Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 368 (10.7.1934)
- Date
- 1934-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. unM& JÜDISCHE ZEITUNG Redaktion und Administration Wien, KärntnerstiaBe 28 Tel. R 27-4-80 RedaktlonsaehluB Montan und Mittwoch vorm Wien, 10. Juli 1934 Ah> ümccc tyetUdeu, Um Verzögerungen in der Expedition unserer Zeitung zu vermeiden, bitten wir Adressünderungen unserer Administration rechtzeitig zur Kenntnis bringen zu wollen. (37* Thamus 5694) | 7* Jahrgang Wiens Judensthaft gibt Bialik das letzte Geleite Waiichopes Demokratie Taueende jüdische Männer unid Frauen fanden sich Montag mittag in den Anlagen des Zentralfriedhofee ein und umlagerten die jüdische Zeremonienhalle, wo die von dem Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde veranstalteten Trauerfeierlichkeiten für Chaim Nachman Bialik vor sich gingen, Nur die im Besitze von Einlaßkarten waren, konnten Eingang finden. Und doch konnte die riesige Zeremonienhalle diese kaum fassen. Alle, alle wollten sie an der schlichten Feier für den Nationalheros des jüdischen Volkes teilnehmen. Es war bloß eine rituelle Feier. Es wurden keine Reden gehalten. Und doch war das stumme Schweigen der schmerzerfüllten Masse eindringlicher und beredter, als noch so viele glanzvolle Reden es hätten sein können. Das Schweigen wurde nur mitunter durch tiefes, ^unterdrücktes. Schuchzen unterbrochen. Zu tief und zu stark ist der Schmerz auch in der Wiener Judenschaft über das Geschick, das das Volk durch den Tod Bialiks so hart getroffen. Zu tiefst in die Herzen auch der Wiener Juden hat sich Bialik insbesondere durch seinen hiesigen Aufenthalt vor zwei Jahren eingegraben. * Die zeremoniellen Feierlichkeiten gingen rasch vorüber. Von sämtlichen zionistischen Kultusvorstehern flankiert, wird der Sarg in die Halle getragen. Oberkantor M a 11 y a s sagt das „Hazur tamim Poalo‘;-Gebet, worauf Oberrabbiner Dr. Feuchtwang in tränenerstiokter Stimme die weiteren Totengebete spricht. An die schlichte Feier 6chloß sich eine Defilierung der Trauergemeinde vor dem inzwischen in der Friedhofsanlage aufgestellten einfachen Holzsarg, der den toten Körper des Dichters barg. Von der Zeremonienhalle weg wurde der Leichenwagen sofort zum Südibahnhof transportiert, wohin ihm eine große Menschenmenge folgte. Auch hier hatten sich schon früher Mensohenmassen angesammelt, diie den Leichnam erwarteten. An der Trauerfeier nahmen eine Anzahl Vertreter in- und ausländischer literarischer Korporationen teil. Am Abend erfolgte dann die Überführung der Leiche nach Triest. * Ein Vertreter der Kultusgemeinde, Kultusvorsteher Prof. Moses Rath, begleitet die Überführung von Bialiks Leiche bis T e 1 - A v i v, wo sie dann von Bürgermeister Dizengoff im Empfang genommen werden wird. ¥ Das feierliche Geleite von Triest Die Generaldirektion des Lloyd Triestino hat die maßgebenden Stellen in Wien verständigt, daß sie für die Übefrführung Ch. N. Bialiks einen Ehrentransport unentgeltlich zur V erfügung stellt. Die Überführung wird mit dem Dampfer „Italia“ erfolgen, der am Mittwoch von Triest ausfährt. Vom Bord des Dampfers „Italia“, der sich auf der Fahrt von Haifa nach Triest befindet, ist folgendes: Telegramm eingelangt: „Mit allen Passagieren der „Italia“ tief erschüttert über das große nationale Unglück. Kabelt Dampfer Näheres, ob wir zur Beisetzung eintreffen können, auch wenn Lewaje nachher in Jerusalem. Ussisehkin, Glücksohn, David Kahan, Sam. Kohen, Labunsky.“ Es wurde riickgekabelt, daß die Herren zur Leichenfeier in Wien nicht mehr rechtzeitig eintreffen können, da diese schon Montag stattfindet, während die „Italia“ an diesem Tage erst in Triest einläuft. Die aus Palästina eintreffenden Persönlichkeiten werden in Triest die Leiche erwarten, um Chaim Nachman Bialik bei seiner Einschiffung nach Erez Israel das letzte Geleit geben. * High Cotnmissioner Sir Arthur Wauchope an Frau Bialik Die Witwe Bialiks hat folgendes Beileidstelegramm des High Commissioner für Palästina General Sir Arthur Wauchope erhalten: „Ich bitte Sie, den Ausdruck meines tiefsten Mitgefühls zu Ihrem großen Verlust entgegenzunehuien. Der vorzeitige Tod Ihres Mannes bedeutet für das jüdische Volk einen schweren Verlust und hat das hebräische Schrifttum eines Mannes der Feder beraubt, dessen Genius in einem sehr großen Maße zur Wiederbelebung des Hebräismus in der heutigen Zeit beigetragen hat.“ (Weitere Nachrichten im Innern des Blattes) Palästina-Anleihegesetz vom Ober haus verabschiedet Kraft tritt und die Anleihe aufgelegt werden kann. London, 5. Juli. Das englische Oberhaus hat das Gesetz betreffend die Garantie der Zwei-Millionen- Pfund-Anleihe der Palästina-Regierung durch das englische Schatzamt nunmehr in dritter Lesung angenommen, nachdem das Gesetz das Unterhaus bereits in allen drei Lesungen passiert hatte. Dem Gesetz fehlt nur noch die königliche Sanktion damit es in Rasiere dich gut und billig OMchisdus Quiilltiits- Fnbrlkat Ueberall erhältlich Ein neues schweres Problem für das Judentum und insbesondere für das Judentum in Palästina, kündigt sich aus London an: Die Frage der Errichtung eines gesetzgebenden Rates ist wieder auf die Tagesordnung gekommen und sie gehört zu den Fragen, die nach einer Äußerung des politischen Referenten der zionistischen Exekutive, Professors Brodetsky, behandelt werden muß; wenigstens ist dies die Ansicht der Palästina-Regierung. Die Londoner Zentralstellen überlassen dem Oberkommissär Wauchope die wichtigsten Entscheidungen und so ist anzunehmen, daß sie auch in dieser .Frage ihm das letzte- Wort lassen wollen. Herr Brodetsky versichert, daß die Stellung, der Exekutive oppositionell ist und bleibt. Die Frage, fügte er hinzu, liege nicht ganz so aktuell: Aber da. gerade, in den letzten Tagen Alarmrufe aus Palästina kommen und der. Führer des Misrachi Sogar von einem Parlamentsplan spricht, so ist es wöhl angezeigt, daß die zionistische Öffentlichkeit nicht abwartet, bis sie einer vollendeten Tatsache oder fixen Zusagen des Herrn Wauchope an die Araber gegenübersteht. Es ist keine Frage des Zionismus, sondern eine Schicksalsfrage der jüdischen Gesamtheit; die zionistische Organisation ist hier mehr als je Sachwalter der Nation und je mißtrauischer sie die Sachlage prüft und je deutlicher sie ihren Willen kundgibt, um so besser wird es sein. Weder die englische Regierung in London, noch der Oberkommissär in Jerusalem, noch die arabische Exekutive sind hier allein entscheidend. Es besteht noch das Mandat. Es sind hier zwei Dinge möglich: entweder wirft Sir Arthur die Frage des Rates oder des Parlamentes auf, um die Verbitterung der Juden wegen der Einwanderungsbeschränkungen durch eine noch größere Sorge zu übertönen und sie gefügig zu machen, oder es ist ein weiterer Schritt in der Absicht, den Weg zum jüdischen Nationalheim zu verrammeln. Es ist möglich, daß die Palästina-Regierung andeuten will, solange wir die Einwanderung kontrollieren, bewilligen wir noch statt 20.000 Zertifikaten 5600; wenn aber ein in der Mehrheit arabischer Rat oder gar ein in der Mehrheit arabisches Parlament zur Stelle sein wird, werdet Ihr Euch nach den 5600 sehnen und sie als große Errungenschaft in der Erinnerung haben; und es ist möglich, daß die Palästina-Regierung sich bei den Arabern und den antizionistiseben Lords demokratische Empfindungen bestellt. Es ist ja eine Kampagne im Oberhaus vorbereitet und es gibt in England Politiker genug, die mit dem Hitlerismus sympathisieren. Hat man n Deutschland einen „gewählten“ Reichstag, weshalb denn nicht auch in Palästina? Die Demokratie erfordert es, daß eine Volksvertretung in der oder in jener Form geschaffen wird und die Juden würden ja mit ihrer ganzen Geschichte in Konflikt geraten, wenn sie sich dieser Argumentation entziehen würden. Können die Juden den Arabern ernstlich das Recht auf Vertretung bestreiten? So beiläufig dürfte gesagt werden. Und unterdessen trifft die Jerusalemer Regierung alle Vorbereitungen, um die Voraussetzungen für diese Art Demokratie zu schaffen. Sie will die Relation zwischen Juden und Arabern stabilisieren. Die jüdische Einwanderung wird gedrosselt, die arabische ist unkontrolliert; auf die jüdische Siedlung wird der Dienst für eine völlig unnötige Anleihe gesenkt, aus der die Araber versorgt werden; die Beschäftigung jüdischer Arbeiter, sowohl privat, wie vom Staats wegen wird gehemmt, die der Araber bevorzugt. Es sind mehrere Fliegen auf einen Schlag: Konflikte unter den Juden selbst, Konflikte zwischen Juden und Regierung, zwischen Juden und Arabern. Die Juden sollen zermürbt werden, solange, bis sie das „kleinere Übel“ akzeptieren und den Lärm wegen der Zertifikate einstellen — um nicht im Rat oder im Parlament in eine legalisierte Minderheit zu geraten. Aber es ist noch das Mandat da. London kann eine solche grundstürzende Reform nicht ohne den Völkerbund vornehmen. In dem Mandatsvertrag ist nicht von einem Rat oder gar einem Parlament die Rede; aber es ist vorgesehen, daß die Meinung der Jewish Agency in allen Fragen einzuholen ist, die mit der Errichtung des jüdischen Nationalheims in Zusammenhang stehen. Es kann also, wenn die Juden nein sagen, nicht über sie hinweg entschieden werden. Sie müssen die Energie aufbringen, nein zu sagen und dies rechtzeitig zu tun. Die Juden — das ist in diesem Falle die zionistische Exekutive. Sie muß sicher sein, daß die zionistische Organisation geschlossen hinter ihr steht und es ist mehr als notwendig, daß dies auch äußerlich in die Erscheinung tritt. Es ist tief bedauerlich, daß die Exekutive in diesem Moment nur eine Minderheitsregierung darstellt und es ist bedauerlich, daß der Misrachi, der das Judentum auf die Gefahr aufmerksam macht, in eben demselben Augenblick aus dem palästinensischen Nationalrat ausgetreten ist. Das ist keine Politik und es ist eine sehr gefährliche Schwächung der jüdischen Position, hervorgegangen aus einer blinden Rechthaberei und einer Übersteigerung von Streitigkeiten, die, an der Situation gemessen, Kleinigkeitskrämerei sind. Die volle Verantwortung trifft nicht die Bleibenden, sondern die Gehenden und keine Demission kann sie davon befreien. Die Zukunft der Jüdischen Einwan• derung nach Palästina London, 5. Juli. Professor Selig Brodetsky, der Leiter des Politischen Departements der Exekutive der Jewish Agency in London, und der politische Sekretär der Londoner Zionistischen Exekutive A. Lourie wurden soeben vom Minister für die Kolonien Sir Philip Cunliffe- Lister im Gebäude des Colonial Office zu einer längeren Besprechung empfangen. Brodetsky und Lourie besprachen mit Sir Philip Cunliffe-Lister eingehend alle jene Angelegenheiten, die mit dei jüdischen Einwanderung nach Palästina