Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 377 (10.8.1934)
- Date
- 1934-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 DIE STIMME Nr. 67 - 10. August 1934 daß die Bewegung diese Angelegenheiten wirklich als die ihren empfinden kann; aber die Leitung einer Bewegung kann niemals das willenlose ausfuhrende Instrument eines Massendiktats sein, sondern muß wirklich leiten. Die Leitung muß die Situation übersehen; die Leitung muß genau wissen, was sie für notwendig und richtig hält; die Leitung muß in den entscheidenden Angelegenheiten der Bewegung Gelegenheit geben, wirkliche Entscheidungen zu treffen, und diese Entscheidungen müssen die notwendigen Vollmachten für die Leitung enthalten, Detailfragen im Sinne der getroffenen AUgemeinentscbeidung zu regeln. Das kann eine Leitung nur, wenn sie homogen ist und auf ein scharf umrissenes Programm gewählt ist. Das soll keine allgemeinen Phrasen enthalten, sondern genau angeben, was die Exekutive auf den verschiedenen Tätigkeitsgebieten in der kommenden Arbeitsperiode durchzuführen gedenkt. Ich bin daher auch nur dann für eine Koalitionsexekutive, wenn sie auf ein derartiges Programm gewählt und daher programmatisch homogen ist. Eine Koalitionsexekutire, in der die Mitglieder nur als Parteirepräsentanten gehen, um sich in der Exekutive gegenseitig die Vertretung der Parteiinteressen soweit es geht unmöglich zu machen, ist ärger als wertlos. Natürlich ist der Kongreß zu groß und zu schwerfällig, aber wenn man den Schekel handel abschaffte, würde er schon von selbst kleiner werden, und im übrigen hängt es vor allem von der Vorbereitung des Stoffes seitens der Exekutive ab, ob ein Kongreß arbeitsfähig ist oder nicht. Wenn sich die führenden Kreise der Be wegung nicht des Gedankens entschlagen, daß die Gesundung der zionistischen ürgani sation nur durch die Austreibung des Revisionismus möglich ist, werden wir der Katastrophe nicht entgehen. Ich halte die Außenpolitik, die der Revisionismus auf eigene Faust führt, für unzulässig und außerdem für töricht. Ich verabscheue seinen Geist und seine Methoden. Aber seine Politik ist eine Reaktion auf die Verzichtpolitik einer ganzen Serie von Exekutiven, und vor allem auf die Verwässerung der zionistischen Ziele; und sein Faschismus, ohne Zweifel eine Assimilation an herrschende politische Modeströmungen, ist nicht weniger eine Reaktion auf eine andere und frühere Assimilation an herrschende politische Modeströmungen, nämlich sozialistisch-marxistische. Es ist mir klar, daß es nach einer so langen Entwicklung der Dinge nicht möglich ist, diese Assimilationszüge aus dem Zionismus zu entfernen, und es ist mir ebenfalls klar, daß der Arbeiter in Palästina, in einem Kolonisationsland ein noch wichtigerer Faktor als anderswo, seine Interessen zu vertreten hat. Gefordert muß aber werden, daß alle Sonderbestrebungen den rein zionistischen Erfordernisen untergeordnet werden. Und diese Forderung wird nur dann zu verwirklichen sein, wenn zwei Bedingungen erfüllt werden. Erstens muß endlich einmal eine klare 'Abgrenzung zwischen den Befugnissen der zionistischen Organisation und denen des Jischuws, zwischen den Befugnissen der zionistischen Exekutive und denen des Waad Leumi geschaffen werden. Nichts hat die Verhältnisse im Zionismus so schwer vergiftet wie die Tatsache, daß zur Austragung natürlicher wirtschaftlicher Gegensätze in Palästina die Parteien in der zionistischen Organisation als Kampfinstrument mißbraucht werden. Nichts hat den Frieden in der zionistischen Organisation so schwer gestört als die Tatsache, daß die Histadruth faktisch die Stelle der zionistischen Palästina-Exekutive eingenommen hat. Es ist jetzt um so mehr Grund vorhanden, die Kompetenzen scharf abzugrenzen, da die