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Die Stimme · 1934-09-21 · Heft 387 (21.9.1934) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 387 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 — 21. September 1934 Dil «TIMM« s#n« r <ii <ii ,.ii BlilLAIil III. .(I .i ll>. It. T)r. Jakob Rosenthal. Bei den Palästinaauswanderern m Triest J(idisohe Wanderungen sind bereits in die Geschichte einigegangen. Seit der Zerstörung des ersten Tempels, an welchem Tage ein ganzes Volk den Wanderstab ergriff, hatte es jüdische Völkerwanderungen gegeben. Im Mittelalter bewegte sich der Strom der Flüchtlinge vom Westen nach Osten. Die Flüchtlinge vor Torq-uemedas Scheiterhaufen zogen in die Gegenden Wilhelm von Oraniens, des Verkünders der Religionsfreiheit vor 400 Jahren, aber auch in die damals offenstehenden Länder Osteuropas. Chmeinitzkyis Pogromopfer zerstoben in alle Windrichtungen. Im 19. Jahrhundert, insbesondere seinem Ausgange zu, waren es vornehmlich die überseeischen Gebiete, die dem jüdischen Leid und Elend in Rußland ein rettendes Asyl boten und jüdischen Opfern des Kischinewer Pogroms die Tore weit öffneten. Wieder einmal wird eine Hunderttausende zählende Gemeinschaft in den Grundfesten ihrer Existenz erschüttert, werden Tausende und Zehntausende gezwungen, zum Wanderstabe zu greifen. Zehntausende von Flüchtlingen strömen in den verschiedenen Ländern und Richtungen Europas zusammen, auf der europäischen Landstraße begegnen wir wieder jener alt-neuen tragischen Erfdheinuing: Dem Ewigen Juden unserer Tage. Triest/ das Tor Palästinas Laut offiziellen Statistiken haben bis nun 65.000 bis 70.000 Juden Deutschland verlassen. Davon haben sich etwa 12.000 nach Palästina, der Rest nach Frankreich, Holland, in die Schweiz, Tschechoslowakei usw. gewandt. Während die Auswanderung in die europäischen Länder größtenteils eine individuelle. Angelegenheit .der Emigranten und bestenfalls lokaler Hilfskomitees jener Städte oder Länder ist, durch die die Emigranten ziehen, vollzieht sich die Emigration nach Palästina in durchaus organisierter Form. Als Hauptdurohzugszentrum jüdischer Auswanderung gilt heute die italienische Freihafenstadt Triest. Triest, das ist das Tor Palästinas. Hier strömen nicht nur die deutschen, sondern auch die österreichischen, polnischen, litauischen und tschechoslowakischen Palästina.-Wanderer zusammen. Welche Aufgabe, insbesondere Ein Tag im Triester Palästina-Amt ist natürlich viel zu wenig, um die geradezu grandiose Arbeit dieser Einigrationsbehörde in ihrem ganzen Umfange kennenzulernen. Aber die 24 Stunden, an denen gerade die Palästina-Transporte abgefertigt werden, gewähren, wenn auch flüchtig, doch genügend Einblick in den gigantischen Apparat dieses Konsulates, eines „Staates unterwegs“. Denn das ist das Triester Palästina-Amt. Mehr als das. In einer der kleinen winkeligen, typisch italienischen Gassen, die wie ein Berg zu erklimmen ist — mit Recht nennt sie sich Viadel Monte — erhebt sich über dem Dachgewirr der kleinen Häuser ein vierstöckiges Gebäude. Am Eingang ist mit weißen Lettern auf blauem Schild das hebräische Wort „Mißrad“ (Zionistisches Amt) verzeichnet. „Misrad“ prangt auch auf der Kappe des Portiers des Hauses. Das Haus ist Eigentum der jüdischen Gemeinde Triest. Hier ist das offizielle Palästina-Amt der „Jewiish Agency“ untergebracht, wel-.' ches gemeinsam mit dem „Comitato Italiano dell' assistenza Ebrei“, dem italienischen der jüdischen Gemeinschaft der Stadt Triest, in der Emigrantenfürsorge zufällt, erhellt am besten daraus, daß nach offizieller Statistik im Jahre 1933 insgesamt 23.000 jüdische Emigranten über Triest nach Palästina erwanderten, das ist mehr als die Hälfte der gesamten jüdischen Emigration nach Palästina im abgelaufenen Jahre überhaupt. Aus Deutschland allein kamen über Triest in diesem Zeitraum 4033, aus Österreich 668,' Staatenlose, die über Triest nach Palästina fuhren, waren 1270. Hilfskomitee für jüdische Emigration, die gesamte Hilfsarbeit für die jüdischen Palästina-Emigranten durchführt. Im Parterre und in zwei Stockwerken sind eigene Schlafhallen für Mädchen und solche für Burschen aufs sauberste eingerichtet, die insgesamt mehreren hundert Personen Unterkunft bieten. Ein Speisesaal und eine ausgezeichnet eingerichtete Küche, Spielsaal, Leseraum und nicht zuletzt eine Betbausstätte, geben diesem Gebäude den Oharakter einer liebevollen Fürsorgestätte für jung und alt. Das Palästina-Amt selber aber hat, über diese Aufgaben hinaus, noch ausgesprochene Konsularagenden durchzuführen. Nächst dem Palästina-Amt in Warschau, dieser größten Jndemgemeinde Europas, ist das Triestiner Palästina-Amt für die Palästinaemigration das' bedeutsamste. IS Stunden vor Abfahrt eines PaUSslHtadampfers Das Palästina-Amt, das in den letzten Wochen und Monaten wöchentlich ein bis zwei Palästinatransporte durchführte und vor wenigen Tagen erst wieder einen Dampfer mit 1200 Palästinaeraigranten abgefertigt hatte, rüstet zum Empfange und zur Weiterleitung neuer jüdischer Emigrantenmassen. Diese zwölf Stunden, die vorangehende Nacht vor Abfahrt des Dampfers, sehen die Menschen im Triestiner Palästina- Amte in fieberhafter Tätigkeit.. Der größte Teil der Palästinaemigranten, insbesondere der Chaluzim, trifft erst am Tage vor ihrer Einschiffung in Triest ein. Es sind eigene Züge, die von Warschau und Lodz, von Bukarest und Prag, von Berlin und Wien mit Palästinauswanderern in Triest eintreffen. So eine Ankunft am Triester Hauptbahnhof ist ein Ereignis ganz eigener Art. Nicht selten füllen zahlreiche Triester Bürger an diesen Abenden den Triester Hauptbahnbof, um so Zeugen dieses Ereignisses zu »ein. Eigens hieftir bestellte Schutzleute überwachen das gesamte Gepäck der Emigranten, das direkt vom Bahnhof aufs Schiff gebracht wird. Sämtliche Ankömmlinge versammeln sich unmittelbar nach ihrer Ankunft in einem eigens für sie reservierten Wartesaal. Hier hält der Leiter des Triestiner Palästina-Amtes, Doktor G o 1 d i u, vor einem improvisierten Rednerpult postiert, eine Ansprache über Verhaltungsmaßregeln und Richtlinien vor der Einschiffung. Eine Unmenge von Fragen muß dieser Funktionär jetzt -über sich ergehen lassen. In einem zweiten Raum erfolgt die ärztliche Untersuchung durch Ärzte des italienischen Emigrationsdepartements. Ich habe die Emigrautenquarantäne im Rotterdam«** Schiffshafen und in Hamburg, in Genua und in Marseille besucht, doch nirgends sah ich solch zuvorkommende, ja liebevolle Behandlung bei den ärztlichen Konsultationen durch die betreffenden .Sohiffsbehörden, wie im Triester Hauptbahnbof. Der diensthabende Arzt, ein Jude, gleichzeitig Vertreter der italienischen Eraigrationsbebörde, meint, während an uns eine Reihe stämmiger Palästinawanderer vorbeizieht, folgendes: „Früher einmal mußte diese Prozedur sehr sorgfältig beobachtet werden, heute wissen wir zu gut, aus welchen Schichten und Ein Tag im Triester Palästma-Amt Von Scbalom Alejckem (Nach dem Jiddischen von Josef Silbermann, Wien.) Mein Name ist Orje-Lejb, man nennt mich aber allgemein Lejbel, und im Cheder hatte Ich überdies den Spitznamen „Lejb-Drejb- Obdirig“. In unserem Cheder hat einmal jeder seinen Zunamen: Motel-Kapotel, Mejr-Drejr, Mendel — das Pfändei, Chaim-Klaim, Itzig- Spitzig, Berel-Zapp... Nun, wie gefallen Ihnen die Reime? Manche gehen ja gut aus, wie Itzig-Spitzig oder Mendel — das Pfändei, aber wie sieht denn die Sache bei Berel-Zapp aus und was hat bloß Orje-Lejb mit Lejb-Drejb-Obdirig zu tun? Niemand weiß es. Wegen meines Spitznamens habe ich im Cheder viel gelitten. Doch davon ein anderesmal. Heute will ich euch aus meiner Chederzeit die Geschichte eines Ethrog erzählen. * Mein Vater heißt Mojsche Jankel und ist seit vielen Jahren in einem Werk Kassier. Sein Gehalt ist niedrig. Doch dafür erwartet Vater täglich eine Aufbesserung.., Vater sagte, daß er in diesem Jahr, vorausgesetzt, daß er eine Aufbesserung erhalten wird, sich mit Göttes Hilfe werde einen eigenen Ethrog kaufen können. Doch meine Mutter glaubte nicht an solche Wunder, nämlich an eine Aufbesserung des Gehaltes. So um die Zeit vor Rosch-Haschonoh sprachen Mutter und Vater folgendes zueinander: „Wenn sich sogar die ganze Welt auf den Kopf stellt, für die Feiertage, für Sukkoth, habe ich einen eigenen Ethrog!“ „Die Welt wird sich nicht auf den Kopf »teilen, und du wirst keinen Ethrog haken!“ „So! Das ist deine Meinung! Wie sieht es aber aus, wenn man mir eine kleine Aufbesserung für die Feiertage in Aussicht gestellt hat?“ „Dann muß man es ja sofort ins goldene Buch eintragen, daß am Ersten des Monats ,Njemalsdal sich ein Wunder ereignet hat. Wenn ich nicht daran glauben werde, bin ich auch keine arge Sünderin.“ „Glaube daran oder glaube nicht daran! leb sage dir bloß das eine, für die kommenden Sukkothtage werden wir einen eigenen Ethrog haben.“ „Amen! Von deinem Munde in Gottes Ohren!“ „Toi-toi-toi“, sagte sich der kleine Lejbel in Gedanken. Gleichzeitig malte er sich in bunten Farben aus, wie sein Vater,, einem altangesehenen Bürger gleich, mit eigenem Ethrog und mit eigenem Lulab ins Be-Medresch eintrat. Und obwohl sein Vater Mojsche Jankel stets in. der allerletzten Bank im Bethaus zu sitzen pflegte, machten ihm die Leute beim Umzug mit den Etfirogen dort Platz, wo die Leute von den vornehmsten Plätzen gingen, die Leute von der Misrachbank. Und Lejbols Herz pochte vor lauter Freude stärker. Dem Umzug voran ging stets der Vorbetor Rab Mejlech gleich einem Feldmarschall, setzte wichtig Schritt vor Schritt und hielt den Kopf stramm und steif in die Höhe, strahlte vor Freudo und sang dabei mit seiner vibrierenden Stimme. Ihm auf den Fuß folgte der Ruw, ein verhutzeltes, kleines Männchen, den Talis bis tief ins Gesicht über den Kopf geschoben. Darin kam der Dajin, ein Männchen mit pergameutfarbenera Gesicht, aber dafür recht breiten Schultern und einem mächtigen, fetten Bauch, der unter dem seidenen Kaftan kräftig hin und her schwabberte. Und nach diesen dreien erschienen die Misracli- Ieute, die Reichsten, die Obersten der Stadt, die Honoratioren, die