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Die Stimme · 1934-10-09 · Heft 390 (9.10.1934) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 390 (9.10.1934)
Date
1934-10-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. M - Ö, Oktober 1034 DIE STIMME MH 11 Zum 25. Todestag des Schöpfers der „Tikwah" am 9. Oktober inmnimiinniiiiiiiniiiimiiiiiiMiniHHiMiiiHiiHiiiiiiiiiiiiiiiintHnmiiiiuimiimmflmrimmitiitirirmiiiimmtmiiiimiiiiiiNiiniM NAFTALI HERZ IMBE1 ergreifende Motive bei primitiver fteimkuittl und mangelhafter Orthographie. Heute, am 9. Oktober. fährt sich zum 25. Male der Todestagvon Naftali Herz I mb er, dem Schöpfer der „T i k w <r h“. hn folgernden drucken wir am der ausgezeichntcn Essay-Sammlung „Stürmer des Ghetto“ von " Z. F. F i n k eistet n,- den Essay über Naftali Herz Imber ab. (Red.) Sogar die Bettlprga.be des Nachruhms . blieb ihm versagt. Als der todmüde Dichter vor kaum einen Jahrzehnt im Armenstüberl eines New-Yorker Spitals seine Seele aushauchte, da mochte ihm wohl die Gewißheit, unsterblichen .Ruhmes sein qualvolles Erdenloid verklärt haben. „Deinen Namen, werden alle Sprachen nach deinem Tode verkünden“, prophezeite er einst selbstbewußt in einem seiner Gedichte. Ward doch seine „Ilatikwa“ zum Sturm- und Kampfruf von Millionen. Überall, wo nur ein Judenherz schlägt, erklingen in Leid und Freud’ die majestätisch dahinrauschenden Weisen dieses Liedes, wie eän schmetterndes Jauchzen ewiger Hoffnungen. „Od lo awda.. „Viele Menschen“ .— schrieb er an der Schwelle des Alters voll bitteren Spottes -— „ergötzen sich an meiner „Hatikwa“, und gar viele Buchhändler erwarben sich durch ihren Vertrieb ein Vermögen. Aber waB habe ich nach fünfzig Jahren meines Schaffens? Ich litt und leide noch heute unter einem grenzenlosen Elend.“ In Worten geißelnden Hohnes prägte er bei dieser Gelegenheit das Wort von dem Undank des jüdischen Volkes seinen Dichtern gegenüber und gedachte voll bitterer Wehmut seines elenden Schicksals. Ruhm? Ehre? Anerkennung? Wenn er auch zeitlebens danach fast krankhaft lechzte, sie konnten ihm nicht über Not und Hunger binweghelfen. Sö‘ erwächst das Lied, , das er seiner ersten jEredÜiähtsammlung („Barkai“j voraueschickte, zur* prs.c^ütternacn Anklage eines Von Hunger^ und Elend gequälten Menschenkindes:. „Was hilft mir ein Lobspruch auf meiner .Gruft, wenn mein Leib verwest und den Würmern als Fraß dient? Gib mir, o Muse, Brot lind Hülle für den Körper — nur dies Ist mein einzig Begehren.“ („Lybat Szirati.“) Nur Erlösung aus materieller Not ist sein einzig Verlangen, denn von, seiner Dichtergröße ward dieser naive Bohömien zeitlebens überzeugt und des Ruhmes bis zur Verblendung gewiß. Dies blieb seine einzige undwohl die letzte Hoffnung. Sie verlieh Ihm unbeugsamen Stolz, trotz aller Demütigungen und umspielte dies kleine, magere Männchen, mit den langen weißen Haaren um das griesgrämige, von Runzeln 'durchfurchte Sobauspielergesicht, mit einem 'Schimmer überragender Persönlichkeit. Er war überall zu Hause und hatte nirgends ein Heim. Von seinen 54 Lebensjahren verbrachte er wohl 40 auf Wanderungen. Ein fahrender Sänger des modernen 'Judentums und ein naives Ghettoldnd, das, von der Heimatecholle losgerissen, in der weiten Welt jeden Halt verlor. Spott und Hochmut blieben ihm als einzige Waffe im harten Lebenskämpfe, bis er in Trunksucht seinen wühlenden Schmerz erstickte. Ein echtes Produkt seiner Zeit und vielleicht der letzte Ausklang der traumhaften Ghettoholden, die sich Könige in ihrem Reiche dtinkten, während sie im Leben als armselige Bettelgesellen dabinßiechten. Trotzig, zügellos, hochmütig und zu Tode gequält. Ein echter „König der Schnorrer“. * Als' der frühreife Waisenknabe nach den üblichen Lehrjahren aus seiner Heimatstadt Zloczow den Wanderstab orgriff, da