zionistische Organisation längst nicht mehr die Instanz ist, die die Palästina-Kolonisation leitet. Sie ist nur — was sie eigentlich gar nicht sein sollte — eine kleine Unternehmerin unter vielen anderen. Ob es jetzt noch möglich ist, sie zu der Instanz zu machen, die wirklich leitet und nicht unternimmt, muß dahingestellt bleiben. Aber der jetzige Zustand ist unhaltbar. Anderseits ist es unhaltbar, daß der Waad Leumi und die zionistische Exekutive miteinander, gegeneinander, durcheinander zionistische Außen politik führen. Das ist die Aufgabe der zionistischen Exekutive, und der Jischuw darf in dieser Politik nichts anderes als das Instrument der Exekutive sein, eines der In strumente. Die zweite Angelegenheit ist die des Schekels. Ich will mich jetzt nicht bei den schweren Korruptionserscheinungen aufhalten, die das Schekelsystem hervorgebracht hat Und wenn alle Zionisten Engel wären, hätte sie dieses System korrumpieren müssen. Aber darauf ist schon oft hingewiesen worden. Ich will mich jetzt auch nicht bei der Fiktion aufhalten, daß der Zionismus, der Judenstaat unterwegs ist, und darum jedem Juden, der es wünscht, Wahlrecht zum Zionistenkongreß geben muß. Der zionistischen Organisation fehlt genau alles, was für einen Staat charakteristisch ist, und wenn man doch so tut, als ob sie einer wäre, muß das natürlich zu den phantastischen Unmöglichkeiten führen, vor denen wir stehen. Ich will nur nebenbei daran erinnern, daß nicht die Zionisten über die Linie der zionistischen Arbeit entscheiden, sondern die aufgehetzte Gasse, die zu den Kongreßwahlen mobilisiert wird. Wesentlich für die Frage der inneren Befriedung ist jetzt das folgende. Wenn zur Kongreßwahl nur der Zionist berechtigt ist, der sich in fester Mitgliedschaft dem Zionismus verbunden hat, der für den Zionismus gearbeitet hat, der seine Probleme kennt, dann wird der assimilatorische Einfluß der Umgebung und ihrer Tagespolitik auch nicht ganz auszuschalten sein, aber dann wird es doch leichter sein, rein zionistische Fragen zum Gegenstand der Wahlentscheidung zu machen. Und umgekehrt ist es nur dann möglich, eine Kongreßwahl mit antimarxistischen und antifaschistischen Losungen zu machen, wenn man sich an eine zionistisch kaum interessierte jüdische Gasse wendet, die um so tiefer in don Gegensätzlichkeiten der nichtjüdischen Tagespolitik verstrickt ist. Ich weiß sehr wohl, daß ganz Polen entrüstet aufschreit (ich fürchte, auch unsere Freunde unter den Allgemeinen Zionisten), wenn man vorschlägt, das Kongreßwahlrecht auf eine festo Mitgliedschaft der zionistischen Organisation zu basieren. Und doch ist keine andere Wahl, wenn man die zionistische Organisation erhalten will. Natürlich gibt es auch noch die Frage der Landsmannschaften (und sie liegt mir gewiß sehr am Herzen), aber auch deren Lösung wird einfacher, wenn die feste Mitgliedschaft als Basis des Kongreßwahlrechtes eingeführt ist. Der umgekehrte Weg dürfte zu Enttäuschungen führen. Heute ist die zionistische Organisation (sie verdient eigentlich nicht den Namen einer Organisation) nur, wie es unlängst in einem Eingesendet der „Jüdischen Rundschau“ ganz richtig geschrieben wurde, eine Dachorganisation von Zionisten, die politisch anderwärts festgelegt sind, und, wie ich hinznfügen möchte, von dieser anderen Festlegung beherrscht werden. Die technische Basis dieses Zustandes ist das Schekelwahlrecht, Es muß beseitigt werden. Große Übel erfordern große Heilmittel. Die zionistische Organisation kann sich um die große Operation herumdrücken, aber dann ist letaler Ausgang die einzig mögliche Prognose. Unsere inniggeliebto Gattin, Mutter, Tochter, Schwester tisw. Frau Gisela Blauer ist uns in der Blüte ihres Lebens dahingerafft worden. Die Beerdigung (1er teuren Verblichenen