Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 382 (28.8.1934)
- Date
- 1934-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG ■■■.in aiHVnMHHHHMHnnBgBnni Nr. 381 | Wien, Z8. August 1934 | Rasiere dich gut and billig Qualitdts- Fnbrlkat Ueberall erhältlich Redaktion und Administration! Wien, i. Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4*85. Redaktionsschluß Montag und Mittwoch vorm. (17. Elul 5694) 7. Jahrgang Hitler-Deutschland und Sowjet-Union m. w. Genf, 23. August. Bei der Erörterung der jüdischen Lage in den einzelnen Ländern beschäftigte sich die Jüdische Weltkonferenz besonders ausführlich mit der Frage'der Juden in Deutschland und Sowjetrußland. Die Frage der Juden Deutschlands hat auf der vorjährigen Weltkonferenz einen beherrschenden Platz eingenommen, und da sich die Verhältnisse in Deutschland nicht geändert haben, ist es erklärlich, daß man diese Frage wieder in den Mittelpunkt stellte. Mit den Juden in Sowjetrußland haben sich jüdische Tagungen der letzten Jahre nur im Hinblick darauf beschäftigt., daß man eine Protestresolution gegen die Vergewaltigung der jüdischen Religion, der hebräischen Sprache und die Unterdrückung des Zionis mus in der Sowjetunion fassen werde. Mau knüpfte an die Debatten über die Juden in Sowjetrußlanid und an die Protestresolutionen nicht die Hoffnung, daß man ein zu reichendes Mittel finden könne, die Sowjetgewaltigen zu einer Änderung ihrer Haltung zu bewegen. Die Behandlung der Judenfrage in der Sowjetunion auf jüdischen Tagungen hatte somit in erster Linie die Bedeutung, die Existenz dieses Problems der Welt immer wieder in Erinnerung zu bringen und darzutun, daß man im Weltjudentum an das Schicksal der in der Sowjetunion lebenden Juden nicht ver gossen habe. Auf der III. Jüdischen Weltkonferenz verfolgte die intensive Behandlung der deutschen und sowjetrusisischen Judenfrage nicht nur dekorative Zwecke. Es ist begreiflich, daß jüdische Tagungen viel Zeit darauf verwenden, Klagen vorzubringen, wie schwer das Schicksal der jüdischen Gesamtheit in vielen Ländern der Welt ist. Der Leidende hat immer das natürliche Bedürfnis, sein Weh in die Welt hinauszuschreien. Darum konnte auch die jüdische Weltkonferenz nicht umhin, in Referaten die traurige Lage der Juden, besonders in Deutschland und in der Sowjetunion, ziu schildern. Sie widmete aber diesen Äußerungen ihres Schmerzes keinen übertrieben breiten Raum, sondern zog die Maßnahmen in Erwägung, die geeignet scheinen, eine Linderung der schweren jüdischen Lage herbeizufü'hren. Bezüglich Deutschlands, das sich Argumenten der Gerechtigkeit unzugänglich erweist, nützen Appelle nichts. Der deutsche Rassenantisemitismus ist dermaßen verbohrt, daß er eis als schwerste Kränkung der deutschen Interessen betrachtet, wenn man ihm seine Stumpfheit und Unmenschlichkeit vorhält. Hitler-Deutschland, das auf dom Gewaltprinzip basiert, hat nur für Macht Verständnis. Das wirksamste Machtmittel jedoch, über welches die Juden verfügen, ist die unerbittliche Anwendung eines gegen Deutschland gerichteten Boykotts. Darum gipfelten die Vorschläge zur Hilfeleistung für die deutschen Juden in der erneuten Bekräftigung des iim Vorjahre von jüdischer Seite gegen das Dritte Reich proklamierten Boykotts. Man weiß im jüdischen Volk, daß das Hitler-Regime in dieser Beziehung sehr empfindlich ist, und daß eine Ernüchterung in dor Judenfrage nur dann eintreten kann, wenn der von den Juden proklamierte und von alle» J\>rtsohrfttsfreiuniden geförderte Boykott seine Wirkung geübt haben wird. Der Rückgang des deutschen Exports, im letzten Jahre durch den Boykott wesentlich gesteigert, beweist, daß hier der Angelpunkt liegt, von dem aus der Starrsinn der deutschen Machthaber zu wandeln ist. Die Berichterstatter der einzelnen Boykottkomitees bewiesen an Hand von sorgsam zusammengestellten Statistiken, wie ergebnisreich die Aktionen dieser Komitees gewesen sind. Wenn Hitler-Deutschland sich der irrigen Hoffnung hiugegeben hat, daß der gegen den deutschen Export gerichtete Widerstand aus wirtschaftlichen Gründen bald zusammenbrechen werde, so hat es sich gründlich getäuscht. Eine noch straffere Zusammenfassung der über die ganze Welt gespannten Boykottorganisationen soll in der nächsten Zeit sich nicht nur darauf beschränken, vor dem Bezug deutscher Waren zu warnen, sondern wird es sieh angelegen sein lassen, vollkommen gleichwertige Ersatzbezugsquellen nachzuweisen. Dieser Kampf gegen Deutschland soll nicht zur Ruhe kommen, bis das Dritte Reich das an den Juden verübte Unrecht gutgemacht hat Was das Problem der in der Sowjetunion lebenden Juden anbelangt, so schien der Weltkonferenz jetzt der Zeit punkt gekommen zu sein, in welchem man sich nicht mehr darauf beschränken darf, Protesterklärungen abzugeben. Die Sowjetunion nähert sich in ihrer Außenpolitik der westeuropäischen Welt. Es ist nur eine Frage der Zeit, ob sich Rußland dem Völkerbund anschließen wird. Als Mitglied des Völkerbundes kann sieh Rußland nicht mehr so unnachgiebig gegenüber der öffentlichen Meinung verhalten wie in den verflossenen Jahren. Es wird sich Vorstellungen, die es bisher weit von sich gewiesen hat, zugänglicher zeigen. Die Sowjetregierung ist keineswegs antisemitisch und verfolgt sogar jede Äußerung des Judenhasses in ihrem. Herrschaftsbereich mit unerbittlicher Strenge. Anderseits aber zeigt sie sich sowohl hinsichtlich der historisch gewachsenen jüdischen Kultur wie auch bezüglich der jüdischen Religion, des Gebrauches der hebräischen Sprache und des Bekenntnisses zum Zionismus von unnachgiebiger Härte. Bei der Durchführung ihres Wirtschaftsprogrammes nimmt sie auf die nnn einmal vorhandene Tatsache der besonders gelagerten] den Kleinstädten der Sowjetunion selbst nicht für eine kurze Übergangszeit Rücksicht. In diesem Verhalten liegt ein unbegreiflicher Widersinn. Denn die Befolgung der jüdischen Religionsgebräuche, die Unterweisung in der hebräischen Sprache, das Bekenntnis zum Zionismus und eine in allmählicher Entwicklung sich vollziehende Liquidierung verschiedener bisher von der verarmten jüdischen Masse ausgeübten Berufe können doch die Staatsprinzipien Moskaus nicht gefährden. Wenn es auch nur zum Teile gelingen kann, und nur nach sehr vorsichtiger Fühlungnahme und außerordentlich mühseligen Verhandlungen, die Sowjetregierung von der den Juden gegenüber bisher praktizierten Ungerechtigkeit zu überzeugen, so darf man dennoch keine sich bietende Möglichkeit außer acht lassen, mit dem Sowjetregime in Kontakt zu kommen. Die Konferenz hat es unterlassen, erneut gegen das an den Juden der Sowjetunion verübte Unrecht Protestresolutionen zu beschließen. Ohne jedoch im geringsten für das Sowjetregime selbst Verständnis aufbringen zu wollen und ohne die leiseste Absicht, den Sowjetgewaltigen bei ihren Bestreben zur Erlangung der Salonfähigkeit im Völkerkonzert behilflich zu'sein, dürfen die Juden, nach Meinung der Weltkonferenz, wenn die Sowjetregierung in normale Beziehungen au den Kulturmäohten getreten ist, aus Ressentiment gegenüber der bolschewistischen Ordnung an ihre Brüder in der Sowjetunion nicht vergessen. Es ist zunächst noch fraglich, ob diese Erwägungen überhaupt oder in absehbarer Zeit in das Stadium der Realisierbarkeit treten können. Die Probleme der Juden in Deutschland und in der Sowjetunion sind die zwei Pole der jüdischen Diaspora. In Deutschland vernichtet das dortige Regime den jüdischen Menschen, behauptet aber, dessen Judentum im allgemeinen unangetastet zu lassen. In der Sowjetunion erklärt man, daß man den jüdischen Menschen retten wolle, zerstört