Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 362 (19.6.1934)
- Date
- 1934-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer SO g V. b. b. Erscheint Dienstag und Freitag jüdische Zeitung ■BSKrssaoann Nr. 362 I Wien, 19. Juni 1934 Redaktion und Administration Wien, ■ KSrntnerstiefle 2b Tel. R 37-4-85 RedaktlonaeohluS Montag und Mittwoch vorm. Die nädhste Nummer der „Stimme7* erscheint anläßlich des 30. Todestages Theodor Herzl’s als Herzl-Festnummer 11 in besonders verstärktem Umfang und in verstärkter Auflage | (6. Thamua 5694) | 7- Jahrgang Nach Puca - Pleratkl Erklärungen des englischen Kelonlenmlnisters London, 14. Juni.!n Beantwortung einer Frage des Abgeordneten Oberstleutnant T o d d, ob es noch eine illegale Einwanderung nach Palästina gäbe und wie groß sie sei, erklärte Kolonienminister Sir Philip Gunliffe-Lis t e r im Unterhaus, die Durchschnittszahl der monatlich unerlaubt nach Palästina Einwandernden werde für die Monate November 1933 bis Jänner 1934 auf 300 geschätzt, gegenüber durchschnittlich etwa 1000 monatlich in den ersten zehn Monaten des Jahres 1933. Es seien Maßnahmen getroffen worden, um dieses Problem zu lösen. Captain Strickland fragte hierauf: „Ist diese unerlaubte Einwanderung nicht zu einem großen Teil auf die von der Regierung verfügte Einschränkung der legalen Einwanderung zurückzuführen, eine Einschränkung, die die Entwicklung der Bautätigkeit, die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung wesentlich aufhält?“ Der Kolonienminister: „N e i n. Das sind vollständig irrige Feststellungen. Es sind nicht die Maßnahmen der Regierung, die zu unerlaubter Einwanderung führen. (Das sind die alten, unstichhältigen Ausreden. Die Red.) Es liegt bestimmt im Interesse aller Beteiligten, daß nur zugelassene Einwanderer nach Palästina kommen.“ Captain Strickland fragte hierauf den Minister, ob es ihm nicht bekannt sei, daß in Palästina Arbeiter für Häuserbau gebraucht werden, und daß Häuser infolge des Arbeitermangels nicht fertiggestellt werden können. Darauf antwortete der Kolonienminister, der High Commissioner müsse bei der Festsetzung der Zahl zuzulassender Einwanderer die allgemeine Zukunft des Landes ebenso berücksichtigen wie die augenblickliche Lage. Die Anleihe vor dem Oberhaus London, 14. Juni. Das Ermächtigungsgesetz zur Garantie der Palästina-Anleihe wurde am 12. Juni vom Oberhaus in erster Lesung angenommen. Waucbope entscheidet allein Ober Palästina-Einwanderung London, 15. Juni. Auf die Frage von David Adams im Unterhaus, ob die Regierung die jüdischen Proteste gegen dio Unzulänglichkeit der bewilligten Einwandererquote zur Kenntnis genommen habe und Schritte unternehmen wolle, eine Revision dieser Quote herbeizuführen, erwiderte Kolonienminister Sir Philip Cunliffe -Liste rschriftlich: Es hat stets Übereinstimmung darüber geherrscht, daß die Verantwortung für die Festsetzung der Halbjahresquote für Arbeitereinwanderer dem High Commissioner für Palästina überlassen werden muß, der am besten in der Lage ist, die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes zu beurteilen. Nach dem rumänischen Ministerpräsidenten liegt nun der polnische Innenminister auf der Bahre. Den einen haben Angehörige der Ei serenen Garde, den anderen ein Mitglied der polnischen nationalradikalen Partei gemeuchelt; in beiden Fällen bekennen sich die Mörder zu jener Richtung, die mit dem Terror politische oder soziale Probleme zu beseitigen sucht. Sowohl Duca wie Pieracki hatten energisch gegen diese Strömungen Stellung genommen und scharfe Maßnahmen angekündigt Wenige Stunden später ereilte eie der •Meuchelmord. Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang in der Tat, die in Warschau begangen wordori ist unddas auffallendste an ihr ist, daß sie an dem Tag erfolgt, an dem Goebbels, der Vertreter des deutschen Gewaltsystems und dessen bester Propagator, in Polen weilte und vor einer Intellektuellengesellschaft Über den deutschen Nationalismus einen Vortrag hielt. Er befaßte sich eingehend mit dem Schicksal der deutschen Juden, gegen deren übermächtigen Einfluß das deutsche Volk sich habe wehren müssen. Diese Lehre von der jüdischen Überfremdung hat auch in Polen fruchtbaren Boden gefunden und Innenminister Pieracki hat in der letzten Zeit vor Anschlägen auf die bürgerliche Rechtsstellung der Juden gewarnt. Goebbels war wohl kaum auf politische Affekte aus. Er wollte an Ort und Stelle die Erfolge seines antijüdischen Hetzapparates studieren und es ist leider wahr, daß er Erfolge vorfinden konnte. Die seit Monaten andauernden Exzesse der nationalistischen polnischen Halbintellektuellen sind von einer politischen Partei, die sich untor dem Namen Nationalradikal von den Nationaldemokraten abgesplittert hat, in Obhut genommen worden und es ist zu veritablen Pogromen gekommen. In Warschau und Wilna sind Todesopfer zu beklagen, die Presse veröffentlicht lange Listen jüdischer Verwundeter. Die tritt überall, wo Juden wohnen, mit der gleichen Vehemenz auf, wird also zentral geleitet. Die ist mit deutschem Geld gespeist und das Judenprogramm der Nationalradikalen stimmt in Wortlaut mit den deutschen nationalsozialistischen Forderungen überein. Die mit deutschem Geld gegründete „Sztafeta“ kann sich in wütenden Brandartikeln und Verherrlichung des Dritten Reiches nicht genug tun. Die Regierung Polens hat sich diesen Treibereien gegenüber korrekt verhalten, Minister Pieracki, der nun aus dem Leben gerissen worden ist, hat einige Führer der Nationalradikalen verhaftet, hat. in Polnisch-Schlesien die nationalsozialistische Partei aufgelöst und ein Uniformverböt erlassen. Aber die Regierung steht den Juden doch nicht mit der gebotenen Unparteilichkeit gegenüber. Die Minister betonen in Erklärungen das gleiche Recht der Juden, aber in gesetzgeberischen Maßnahmen zum Schutze des Handwerkes, der Landwirtschaft, de6 Handels, zeigt sich der antisemitische Pferdefuß und es ist sehr charakteristisch, daß die „Gazetta Warszawska“ zur Sicherung der Ruhe kein anderes Mittel zu empfehlen wußte, als die Entrechtung der Juden. Und nun ist die Stunde der bitteren Erkenntnis gekommen, daß der Judenhaß der Sammelplatz der subversiven Elemente ist, die von hier aus das Empfinden für Recht und Gesetz abtöten. Von der .Vergewaltigung einer Minderheit aus geht dann der Sturm gegen den Bau der staatlichen Organisation. Wie sich dies vollzieht, das sollte gerade Polen wissen, das zwischen der russischen Vergangenheit und der deutschen Gegenwart lebt. Bei den Juden beginnt's — mit Ministermord wird's fortgesetzt. Natürlich werden auch in Polen die gleichen Beschuldigungen gegen die Juden erhoben wie anderwärts. Auch in Polen hat sich ein Sammelbegriff „die Jude n“ gebildet, dem man alles anlasten kann, über das sich die Mehrheit beschwert. Der Warschauer Kardinal Kakowski hat als Sprecher fungiert und er hat dem polnischen Rabbinerverband eine schriftliche Erklärung übergeben — und sie sogar gegen alle Sitte ohne Zustimmung der Rabbiner veröffentlicht — die von jüdischen Führern der Gottlosenbewegung, von den jüdischen Kommunisten und jüdischen Verbreitern der pornographischen Schriften spricht und so die vorhergehende Verurteilung der Exzesse wertlos macht. Der Kardinal weiß, daß die Gottlosenbewegung, die von Russen, Polen und auch Juden betrieben wird, vor der jüdischen Konfession nicht halt gemacht hat; e r weiß, daß die jüdischen Kommunisten dem jüdischen Volk so entlaufen