Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 380 (21.8.1934)
- Date
- 1934-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 20 g V. f>. b. ',/■// i; .1 i' JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 38o | Wien, Ms August 1934 f Rasiere dich aut und 111119 OMcIMl Qual itüts- Fabrikaf Ueberall erhältlich Redaktion und Administration Wien, Kärnlneratiaöe 2t» Tel. R 27-4-86 Redaktionsschluß Montag und Mlttwooh vorm- (SO. Elul 8894) I 7» Jahrgang Englands Judenpolifik Aus dem Hauran und aus dem Drusengebiet sind in den letzten Monaten illegal etwa 50.000 Araber nach Palästina gekommen. Sie haben bei den Juden Arbeit gefunden und etwa 30.000 bis 40.000 Pfund an ihre Familien geschickt. Das sind amt* liehe Angaben französischer Grenzorgane, und sie stehen in einem scharfen Widerspruch zu den Behauptungen des englischen Mandatsberichtes an den Völkerbund, der die illegale arabische Einwanderung mit etwa 1400 Personen bezifferten und hinzufügteu, daß diese Araber das Land bereits verlassen hätten. Während also die jüdische Einwanderung noch unter der von der Jewish Agency begehrten Grenze gedrosselt wurde, ist ein starker arabischer Zuzug erfolgt, derausschließlich aus Arbeitern besteht. Im Mandatsbericht und im Unterhaus hat die Regierung erklärt, sie müsse die Einwanderung gemäß den Bedürfnissen der Wirtschaft auf lange .Sicht regulieren und könne keine Arbeitslosigkeit zülassen. Die Entscheidung über diese Angelegenheit müsse dem Oberkommissär überlassen bleiben. Darin liegt ein sehr starkes Vertrauensvotum für den Oberkommissär, zugleich wird aber auch Front gemacht gegen die Einwendungen der zionistischen Stellen, die den Bedarf an „Händen“ auf etwa 50.000 Personen berechneten, also genau die Zahl, die dann aus dem Hauran und dem Drusenland zugewachsen ist. Der englische Bericht wird durch die Tatsachen dementiert. Das arabische Element wird gestärkt, der jüdische Arbeiter depossediert, die jüdische Einwanderung eingeschränkt und zugleich so nebenher das Volksvermögen um einen ansehnlichen Betrag vermindert. Dabei ist dem Land, das heißt der jüdischen Bevölkerung eine 2^-Millionen-Pfund-Anleihe aufgehalst worden, deren Zinsendienst und Amortisation der jüdischen Arbeit zur Last fällt. Es handelt sich bei dem arabischen Zuzug um eine illegale Zuwanderung. Sie hat, wie man aus den französischen Angaben ersieht, eine Höhe erreicht, die bei der jüdischen „illegalen“ Wanderung nie zu konstatieren war. Es wurde schon wiederholt hervorgehoben, daß es zumindest strittig ist, ob bei Juden, die ja Palästina mit Recht als ihr Nationalheim anseben dürfen, überhaupt von „illegaler Einwanderung“ die Rede sein kann. Wer hat das Gesetz aufgestellt? Dich nur die Mandatsregierung. Aber es ist weder eine Zustimmung des Völkerbundes noch eine solche der Jewish Agency erfolgt. Wenn aber schon in Palästina „autoritär“ gearbeitet wird, so müßte doch gleiches Recht oder sagen wir gleiches Unrecht geübt werden. Werden 2000 Juden zurttckgewiesen, einige dreißig sogar in den Kerker gesteckt, so dürfen nicht 50.000 Araber eingelassen worden. Und da es sich um Arbeiter handelt, so bekommt diese-Toleranz einen besonders ranzigen Beigeschmack. Es sind jüdische Arbeitsposten, die besetzt werden, und die regulierende Behörde, die auf der einen Seite in entrüsteter Legalität den Hahn, schließt, und auf der anderen Seite in wohl wollender Bonbomio ihn zu schließen vergißt, geht darauf aus, das jüdische Werk zu stören, die iuneren Spannungen zu benützen und ihrer Politik der Kleinlichkeit und der Nadelstiche den Anstrich der Gesetzlichkeit zu geben. Wenn ein Parlament eingerichtet werden sollte, dann wird man es sogar erleben, daß diese Dinge durch demokratischen Mehrheitsbeschluß sanktioniert werden. Und so muß mail sich nicht wunderu, daß auf arabischer Seite sich Bestrebungen regen, nach ihrer Methode mitzuwirken. Arabische Pfadfinder überwachen Küste und Landgrenzen, um Juden am Eintritt zu hindern. Wahrscheinlich