gährte es schicksalsschwer in den jüdischen Volksmassen Galiziens. Wenn auch die Haskala, deren Wellen sich von hior nach Rußland und den Balkanländern ergossen, scheinbar zu versiegen begann, entbrannte in den Niederungen des jüdischen Lebens ein wütender Kampf, den einerseits in jeder Gemeinde die Anhänger der Zadddkim und der Rabbiner mit den Neuerern, anderseits jede jüdische Seele von. tausend Kulturströmungon geschüttelt, mit sich selbst auszufechten hatte. Dio .ganze Haskala Galiziens trug seit ihrem Bestand zu Beginn des 10. Jahrhunderts einen aristokratischen Wesonszug VON Z. F. FINKELSTEIN ter- und Donkerschar, die mit dom genialen Sch. J. Schonum den „Hacholez“ das Banner der Bildung entfaltet haben — waren beinahe durchwegs zufällige Erscheinungen, die ohne Anklang und Anhängerschaft jahrelang nur miteinander und mit den gegnerischen Führern den Kampf austragen mußten. Im Gegensatz zu Rußland, wo der rationalistische Bildungsdrang in breitesten Volksmassen wie ein Sturmwind emporbrauste und mit einem Ruck eine moderne — r - $ Trotz alldem muß ihm eine bahnbrechauda Bedeutung elngoräumt werden: Im b e * war der erste Romantiker in der hebräiscih’en Literatur der Neuzeit und der erste dichterische Wiederhall der erwachenden Judetwnaesen Galizien«. Hast, wanderte von New York bis nach Ko-1 ganze Dichtergeneratlon der Haskala lorado und ging schließlich mit der Aureole I Rußland vermochte nicht die eisernen eines Nationaldichters als Trunkenbold zu-1 der Bibel zu sprengen. War doch die gründe. | Haskala selbst die Rückkehr zur Bibel, deren suggestive Gewalt mit der Wucht ge- Imkers Dichtungen leiden an einem Zwle* 1 heiiligter Überlieferung jede schöpferische Spalt. Ein starkes Sprachtalent, eine glü-1 Betätigung der Juden befruchtete und nach hende Dichterseele, ein traumverlorener I ihrem Muster modelte. Sie drängte durch Schwärmer — aber herb bei allem Zartsinn, I Jahrhunderte den Schaffenden den ehernen hochtrabend bei allem Maßhalten und oft I Wortschatz und ihre epische Bildhaftigkeit ungelenkig trotz allem Formsinn. I auf und das Pathos biblischer Inbrunst Imiber schloß sich mit dem ganzen Unge-1 durchzittert das ganze Dichterwerk der stüm seiner Seele der Idee nationaler Wie-1 Diaspora. Nur selten-gelang es einem grodergebtirt an und die Zukunft des jüdischen I ßen Dichter, diesem Zwang zu entrinnen, Volkstums wurde ihm zum Born schöpferi-1 wie Moses Ihn Esra und Ben Gabirol (allerscher Begeisterung. Glühende Liebe und I dings teilweise in fremder Sprache) und Mitgefühl mit den Judenmassen, ein stetes I auch Mane, Löwinsohn, Gordon und ihre un- Zurückgreifen in die Vergangenheit und I zähllgen Nachahmer bewegten sich in fest messianische Traumspiele der Zukunft bilumrissenen Bahnen biblischen Versmaßes, den den Grundton seiner Dichtungen. Von I ihres Wortschatzes und ihrer Geffthls- Pinsker und Lilienblum. übernahm er die I äußerungen. Idee nationaler. Wiedergeburt, von der Has-1 Dem aus den niedersten Volksschichten1 kala den rücksichtslosen Freiheitsdrang und I hervorgegangenen Imber war es vergönnt, der damalige Dichterfürst J. L» Gor d o n I ganz unwillkürlich, als erster in diese Mauer ward ihm. zum Muster und Meister. Da ihm I reJigiöser Pathetlk und weltentrückter jedoch die Weite Gordonscher Gedanken I Scbeindichtung eine Bresche zu schlagen abging, bewegte er. sich in engen Grenzen und Iang.0 vor BiialiJiS }?E1 Hazipor“ durch elegischer Nationallieder, zumeist Fremeitsnajvej W6nn auch ungelenkige Volkslieder, und Kampfeslieder voll schwunghaften Gefühle des profanen Alltags zum Ausdruck Rhythmus mit pathetisch dahin rollenden | zu bringen. Ein Gedieht wie: „Meine Tränen Naftali Herz Imber Literatur in zwei Sprachen und eine Kämpferschar der wundervollen „Bilu-Bewegung“ hervorbrachte, wirkte