aber zunächst das Judentum. In anderen Ländern mit antisemitischen Bewegungen sind Mischzustände dieser polaren Systeme zu beobachten. Zium Verständnis der Gesamtlage des jüdischen Volkes in vielen Ländern der Welt ist es notwendig, sich die jüdische Situation in Deutschland und in der sozialen Schichtung von Millionen Juden in1 Sowjetunion vor Augen zu halten. Der jüdische Soldat in der Moschee von Constantlne - eine Lüge Gegen die Behörden werden schwere Vorwürfe wegen ihrer Duldung der Vorbereitungen zu diesen zu diesen Ausschreitungen erhoben. Aus B o n e in Algerien wird mitgeteilt, daß es dort wiederum zu einem Angriff von Arabern auf Juden gekommen ist, und daß ernstere Zwischenfälle nur durch das schnelle Dazwischentreten der Polizei verhindert worden sind. Die Atanosphäro dort ist sehr gespannt. Wie endgültig festgestellt wurde, sind bei den Pogromen in' Algier 46 Juden umgekommeex. Paris, 26. August. (Z. T. A.) In einem in Paris eingetroffenen offiziellen Bericht des jüdischen Konsistoriums aus Constantlne wird mit aller Entschiedenheit in Abrede gestellt, daß ein jüdischer Soldat sich in der Moschee von Constantlne in einer die religiösen Gefühle der Mohammedaner verletzenden Weise betragen und damit die Unruhen provoziert hat. Es wird festgestellt, daß es sich um einen wohlvorbereiteten Plan zur Plünderung des JtLdieoliaa yjflrfcflla Dr. Viktor Jacobson gestorben 8?Äi;5iPiES Bern, 23. August. (Z. T. A.) Dr. Victor Jacobson, der hervorragende zionistische Politiker, ist in Bern, wo er sich vorübergehend aufhielt, plötzlich von einem Unwohlsein befallen worden und kurz darauf an Herzschlag gestorben. Dr. Victor Jacobson wurde im Jahre 1869 in Simferopol (Krim) geboren. Er gehörte seit dem Dritten Zionistenkongreß dem Aktionskomitee an. Im Jahre 1906 wurde er Leiter der Beiruter Filiale der „Anglo Palestine Company, 1908 politischer Vertreter der zionistischen Organisation in Konstantinopel, wo er zugleich die Leitung der „Anglo-Le vantine Banking Co.“ übernahm. Auf dem neunten Kongreß wurde Jacobson in das engere Aktionskomitee gewählt. Nach Ausbruch des Weltkrieges übernahm er zusammen mit Motzkin die Leitung des Kopenhagener Büros der zionistischen Organisation. Seit 1931 war er Vertreter der Exekutive der Jewish Agency beim Völkerbund in Genf. Im Jahre 1933, beim Prager Kongreß, wurde er zum Mitglied der Exekutive gewählt. Das mit dem Namen Jacobson verknüpfte „Kqpenhagener Manifest“ vom 25. Oktober 1918 trägt den Titel „Die Forderungen des jüdischen Volkes“ und lautet u. a.: „... In dem Friedeneinstrument muß dem jüdischen Volke gesichert werden: 1. Die Festsetzung Palästinas in den durch geschichtliche Überlieferung und durch politische und ökonomische Notwendigkeiten bestimmten Grenzen als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes sowie die Schaffung der für den ungehinderten Aufbau dieser Heimstätte notwendigen Vorbedingungen; 2. die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern; 3. die nationale Autonomie auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet für die jüdische Bevölkerung der Länder jüdischer Massensiedlung sowie aller anderen Länder, falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt... An dem Tage des Friedensschlusses, durch den die Menschheit sich der Verwirklichung des jüdischen Ideals der Völkerversöhnung und des ewigen Friedens nähern will, muß das 2000jährige Martyrium des jüdischen Volkes, das als eine Schuld auf dem Gewisser aller Nationen lastet, gesühnt und wieder gutgemacht werden., Das jüdische Volk muß in den Bund der freien Nationen als gleichgestelltes Glied eintreten.“ Das Begräbnis Dr. Jacobson ißt seinem Wunsche gemäß in Gen f beigesetzt worden. Das Begräbnis hat am Sonntag, den 26. d. M., auf dem Friedhof in Genf ßtattgefundon.