ist den Leuten die gute Idee von jenen deutschen Offizieren eingegeben worden, die sich derzeit um die Erweckung der Seele des Orients bemühen, und ihren antijüdischen Kampf ins jüdische Land tragen wollen. Es ist ein ganz absonderlicher Zustand eingetreten. Das jüdische Volk, das in Europa mit Tod und Vernichtung bedroht wird, sieht sein vom Völkerbund feierlich anerkanntes Recht, sein Land zum Nationalheim auszugestalten, gerade von jener Macht erschüttert, die-zu seiner Vertretung bestellt worden ist, und ihm: helfen soll. Gerade England ist .es, das. -$ie schwersten Barrikaden über den Weg häuft,, das eine von jedem Gesichtspunkt aus unverständliche Politik ■ treibt, diedie arabi1 „Renasterea“, das Blatt der Jüdischen Reickspartei, bringt eine Botschaft des französischen Außenministers und früheren Ministerpräsidenten Louis Barth ou an die 111. Jüdische Weltkonferenz in Genf Das eigenhändige Schreiben Barthous lautet: „Es gibt für einen Jüdischen Weltkongreß keine nützlichere, keine wichtigere und keine edlere Rolle, als die menschliche und gesetzliche Gleichheit aller Religionen und aller Rassen zu proklamieren. Es ist peinlich, darauf zurückkommen zu müssen nach der Emanzipation, die das Werk der Französischen Revolution gewesen ist. Aber die Ereignisse fordern es, und es ist nötig, die Zivilisation zu retten vor der rückläufigen Bewegung, die sie bedroht. Möge der Jüdische Weltkongreß zur Vernunft und zum Herzen der Welt sprechen. Seine Stimme wird gehört werden. — Louis Barthou.“ Vom 26. bis 28. d. findet.in Krakau eine außerordentliche Konferenz dee Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten statt. Dieser Tagung wird für das Gosaratsohicksal der zionistischen Bewegung eine große Bedeutung zukommen. Der Parteikampf hat im Zionismus, Formen angenommen, die das ohnehin schwache Gefüge der zionistischen Weltorganisation zu sprengen drohen. Gerade in einer so schweren Zeit ist die straffe Organisierung einer allem Extremen abholden Gruppe notwendig. Die Flügelparteien werden nicht imstande sein, auch wenn sic den guten Willen haben sollten, zu einem Burgfrieden zu gelangen, sehen Begehrlichkeiten unterstützt und das Vertrauen des hochkultivierten jüdischen Volkes mit geringschätzigem Achselzucken abtut. Nun ist das Judentum heute weniger als je in der Lage, diesen Zustand zu ertragen. Es ist nichtnur in Europa, sondern auch in Afrika, in Amerika angegriffen, sieht eine neue Wanderung entstehen, in der Menschen und Werte zugrunde gehen. Das Judentum kann aus Selbsterhaltungsgründen nicht darauf verzichten, alles an die Erringung der Eigenstaatlichkeit zu setzen. Heute sind alle Richtungen des Judentums daran interessiert, daß der zionistische Lösungsversuch nicht unmöglich gemacht wird, und deshalb wird die jüdische Weltkonferenz, die heute in Genf zu tagen beginnt, ein freimütiges und lautes Wort zu sprechen haben. Das Geschick des jüdischen Volkes darf nicht von dem Willen der Palästinabürokratie abhängen. Die - jüdische Weltkonferonz tagt atn Sitze des Völkerbundes,- undsie Der ehemalige französische Minister Senator Justin Go dar t, Präsident des französischen Pro-PalästinarKomitees, hat aus gleichem Anlaß das folgende Schreiben an die „Renasterea" gerichtet: „Die bevorstehende Sitzung in Genf wird eine historische Aufgabe zu erfüllen haben. Sie fällt ln eine Zeit, d a d e r großartige Versuch des Zionismus Gefahr läuft, dnrch jüdische Zwietracht zersplittert zu werden. Diese Versammlung darf nicht nur Waffenruhe, sie muß dleElnhelt schaffen. Man streitet sich nicht auf der Baustelle, ohne daß der ganze Bau darunter leidet Die Ehre Israels verlangt es, daß dieser Bau sich reich erhebt, zu gleicher Zeit Tempel der Tradition und Heim der freien and würdigen Arbeit, einer befruchtenden Arbeit, die eine Leuchte ist, wo, ohne zu erlöschen, ewige Hoffnung und kraftvoller Wille strahlen. Justin Godart.