Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 373 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer SO g V. b. b. HeuteFrauenbeilage mmtivsihüia jne; JÜDISCHE ZEITUNG Redaktion und Administration Wien, KSmtnerstiaBe 26 Tel. R 27-4-85 Redaktionsschluß Montan und Mlttwooh vorm ENGL HERRENMODE FEINE MASSWÄSCHE EUGEN PRAGER I., SP'EGELGASSE 25 FERNRUF: R 22-3-90 | (IS. Ab 5694) | 7- Jahrgang Dr. Dollfuß ermordet Der österreichische Bundeskanzler ist tot. Er ist bei einem Überfall nationalsozialistischer Marodeure auf das Bundeskanzleramt von drei Schüssen getroffen worden und wurde in einem Zimmer verblutet aufgefunden. Es wurde ihm wedei ärztliche Hilfe zuteil, die ihn vielleicht hätte retten können, noch konnten ihm, dem. gläubigen Katholiken, die Tröstungen seiner Religion gereicht werden. Der Mann, dessen Mut und Glauben an Österreich diesen Staat bisher vor der braunen Überschwemmung bewahrt hat, ist nicht mehr. Und sein Tod steht im direkten Zusammenhang mit seiner heute schon historisch gewordenen Tätigkeit. Er hat für den Frieden, für den Aufbau der mitteleuropäischen Wirtschaft, für die Versöhnung der Klassen in Österreich gewirkt. Und darum mußte er sterben, so wie es Frauenfeld vor zwei Wochen im Münchner Sender angekündigt hat. Wieder steht Österreich im Mittelpunkt des Interesses der ganzen Welt, die mit tiefster Sympathie der armen Fraif des Bundeskanzlers gedenkt, die. mit ihren Kindern in der Villa Mussolinis in Riccione den Gatten für gestern erwartet hat. Was an diesem Mittwoch sich in Wien ereignet hat, ist im Augenblick, da wir dieses schreiben, völlig unaufgeklärt. In der Anlage des Putsches sowohl wie in seinem Ablauf. Aber es sind doch, zwei Momente herausgetreten, die einiges Licht auf die entsetzliche Affäre werfen. Die Meuterer hatten sich in einer Turnhalle des Deutschen Turnerbundes versammelt und dort Uniformen und Waffen genommen. Der Deutsche Turnerbund ist der Sympathie für das Dritte Reich dringend verdächtig. Und die Meuterer verlangten die Intervention des deutschen Gesandten und dieser Diplomat hat auch tatsächlich für die Leute, die bewaffnet die Minister ihres Staates überfielen, Verhandlungen geführt, um ihnen das freie Geleite an die Grenze zu sichern. Ein Gesandter tut so etwas nicht ohne Auftrag, und wenn es auch nachträglich heißt, daß ihn die deutsche Regierung desavouiert hat, so ist das nur eine Verlogenheitserklärung. Der braune Mord, schon längst aus Deutschland herübergetragen, hat hier zu einer großen Aktion ausgeholt. Sie ist im Erfolg mißlungen, aber sie enthüllt das ganzo Komplott, und es ist unmöglich, daß die Kulturwelt weiter den Bestand einer solchen Höhlo duldet. Dei Führer des Dritten Reiches hat zweimal dem italienischen Regierungschef zugesagt, daß die Unterstützung der Terrorpropaganda eingestellt wird. Wie dieses Versprechen eingehalten worden ist, zeigen die kaum mehr zu zählenden Sprenganschläge der letzten Wochen, zeigt jetzt der einsamo Tod des Bundeskanzlers. Dr. Dollfuß hat, wie noch erinnerlich, Itt den Februartagen mit deutlicher Akzentuierung die Mitarbeit aller Staatstreuen an der Gesundung Österreichs gefordert und insbesondere die Judenschaft hat es als ihre selbstverständliche Pflicht angesehen, dem Appell volle und vorbehaltlose Folge zu leisten. Die österreichische Judenschaft, die gegen den aus Deutschland hereingebrachten und von den Getarnten gern kultivierten Ungeist zu kämpfen hat, verteidigt entschlossen rechtigung. Sie hat es mit Freude begrüßt, daß der Bundeskanzler dieser Halihre bürgerliche und soziale. Gleichbetung Verständnis gezeigt und jeden Angriff auf das gleiche Recht abgewehrt hat. Die östereichische Judenschaft vereinigt