Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 363 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frei« dieser Nummer 2$ g V. b. b. HEUTE HERZL FESTNUMMEJ 12 SEITEN STARK JÜDISCHE ZEITUNG Taufende danken W,f««T MIKOlasch MIKOLASch die*ev Firma mmii den 33 Jahren ihres Bestandes Hilde t»ei F u d> und Bruehleiden — Sim verdien! auch Ha» Vertrauen! Haimnaen-Ifflliolnsch Wiera, Tahersirafie 23. Tel. R 47-1-3«, R 41-0-40 Redaktion und Administration Wien, ■ KarntnerstraBe 2B Tel. R 27*4*85 Redaktionsschluß Montag und Mittwoch vorm. "T(9^TÜüäü^694rT 7* Jahrgang Der Erwedker und Führer er zu ihnen sprechen. Er mußte in jedes einzelne Herz die Idee legen, jeder einzelne mußte verstehen, daß er mit den anderen Worten neu formte. Das Volk verstand ihm. Die Reichen lehnten ihn ab, die Armen, die an Leben und Schicksal Verzweifelnden flltttll Sesii^i Herzl hat den politischen Zionismus ge- «chaffen. Es gibt viele, die dies Verdienst schmälern wollen. Es seien — so wird behauptet —• schon vor Herzl Bestrebungen vorhanden gewesen, die Judenfrage als politisches Problem zu gestalten und auf das Geleise der nationalen Autonomie zu führen. Bas waren Einzelgänger. Die jüdische Masse, die wie jede Masse nach dem Ereignis, nach der großen seelischen Erschütterung hungert, die hören und fühlen und gehorchen will, wußte nichts von ihnen. Als Herzl sprach, jubelte die Masse aiuf. Sie sah den übergroßen, schlanken Mann mit der blassen Stirn und den glühenden Augen, sie hörte die dunkle Stimme, die so wunderschöne Beden hielt, sie fühlte den Zauber dieses Königs der Zerstreuung. Seine Wirkung war so stark, daß sie selbst heute, nach SO Jahren, noch zu merken ist, und daß die Epigonen es nicht wagen dürfen, eich so expreesis verbiß loszusagen. Ach nein. Sie suchen die Formel, die ausdrücken eoll, daß das, was jetzt kommt, doch eigentlich der Fortbau des Herzischen Hauses ist. Bas Leben eines Volkes wie das des Einzelnen Ist in unaufhörlicher Veränderung. Nie ist das Jetzt dem Vorher und dem Nachher gleich, was gestern richtig war, muß es morgen nicht mehr sein. Hat der politische Zionismus, wie ihm Herzl nicht im „JucLenstaat“ sondern in den Kongreßreden, in seinen politischen Taten darstellt, versagt, dann ist es richtig, daß er fällt. Das Volk steht über einer Organisation. Aber der politische Zionismus hat nicht versagt. Das, was heute besteht, hat doch er geschaffen. Das Völkerbunddokument des Mandates hat doch der poltische Zionismus gebracht, er hat die Mächte gezwungen, dieser im Namen einer Nation auf tretenden Idee die Anerkennung zu geben und sie genau so formuliert hat. Das Baseler Programm war die Grundlage der neuen Magna Charta, und so peinlich es für viele von heute sein mag — es bleibt doch wahr, daß dieses Baseler Programm von Herzl und dem nun auch schon bestatteten Max Nordau niedergeschrieben worden ist. Dieses Programm war der politische, an das Volk und die Völker adressierte Ausdruck der Idee. Was ist diese Idee? Ihr werdet tausende Deflationen hören, die sich auf Bibel und Talmud und papierene Literatur berufen. Sie sublimieren sich in einem Willen: Dieses Volk will als Volk leben. Es will Land, Boden, Städte, Dörfer, es will Bahnen und Verkehr, es will Freiheit für sich, um sich so zu entfalten, ,wie es dies braucht. Wir kennen die Gesetze nicht, nach denen sich die Entfaltung vollziehen wird. Aber wir. haben die Vorbedingungen zu schaffen, als da sind: Freiheit der Einwanderung, Freiheit der Siedlung, und für diese Komplexe Plan und Mittel bereitzustellen. Vorbedingung ist aber auch die Bereitstellung der Seelen. Ehe Moses die Juden aus Ägypten führte, mußte allen zusammen eine Einheit bildet, die sich Freiheit und Heimat schaffen soll, und daß dieses Ziel leidet, wenn sich nicht alle zu ihm bekennen. Moses sprach und alle gingen mit ihm. Sein Wille war der ihre. Die Größe der Idee, der Gedanke an Heimat und Freiheit trieb sie vorwärts und ging als strahlende Wolke vor ihnen, dem Lande zu, das den Vätern eigen gewesen war. „Ich, der Seiende, dein Gott, habe dich erlöst aus dem Lande der Knechtschaft.“ Göttlich war die Idee, ewig in die Vergangenheit zurück, ewig in die Zukunft. Ein Volk war aufgestanden. Es war Herzls Größe, daß er zur Idee zurückfand, daß er sie in einfachen klaren scharten sich um den Mann, der das sagte, was in ihren Herzen schlief, hoben ihn auf den Schild, so hoch, daß auch die anderen ihn sehen, von ihm hören mußten, was er wollte. Keine Kolonisation, keine Infiltration: den Charter auf das ganze Land, in dem der jüdische Staat entstehen soll. Ein Staat wie alle, mit derselben Anlage und mit Macht. Ein jüdisches Land, das jedem Juden Schutz sein soll, mit Bahnen und Häfen und Schulen, meinetwegen auch mit Heer und Flotte; frei in sich, frei von dem Gift der Hetze, frei in der Entwicklung, nur dem eigenen Gesetz gehorchend. Von diesem Staate, der nicht alle Juden umfassen kann, sollen tausende neue Strahlen des Lebens hinausgehen, das Judentum umgestalten und jeden zum jüdischen Bürger machen, so wie jeder Deutsche, jeder Engländer, wo immer er lebt, Bürger seines Volkes bleibt, einer, Blutgemeinschaft, die durch Grenzen uut rechtlich, aber nicht ethnisch beeinflußt werden kann. Was die Völker Europas besitzen, sich in Kriegen und Kämpfen erwarben, das soll auch das jüdische Volk haben mit der Zustimmung und der Hilfe der anderen. „Unsere Sache muß von viel Wohlwollen umgeben sein, wenn sie gedeihen soll.“ Das erwies sich, als der. Völkerbund aussprach, daß das jüdische Volk nicht kraft Duldung in Palästina sei, sondern kraft Rechtens, kraft seiner historischen Verbundenheit mit diesem Land. Herzls Konzeption hat sich politisch bewährt. Sie hat nicht versagt, sondern im Sturm des Weltkrieges sich durchgesetzt. Was war im Judentum geschehen? Eine Organisation entstand, die tausend neue Kräfte weckte. Das politische Bedürfnis, der Trieb zur Arbeit an der Gemeinschaft, ist im jüdischen Volk so stark wie in jedem anderen. Aber er war bis dahin brach gelegen und von der Wirtschaft der Honoratioren verschüttet. Das Charakteristische dieser Zeit war ja, daß das Judentum atomisiert war, daß es ein jüdisches Gemeinleben nicht gab, daß die breiten Schichten desinteressiert waren und so ein Auflösungsprozeß sich bereits ankündigte. Wäre Herzl nicht gekommen, so gäbe es heute kein Judentum mehr. Der Zionismus schuf politische Agilität, weckt soziale und wirtschaftliche Zusammenschlußtendenzen und schulte auf der ganzen Welt Talente, die sonst im Brei der Assimilation und der politischen Apathie erstickt wären, zu einer neuen Arbeit, die ihnen zu jeder Stunde die Verbindung mit Volk und Idee lebendig vor Augen stellte. Die hebräische Sprache, bis dahin das Privateigentum einiger Rabbiner, Stubengelehrter, Literaten — und niohtjüdisoher Professoren, blühte auf, Sparkassen, Kinderheime, Lesesäle, Schulen wurden gegründet. Menschen, die nie über ihren Ort hinweggedacht hatten, begannen Kolonisationsfragen zu studieren und faßten neues Interesse für Politik im allgemeinen, begannen alles auf den Reflex auf jüdische Fragen zu prüfen. Es war eiu Strom von Energie aufgeschlossen worden, der die Apathie wirksam bekämpfte und sich auch den antisemitischen Strömungen entgegenstemmte. In allen Staaten knüpften Zionisten wertvolle Verbindungen mit politischen Parteien, Regierungen, Intellektuellen an, und im Judentum entstand politisches Leben. Ein ganz neues Bild zeigte sich. Inmitten dieser Kämpfe entstand ein Impuls, von idealistischem Arbeitsdrang fiebernde Generation. In dieser Zeit wurde von den Zionisten alles das geschaffen, was noch heute im Zionismus besteht: Koloninlbank und Nationalfonds, ein über alle Länder gezogenes Netz von Vereinen. Verbänden. Organisationen, in denen Aufklärung und Er-