besseren Leute: Rab Pudje, Räb Herschels, Rab Simche, Rab Jossels, Rab Aharon, Räb' Lejbels. Nachher gingen die drei Berls: Berel, der Lange, Berel, der Rote, und Berel mit der Backe. Hinterdrein stolzierte der Mittelstand: Sohaje Schlojme, der Sohn des Duwids, Wolf Chaim Bertschiks, Mendel Baruch Nachmes, Alter Minzie Pessils. Dann kam das niedrige Volk mit seinen unpoetischen Alltagsnamen, wie Mojsche Katze, Chaim Flamme, Israel Ente, Mejr Lippe, Scholem Bums, Samuel Petersilie und noch und noch. So schritt ein Angesehener hinter dem anderen, ein jeder sorgfältig nach Rang und Vermögen eingereiht beim Umzug. Es war wie bei einer Armee, wenn es zur Parade ging. Zuerst marschierte der Feldmarschall, dann kamen die Generäle, dann die Leutnants, dann die Offiziere, Unteroffiziere, Feldwebels und dann, ganz zum Schluß erst, erschien das gewöhnliche Soldatenvolk. Und Lejbel stellte sich vor, sein Vater ginge dort, wo die angesehensten Männer der Stadt gingen, weit vorn, viel weiter vorn als der Schneidor Jisroel,' der zwar ein armer Mann und ein gewöhnlicher Handwerker ist, dennoch immer vorn geht, viel früher, als es ihm nach seinem Vermögen zukommt, der auch keinen eigenen Ethrog hatte, sondern einen geschenkt bekam von einem anderen Schneider, der reich geworden war. Er erhielt vielleicht den Ethrog ganz umsonst, weil er ein so braver, so ehrlicher und ehrenhafter Mensch ist... Lejbel konnte des Öfteren die Beobachtung machen, wie sich die Männer, sobald es zum Umzug mit den Ethrogim kam, naoh yorn drängten,, während sie sieb dabei bemühten, den Eindruck zu erwecken, sie seien ganz ins Beten vertieft, ganz versunken mitsangen, dabei jedoch immer unbemerkt nach vorn blickten und aufs äußerste bedacht waren, weiter vorn, näher an den Reichen, den Vornehmen zu gehen zu kommen. Und waren sie ihrer Meinung nach zu weit rückwärts geblieben, so machten sie Beine, um ja nicht hinter einem an Vermögen und damit an Rang und Ansehen Niedrigeren gehen zu müssen. Und so manchesmal traf es sich, daß einer, der zu weit hinten marschieren mußte, nach vorn eilte und sich unbemerkt bemühte,, sich nach vorn zu drängen und eine Zeit hindurch außer der Reihe, neben dem Zuge zur Seite ging. Nachdem Lejbel vernommen hatte, daß Vater einen Ethrog für die Feiertage haben werde, konnte er die Sache nicht bei sich behalten und paukte im Cheder aus, daß sie für Sukkoth einen eigenen Ethrog haben würden. Doch keiner schenkte ihm geringsten Glauben, wie sehr er auch schwor und sein Ehrenwort gab. Wie war aber Lejbel überrascht, als er einmal bei seiner Heimkehr aus dem Cheder den Schächter Hensel mit seiner Mütze aus Napoleons großen Zeiten neben seinem Vater beim Tisch sitzen sah, während vor ihnen ein kleines Kistchen mit Ethrogim stand, deren wunderbarer paradiesischer Duft im ganzen Zimmer schwebte ... * Die Kopfbedeckung aus Napoleons Zeiten, die der Schächter Hensel aufhatte, war bei uns von dem großen russischen Feldzuge des Korsen ttbriggeblieben. Bei den Franzosen war eine derartige Kopfbedekkung wahrscheinlich schon längst aus der Mode gekommen. Bei uns - war bloß eihe einzige derartige Mütze vorhanden und die gehörte dem Schächter Hensel. Die Mütze hatte lange Gestalt, war schotalj ypxn klaffte eia kleis&c Schlito* ^111522785145012 4823485353485353532348

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