sich mit allen anderen ehrenhaften Menschen in der tiefen Trauer um den von bezahlten Mördern hingeschlachteten Bundeskanzler. Sie weiß es ihm zu danken, daß er als der einzige Staatsmann der Welt Menschlichkeit und Sittlichkeit gegen den Nationalsozialismus offen verteidigt hat. Er ist für die ganze Welt gestorben, und überall, wo man Gefühl für Ehre und Würde des Menschentums hat, wird man dem Toten ein Denkmal in der Erinnerung setzen. Man wird aber auch in die laute Anklage einstimmen, die, wenn die ersten Tage des Schmerzes vorj bei sein werden, von Österreich erhoben werden muß und wird. Der Barbarei muß ein Damm gesetzt werden. * Trauersitzung des Kultusvorstandes Während unser Blatt in Druck geht, findet im Sitzungssaal der Wiener Kultusgemeinde eine T r a u e r s i t z u n g des Kultusvorstandes unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Desider F r i e d m a n n statt. Die Gedenkrede für den Bundeskanzler Dr. Dollfuß wird Präsident Dt. Friedmann, halten. Der Weltkrieg und das iüdische Volk Vor zwanzig Jahren hat der große Krieg begonnen; Man kärin auf ihn ztiiiicV schäueh, Wie auf .ein; äbgescftlölssefösi Ereignis. Der Waffengang hat vier Jahre lang gedauert; aber der Friede, der. ihm;folgte bedeutete nicht das Ende des,Krieges; und fragen wir, was hat der Friede der Mensch heit gebracht, so gibt, uns der1 Tag von heute die Antwort: .Zwanzig. Jahre nach dem Ultimatum von Belgrad, steht wieder der Krieg im Denken und Fühlen der Menschheit. „Wie ein Blitzschlag wird der nächste Krieg über uns kommen“, hat der französische Kriegsminister gesagt, und in diesem einen Satz ist alles eingefangen, was die Menschheit an Erfahrungen und Lehren aus dem großen Blutbad geschöpft hat, Niemand will den Krieg — wenigstens wird das so behauptet —, aber jeder denkt an ihn. Um den Krieg zu bannen, ist ein Völkerbund geschaffen worden, ist ein verwickeltes System von Schiedsgericht- und Freundschaftsverträgen ausgedaoht wor den; .mit goldener Feder ist der Kellogg- Pakt unterfertigt worden, in dessen Eingang der Krieg diffamierend wird; und alle diese Verträge zusammen, die für ewige Zeiton den Frieden schwören, vermehren nur die Unrast und Unruhe der Menschheit so sehr, daß zwanzig Jahre nach 1914 wieder trotz aller Entgütorung gerüstet wird. Die Waffe hat ihr eigenes Gesetz, den Drang zu eigenem Loben, und vielleicht ist sie eines Tages stärker als alle Vernunft, die den Menschen die Erkenntnis geben müßte, daß keinerlei Gewalt imstande ist, auch nur eine einzige Frage zu lösen, daß es keine Frage gibt, dio es wert machen dürfte, daß auch nur ein Kind in die Nacht hinaus nach dem Vater weint. Es ist heute müßig, darüber nachzusinnen, welchen Verlauf die Geschichte genommen hätte, wenn an jenem 28. Juni vor zwanzig Jahren der Chauffeur des Erzherzogs Franz Ferdinand statt in die falsche Straße in die richtige eingebogon wäre. An 10 Millionen Menschen sind an diesem Irrtum gestorben, ungezählte Millionen haben ihren Besitz, ihre Gesundheit verloreu, ungezählte Millionen an Arbeitswert sind durch vier Jahre in die Luft gejagt worden. Was menschlicher Fleiß und menschliche Gesittung in zweitausendjähriger Anstrengung, in stufenweisem, blutigem Vorwärtsin, einem einzigen Augenblick, in. sich selbst itrsäiätirenf; trctäy #£§- - (seither unternommen wurde,; hm;die materiellen Folgen des großen Unglücks zu;. erleichtern, das ist fast zur Gänze .gescheitert, weil die seelische Bereitschaft.zum Frieden, sich,,noch nicht, eingestellt hat. Vor zwanzig Jahren haben affe .Völker die Besinnung verloren; und heute sind sie wieder in den Taumel des Hasses gefallen. Ein einziges Volk hat sich vor zwanzig Jahren von dieser psychischen Erkrankung freigehalten: d a s jüdische Volk; und. dieses Volk, als das einzige, verwirft äüCli heute den Krieg als politisches Mittel, nicht aus politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen — obwohl auch diese den Krieg ablehnen lassen — sondern aus seinem Gesetz der Ethik: „Du sollst nicht töten!