sagt: Wenn die Juden nicht zu mir kommen, gehe ich zu ihnen. Ich hoffe, daß eines Tages der Jude nach Transjordanien wird gehen dürfen, es ist unvermeidlich, daß Transjordanien jüdischer Arbeit geöffnet wird. Dies wird — ich hoffe es — im Einverständnis mit den Arabern geschehen. Es werden Versuche gemacht, Palästina größer zu machen. Jeder Schiffstransport mit Juden, der im Haifaer Hafen eintrifft, stellt einen solchen Versuch dar. Ein anderer Versuch nach dieser Richtung ist die intensive Kultivierung innerhalb der engeren Grenzen des Landes. Die Natur ist. nicht ohne Großmut: Wasser quillt, wo e« nie vorher welches gab. Es