hat am Mittwoch, den 8. August 1. J. stattgefunden. Dr. Nahum Blauer, Gatte Gideon Blauer, Sohn Erna Fiaehmann, Dr. Amalie Kantor, Dr. Salomea Tewel Sohwc8tcm Anachel Fischmann, Dr. Llpa Kantor als Schwäger Aus der jüdischen Presse Die Konferenz des Weitverbandes Allgemeiner Zionisten ln der „Zionistischen Woche“ (Licoio) schreibt Dr. F. Rottenstreich: Wir wollen auf der Krakauer Konferenz eine disziplinierte Organisation schaffen. Lieber eine kleine Zahl disziplinierter Vertreter als eine große Zahl undisziplinierter. Es ist unsere Pflicht, zu fordern, daß die Zionistische Exekutive die Leitung der ganzen Organisation und nicht nur eines Teiles sein soll, und wir verlangen eine nationale Vertretung welche die sozialen und politischen Kräfte in der Organisation ausdrückt. Wir werden alle destruktiven Gruppen bekämpfen. Wir müssen uns mit icirtschaftlichen Fragen Palästinas befassen und ein eigenes Programm aufsteUen, in welchem vor allem der kleine Mann, das Stiefkind der zionistischen Organisation, berücksichtigt werden soll. Wir verlangen 100%ige Gleichberechtigung für alle, die nach Palästina kommen. Wir müssen dort schaffen: Arbeitsvermittlungsbüros, Kreditinstitutionen, Bau-Kooperativen, Ein- und Verkaufs- Zentralen für Handwerker, soziale Versorgungs- und Beratungsstellen für diejenigen, die nicht Mitglieder der Histadruth sind. Dann werden wir die Massen gewinnen. Die Linken, obwohl sie numerisch eine Minderheit sind, stellen in Palästina eine Krpft dar, weil sie für ihre Mitglieder praktische lebenswichtige Institutionen schaffen. Wir können in Palästina zehntausende Juden auf diese Weise wieder für den Zionismus geunnnen. Unsere Chaluzim, kleine Kaufleute und Handwerker müssen bei uns Schutz und Hilfe finden. Wir brauchen uns nicht darum zu kümmern, was die Progressiven oder andere Gruppen sagen. Ein gestärkter Weltverband der Allgemeinen Zionisten, der sich von einigen verkalkten Personen befreit, kann konsolidierend wirken. Auch die Fraktionen haben ein Interesse daran, daß die Beratungen in Krakau konkrete Resultate bringen. Schändliche Entgleisung Im „Nowy Dziennik“ (Krakow) schreibt Dr. 0. Thon: Der Stavsky-Prozeß hat einen glücklichen Ausgang genommen, einen Ausgang, wie sich ihn die überwältigende Mehrheit des jüdischen Volkes gewünscht hatte... Wie wagt man es, zwei Leute als Verbrecher zu bezeichnen, die das ganze Volk für unschuldig hält und deren Unschuld jetzt vom Gericht bestätigt vmrde? Wollen die Verfasser des unglückseligen Manifestes gegen das moralische Gewissen des ganzen Volkes gehen und außerhalb des Lagers stehen? Sie müssen doch von Sinnen sein, um zu glauben, daß man in der Atmosphäre solcher Beschuldigungen, solchen ungezähmten Kampfes wird weiterbauen können. Sie müssen sich doch Rechenschaft abgeben, daß die Arbeiterpartei allein ohne die Kooperation des ganzen Volkes Palästinas nicht aufbauen kann. Dieses schändliche Dokument muß verschwinden. Ich appelliere an die Führer der Arbeiter, sie sollen das Manifest, das ihnen weder Ehre noch Nutzen ein bringt, annullieren, und gleichzeitig v:cnde ich mich an unsere Exelmtive in London, daß sie Schritte unternehme und in diese peinliche Sache eingreife. Sie darf so eine Verwilderung der Organisation nicht zulassen. Dies ist ihre heilige Pflicht. Steinwürfe in der Tet-Aviver Synagoge Die „Jüdische Rundschau(C (Berlin) schreibt: Es ist unerträglich, daß nun auch die Synagoge zum Schauplatz politischer Demonstrationen wird,. Ob es richtig war, den freigesprochenen Stavsky in der größten Synagoge des Landes demonstrativ zur Thora aufzurufen, muß dahingestellt bleiben ... Es hätte eine Handlung vermieden werden müssen, von der man wissen mußte, daß sie von vielen als eine Provokation betrachtet werden