die Haskala in den unter Elend und Bedrückungschmachtenden Volksmassen Galiziens nur unterirdisch und langwierig.; Ein 'Jahrhundert verging beinahe, ehe in den Aohtzigerjahren auch niedere Volksscharen zur modernen Kulturhöhe sich emporzuringen begannen. Politische und soziale Umwälzungen im ganzen Lande und das durch Verfolgungen aufgertittelte Selbstbewußtsein der jüdischen Volksmassen inmitten der künstlerischen Annäherungsversuche der „Agudas Achim“, mußten aufwühlend und befruchtend auf die Scharen der Talmudjünger wirken, die plötzlich aus den weltfremden Lehrstuben ins Kampfgewühl des Lebens hinausgezerrt wurden. So riß auch der wachsende Ruf nach profaner Bildung den jugendlichen „Iluj“ mit jäher Gewalt aus der Enge einer galizischen Kleinstadt. Die Lehre ward ihm zum Abgott und die Dichtkunst nach fremden Muster zum Lebensinhalt. Und da er für ein hebräisches Festgedicht einen Kaiserpveis errang, stürzte er sich, vom unerwarteten Erfolg angespornt, in die Fluten fremder Kulturen. Er trat' die Wanderschaft an, wie Hunderttausend« seiner Jugend- und Kampfgenossen, die in der neuen Lehre Verheißung und Erlösung* suchten und in der Fremde ihr Lebensglück zu finden vermeinten. Von Zloczow ging Imber nach Brody, der damaligen Eingangs- und Ausgangspforte der galizischen Haskala, und von Brody nach Lemberg, wo bereits die ersten Vorboten jüdischer Wiedergeburt sich zu regen begannen. Kaum ausgoreift unter dem flüchtigen Einfluß europäischer Bildung und jüdischer Rcnaitesanöeideen, durchwanderte ergänz Ungarn, Serbien und Rumänien, wo das Echo der eben tobenden Kriege auch die jüdischen Volksmassen aus der Erstarrung aufzurütteln begann. Konstantinopol, Jerusalem, London, New York: (lies waren einzelne Etappen seiner Wanderschaft. In Rumänien schuf er seine „Hatikwa“, in Palästina, wo er zehn Jahre verbrachte, schrieb er Lieder, die, von glühender Begeisterung getragen, noch lieuto mancherorts erklingen, in London fand er in Zangwill einen Freund und Wegweiser, durch den er in den englischen Knlturkreis eindrang, übernahm für kurze Zeit die Leitung einer englischen Zeitschrift .,Je\vish Standard“ und I Kroohmal und Rappeport, clie ganze Dich-1 in Amerika führte er ein Leben voll rasender! Weisen. Die „Hatikwa“, die zum National lied wurde, „Massat Schomron“ und „Mischmar hajarden“ gehören zu den besten. E lebt in ihnen Gordons hinreißender Schwung sind wie Regen“, mochte im Zeitalter, wo die deutsche Romantik bereits zur Vergangenheit gehörte, etwas Alltägliches und Stereotypes gewesen sein; in der hebräisohen auf, ohne dessen Wohlklang, und wenn sie Literatur der Aehtzigerjahre war dies ganz sich mitunter zur Höhe prophetischer Zor-1 neuartig und erwächst zum Vorläufer der neslieder aufschwingen, gebricht es ihnen Natur- und Liebeslieder eines Bialik untd an gleichwertiger Form. I Kiahan. Über Gordons Lieder erheben .sie sich je- Nicht als überragende Individualität und doch beträchtlich durch ihre.Unmittelbarkeit, I auch nicht als Dichter, aber um so mehr als Innigkeit und volkstümlich anmuten de I repräsentativer Typus gilt uns Imber bep Schlichtheit. I deutsam. Er war wie das Geschlecht, aus Die „Hatikwa“, das hoffnungsstrahlende dem er hervorging: rissig und brüchig, und Flaggenlied, ragt wohl als Kunstwerk nicht zeitlebens von tausend Kulturwellen geweit über das Durchschnittsmaß üblicher rüttelt, doch einheitlich als tragischer Oha' Nationallieder hervor. Jedoch durch das Faktor und höchst eigenartig* als Abbild der herzinnige soziale Gefühl, das sich hier offen-1 schiffbrüchigen Ghettoexistemzen, die der hart,-durch die allmählich auflodernde Hoff- Niedergang der haskalischen Bewegung in nung,' die aus den Tiefen der Volksseele mit j Galizien hervorbrachte, den auf schwellenden Rhythmen des Verses geradezu zur jauchzenden Lebensgier em ponvächst, wirkt dieses Land erhebend undl Aus Dümmerzeit vergehender und aufsteihinreißend. Auch „Misolimar hajarden“, I gender Kulturen, ging Naftali Herz Imber „Massat schomron“ unid die große Zahl von I hervor. Ein Maekil und doch ein vöm chaseinationaler Begeisterung getragener Lieder I dischen Mystizismus Beines heimatlichen Poweisen diese Vorzüge auf: musikalischen I dolieos durchtränkfcer Geist. Ein Verstandes' Sinn trotz brüchiger Reime, schlichten I men,sch, der den Hang steter Verneinung ii£ Volkston trotz hochtrabendem Pathos und sich trag, und ein Schwärmer, der voll jottiefes Mitgefühl fürs unendliche Leid der belnder Begeisterung sich der Bilutoöwegung, Judenmassen, trotz aller Anmaßung eines I anschloß und gegen Ostn zog; eine kindliche über den Dingen stehenden Epikers. I Dichterseele, die jeden moralischen Haltes Die „Melize“, die Phrase, die der haskali-l entbehrte und eine vom zähen Lebenswillen stischen Dichtkunst da® Gepräge verleiht, beherrscht auch Imbers Dichtungen. Für das Persönliche findet sich daher wenig Raum. Kaum einige Lieder, in denen sich die zerklüftete Dichterseele unmittelbar offenbart. Und gerade in diesen scheint seine Stärke überschäumemde Persönlichkeit. Aufbrausend, trotzig-, selbstbewußt, kleinlich bei aller Weite der Gedanken und willenlos schwankend zwischen Streben und Erreichtem. Sein Urbild war der genialische Globetrotter Salomon Malimon und seine Nachgelegen zu sein. Ein Lyriker par excelilence, I siechen noch heute dahin, im aiusvon starkem Empfindungsvermögen, ver-1 slchtslosem Kampfe, zwischen denn Erbteil fügte er im Grunde über eine recht schlaffe P011 Jahrtausenden und dein hastig erwor- Gestalbungsgiabe, und die historischen Gejbenen Kulturgut von Jahrzehnten, stalteil und Begebenheiten, die er in seinen I Der traumhafte Bachur, der, von der Gedichten zu beleben trachtete, muten uns I Mystik des Zohars erfüllt, sich unvermittelt allzu verschwommen und schematisch an. I bis Leben einer wildfremden Welt stürzt und Man wird des Gefühls einer aufgezwungenen I dem Keim einer Doppelexistenz nirgends Bürde und etwas Künstlichen nicht los, bei I Wurzel schlagen und sich nie voll aius®ualler nationalen Pathetik, zu der sich der I leben vermag, der naive Batlan, der aus den Dichter hinreißen läßt. Niederungen des Elends hervorgegangen, So oft sich jedoch Imber über die Grenzen ^}er l<ranide über .alle Welt erhaben des Nationalen hinauswagt und eigenen Ge-1 ^n*ct, bis er an der Wirklichkeit zu verfiihlen freien Lauf läßt, dringt sogleich das I hinten pflegt: all diese Merkmale, durcheiustarke Erleben seiner Dichterseele hervor. I a^der gewürfelt, kaum zur Einheit ausge- Die ganze Hetzjagd von Sehnsucht und I Sachen, unbewußt und voll nagender Un- Leidenschaft, dio ganze Tragik einer ent-1 ru^°j verdichteten sich in diesem Menschenwurzelten Ghottoseele, der bittere Groll kypus z'ur einzigartigem Golusbltite. eines ewig Ringenden und Hoffnungslosen I Eine zerklüftete, wunde Däm/merseele, die lodert hier in dem Handvoll rein lyrischer aus dem Ghetto mit einem jauchzenden Le- Gedichto empor. bensdrang von Generationen hervorstürmte Doch über all dem Dichtwerk Imbors und an seelischer Zerrissenheit zerschellte, astet allzu schwer der Schein des Gelegent-1 Wenn auch sein sturni/umbraustes Bannerliehen. Wie der fahrende Sänger, so waren lied der nationalen Wiedergeburt, als naaueli Beine Uedor. Zerfahren, unvollendot, menloses Dichterwerk in Millionen fortleben voll innerer Unruhe und Zwietracht. Schöne wird, — über den Menschen und Dichter (ledankon In ungelenkiger Form, hinreißen- Imber senkt heute >elum der Dämon der der Schwung mit einem banalen Ausklang, Vergessenheit seine tiefen Schatten.

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