Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 374 (31.7.1934)
- Date
- 1934-07-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 374 — 31. JnU 1934 Delegation der Indischen Mohammedaner kommt nach Palästina Jerusalem (Palcor). ln Kürze wird in Palästina die Ankunft einer Delegation der indischen Mohamme-: daner unter Führung von Said Mur-! t h a d a B h a d;i r und von S e h a u k a t Ali erwartet. Der Führer der Delegation Murthada ßhadar ist der Vorsitzende der Liga zur Wiederherstellung des mohamme-: dänischen Kalifats in Indien. Diese Liga wurde zu dem Zweck geschaffen, in der islamischen Welt die Propaganda zur Einsetzung des bekannten islamisfthen indischen Fürsten Nizam Haidarabad als! Kalifen (religiöses Oberhaupt) der Moj hammedaner der ganzen Welt zu führen.! Die Delegation selbst, die am 2. Juni Indien verlassen hat, erklärt, daß der Zweck ihrer ■Reise die Sammlung von Material über die . Lage der palästinensischen Araber, das Stu-1 dium der politischen und wirtschaftlichen' Verhältnisse des Landes an Ort und Stelle ' sei. Von Palästina wird die Delegation j nach London fahren, wo sie mit der | englischen Regierung über die Palästinafrage I verhandeln will. Die Delegation teilt mit,! daß sie auch Genf besuchen und dort dem , Völkerbund ein Memorandum über die Lage j in Palästina gleichzeitig mit einer Klage der palästinensischen Araber gegen die Politik; der Mandatsregierung übergeben wird. Hierauf soll die Delegation eine Reise durch die I Hauptstädte Europas machen, wo sie den Regierungen die Lage in Palästina und die sogenannte antiarabische und prozionisti-1 sehe Politik seitens der Palästinaregierung darstellen will. \ Wie man in gewissen arabischen Kreisen erzählt, wird die Delegation der indischen Mohammedaner auch durch gewisse englische Kreise unterstützt, die Gegner des Zionismus sind. * Aus anderer gutinformierter Quelle erfahren wir, daß der wahre und hauptsächliche Zweck der Delegation nicht so sehr die Frage Palästinas als vielmehr die Agitation für die Kandidatur des erwähnten Nisam Haidarabad als mohammedanischen Kalifen ist. Hieraus erklärt sich auch die Tatsache, daß die Delegation nicht direkt nach Palästina fährt, sondern zunächst Irak, Syrien und andere mohammedanische Länder besuchen wird. Nisam Haidarabad ist der mächtigste mohammedanische Fürst Indiens und gilt als der reichste Mann der Welt. Er herrscht über die indische Provinz Haidarabad, die eine Bevölkerung von 11 Millionen Hindus und VA Millionen Mohammedaner zählt. Seine Kandidatur als Oberhaupt des Islam tauchte auf, als er sich mit dem letzten mohammedanischen Kalifen der Türkei, dem Prinzen Abd-el-Medschid, verschwägerte, der im Jahre 1924 durch Kemal Pascha abgesetzt und aus der Türkei vertrieben wurde. Abd-el-Medschid hat später freiwillig zugunsten seines Schwiegersohnes Nisam auf das Kalifat verzichtet. . In den arabisch-nationalistischen Kreisen Palästinas steht man der Delegation mit großer Besorgnis gegenüber und glaubt nicht an die E h rlichkeit ihrer Absicht. Besonders gegnerisch ist man in der Partei des Jerusalemer Großmufti gestimmt. Zwischen dem tatsächlichen Führer der indischen Delegation, Schaukat Ali, und dem Jerusalemer Mufti herrscht schon lange ein tiefer persönlicher Haß, der zu besonders scharfem Ausdruck auf dem mohammedanischen Kongreß im Dezember 1931 kam, auf dem sie untereinander um die Präsidentenschaft des Kongresses rangen. KUNST UND WISSENSCHAFT iillllllllllBIM Seit wann leben die Juden in Deutschland und Österreich? Professor Ismar E1 b o g e n veröffentlicht in der im Verlag M. u. H. Marcus, Breslau, demnächst erscheinenden „Germania Judaica“ einen Artikel „Deutschland“, dem unter anderem zu entnehmen ist: Juden haben sich auf dem Boden des Deutschen Reiches schon in der Römerzeit niedergelassen, sie sind für Köln als römische Bürger im Jahre 32i direkt, für Trier um dieselbe Zeit indirekt bezeugt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es auch an anderen Orten des Rhein- und Maasgebietes, die größere römische Truppenlager beherbergten, jüdische Siedlungen gegeben hat. Dasselbe darf im Donaubezirk in Augsburg, Regensburg »oder der Gegend von Wien angenommen werden. In Regensburg wollen neuere topographische Forschungen in der Zeit um 330 dieselbe Judenstadt feststellen, die später bis 1519 die Gemeinde beherbergte. Auch das Kölner Judenviertel ,blieb innerhalb der alten Römerstadt bestehen. Im ganzen aber scheinen die jüdischen Siedlungen in Deutschland infolge der Stürme der Völkerwanderung oder infolge von Vertreibungen durch die fränkischen Könige zugrunde gegangen zu sein. Ein neuer Ansatz von Siedlungen beginnt erst wieder unter Karl dem Großen. Zu seiner Zeit wohnten bereits Juden in Aachen. Die Juden der deutschen Gemeinden des Mittelalters sind, zum überwiegenden Teil durch Einwanderung ins Reich gekommen. Es ist wahrscheinlich, daß sic zunächst über die westliche Hälfte des Karolinger-Reiches, über Mosel und Rhein, erfolgte. Auch von Italien her über die Alpen dürften sie gegangen sein. Ausgeschlossen ist auch nicht, daß aus den Slavenländern und überhaupt vom Südosten her Juden eingewandert sind. Der arabische Jude Ibrahim Tbn Jakub erwähnt um 965 Kaufleute, die aus Ungarn nach Prag kamen. Festgestellt ist, daß die Raffelstetter Zollordnung auf das Gewohnheitsrecht verweist, das bereits zur Zeit Ludwigs des Deutschen, das heißt, vor 876, jüdischen Kaufleuten gegenüber zur Anwendung gekommen ist und demnach einen regelmäßigen Handelsverkehr zwischen Bayern und der Ostmark voraussetzt. Bezeugt ist eine Gemeinde im äußersten Osten in Magdeburg, wo Otto der Große 965 die Juden der Gewalt des Bischofs unterstellt, und in Merseburg, wo 973 dasselbe geschieht. Gar manche Gemeinde aber mag älter sein als ihre Nennung in den Geschichtsquellen. Von den Gemeinden an der Mosel wird Metz zuerst 888, Trier erst 1066 erwähnt, obwohl unzweifelhaft beide lange vorher jüdische Bevölkerungen hatten; im Mittelrhei » Mainz 906, Worms 960, Speyer sogar erst 1084, am Niederrhein Köln erst 1012, an der Donau Regensburg 981. Während das Gebiet der Saale, der Elbe und der Moldau von. rund 965 an von Juden besiedelt ist, werden Gemeinden am Main nicht vor 1000 genannt (Bamberg 1033). Auffallend spät wird Thüringen erwähnt, Erfurt erst nach 1100. Als Verfolgungsstätten im Jahre 1096 werden genannt: Metz, Trier, Köln, Speyer, Worms, Mainz, Regensburg, Prag, Halle. Am Main mag zuerst Frankfurt als Zollstation von Juden bewohnt worden sein, später treten Würzburg (1119), Aschaffenburg (1146), gleichzeitig Nürnberg auf. An der Donau werden Tulln (nach 109 7) upd Krems (113 6) genannt; 11 28* ist von Juden in Kärnten die Rede. Auf 1150 führen die ersten Nachrichten über Juden in Breslau und Schlesien überhaupt. Gegen Ende des Jahrhunderts werden die ersten Juden im eigentlichen Bayern genannt. Aus der Zeit um 1200 stammen die ersten sicheren Nachrichten über Gemeinden im Elsaß und in Schwaben. Am spätesten wird die Straße an der Rhön (Fulda 1235), über Thüringen (Eisenach 1230) nach Sachsen (Leipzig nach 1200) und dem Harz (Blankenburg 1200) erwähnt. Dieses Siedlungsnetz wurde durch die grausamen Verfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes (1348 bis 1350) zerstört. Damit erreichte die alte Geschichte der deutschen Juden ein schreckliches Ende. Doch damit endet die Geschichte der Juden auf deutschem Boden nicht; wenn die Bisehofstädte die Juden vertrieben, haben die Bischöfe sie in ihren Sprengein gehalten, wenn die Reichsstädte sie nicht duldeten, haben die Reichsstände sie aufgenommen. In den kleinen, heute verwaisten Gemeinden des deutschen Westens und Südens liegen die Sitze eines zähen Kampfes ums jüdische Sein und einer lebendigen Gemeindetradition. Max Liebermaim Am 20. Juli vollendete der große Maler Max Liebermann, ehemals langjähriger Präsident der Akademie der Künste, sein 87. Lebensjahr. Ein Mitglied des Central- Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens überbrachte dem Meister aus diesem Anlasse die Glückwünsche seines Kreises. Max Liebermann ergriff nochmals die Gelegenheit, um ein Bekenntnis zum Judentum und zu seinem Judesein abzulegen. Der Besucher gibt seine Eindrücke Uber Liebermanns Wohnung am Wannsee bei Berlin unter anderem wie folgt wieder: Liebermann, der Deutsche, der Maler deutscher Landschaft, der „echte Berliner“, steht überzeugt und sohicksalsverbunden zu dem wesentlichsten, das uns angeht: zum Judentum. „Wir müssen uns als Juden auf uns selbst besinnen“ — das ist der Kern, der bewegt und mit Frische geführten Unterhaltung. Liebermann ist an dem Gespräch mit seiner ganzen lebhaften Art beteiligt. Die Augen blitzen, sind jung und klar, sehende und sprechende Augen, das Lachen oft voll Schärfe und Ironie. Wir kommen auf die jüdische Jugend zu sprechen. Liebermann geht noch mehr aus sich heraus. Er wird erregt, unterbricht seine Sätze durch plötzliches Nachdenken. „Die jüdische Jugend“, sagt Liebermann, „ist in ihrem Geist heute wieder von einer Idee getragen! Das ist das Gute. So muß es sein!“ — „Sehen Sie, meine Jugend war in dieser Richtung problemlos, ich habe den Unterschied zwischen Jude und Nichtjude niemals empfunden, und auch später in meinem Leben glaubte ich es einem Menschen nicht, wenn er zu mir kam und mir von Kämpfen erzählte, die er beruflich auszufechten hatte, nur weil er Jude ist. Ich sagte dann stets: Sie müssen eben tüchtiger sein. Aber heute verstehe ich diese Menschen. Es nützt uns nichts, das Tttcbfc-igse in. Im Geist müssen wir das Wertvolle sehen. Es ist weniger wichtig, wie die jüdische Jugend, rein äußerlich, materiell, im Augenblick lebt, wesentlicher ist ihre innere Haltung, ihr Geist. Und der ist gut!“ Liebermann stellt sich auch zu den Ideen des Palästina-Aufbaues positiv und sieht ihn insbesondere für die Jugend als Ziel. Richard Strauß weicht dem „Stürmer“ Aus Berlin wird gemeldet: Die neue Oper von Richard Strauß „Die schweigsame Frau“ liegt vollendet vor. Der Text stammt von Stephan Zweig, der ein altenglisches Drama von Ben Johnson, dem Zeitgenossen und Rivalen Shakespeares, bearbeitet hat. Nach der Machtergreifung Hitlers wollte Zweig das Libretto zurückziehen, um dem von ihm verehrten Komponisten eine schwierige Situation zu ersparen. Aber Richard Strauß, der auch zu seinen übrigen erfolgreichen Opern, die im Dritten Reich anstandslos gespielt werden, Bücher eines Juden (Hugo v. Hofmannsthal) verwendet hatte, bestand auf Vollendung des Werkes, von dem er bereits einen Akt in der Partitur beendet hatte. Nun hat Stephan Zweig die ihm zustehenden Tantiemen aus der neuen Oper dem Sozialen HilfBwerk der deutschen Juden gewidmet. Streichers „Stürraer“ eröffnete die Offensive gegen die Uraufführung,' für die (wie bei allen Opern von Strauß) die Dresdener Staatsoper ausersehen war. Die „Westfälische Landeszeitung Rote Erde“ meldet nun, daß Richard Strauß die Oper zurückgezogen habe. Grund seien Streichers Angriffe. Gleichzeitig sagte Strauß seine Mitwirkung an den Salzburger Festspielen ab. Dazu bemerkt die „Westfälische Landeszeitung“: „Der Meister, dem das junge Deutschland eine begeisterte Gefolgschaft geschenkt hat, stellt sich mit diesem Entschluß eindeutig auf die Seite, der er innerlich angßhör t.“ Der Bericht der genannten Zeitung wurde vom Propagandaministerium zunächst verboten, später aber freigegeben. Jüdische Trauerkundgebung ln der Provinz Aus St.. Pölten wird uns gemeldet: Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde St. Pölten hat der Leitung der Vaterländischen Front ia St. Pölten, anläßlich die bl ebene ihres Führers des Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß, persönlich sein tiefstes Beileid ausgesprochen. Dom Bundeskanzleramte wurde telegraphisch die innigste Anteilnahme an dem schweren Verluste, den das Vaterland erlitt, zum Ausdrucke gebracht. S a m s t a g, den 28. d. M. wurde im Tempel ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalton. mmamammmmammmmmmmKmmBmmmmmmmmmmmmmmmmmmarn GensralversammluiP der Lebensverstöienmgsjeselkdi ift „Phönix" Die Lebens versicherungßgesellschaft „Phönix“ hat am 28. Juli ihre 51. ordentliche Generalversammlung abgehalten. Der Versicherungsbestawd Ende 1933 umfaßt 879.522 Polizzen mit Schilling 3.060,117.316.— versicherte Summe und S 4,659.708.— jährlicher Rente. Die Prämieneinnahme beträgt, S 176,924.335.20, die Erträgnisse der Kapitalsanlagen S 34,078.193.04. An Versicherte und deren Hinterbliebene wurden S 71 712.923.82 ausbezahlt. Der Realitätenbesitz der Gesellschaft im Gesamtwerte von S 104,110.681.43 umfaßt 141 Gebäude und 11 Baugründe in 12 Staar teil lüropas und des nahen Orient. Der Wertpapierbestand hat einen Buchwert von S 313.213.568.62, wovon 95% auf festverzinsliche Anlagewerte und 5% auf Anteile von Notenbanken, diverse Aktien und Beteiligungen an Versicherungsanstalten entfallen. Der Hypothekenbestand . umfaßt 442 Hypothekardarlehen mit zusammen S 39,022.696.13; die Darlehen auf eigene Polizzen betragen S 72,420.957.04. Die gesamten Gewährleistungsmittel der Gesellschaft belaufen sich auf S 679,709.214.21. In der Gruppenversicherung (gemeinsam mit der Metropolitan Life Insu ran c e Comp.any in New York) sind 40.617 Angestellte und Arbeiter auf ein Kapital von rund S 90,000.000.— versichert. Die Gesellschaft ist an einer Anzahl in- und ausländischer Versicherungsanstalten durch Aktienkapital und gemeinsam mit der Prudential As su ran ce Compady Ltd. in London durch Rückversicherung beteiligt. Aus dem Überschuß von S 757.704.50 wird eine 5% Aktiendividende im Betrage von S 200.000.— verteilt; aus dem Rest werden die Kapitalreserven dotiert und S 190.343.50 -auf neue Rechnung vorgetragen. E Bund jüdischer Frontsoldaten, BOG, I., Cafd „Altes Rathaus“, 1., Wlppllngerstraße 24. Dienstag, den 31. d., um halb 9 Uhr abends, spricht Bezirksführer Nervenarzt Dr. Emil G u t h e i 1 über das Thema: ,,Zur Psychologie der politischen Einstellung“. Gäste willkommen. REiTAURANT ROTH II., PratersfraBe 54 Tel. R 47-0-41 empfiehlt seine reichhaltigen Menüs: Suppe, Braten, Gemüse, Mehlspeise . . . S 1*30 Suppe, Braten oder ‘/4 Huhn, Gemüse, Kompott, Mehlspeise.. . S 1*60 Kalbs- und Rindsbraten ä la carte . . . S —*00 10 dkg gebratenes Gansl.S —*60 KINOPROGRAMME DER WOCHE Leopoldstfidter Volkskino Tel«phon*R r<l§>0-aS Dienstag, 31. Juli: Karneval und Liebe Mltjwocb, 1. und Donnerstag, 2. August t Glückliche Reite Täglich 7,8, 7*8, 7*10 Uln ErmUBIato Sommarprota« Bezugsbedingungen: Monatlich 8 1.50, vierteljährlich S 4.20, ganzjährig S 16.—. Für das Ausland: Deutschland vierteljährlich RM 3.—, Tschechoslowakei vierteljährlich Kfc 24.—, Jugoslawien vierteljährlich Dinar 40.—, Polen vierteljährlich Zloty 6.50, Ungarn vierteljährlich Pengö 4.20. Rumänien vierteljährlich Lei 120.—. übriges Ausland vierteljährlich Schweizer Franken 4.50. Postscheck Konti: Österreich Nummer D 113.546. Polen Nr. 19M99. Tschechoslowakei Nr. 500.230, Jugoslawie n Nr. 40.879. Eigentümer. Verleger und Herausgeber: Zionistischer Landesverband für Österreich. Wien,!. Kärntnerstraße 28 — Verantwortlicher Redakteur: Dr Rudolf Glücklich, Wien. L, Kärntnerstraße 28. Druck: Vernay A-G* Wien, IX- Canisiusgaaae 8- HX