“ wenn nicht eine starke Mittelgruppe vorhanden ist. Diese Mittelgruppe würde aber ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie bei dem einen oder bei dem anderen Flügel Anlehnung suchen sollte. Sie muß vielmehr unabhängig nach links und rechts sein und die Interessen des ganzen Volkes unter Ablehnung jedes Klaesenkampfes vertreten. Diese Aufgabe kann nur der Allgemeine Zionismus lösen, wenn er sieb konsolidiert. Es ist ein Widerspruch in sich selbst, wenn sich der, allgemeine Zionismus in Gnippen spaltet, deren gesonderte Existenz nicht einzusehen ist. Es gibt in jeder Organisation ein Zentrum, einen linken Flügel und einen rechten Flügel. Dieser Tatbestand darf aber nie so weit führen, daß er nach außenhin in Erscheinung tritt, weil man sonst von einer Organisation überhaupt nicht sprechen kann. Das Grundübel im Allgemeinen Zio nismus besteht darin, daß ein Teil meini nach links Anlehnung suchen zu müssen, während der andere Teil die Anlehnung nach rechts sucht. Das widerspricht den' Sinn und dem Geist des Programmes dei Allgemeinen Zionisten. Die kommende Tagung des Weltverbande - wird daher nur dann grundlegende Bedeu tung haben, wenn es gelingt, die Aruppen / und B endgültig zu verschmelzen, die gesamte allgemein-zionistische Jugend z;i einem Verband zusammenzuschließen, .ei;: einheitliches Programm nicht nur aufzu . stellen, sondern in der Praxis durchzueetze; und vor allem die innere Disziplin zu. gc; währleisten. Darüber hinaus muß der Allgemeine Zionismus, wie er es in Österreich tu;., propagandistisch wirken und systematisc: darauf ausgehen, die Majorität zu erreiche! wie ihm dies bereits in Österreich gelunge. ißt. Wenn die kommende Weltkonferenz dihier aufgestellten Prinzipien beschließt, uu ihnen tatkräftig zum Durchbruch .verhili dann wird die zionistische Weltorganisatic j nicht mehr das Bild einer trostlosen Zerklü I tung bieten und an ihre eigene Reform mii Erfolg schreiten können. Eines muß aber klar sein: Der Allgemein; Zionismus wird nur dann auf die Dauer ei- Mr-htfaktor bleiben, wenn er praktische- Zionismus in dem Sinne betreibt, daß di Allgemeinen Zionisten jenen billigen Zion;- muß aufgeben, der sich nur in Diskussione ■ und Geldansammlungen offenbart. In drletzten Nummer der „Stimme“ hat ei > Jugendlicher mit Recht darauf hingewiese; . daß die Arbeiterpartei so stark ist, weil s: in Palästina stark ist, Die Allgemeinen Zicnisten müssen daher eine starke chaluzisci. . Alijah aufweisen und für ihre Chaluzim i > Erez sorgen. Das tun die Linken. Wenn ma sich in Palästina zwei Kibbuzim aneielr einen dürftig und einen glänzend ausgt statteten, dann kann man sicher sein, da; der gut ausgestattete Kibbuz poale-zioni stisch und der schlecht ausgestattete allgr mein-zionistisch ist. .Der Weltverband de Allgemeinen Zionisten und seine Landet gruppen muß daher ein eigenes, entsprechen! dotiertes Referat einrichten, dem die Für sorge unserer Chaluzim anvertraut ist. Man wende nicht ein, daß diese löblich ' Absicht an Geldmangel scheitern wird. Di Allgemeinen Zionisten müssen sich nur a1 den Gedanken gewöhnen, daß sie nie!;' immer für die Jugend anderer Organisationen sorgen müssen, sondern zunächst für ihr*- eigenen Kinder, und das Geld wird da sein Eine der vernehmlichsten Aufgaben de Allgemeinen Zionisten muß die Sorge fii den sogenannten kleinen Mittelstand sein Auch kleine Kreddtkassen können große1 leisten. Es gibt also viel zu tun, man mu!‘ es nur den Allgemeinen Zionisten begreii lieh machen. Sie müssen ihre Minderwertig keitskomplexe abreagieren und nicht mein die Melkkuh für die anderen Parteien sein. Wir wollen hoffen, daß in Krakau ganze Arbeit gemacht werden wird. Man darf aber auch nicht verzagen, wenn dort kein großer Erfolg erzielt werden sollte. Gut Ding braucht Weile, und nur der Allgemeine Zionismus kann die zionistische Organisation retten. Weltverband-Tagung der Allgemeinen Zionisten iiiiiiiiiiiiiiiiiiiM^ ...... muß sich an den V.ölkerbttnd wanden Barthou und Oodarf an Genf* iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii