Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-08-07 · Heft 376 (7.8.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 376 (7.8.1934)
Date
1934-08-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3054070-3054130--4400-3060016
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. ma&aaai JÜDISCHE ZEITUNG Rosine dlcfi gut und billig Fabrikat Ueberall erhältlich Nr. 376 | Wien, 7* August 1934 I Redaktion und Administration Wien, KSmtnerstiaBe 28 Tel. R 27-4-85 RedaktlonssohluB Montan und Mlttwooh vorm. ImumuuHHuuuuuumHHHÜmauBUDM Zum Tode Hindenburgs Als Hindenburg nach dem Tode Ebcrts, 1025, zum Präsidenten gewählt wurde, griff in jüdischen Kreisen Besorgnis über die Haltung, die er den Juden gegenüber einnehmen würde, Platz, während die antisemitische Presse seine Wahl als einen Sieg über die Juden begrüßte. Präsident Hindenburg enttäuschte jedoch in dieser Hinsicht die Hoffnungen der antisemitischen Kreise und zog sich darum die Feindschaft der Nationalsozialisten zu, die ihm Judenfreundschaft vorwarfen. Sie griffen ihn im Reichstag als den „Juden-Kandidaten“ an und behaupteten sogar, daß er selbst jüdischer Abstammung sein müsse. Bei der letzten Präsidentenwahl 1932 unterstützten sämtliche jüdischen Organisationen die Wahl Hindenburgs. Als dann Hindenburg Hitler die Kanzlerschaft übertrug, rechneten die jüdischen Organisationen neurdings mit Hindenburgs Entschlossenheit, die verfassungsmäßigen Rechte aller Bürger aufrechtzuerhalten. Hitlers antijüdischer Kurs konnte sich jedoch durchsetzen. Hindenburg hat es stets abgelehnt, sich zur Judenfrage und zum Antisemitismus irgendwie zu äußern. Es existiert von ihm kein Ausspruch über Juden und Judentum, der positiv oder negativ gedeutet werden könnte. Ein vor einigen Jahren von mehreren amerikanischen Zeitungen gebrachtes Interview einer jüdischen Journalistin mit Hindenburg, in dem dieser den Antisemitismus und die Hitler-Bewegung angeblich verdammt hat und die guten jüdischen Eigenschaften hervorhob, wurde von der Kanzlei des Präsidenten Hindenburg ausdrücklich als von Anfang bis zum Endo erlogen bezeichnet. In führenden jüdischen Kreisen Deutschlands war es bekannt, daß Hindenburg recht ungehalten werden konnte, wenn man in seiner Gegenwart die Judenfrage berührte, und daß er sich dabei zuweilen recht drastischer Ausdrücke bediente. Kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten hat er es abgelehnt, eine Abordn und des deutschen Rabbinerverbandes, der ihm gratulieren wollte, zu empfangen. Später in Ostpreußen, anläßlich des Tannenberg-Tages, hat er einen Vertreter der protestantischen und einen der katholischen Kirche empfangen, während der gleichzeitig erschienene Rabbiner unverrichteter Dinge abziehen mußte. Nach Durchbruch des Hitler-Regimes hat er sich geweigert, eine Abordnung des Reichsverbandes der deutschen Juden zu empfangen, und er ließ alle aus dem Ausland — auch von regierenden Kreisen — an ihn ergangene Anregungen, zugunsten der verfolgten und entrechteten Judou einzugreifen, unbeachtet. Es soll ihm zugute gehalten werden, daß er a u f soldatischem Gebiet eine Zurücksetzung oder Unterbewertung der Juden nicht gerne sah und oft Glückwünsche und ähnliche Kundgebungen des Reiohsbundes jüdischer Frontsoldaten — einmal sogar durch persönliches Handschreiben — beantwortete. In früheren Jahren soll Hindenburg gern und oft auch mit Judou verkehrt haben; eine seiner Schwestern war mit einem bekannten jüdischen Kliniker verheiratet. Mit Hindenburgs Name als Reichspräsident ist und bleibt eine der schimpflichsten Epochen von Judenentreohtung und Judenverfolgung in der Geschichte der Menschheit verbunden. Ob es seine Schuld oder nur sein Unglück war, darüber wird die spätere Generation zu urteilen haben» die Der neue Bundeskanzler hat sich und sein Kabinett am letzten Donnerstag der Öffentlichkeit mit einer Erklärung vorgestellt, in der er die Linien des Regierungsprogramms zeichnete. Er mußte hiebei von: uen Ereignissen des 25. Juli ausgehen, die dem unglücklichen Dr. Dollfuß einen schrecklichen Tod und dem Staat die Gefahr des Endes gebracht hatten. Die Regierung sprach deutlich aus, daß bei einem Gelingen des nationalsozialistischen Putschversuches binnen drei Stunden das Chaos und dann das Ende der Grenzen da gewesen wäre. Dies ist nicht eingetreten und es hat sich erwiesen, daß die Rechnung der Nationalsozialisten und jener reichsdeutsohen Elemente, die hinter ihnen stehen, aber auch jener eilfertigen Österreicher, die bereits mit erhobenem Arm den Anbruch der neuen Zeit begrüßten, durchaus falsch gewesen ist. Der Putsch war unter den denkbar günstigsten Vorbedingungen gewagt worden: Verwirrung auf dem Lande durch die falsche Nachricht im Rundfunksender, Bestürzung in Wien wegen der Vorgänge in dem Kaunitz-Palais. Für die Erfinder der famosen Münchener Instruktionen vom Sommerfest und dem Preiescbießen bei der italienischen Nacht war es ein Dogma, daß mindestens 70% der österreichischen Bevölkerung auf das nationalsozialistische Programm eingeschworen seien und mit Vergnügen zur Waffe greifen werden. Aber es kam ganz anders. In Wien rührte sich nichts und die jungen Leute, die in der Umgebung des Bundeskanzleramtes mit der Hakenkreuzbinde in der Tasche festgenommen wurden, kamen nicht zur Erprobung ihres Mutes. In Steiermark und Kärnten tobten Horden von braunen Barbaren durch einige Landstriche, hoben Geiseln aus, prügelten Frauen, fesselten waffenlose, aus dem Schlaf gestörte Gendarmen und — gingen ernsten Kämpfen mit dem Militär aus dem Wege. Die Führer spielten Regierung und besetzten vor allem die öffentlichen Kassen, wobei nicht vergessen wurde, in den Raiffeisenkassen nach den Schuldscheinen zu suchen. Als das Militär eingriff, als wirkliche Waffen in der Sonne schimmerten, war alles rasch vorbei und nim haben die Standgerichte das Wort. Die Bevölkerung ist staatstreu geblieben und dieser Tatsache muß die Tätigkeit der Regierung entsprechen. Sie muß Frieden und Ordnung schaffen und alle Versuche, den Bürgerkrieg von neuem zu entfesseln, mit allen Mitteln bekämpfen. Das Kabinett Schuschnigg erklärt sich als eine Regierung der Arbeiter, Bürger und Bauern, greift somit auf die Formen von 1918 bei Begründung der Republik zurück. Sie muß alle zur Mitarbeit zulassen und es ist dämm nur selbstverständlich, daß die Gleichheit vor dem Gesetz als integrierender Bestandteil des Regierungsprogramms ausgesprochen wird. Die Judensohaft nimmt auch noch die eigenartigen Umstände, unter denen er Hitler, dem Führer einer bereits im Abflauen begriffen gewesenen desparaten Bewegung, die Macht übergab, zu klären haben wird. diese Erklärung. mit Befriedigung zur Kenntnis, denn gerade ihre Rechtsgleichheit ist vor allem in Frage gestellt worden und in den propagandistischen Kämpfen, die zur Vorbereitung der Julirebellion in Österreich geführt wurden, ist die Rechtsstellung der Juden als Gesamtheit wie für den einzelnen immer wieder in den Vordergrund geschoben worden. Die Antisemiten aller Richtungen haben sich in diesem Punkt getroffen. Zwar hätten die Bestimmungen des Friedensvertrages wie in Danzig so auch hier eine Entrechtung der jüdischen Minderheit verhindert, aber es ist besser, daß Österreich dieser Konflikt erspart geblieben ist. In einem Staate, der auf die Geltung seines guten Namens, auf Vertrauen der Kulturwelt in seinem Aufbauwillen angewiesen ist, kann und darf es keine Hetze gegen den jüdischen Bevölkerungsteil geben, der keine Erpressung, keine verbrecherischen Tendenzen kennt und nur das Wohl des Staates im Auge hat in der klaren Erkenntnis, daß der Bürger nur gedeihen kann, wenn es allen wohlgeht. „Recht gegen Unrecht, Geist gegen Phrasenhaftigkeit, Wahrheit gegen Verdrehung!“ Diese Formulierung des Kanzlers zeichnet genau den Zustand, in dem sich der jüdische Bevölkerungsteil befindet. Gegen keine Schichte wird so mit Unrecht, mit Phrasen, mit Verdrehung gearbeitet; aber die Lüge ist hiebei nicht stehengeblieben, sie ist weifcergefcragen worden gegen alle Teile, die sich der Gleichschaltung widersetzten. Und diese Verbreitung, die den Boden vorbereitete für das, was am 25. Juli geschehen ist und noch geschehen sollte, war nur möglich, weil der Grundsatz „Recht bleibt Recht“ an seiner schwächsten Stelle, an seiner Position der Juden, bereits erschüttert worden war. Die Gleichheit vor dem Gesetz, die Dr. Schuschnigg proklamiert, muß auch für die Juden gelten und alle Redner und Schreiber, die um der Popularität willen in diesem Punkte das Hitler - Programm bekennen, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Dazu muß sich die Regierung entschließen, wenn sie ihrem Willen Geltung verschaffen will. Die Sabotage des Judenhasses bedroht den Staat, seine Gesundung und seinen Frieden. Sie darf nicht geduldet worden. Wir hoffen, daß das Kabinett so Vorgehen wird, wie dies der Bundeskanzler als Programm aufgestellt hat. An der Treue der Juden zum Staat, an ihrer Mitarbeit wird es nicht fehlen, und es gibt wohl niemanden, der dies bezweifelt. Wir alle müssen zur Ruhe, zum Frieden, zur Arbeit kommen. Aber die jüdische Bevölkerung fordert, daß auch für sie gelten muß, daß Recht, Geist und Wahrheit eingehalten werden. Die Gleichheit vor dem Gesetz ibleilbt auf dem Papier, wenn sie nicht zur Gleichheit im öffentlichen Leben ausgebaut wird. Es dürfen keine Unklarheiten bestehen bleiben. Österreichs Resierungsprogramm Dr. Josef Löwenherz Zu seinem 50. Geburtstag i Am 6. August feiert unser Gesinnungsgenosse Dr. Josef Löwenherz seinen fünfzigsten Geburtstag. Das ist einmal eine Geburtstagsfeier, bei der sich die Gratulanten nach abmühen müssen, um durch einen Schwall von Worten über die Bedeutungslosigkeit oder Mittelmäßigkeit des Jubilars hinwegzutäuschen. Gradlinigkeit des Charakters, unermüdlicher Arbeitseifer gepaart mit einem einzigartigen Organisationstalent, ausgezeichnete Erfolge auf allen Gebieten seines Schaffens, Liebenswürdigkeit und unbeugsame Härte immer am richtigen Ort und zur richtigen Zeit, zionistische Gesinnung gepaart mit Opfencillen, eine gewaltige rednerische Begabung, all das sind die Mosaikstemchen, die zusammen das Bild einer in sich geschlossenen, achtunggebietenden Persönlichkeit bilden, die loir in Dr. Josef Löicenherz verehren. Dr. Löwenherz weilt heute fern von uns in Chikago zu Besuch bei seinem Bruder. Aber auch dort erreichen ihn heute die Glückwünsche seiner Freunde. Er ist ein sehr geschickter Taktiker und wollte sich allen Ehrungen durch seine Amerika fahrt entziehen. Nach seiner Rückkehr aus Amerika wird zu seinen Ehren ein Bankett stattfinden, und es werden ihm hiebei Geschenke überreicht werden, die den Dank seiner Freunde für sein vorbildliches zionistisches, Wirken zum Ausdruck bringen werden. Auch in Amerika wird Dr. Löwenherz offiziell gefeiert werden, und den Wiener Ehrungen werden sich die benachbarten Landesorganisationen und viele Freunde im Ausland anschließen. Denn diesmal gilt es wirklich einen bedeutenden zionistischen Zeitgenossen zu ehren. Für Dr. Löwenherz ist Zionismus keine Beschäftigung für Mußestunden. Sein ganzes Leben ist voll von zionistischer Arbeit. Seine hervorragenden Leistungen in der zionistischen Jugendbewegung und in der Organisation Ostgaliziens werden in der „Stimme“ noch gewürdigt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.