Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 390 (9.10.1934)
- Date
- 1934-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Pref« dlMtf Nummer SO g. •» V. b. b. Die nächste Nummer der,Stimme' erscheint Freitag früh! JÜDISCHE ZEITUNG O-:'/V mm Die „Stimme“ bringt heute In Ihrem literarischen Teil zum 25. Todestag des Schöpfers der „Hatikwah“ einen Essay über Naftali Herz Imber von Z. F. Finkeistein i"-RSdTwtelrondAdlminlltratlonTwef^^Scärn^e^^ßrm I fcO* TiSCXtH $695) I 8* JafftTgailg Tel. R 27-4-S5. Redaktlonapohlufl Montag und Mittwoch vorm. | ___ Nr. 390 I Wien, 9. Oktober 1934 Maulkorb und Konzentrationslager Minderheiten, Saar- und Palästinamandat In den letzten Tagen weilte Doktor Hachum Gold mann, der Vorsitzende des ComiU des D4l4gaMons Juives, vorübergehend in Zürich. Im Laufe einer Unterredung über einige aktuelle jüdische Fragen machte Dr. Goldmann einem Berichterstatter der Jüdischen Pressezentral (Zürich) u. a. folgende Angaben: Die .jüngsten Ereignisse im Völkerbund bergen in sich nicht zu unterschätzende Gefahren für den Schutz der jüdischen Minderheiten in Osteuropa. Der polnische Antrag auf Generalisation 'des Minderheitenschutzes ist zwar im Völkerbund nicht dürchgedirungen, Polen 'ist aber von seiner Erklärung, die auf eine Bef reiung von der Kontrolle des Wölk erblindest in der Behandlung seiner Minderheiten hinaus läuft, nicht abgegangen. Die Zukunft ist daher ungewiß. Möglicherweise werden zwisehen den Signatarstaaten des Versailler Friedensvertrages, England, Frankreich, Italien und Japan einerseits und Polen anderseits Verhandlungen über eine Änderung der Vertragsbestimmungen, die den Schutz der Minderheiten betreffen, stattfinden. Eine solche Änderung könnte eich auf die bloße Prozedur in der Behandlung der Minderheite-Petitiionen beziehen, was die Juden kaum berühren würde, da, sie vom Recht der Anrufung des Völkerbundes höchst selten Gebrauch machen, oder aber, was gefährlicher wäre, auf den Inhalt selbst des Minderheitenschutzes. Allerdings würde eine Änderung dieser Bestimmungen als Präzedenzfall einer Revision des Versailler Vertrages auf nicht geringe allgemeinpolitische Hindernisse stoßen, und zudem bedürfte ©ine Abmachung zwischen den Versailler Signatarmächten und Polen der Zustimmung des Völkerbundsrates, auf den jene ihre Rechte bekanntlich übertragen haben. Auf jeden Fall aber müssen die Juden auf der Wache stehen. Zum Glück besteht in der Entschlossenheit, die jüdischen Minderheitsreohte zu verteidigen, zwischen allen j ü d i s c h en Gruppen volleEdnig- }t e i t. Auch die Juden Englands machen keine Ausnahme, obwohl sie seinerzeit gegen die Erstreckung des Minderheiten Schutzes in Osteuropa auf die jüdische Bevölkerung waren. Dr. Goldmann hat fast alle Besuche bei den als Delegierte der Völkerbundstagungen iu Genf anwesenden Ministern gemeinsam mit dem Vertreter des englischen Judentums, N e v i 11 e L a s k i, ausgeführt. Auch die Allianco Israölite tritt für die Verteidigung der nun einmal bestehenden jüdischen Minderheitsrechte ein. Dieser Kampf der Juden für die Aufrechterhaltung der siebetreffenden Bestimmungen der Friedensvertrüge bedeutet aber — und Dr. Goldmann und Neville Laski haben in ihrer Unterredung mit dem poinischon Außenminister Beck nachdrücklich darauf hingewiesen — keineswegs etwa einen Kampf gegen die polnische Regierung, von der auzuerkennen ist, daß sie die jüdische Bevölkerung schützt, sondern vielmehr einen Kampf für das Prinzip des permanenten Schutzes der Minderheiten (Fortsetzung au! Seite 2.) In dem deutschen Nationalzuchthauti ist über die Juden nun auch das Gesetz des Schweigens verhängt worden. Die Beleidigungen, die ihnen angetan werden, müssen sie still zur Kenntnis nehmen. Nicht einmal, ein Wort der Entgegnung, ist ihnen ge-‘ stattet. Das ist das Gebot Goebbels, und er hat mit der Ausführung bereite begonnen. Die „Jüdische Rundschau“, die eine freche Lüge eines nationalsozialistischen Provinzblattes zurückwies, wurde von Goebbels in seinem „Angriff“ aufmerksam gemacht, „ihr Platz könnte auch leer bleiben“. Dasselbe. Blatt wurde konfisziert, weil es eine Skizze von Schalom Asch abgedruckt hatte. Schalom Asch ist in Deutschland verfemt und ein Aufsatz dieses jüdischen Romanciers und Denkers darf in einem jüdischen Blatt nicht erscheinen. Daß man mit einem Juden privat nicht verkehren dürfe,' ist. vom Hamburger Israelitischen Familienblatt“ besprochen worden; weiters hatte es das für die jüdischen Jugendverbände verhängte Wanderverbot beklagt; zwei Anlässe, das. Blatt zu konfiszieren. Daneben laufen immer neue Einsohränkungsverordnungen, die in ihrer Vielfältigkeit kaum mehr zu übersehen sind. Land- und Hausbesitz ist den Juden verboten; die Handwerks- und landwirtschaftlichen Schulen sind ihnen verschlossen; aus einem Erwerbszweig nach dem anderen werden sie mit Zwang und Gewalt entfernt; das Zugeständnis, daß Frontsoldaten und Söhne von Frontsoldaten unbehelligt bleiben,, ist längst durch Geheimbefehle aufgehoben; das Martyrium der Kinder in deutschen Schulen ist nicht zu beschreiben. Synagogen werden beraubt, Friedhöfe geschändet Rechtshilfe für Juden existiert nicht mehr. Und über all das dürfen sie nicht einmal sprechen. Über den Zweck dieser deutschen Judenpoldtik liegen zwei Äußerungen vor. Die eine stammt von Hitler selbst, der einem Amerikaner erklärt: „Solange ich zu reden habe, werden die Juden ihren Einfluß nicht mehr erlangen.“ Die andere ist in einem Artikel Goebbels im „Angriff“ enthalten: „In Deutschland ist die Frage entschieden. Ob gut oder schlecht, idealistisch oder materialistisch, sozial oder asozial, der Jude ist für alle Zeiten aus der deutschen Schicksalebahn ansge,schieden worden.“ Nun ist ja der Nationalsozialismus gewohnt, in der Vorstellung .langer Zeiträume zu schwelgen von den 30.000 Jahren des Kühe bis zu (len 1000 Jahren Hitlers, und diese Fristen werden irgend einmal, noch in unseren Tagen, ihr natürliches oder unnatürliches Ende finden. Aber in bezug auf die Juden wird es wohl schon so sein, daß sie selbst bei Wiederkehr anderer Zustände in ihrer Schwäche werden verbleiben müssen. Für ihre Situation gibt cs iu der Volksstimmung ein sehr gut funktionierendes Thermometer. Die Opposition der deutschen Massen gegen die politische und wirtschaftliche Unfähigkeit des Hitler-Systems wächst ununterbrochen an und aus vielen Äußerungen der Sklavenaufseher ist zu erkennen, daß der Widerspruch sich schon sehr stark herauswagt. Jede einzelne Anordnung muß mit geballter Faust, mit dem Hinweis auf das Konzentrationslager verkündet werden; nur gegen die Behandlung der Juden hat seit März 1933, seit dem Beginn dieser glfiokliehen Aera, sich keine einzige Stimme erhoben. Die rührenden Erzählungen, die — meist von deutschen Emigranten —■ über Beweise menschlicher Solidarität zwischen „Ariern“, und Juden in Deutschland verbreitet werden,; sind Legenden, vielleicht sogar für Auslandszwecke von der Goebbelssehen Propaganda in Umlauf gesetzt. Das deutsche Volk ist durch eine seit Jahrhunderten betriebene geistige und seelische Fälschung in dem tiefsten Judenhaß befangen. Es mag der oder jener die Praxis des Mordes und des Hungertodes ablehnen — in ihrem Zweck stimmen alle ausnahmslos überein. Es ist so, daß die 65 Millionen die 600.000 Juden fürchten, und diese Judenangst ist ihnen in Fleisch und Blut ttbergegangen. Und selbst in ihrem Haß sind sie unwahr und treulos. Das Geschrei über die „Ostjudeninvasion“- ist immer eine dumme Lüge gewesen; bei dem „Umbruch“ der deutschen Seele hat sich der Sturm “zuerst und mit allem Furor teutonicus gegen die eingesessenen Juden, gegen die Intellektuellen gerichtet; die jüdischen Professoren . und Forscher, die jüdischen Industrie- und Wirtechaftsftihrer, die Ärzte, Rechtsanwälte, Techniker, Menschen, die vielfach ihre jüdische Abkunft vergessen und die ihr Bestes für Deutschland gegeben hatten, sind als die erste verjagt und erniedrigt. worden. Dann erst ist der Prozeß eingeleitet worden, der auch die jüdische Emzelpersönlichkedt auslöschen will und der über die Grenzen Deutschlands hinaus den Krieg gegen das Judentum überhaupt Wie berichtet, hat das. Unterrichtsministerium am 30. September in einer an den Wiener Stadtschulrat gerichteten Weisung eine Modifizierung des bekannten Barallelklassenerlasses vorgenommen. Das Ministerium hatte den