Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 387 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 — 21. September 1934 DIB STIMM! $eite 5 Wiens Judensdiaft ehrt ihre Kriegstoten r Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs“ hat letzten Sonntag am Wiener Zentralfriedhof auf den Gräbern der gefallenen jüdischen Offiziere und Soldaten, welche keinen Grabstein aufweisen, vorerst 100 schlichte Einzelgrabsteine errichten lassen. Bei der Gedenkfeier, welche zeitlich fast mit dem Datum des zweijährigen Bestandes des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Österreichs“ zusammenfällt, wurden diese Grabsteine in die Obhut der Kultusgemeinde übergeben. Diese weihevolle Zeremonie, vollzogen im Beisein von 30.000 Menschen, wird in ihrer würdigen und eindringlichen Form sicherlich jedem Anwesenden für immer unvergeßlich bleiben. Die Idee dieser Ehrung stammt von Direktor Gerson W i 111 i n. Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs“ hatte bereits in den Morgenstunden in der Stärke von drei Regimentern bei dem Zentralfriedhof Aufstellung genommen und sodann die vorgesehenen Plätze in der Allee neben dem Heldenfriedhof bezogen. Mehr als 30.000 Personen waren zu der Feier erschienen. Vor dem Mausoleum hatte sich das Präsidium der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Präsident Dr. Desider Friedmann, mit den Vizepräsidenten Dr. L öw e n h e r z und Dr. T i c h o und dem Amtsdirektor, Regierungsrat Fuchsgelb, eingefunden. Der Bundesführer des B. J. F., Hauptmann a. D. Friedmann und der Vorsitzende des Exekutivkomitees, Hauptmann der Reserve Dr. Fritz Benedikt, empfingen die offiziellen Ehrengäste. Sämtliche Behörden waren vertreten. Für den Staatssekretär für Heerwesen war Generalmajor Kleps ch-Rhoden, für Staatskommissär Fey Generalmajor Czulik, für den Stadtkommandanten Oberst P ö t s c h, für den Bundeskanzler als Reichsführer der Ostimärkischen Sturmscharen sein Stellvertreter Major a. D. Dr. von Kimmei, für den .Bürgermeister von Wien der Rat der Stadt Wien Hauptmann d. R. Dr. Jakob Ehrlich, für das Heldendenkmalkomitee dessen Präsident Generalmajor Jaschke erschienen. Alle Wehrverbände hatten Abordnungen entsandt. So war eine Abordnung der V aterländischen Front unter Führung des Wiener Landesleiters, Oberstleutnant Seifert erschienen, in Vertretung des Sicherheitsdirektors von Wien Stadthauptmannstellvertreter Oberkommiissär A rnosch, eine außerordentlich starke Deputation der alten österreichisch-ungarischen Armee, die einen ganzen Stab hoher und höchster ehemaliger Offiziere entsandt hatte. Von auswärtigen Kultusgememden waren erschienen: Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Lin®, Kommerzialrat Benedikt Schwager, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Steyr, Dr. Rudolf Schneeweiß und sein Vertreter Alfred Sohlmmerling. Wdters Vertreter der Kultusgemeinden Hollabrunn, Gänserndorf, Mödling, Groß-Enzersdorf, Wiener-Neustadt, Linz, Amstetten. Das Zionistische Landeskomitee war durch sein Mitglied Dr. P i r c kh o 1 z vertreten. Im Mausoleum selbst, das seinerzeit vom Architekten Pontzea unter Mitwirkung von Ing, Buchbinder errichtet worden ist, hatten verschiedene Abordnungen, darunter auch die Ostmärkischen Sturmscharen, Lorbeerkränze und Blumengewinde nicdergelegt. Die Obelisken, die zu den Gräbern führen, tragen die Inschrift: „Den hier ruhenden jüdischen Beiden des Weltkrieges 1914—1918 und allen in fremder Erde ruhenden jüdischen Beiden des Weltkrieges zum ehrenden Gedenken gewidmet. Der Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs.“ Eingeileitet wurde die Feier durch einen von Oberkantor Fischer und dem Chor der Kultusgemeindo unter Leitung von Kapellmeister Kurt Fuchsgelb vorgotragenon Trauerchoral. Hierauf sprach Jakob Feldhammer den von Landsturmfähnrich Alfred Winzer verfaßtort Prolog, den wir an anderer Stelle bringen, in tief empfundener Weise. Hierauf sprach der Bundesführer Hauptmann a. D. Friedmann. Er gedachte allen gefallenen Soldaten und des verewigten Bundeskanzlers Dr, Dpllfu^ welcher im Dienste des Vaterlandes gestorben ist. Er sagte weiters: „Obwohl von beruf euer Seite wiederholt anerkannt wurde, daß die Juden in keiner Hinsicht den anderen Frontkämpfern nach* gestanden sind, trotzdem tausende jüdische Kinder ihre am Schlachtfeld gebliebenen Väter betrauern, trotzdem tausende jüdischer Frauen ihre gefallenen Männer beweinen, trotzdem tausende jüdischer Mütter ihr Liebstes auf der Welt, ihre Söhne auf dem Altar des Vaterlandes geopfert haben, will das Märchen von derjüdischen Feigheit nicht verstummenl Wir sind es dem Andenken unserer Gefallenen schuldig, jeder solchen bewußt falschen Ausstreuung und Verunglimpfung unserer Ehre, von welcher Seite sie kommen möge, kämpfend zu begegnen und sind überzeugt, daß wir in diesem Kampfe um Wahrheit und Gerechtigkeit von allen gutgesinnten Frontkameraden, in denen noch der altösterreiohische Kameradschaftsgeist lebt, unterstützt werden. Kameraden, die Ihr Euer Leben dem Vaterland geopfert habt, durch Euren Tod habt Ihr den stärksten Beweis jüdischer Vaterlandstreue geliefert, Ihr habt gleichberechtigt mit allen anderen gekämpft. Ihr seid gleichberechtigt mit den anderen Gefallenen als Helden gestorben! Gleichberectigung im Sterben, auch Gleichberechtigung im Leben!“ Dann ertönte das „Gebet vor der Schlacht“, und nun hielt Oberrabbiner Dr. Feuchtwang die Gedenkrede, in der u. a. ausführte: „Der Boden, auf welchem wir stehen, ist heiliges Erdreich. Für alle, die in dieser 1 Weiheatunide hier versammelt sind, um das Andenken der jüdischen Brüder zu ehren, die für unser Vaterland im Kriege gestorben sind und für die der „Bund jüdischer Frontkämpfer“ vorläufig hundert Grabsteine errichtet hat. Nicht als etwas Besonderes möchte ich es bezeichnen, daß so viele jüdische Krieger ihr Leben dem Vaterland geopfert haben. Es ist selbstverständlich und liegt im Wesen jüdischer Religion und Weltanschauung. Zeugen sind diese Grabdenkmäler für jüdische Tapferkeit und hingebungsvolle Liebe zur Heimat. Kein Mißklang soll diese Stunde entweihen, und wir wollen schweigen über das schwere, große Unrecht, das der Judenheit trotz ihrer Blutopfer und Hingebung im Kriege und nach dem Kriege widerfahren ist. Friedenszeugen sollen diese Gräber sein. ,Frieden den Nahen und den Fernen* künden sie. Nicht nur Gräberfrieden steilen sie dar, sondern für die Lebendigen sollen sie sprechen. Wie dieser leuchtende blaue Himmel uns allen leuchtet, wie diese blendendo Sonne uns alle erquickt, so bindet uns e i n Schicksal, e i n Erleben. Nicht um sich von den Kameraden loszulösen haben die jüdischen Frontkämpfer ihren Bund begründet, sondern zur Ehre und zum Ruhm der Judenheit, die sich so oft verkleinert, zurüokgesetzt und ungerecht beurteilt sieht. Auch diese Gründung soll ein Friedenszeichen sein. Nicht folgen wildem so geläufigen Wort: ,Si vis pacem, para bellum*, sondern ich sage: ,si vis pacem para pacem*. ,Willst du den Frieden, dann bereite ihn mit Eifer vor.* Ihr Wanderer, die Ihr diese friedliche, heilige Stätte betretet, geht hinaus in die Welt, wo tauserido Gräber gefallener Söhno des Vaterlandes sind, jüdischer und nichtjüdischer, und kündet: Ihr habt uns hier liegen gesehen, wie das Gesetzes befahl. Euch, jüdischen Frontkämpfern, sei herzlich inniger Dank für das Licbeswerk dargebraoht, das Ihr den toten Kameraden erwiesen habt; das ist ein wahres Liebes werk, für das diejenigen danken können, denen es zuteil geworden ist. Frieden den Nahen und Fernen. Der Allbarmherzige gebe den Fernen den ewigen Frieden, doch auch den Nahen, Lebendigen, Euch allen, die Ihr hier versammelt seid in Liebe und Gnade. Er segne unser geliebtes Österreich, zu dem wir unerschütterlich stehen in tiefster Treue und für das wir jetzt wie immer jedes Opfer zu bringen bereit sind und waren; er erfülle das Herz des Regierenden mit Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit. Gott erhalte, Gott beschütze Österreich!“ Hierauf ergriff der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann das Wort zur folgenden Ansprache: „In tiefer Ehrfurcht stehen wir vor diesen Gräbern, mit Stolz zählen wir die Helden des Weltkrieges, die ihre letzte Ruhe gefunden haben, zu den Unser«, mit denen wir in liebevoller Dankbarkeit verbunden sind. Sie fielen als Söhne Österreichs, sie brachten Leben für Österreich als Opfer dar. Und deshalb ist uns ihr Andenken ein teures Vermächtnis, das den kommenden Geschlechtern und Zeiten zu überliefern, wir als unsere heilige Pflicht erachten. Sie kämpften für eine bessere Zukunft in der Hoffnung auf den Anbruch einer neuen Zeit des Friedens, die nach Überwindung der Leiden und Schrecken des Weltkrieges in! der Versöhnung der Völker und im Abbau des menschlichen Hasses ihr Ziel suchen und finden würde. Sie ließen ihr Leben in der Überzeugung, daß nach dem ungeheuren Verhängnis, das der Weltkrieg über alle Völker gebracht hat., die Nachwelt den Weg zurtickfinden werde zur geeinten Zusammenarbeit im Dienste der idealen Güter und der Wohlfahrt der Menschheit. Ihre Hoffnung, die auch die unsere war, hat die Nachkriegszeit bitter enttäuscht. Wiederum wird der Geistesunfrieden sichtbar, und selbst das Erleben des gemeinsamen Leids und die treue Kameradschaft in den schwersten! 'Schicksalsstunden vermochten heute eingewurzelte Vorurteile nicht zu beseitigen. Viel Gutes ist in Vergessenheit geraten, viel Böses wieder auferstamden. Freundschaften haben sich gelockert, Gegensätzlichkeiten sind erstanden. Aber trotzdem sind wir alle, in welchem Lager wir auch stehen mögen, in einer Erkenntnis einig, irt der Erkenntnis unserer Pflicht zur Dankbarkeit für jene, die für ihr Vaterland das Beste gegeben und ihre Pflicht bis zum Äußersten erfüllt haben. Mögen diese Steine Marksteine sein, die den Weg weisen abseits von Haß lind Zwietracht für eine Zeit des Friedens^ der Gerechtigkeit und der Liebe.“ In Vertretung des Ministers Fey sprach sodann Generalmajor Czulik v. Thurya: „Wenn wir der Kameraden gedenken, die in der Kampffront den Heldentod starben, dürfen wir jener nicht vergessen, die der Qual der Kriegsgefangenschaft, die solchen und der menschlichen Grausamkeit und Unvernunft ziun Opfer gefallen sind. Es war ein stilles Sterben, ein langsames, schmerzhaftes Hinsiechen, bis der zermürbte und entkräftete Leib zusammenbrach, und bis er seine Ruhe in einem Grabe fan3, das seino Kameraden geschaufelt hatten, die selbst dem Tode entgegen gingen. Diese ihrer Angehörigen, die den Ort nicht kennen, aber dio Erde ist überall des Herrn. Heilig: ist jedes Grab. Ihre Gräber sind daher Heiligtümer, denn sie umschließen Märtyrer einer großen Idee, das Leben dem Vaterland, der Heimat und dem Volke zu opfern. So mögen denn die Grabsteine, die heute in treuer Kameradschaft vom Bund jüdischer Frontsoldaten errichtet wurden und die hier in dieser Stunde ihre Weihe gc-f undeh hata nicht nur der Erinnerung au dis oxxxxxxxxxxxxxxxxx>eeeeo*xg Dev Pvolo^ Anläßlich der jüdischen Gedenkfeier sprach Dr. Jakob Feldhammer folgenden ergreifenden, von Alfred Winzer verfaßten Prolog: Wir neigen unser Haupt in ernster, stiller Demut End öffnen unsre Lippen gläubig zum Gebet: Denn unsre Herzen sind erfüllt von tiefster Wehmut, Da sie vom Hauche der Vergänglichkeit umweht. Seid mir gegrüßt, Ihr toten Kameraden, Die in der Blüte Eurer Lebenskraft, Hoch wandelnd auf des Schicksals Sonnenpfaden, Vom Todesengel jäh hinweggerafft. Nun liegt Ihr da in ewigkaltem Schweigen, End keine Heldenbücher Minden Euren Ruhm. Doch Eure nie vernarbten Todeswunden zeugen Für treu erfüllte Pflicht und Heldentum. Ihr habt ln Reih und Glied mit uns gestanden, Im Kugelregen felsenhart und treu. Doch während wir dem Tode uns entwanden, Traf Euch das mitleidslose, tbdessprüh'nde Blei. Ihr toten Brüder, toten Kameraden, Ihr toten Helden einer großen Zeitl Ihr ruht in zwiefach stplzen Ruhmes Gnaden: Helden der Heimat und der Judenheit. End wenn man unsre Judenehre schändet, So schätidet man, Ihr Helden, Euren Ruhm. End wenn man, von des Zettgeist's Haß verblendet, Ens schmäht, so schmäht man Euer Heldentum! Dann steigt Ihr aus den Gräbern, Kampfgenossen, End rechnet mit den Endankbaren ab: „Seht, auch für euch ward unser Blut vergossen, Für unsre Heimat sanken wir ins Grab!“ — ihr toten Brüder, tote Kameraden, Ihr toten Helden, einst der Heimat Hort: In unsren Herzen, schmerz- und grambeladen, Lebt Ihr als Stolz des Judentumes ewig fort. — Wir neigen unser Haupt in ernster, stiller Demut End öffnen unsre Lippen gläubig pim Gebet: Denn unsre Herzen sind erfüllt von tiefster Wehmut, Da sie vom Hauche der Vergänglichkeit umweht. — OXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXi