Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 378 (14.8.1934)
- Date
- 1934-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Kummer SO g V« tf« b. mr:- JÜDISCHE ZEITUNG Rasiere dich gut und hlllig SAKS Osferreiclilsclies QuQltäts- Fabrikot Ueberall erhältlich Kr* 379 I Wien, 14. August 1934 Redaktion und Administration Wien, >. Kärntnerstraße 2b Tel. R 27-4-85 Redaktlonssohluß Montag und Mittwoch vorm. I (3. Elul 5894) | 7- Jahrgan' Big Brieftasche des Bundeskanzlers Die Julirebellion der österreichischen Nationalsozialisten ist nun reif für die gerichtliche Liquidierung geworden. Jeder einzelne Prozeß ist ein Pinselstricb zu dem Bild der Bewegung, die sich, wie sie immer verkündet, als geistige, seelische, kulturelle Befreiung des deutschen Volkes gibt und sogar mit Ethik hausieren geht. In jedem einzelnen Prozeß kommt so ein Stück nach dem anderen ans Sonnenlicht, und man ist seihr wohl imstande, zu erkennen, wer die sind, die das Antlitz des deutschen Volkes neu formen und sogar die Menschheit reformieren wollen. Einige Kleinigkeiten greifen wir heraus: Am Pyhrnpäß wurde ein verwundet auf der Erde liegender Schutzkorpsmann erstochen; in Kärnten suchten SA.-Leute in den Raiffedsenkassen nach ihren Schuldschemen; in einer oberösterreichischen Stadt stand in einem Hotel eine Festtafel mit ■ Champagner zur Siegesfeier bereit; im Wiener Bundeskanzleramt wurde ein hoher Beamter, den man für einen Juden hielt, mit Fausthieben und Kolbenschlägen . über die Stiegen getrieben. Das Bild wird noch deutlicher, wenn man das Verhalten der Angeklagten beachtet. Diese Revolutionären lügen, daß sich die Balken biegen. Kein Kommunist würde so kläglich vor den Richtern stehen. Die Leute, die das Bundeskanzleramt stürmten, hatten die Hakenkreuzbinde in der Tasche und warteten nur auf das Signal von der Ravag her: „Alles auf die Straße!“ Sie wußten, um was es sich handelte. Aber vor dem Militärgericht schwören sie, einer „beim Leben meiner Mutter“, daß sie an eine legale Aktion im Auftrag des Bundespräsidenten geglaubt hätten. Ein einziger stand zu seiner Tat, Otto Planetta, der Sohn eines Polen und , einer Tschechin. Jeder erzählt von einem Unbekannten, der ihn aufgefordert hat, mitzumachen. Als ob sich jeden Tag jeder von einem Unbekannten zu einer Schießerei überreden ließe. Und außer den gierung“ — Gewehre, sogar Maschinengewehre zur Hand, gingen in den Kampf und — waren plötzlich ohne Führung. In den Dörfern klebten hochtönende Proklamationen über die Ergreifung der Macht, Juden wurden ausgewiesen, Pfarrer als Geiseln verhaftet, auf dem Turm der evangelischen Kirche in Leoben stand ein Maschinengewehr — alles vorsorglich angeordnet, auf hundertprozentigen Erfolg gestellt, und alles plötzlich, noch in der Entwicklung — verleugnet und im Stich gelassen. Eine Gesellschaft von feigen Memmen, von Idealisten, die ihr Ideal, wenn’s ernst wird, abstreiten, das sind die Leute, die sich berühmen, die Geschichte der Welt zu wenden! Jetzt ist's keiner gewesen. Und als der Mißerfolg vollendet war, erschien der Brief an Papen. Und wie haben diese Leute sich selbst betrogen! Sie rühmen sich, die beste Organisation mit dem besten Nachrichtendienst —* lies Spionage zu besitzen, und sie beteuerten, drei Viertel. der Bevölkerung Österreichs sei nationalisozialistisch, Volk und Exekutive aufs Hakenkreuz eingeschworen, und die Arbeiterschaft warte nur auf das Signal zur Erhebung. Auf diese Information hin stellte München den Plan auf; Hause. Nur — die nationalsozialistischen Führer rannten davon. Das Detail, das alles charakterisiert und so alles zusammenfaßt, was geschehen ist, sei wiederholt: dem toten Bundeskanzler wurde die Brieftasche gestohlen. Man far. sie dann an dem