sind, wie die polnischen dem polnischen Volk; er weiß, daß den Kommunisten kein jüdisches Geld zufließt; er weiß, daß pornographische Schriften bei jedem polnischen Kellner, an jeder Straßenecke zu haben sind und daß sich unter ihren Herstellern interessanterweise überhaupt keine Juden befinden. Der Kardinal weiß das alles, aber er behauptet es doch. Es wäre angezeigt, daß der Kardinal sich daran erinnert, was in Rußland gegen die polnische Nation gesagt, wurde. Wie haben diese Beschuldigungen politisch und sozial auf die Polen gewirkt? Sicherlich hat der Kardinal es nicht nötig gehabt, bei deutschen Autoren in die Schulo zu gehen. Er schöpft sein Wissen aus sich selbst und er ist mitverantwortlich dafür, daß von seiner Autorität gedeckt, Juden — unter ihnen ein jüdischer Soldat — erstochen wurden, daß einige Hundert in den Krankenhäusern liegen, daß durch die verschiedenen Verordnungen die Verarmung der drei Millionen jüdischen Bevölkerung noch weiter fortschreitet und daß sogar Hungerödem aufgetreten ist. Der rote und der weiße Pogrom wirken zusammen und ihr Anlaß ist die von den geistigen Führern geförderte sittliche Seuche der Mehrheitsvölker. Wer sich über die Radikalisierung der Flügelgruppen auch bei den Juden beschwert, der vergesse nicht den Grund: den Judenhaß. Und wer dies ehrlich bedenkt, darf nicht von Provokateuren sprechen und darf nicht wissentlich sinnlose Anschuldigungen in die Welt schleudern. Dies schädigt gewiß die Juden, aber auch den Staat Polen, der auf die konstruktive Mitarbeit der jüdischen Bevölkerung angewiesen ist. Kein Staat kann es sich ungestraft leisten, eine ganze Schichte seiner Bürger auszuschalten und zu verfehmen. Deutschland ist ein warnendes Beispiel und Polen dürfte heute schon genaue Kenntnis davon haben, wie die nationalsozialistische Ideologie des Goebbels einen Staat verwüstet, wie sie das Gewissen lähmt und die Achtung vor dem Leben tötet. Dieser Ideologie ist Duca erlegen, an ihr ist Pieracki gestorben. » Außenminister Barthou erhält ein Memorandum über die Vorgänge In Polen Paris, 17. Juni. Das aus Christen und Juden sich zusammensetzende „Commitee für Schutz der Rechte der Juden in Mittel- und Osteuropa“ übergab dem französischen Minister des Äußeren Barthou ein vom Senator und früheren Minister Justin G o d a r t und von Boris Gurewicz unterzeichnetes Memorandum, in dem auf Grund der neuesten offiziellen Statistiken die Wirtschaftslage der Juden in Polen dargelegt und die französische Regierung ersucht wird, auf die maßgebenden Kreise in Polen, ohne sich in die Souveränitätsrechte Polens einzumischen, im Sinne einer Erleichterung der jüdischen Lage hinzuwirken. Das Memorandum schließt: „Mögen unsere Worte als Meinungsausdruck des französischen Volkes, das die polnische Zivilisation bewundert und Polen das Beste wünscht, aufgenommen werden.“ Tagung der Mandats« kommission beendet Genf, 17. Juni. Die 25. Tagung der Ständigen Mandatskommission ist beendet. Der Bericht der Kommission an den Rat soll ziemlich stereotyp abgefaßt sein und nur ganz allgemeine Bemerkungen enthalten. Immerhin hat die Kommission in einem einzigen Satz — unter Bezugnahme auf einen im gedruckten Bericht der Mandatarmackt enthaltenen Passus — auf die Notwendigkeit einer besseren Organisierung der Zertifikate-Verteilung für die Arbeiter-Emigranten hingewiesen. Während der Tagung sollen einige Mitglieder der Mandatskommission Telegramme von der Arabischen Exekutive in Jerusalem erhalten habeu, in denen sie vor einer „parteiischen Stellungnahme zugunsten Englands und der Zionisten“ gewarnt werden. Die Mitglieder der Kommission wurden auch sonst aus Palästina mit Protesten gegen die jüdische Einwanderung und das Mandat überschüttet.