wird ... Derjenige Teil der Besucher, der sich beleidigt fühlte, hätte mit um so größerer Würde und Selbstbeherrschung reagieren sollen... Durch die Demonstration haben sich nun die Leute ins Unrecht gesetzt ... Es muß nochmals mit Nachdruck gesagt werden: ... das Urteil des Gerichtes muß von allen Kreisen respektiert iverden... Daß die Revisionisten nach dem Urteil wieder bombastische Verlautbarungen machen werden, deren innere Haltlosigkeit offenkundig ist, war vorauszusehen; aber auch die Erklärung der Arbeiterpartei.. wäre unseres Erachtens besser unterblieben oder anders formuliert worden ... Diese Form des Kampfes muß nun ein Ende nehmen... Starke Steigerung der Keren Hajessod-Elngänge in Holland Laut dem Jahresbericht des holländischen Keren Hajessod für das Jahr 1933 belief sich die Gesamtsumme der Subskriptionen auf 77.900 Inländische Gulden gegen 60.500 holländische Gulden im Jahro 1932 und 72.000 im Jahre 1931. Die Zahl der Zeichner betrug im vergangenen Jahre 953. Der älteste Zionist Hollands, A, Simons, 70 Jahre alt Den Haag, 1. August. Der Präsident der aschkenasisch-jüdischen Gemeinde im Haag, Herr A. Simons, wurde vergangene Woche 70 Ja-hre alt. Herr Simons spielt eine bedeutsame Rolle im sozialen, politischen und philanthropischen Leben der holländischen Judenschaft. Er ist jetzt Präsident des Haager Zweiges des Komitees für jüdische Sonderinteressen und für die deutsch-jüdischen Flüchtlinge. Herr Simons war einer der ersten Zionisten in Holland und ein warmer Freund des Nachfolgers Theodor Herzls, David W o 1 f f-* sohns. Er war mehrere Jahre der Präsi-: dent der holländischen Zionistischen Vereinigung. Als Präsidenten des Jüdischen Waisenheims im Haag, verlieh ihm Königin Wilhelmine anläßlich der Eröffnung des neuen Heims vor vier Jahren den Rang eines Offiziers des Ordens Orange-Nassau. Das Bne Brith-Werk in der Krisis London, 5. August. (Z. T. A.) Bei der in London sattfindenden Tagung der Distrikts-Großloge des Unabhängigen Ordens Bne Brith erstattete Herr Gordon Liverman, Großpräsident der Bne Brith, den Dreijahresbericht. Er führte aus: Die weitverzweigte Organisation des Bne Brith in der ganzen Welt hat sich in der jetzigen Krisis besonders günstig bei der Unterbringung deutsch-jüdischer Emigranten in den verschiedensten Teilen der Welt ausgewirkt. Das Europäische Bne Brith- Komitee, das aus Vertretern europäischer und auch amerikanischer Logen besteht, hat jetzt sein Zentrum in London. Zum Flüchtlingsproblem trugen die Logen durch Beratung und Hilfeleistung an die Emigranten in hervorragendem Maße bei. Rev. M. L. P e r 1 z w e i g brachte zwei Resolutionen ein, von denen die eine die Aktion des Großpräsidenten des Ordens, Senator Alfred M. Cohen, gutheißt, der eine öffentliche Petition organisiert und an den Präsidenten der Vereinigten Staaten gerichtet hatte, in der dessen Intervention zugunsten der deutschen Juden bei der deutschen Regierung erbeten wird; die zweite Resolution fordert das exekutive Komiteo auf, aktiv und öffentlich an dem Kaimpf für die Rechte der deutschen Judonheit teilzunehmen und clie Logen hinsichtlich Organisierung einer solchen öffentlichen Aktion zu ermutigen und zu beraten. Beide Resolutionen wurden angenommen. Auf Antrag des Rev. M. L. Perlzweig wurde ferner eine Resolution angenommen, die das Exekutive Comitee und die einzelnen Logen ersucht, gemeinsam mit den entsprechenden Organen der Jewish Agency für die Aufrechterhaltung der jüdischen Rechte in Palästina und für eine bedeutend erhöhte j itdischo Einwanderung nach Palästina einzutreten. IUDISCHES Augustheft soeben erschienen, 44 Selten, reich Illustriert, S1*— Bei den Kolporteuren erhältlich oder direkt zu beziehen vom Verlag Wien, I., Petersplatz Nr. 7 Tel. U 21-0-17