Ort, wo die Rebellen en waffnet worden waren... Gefahr in Tunis? . Tunis, 12. August. (Z. T. A.) Hier wird befürchtet, daß die algerischen Unruhen auch auf die Mohammedaner in Tunis übergreifen könnten. Es werden entsprechende Vorbeugungsmaßnahmen getroffen. Die feindselige Stimmung manch' Kreise der mohammedanischen Bevölkern’ kommt in Beschimpfungen der Juden zi Ausdruck. Aus Sfax werden eini kleinere Zwischenfälle infolge der erregt Atmosphäre gemeldet. Neuer Knrs in Danzig Danzig, 12. August. (Z. T. A.) Wie der Präsident des Danziger Senats mitteilt, ist als Spitzenvertretung der Danzlger Wirtschaft ein. sogenannter Wirt* s e haft sr a t ins Lehen gerufen worden, der genau 90 wie eine neu m schaffende Handelskammer, nicht mehr nur durch Nominierung, . sondern auch aus Wahlen hervorgehen soll. Damit hat Danzig, das zu allererst zahlreiche Wirtscbaftsexperimente des nationalsozialistischen Programms übernommen und durchgeführt hat, und zwar aber das Volk ging nicht mit, die Exekutive bevor man sich in Deutschland an diese tat ihre Pflicht, die Arbeiter blieben zu Dinge herangewagt hat, auch als erstes wieder das Führerprinzip in der Wirtschc. V abgelegt. Die Abkehr Danzigs von dem natioii; sozialistischen Parteiprogramm, deren l sache in der Notwendigkeit lag, m , PoI.en zu einer . Verständlgu 1 . zu gelangen, tritt am stärksten in C r Tatsache zutage, daß der Senat in cU .• Wirtschaftsrat auch jüdische Kaufleute 1 . rufen wird. Ein jüdischer Getreidegroßka: mann, der insbesondere auch mit Poleu av gedehnte Handelsbeziehungen unterhält, i.1 bereits als Mitglied in den Wirtschaftsr~’ nominiert worden. Pie Sondermfotion des Herrn von Papen Herr von P.a p e n wird in dieser Woche Wien seine Beglaubigung überreichen. Nach dem Wortlaut jenes bekannten Briefes Hitlers, der ohne Verständigung Österreichs veröffentlicht wurde, kommt Papen in einer Sondermission nach Wien. Er soll das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich verbessern. So hieß es wenigstens noch am 27. Juli, als der ermordete Dollfuß noch aiuf Unbekannten sind da noch die Führer, die l der Bahre lag. Hitler selbst hat diese Sontapferen SA.-Leute, die Garn- und Gruppenderaufgabe iu einer ungewöhnlichen Form und Standartenführer, die geloben, „für das ausgesprochen und hin zugefügt, daß der Programm mit ihrem Leben einzusteihen“. Sie sind sämtliche, als es brenzlich wurde, über die Grenze ins Heilige Deutsche Reich gezogen. Dort ist das Morden frei... Auch der Kopf der Sache, der berühmte Herr Kunze, hat das Wiener Caf6 rasch verlassen, als die Siegesmeldung ausblieb. Er ist in Deutschland und läßt seine Leute in Wien allein vor dem Gericht. Und wie verhält sich die Partei, die Zentrale der Bewegung? Eine halbe Stunde nach Ausbruch des Putsohes gehen schon von München ans die Meldungen: das Volk Ut aufgestanden...! Aber nach 4 Uhr nachn*ittags wurde die Berichterstattung immer elegischer. Und am 26., als alles schon entschieden war, rückt Goebbels im „Angriff“ mit einem hörbaren Ruck ab: . „Die Täter sind nicht Nationalsozialisten, es sind entlassene Soldaten des Bundesheeres, die sich für ihre Entlassung rächen wollten.“ In Steiermark, in Kärnten waren Geheimsender aufgestellt, die die Münchener Befehle ausbreitoten, Hunderte von jungen Leuten hatten plötzlich — in dem Grazer Prozeß ist ausigesagt worden, „zum Schutze der Re* Gesandte ihm selbst unterstellt bleiben werde. Dies hatte einiges Aufsehen erregt, da sonst ein Gesandter, dem Außenminister untersteht. Berlin wollte eben andeuten, daß der Wiener Posten nicht vom Reichskanzler, sondern vom Osaf besetzt wird. Inzwischen hat der Tod Hindenburgs einer möglichen diplomatischen Komplikation vorgebeugt. Hitler hat sich zum