“ „Du sollst kein Blut vergießen, denn im Blut ist die Seele!“ Und dieses jüdische Volk hat unter dem Krieg mehr leiden müssen als jedes andere Volk —: und dieses jüdische Volk, das aus seiner Geschichte, aus seiner Erfahrung heraus gegen jede Macht der Gewalt und jede Gewalt der Macht protestieren muß, ist gerade deshalb heute wie. je im Zentrum eines Orkans des Hasses. Was ist doch in diesen zwanzig Jahren an Leid über das jüdische Volk herniedergegangen! Das 17-Millionen-Volk ist weit über seine ziffernmäßige Zahl an den Blutopfern beteiligt; etwa eine Viertelmillion Juden ist für die von Bethmann-Hollweg formulierte Devise „Germanentum gegen Slawen“ in den Schützengräben gestorben; eine Million Juden ist im Osten verschwunden; von den Evakuierungen Rußlands, den Bürgerkriegen und den Pogromen der Weißen und Roten vernichtet worden. Jahrelang lief die Front im Osten, von der Ostsee durch Polen, die Ukraine, Bukowina, Rumänien bis tief in den Orient hinein, durch jüdische Siedlungen; die Judendörfer wurden zerstampft, jeder Kanonenschuß vernichtete jüdische Häuser. Es war ejn Krieg gegen das Judentum, und ' er wurde uoch dadurch verbittert, daß Juden gegen Juden schießen mußten, in der getreuen Erfüllung ihrer Pflicht, aber auch in dem drückenden Bewußtsein, daß ie damit ihrem Volke nichts nützten. 12,000 Juden sind für Deutschland gefallen und während sie auf dem Felde der Elire scheitern an Kultur aufgebaut hatte, brach j verbluteten, führte der deutsche Kriegsminister eine Judenzählung durch; aü '60.000 Juden verloren für den Zaren das Leben, und. in Rußland lud. man :die, Juden in den Grenzgebieten in Viehwagen, führte sie durch, das riesige Reich und. ließ sie dann in den geschlossenen Käfigen erfrieren, verhungern, an der Pest krepieren. Und die in Österreich Evakuierten,. denen Haus und Hof zerstört wurde, übergab man der „Gastfreundschaft des Westens“. Sie waren die einzigen staatstreuen Elemente im Osten gewesen, hatten unter ständiger Lebensgefahr österreichische Offiziere und Soldaten vor den Russen geschützt, und der Dank blieb nicht aus. Sie sind zum Hauptinhalt jener Strömungen geworden, die als bodenständig jeden Fremden, vor allem aber jeden Juden in einem Löffel Wasser ertränken möchten. Diese Ostjuden, die, bettelarm, von den Feldgendarmen in die Eisenbahnzüge gezwängt wurden, beschimpft zum Beispiel in dieser Woche das christlichsoziale „Montagsblatt“ als Schmarotzer, deren „Hauptzuwanderung erfolgte, wie bekannt, in den Jahren 1914 bis 1921, solange es aus der Not der Wiener etwas zu holen gab“. Wir zitieren dies wörtlich als einen schriftlichen Pranger für das „bodenständige“ Organ. In Ungarn kam dann der Hejjas, in Polen General Haller, in der Ukraine Petljura. Das. Judentum Deutschlands geriet in die Krallen des Nationalsozialismus... Das ist so im Verlauf von zwanzig Jahren die Entwicklung gewesen. Und ihr Ergebnis am Ende dieser zwanzig Jahre: Wachsender, wütender, blutrünstiger Haß, der in tausend Formen aufscheint und sich den Tod des jüdischen Volkes zum Ziel gesetzt hat. Und dieser Haß ist sogar im Herzen Europas, in Deutschland, Regierungssystem geworden. Aber trotz allem bat sich dieses verarmte, ausblutende, verachtete jüdische Vclk gerade in diesen zwanzig Jahren die Grunder Fahrschulen Wien, Will., Neudeggerg. 18 Tel. B 46-5-72 ,un.d, ln*er*^orf;,(,Nieder-Ö,ste/r^ich) ’ ■'*. fsäaF'