Folgerungen Rechnung getragen, die a.us dem Erlaß gezogen wurden, obzwar sie. nicht beabsichtigt gewesen waren. Es waren' dies die Folgerungen, die in der Sitzung des Vorstandes der Kultusgemeinde am 26. September in allen Reden zum Ausdruck kamen und die dann in einer Entschließung zusammengefaßt wurden. Diese Entschließung wurde einstimmig von den Mitgliedern sämtlicher im Vorstand vertretenen Parteien angenommen. Die nachträgliche Weisung der Regierung war die direkte Folge dieser Einstimmigkeit., Die „Jüdische Presse“, das Organ einer Agudah-Gruppe, ist aber mit dieser Wendung unzufrieden. Das Blatt begrüßt, bejubelt, beklatscht den Parallelklassenerläß, sieht keinen Grund, ihn sachlich abzulehnen und freut sich über die Verordnung, weil sie die Vorstufe sei für die rein konfessionelle Schule. Dann nimmt das Blatt ein amüsantes Chaugement vor. Selbst wenn der Kampf gegen möglichen Mißbrauch durch nachgesetzte Organe gerichtet sein sollte, ist er unbegründet, wie es die inzwischen erschienene Nachtragsverordnung beweist.“ Daß diese Nachtrags- Verordnung nach ihrem eigenen Wortlaut jetzt da» Gegenteil beweist, scheint die trägt, Dieser Prozeß wäre undenkbar, wenn nicht für ihn die Indikation, di© Zustimmung der Massen vorhanden wäre, Hitler und die Seinen tun im Judenpuhkt das, was das Volk Willi; sie helfen wohl da und dort nach, durch eine neue Lüge, durch eine verwegene Fälschung, durch eine Ritualmordzeitung, durch Geld, die Stimmung für einen Exzeß reifer zu machen, aber sie bleiben immer im Rahmen dessen, was das Volk fühlt. Auch dort, wo < sie die, vorgeschützte Gegenwehr gegen, den. „jüdischen Geist“ überschreiten und mit Torturen und Schändungen arbeiten. Freilich haben sie nicht dem jüdischen* Volk, sondern sich selbst den.gelben Fleck angeheftet. Ein Nationalsozialist ist heute überall, wo er im. Ausland auf taucht, ein Gezeichneter. ■ Er ist überall Gegenstand der Überwachung durch Behörden. und: Polizei, . ein sorgfältig kontrollierter , Bazillus der braunen Pest, gefürchtet, gehaßt, gemieden. Niemand auf der. ganzen Welt traut heute Deutschlands Wort und das nicht allein wegen der Zweideutigkeit der deutschen Versicherungen, sondern wegen der, Untreue und Niedrigkeit, die in dem" Verhalten gegen die Juden zutage, tritt." Und wenn jetzt/ Goebbels „Angriff“ sich durch einen „Nazi, der nach Palästina fährt“, halbwegs objektive Berichte über das jüdische Werk in Palästina, schreiben läßt, so wissen wir alle, wie das gemeint ist: es geht um das Geschäft mit dem aufstrebenden und kaufkräftigen Juden im jüdischen Neuland. Um das Geschäft und nebenbei um Spionage und die Möglichkeit von Verhetzungen und neuen Verleumdungen. In Palästina können die. Juden, sich wehren und sie werden es tun. In, Deutschland müssen sie kuschen. „Jüdische Presse“ nicht zu erkennen, dier übrigens sich gerne eines nicht ganz berechtigten Majestätsplurals bedient. „Wir sehen keinen Anlaß, wir gehen noch weiter, wir freuen uns...“ Diese „war“ ist zunächst die „Jüdische Presse“, ein Blatt,' das nach dem Impressum in Wi en - Br a-, t i s 1 a v a erscheint, in Wien kaum eine' Auflage hat und gewöhnlich Nachrichten aus Österreich, sondern nur solche' aus dem Landstrich Bratielava-Munkacevo veröffentlicht. Dann ist dieses „wir“ jene Gruppe, gegen deren Treiben im Frühjahr eine Riesenversammlung der orthodoxen und konservativen Bethäuser und religiösen Vereine öffentlich protestierte, ist eine Gruppe, die nicht einmal ein einziges Mandat für den Vorstand der Kültusgemeinde erringen konnte. Diese „Wir“ haben gewiß nicht das geringste Recht, ira Namen des Wiener Judentums zu sprechen. Sie kommen nur dann in Betracht, wenn sie dem Judentum in den Rücken fallen und dem Gegner Waffen liefern ... ... wie dies aus der „R e i c h s p o s t“ zu ersehen ist. Das „T a g b 1 a 11 für das christliche Volk1 Österreichs“ entwickelt sich langsam zum Tagblatt für die Agudah, und so druckt es die Ausführungen der „Jüdischen Presse“ mit Wonne ab und verwendet mit besonderem Behagen bei dem Exkurs des Aguda.h-Organ«, der sich mit der Ausspracho des, Bundeskanzlers Dr, Schuschnigg mit Dr, Goldmann und Pie jüdische Reichspost-Presse