Reichspräsidenten gemacht. Er ist in sich selbst Triumvir und instruiert als solcher den auswärtigen Vertreter. Er hat ja seinen Wunsch zu erkennen gegeben, den Zwist mit Österreich beizulegen. Die Welt hat sich daran gewöhnt, nach jeder Äußerung Hitlers raitzuteilen, daß sie seinem Wort glaubt; das ist auch jetzt geschehen und zur Bekräftigung dieses Vertrauens stehen noch immer vier kriegsstarke Divisionen an der Brennergrenze. Man muß gerechterweise dem so viel beschäftigten Reichspräsidenten, Reichskanzler und Osaf zubilligen, daß er nicht von allem wissen kann, was in Deutschland geschieht; es ist ihm also entgangen, daß eine Woche lang auf allen deutschen Sendern die schmutzigsten Beleidigungen öster- Gemeinheiten über Dollfuß und Lügen über die Meutererprozesse verbreitet und sogar in englischer, französischer und spanischer Sprache dem weiteren Ausland hörbar gemacht wurden. Der Reichspräsident weiß nichts davon. Es ist ihm auch wahrscheinlich nicht bekannt, daß der „Völkische' Beobachter“ einen Artikel eines englischen Journalisten gefälscht hat; der Herausgeber dieses Blattes weiß nichts davon und es bleibt ihm verborgen, ,daß seine edelsten Absichten in ihr Gegenteil lungewandeit werden.- Er will den Frieden mit Österreich, den Frieden mit aller Welt überhaupt; ja er ist in der Erkenntnis der Realitäten so weit vorgedrungen, daß er sogar die Grenzen des Versailler Vertrages, annimmt, daß er sogar auf Kolonien verzichtet. Er will Frieden und eine der Bekräftigungen seines Willens ist die Entsendung Papens nach Wien, zugleich ein Dank an den hauptsächlichsten Wegbereiter des Dritten Reiches, Die beiden großen Männer ’ haben einander viel verziehen; Hitler hat die Marburger Rede vergessen; Papen geht darüber hinweg, daß ihm am 30. Juni seine treuesten Mitarbeiter weggeschossen worden sind und er selbst den Verhören der Geheimen Staatspolizei ausgesetzt war, obzwar er noch Mitglied des Kabinetts war. Er schlägt sich’s aus dem Kopf, daß er in eine lächerliche Situation geraten war; vom Lächerlichen zum Erhabenen ist ja auch nur ein Schritt, und so legt Herr von Papen den Weg vom 30. Juni bis zum i. Juli zurück; das sind zwei Daten, die in untrennbarem Zusammenhang miteinander stehen und nun auch noch durch die Pers des Sondergesandten ihre äußere Verbi düng erhalten. In der Politik muß man < zeigen, daß man so und daß man au anders kann. Das erweist sich an Her : Papen. Noch vor Marburg hat er in Bresl ■ eine Rede gehalten, in der er sich mit d<« «• Schicksal der Juden auseinandersetzte. A er noch’Kanzler war, hat er versichert, d ■ auch bei einem Sieg des Natiöüalsoziaiism: Leben und Recht der Juden in Deutschlai;« > nicht angetastet werden würde. Als <; Vizekanzler war, sagte er in Breslau, d.. i doch nur der überstarke Einfluß des Juden tums in Wirtschaft und Kulturleben auf d : > ihrer Zahl entsprechende Maß zurückgefüb r wird; was sonst erzählt wird, das sin; Greuelerfindungen. Er konnte ja jeden Tr in den Zeitungen, die in Deutschland nicht - ohne behördliche Bewilligung schreibe-«• dürfen, die Boykottverordnungen, d Morde, die Vertreibungen der Juden lesen: er als Kanzler saß ja in dem. Reichskabine bei den Beratungen über die Gesetzgebung bezüglich der „Nichtarier“. Das Gesetz üb«.r die Herstellung des Berufsbeamtentums t-rii* apch seine Unterschrift. Aber für Bresla . hat er sein besseres Wissen zurückgestel i und sogar die Ritterlichkeit in dem Ver halten gegen die Juden gerühmt. Hat etw«« das nationalsozialistische System alle Juden erschlagen oder aus dem Reich gejagt. Etwa 400 sind tot, etwa 60.000 abgewan dert. Noch immer ist über eine halbe Million Juden in Deutschland. Nicht nur in Breslau, auch im Saargebiet, dessen Kommissär Herr von Papen