Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1934-06-15 · Heft 361 (15.6.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 361 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3054070-3054115--4283-3059892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Erscheint Dienstag und Freitag Preis dieser Nummer 20 g Heute 8 Seiten stark JÜDISCHE ZEITUNG V. b. b. mmmmmmmn» WMimivittwuirum—sawa—b——i———— Nr. 361 | Wien, 15. Juni 1934 ENGL. HERRENMODE FEINE MASSWÄSCHE EUGEN PRAGER I., SPIEGELGASSE 25 FERNRUF: R 22-3-90 Redaktion und Administration: Wien, i. Kärntnerstraße 28. Tel. R 27-4-85. Redaktionsschluß Montag und Mittwoch vorm. I (X. Thainus $694) I 7« Jahrgang Pogrom in Warschau Ein Toter, viele Verletzte Warschau, 12. Juni. Am Freitag abends überfielen 30 mit Gummiknüppeln, eisernen Stäben und anderen Schlagwaffen bewaffnete Personen die Bibliothek „J. L. Perez“, schlugen die Fenster ein und brachen die Fensterrahmen heraus. Hierauf drangen sie in die Bäckerei von L e i b Salzmann ein und demolierten dieselbe. Der Hauseigentümer Jeeheskiel Dolman wurde durch Schläge mit eisernen Stäben auf den Kopf so schwer verletzt, daß er trotz schneller medizinischer Hilfe noch in der Nach im Hospital seinen Verletzungen erlegen ist. Die Exzedenten demolierten dann die Wohnung der Frau Channah Jeruchanow i c z. Hernach wollten sie den Bruder des getöteten Dolman zwingen, sie in seinem Taxi in unbekannter Richtung zu fahren. Als er sich weigerte, schlugen eie ihn nieder und flüchteten in der Richtung des Militärfriedhofs. Auf dem Wege dahin demolierten eie die Wohnung des Juden Seimdan. Das Polizeikommissariat entsandte ein Auto mit einer Polizeiabteilung, die elf Teilnehmer an den Exzessen verhaftete und die demolierten Lokale photographierte. Einige der Verhafteten wurden wegen Mangels an Beweisen freigelassen. Die Warschauer Rcttungsgcsellschaft veröffentlicht ein Conununique, das folgende Namen von bei den Exzessen in Povonzek am Freitag abends verletzten und auf der Rettungsstation verbundenen Juden enthält: Jecheskiel Dolman (35 Jahre, 5 schwere Kopfwunden, gestorben); Jizchak G r o ß b e r g ((52 Jahre, schwere Gesichtsw unden); (Abraham Zimmermann (35 Jahre, schwere Bauchwunde); Israel Schuldiger (15 Jahre); Jizchak W eb o r m a n n (30 Jahre, schwere Wunden am Kopf und Gesicht); Leon Schwarzm a n n (schwere Bauchwunde); Ignaz Flecksilber (17 Jahre, schwere Gesiehtswunden und Blutsturz); Henryk S z u 11 y (12 Jahre, schwere Kopfwunde). Das Communiquö verzeichnet die Hilfeleistung an einige weitere verletzte Juden, ohne deren Namen zu normen. Schmutziges ausländisches Geld Die österreichische Regierung hat die ge-1 den Aufbau dieses Staates zu stören.“ Dieses samte Bevölkerung zur Verteidigung! schmutzige, schändliche Geld wird aber des Staates gegen die nationalsozialij nicht nur direkt zur Vertiefung des Banstischen Terrorakte aufgerufen. Die Maßregel j ditentums eingesetzt, es wirkt auch in der erinnert sehr stark an die vom Kongreß der ' Presse. „Der Heimatschütze r“, das Vereinigten Staaten in den Sechzigerjahren Organ der Heimwehren, hat vor wenigen gegen die Geheimorganisation des Ku-Klux- Klan aufgestellten Vigilanzausschüsse, die eigentlich eine Volksbewaffnung darstellten und denen es in kurzer Zeit gelang, dem Bandenunwesen in den Süd- und Südoststaaten ein Ende zu machen. Die englische Einrichtung der Volunteers in den fernen Kolonien ist eine ähnliche Maßregel. Sie entsteht aus einem Notstand der gesamten Bevölkerung, die der Staat zur levee en masse aufbietet, um sich des inneren Feindes zu erwehren. In Österreich bekommt der Aufruf der Bundesregierung seinen besonderen Charakter durch die daß die Terroraktionen eine Tatsache, ’j jemandem politische j gesetzlich Tagen öffentlich ganz bestimmte Beschuldigungen erhoben, Namen genannt und die Einstellung der „Wiener Neuesten Nachrichten“, des „Tages-“ und „Naohtkuriers“ gefordert und diese Blätter angeklagt. Einen Erfolg hat er bisher nicht erzielt, und diese Blätter treiben in idealer Verbindung mit dem Wochenblatt „Stürmer“ weiter ihr Handwerk. Noch kleben an den Straßenecken die braunen Plakate dieses Wochenblattes, das sich als das „einzige antisemitische Wochenblatt“ anpreisen darf, ohne daß es einfiele, daß das Judentum eine anerkannte Religionsgenossen- Kampfhandluug einer auswärtigen Zentralstelle sind, gegen die die gewöhnlichen diplomatischen Mittel versagen. Es geht darum, die für Österreich lebenswichtige Einnahmsquelle des Fremdenverkehrs zu verstopfen, Unruhe und Verwirrung im Innern zu stiften, dunkle Elemente an sich zu ziehen und die sittliche Korrumpierung der Jugend fortzuführen. Neue Ausschreitungen Prag, 13. Juni. Die tragische Lage der Juden in Warschau, die durch die systematischen und ununterbrochenen Angriffe der Radikal-Nationalen auf die jiidischo Bevölkerung geschaffen wurde, dauert — wie die aus Warschau neu eingetroffenen Nachrichten besagen — an; dio Judenschaft lebt dort in einer unerträglichen Atmosphäre von Terror. Das zu Pogromen hetzende Organ „Sztafeta“ wird in Massen verteilt und übt dio gewollte Wirkung aus. Die Inhaber der Theater, Kinos, Restaurationen und Kaffeehäuser klagen, daß ihre Säle und Lokale in den Abendstunden leer sind, da dio jüdische B e v ö1ko r u n g aus Furcht vor Überfällen es nicht wagt, abends die Wohnungen zu (Fortsetzung auf Soito 4) Die von der Regierung vorgenommenen Erhebungen haben festgestellt, daß die Leitung dieser Bewegung sich i n M ü nchen befindet und sich „laut B e f e h 1“ — wie ein in Salzburg aufgegriffener Brief beweist — über den Erfolg der Attentate Bericht erstatten läßt. Es hat sich weiters ergeben, daß für das Böllerwerfen, für die befehlsgemäße Anwendung von Handgranaten, Ekrasitbomben und Schmiervasen, für die Sprengung von Geleisen, Durchschneiden von Telegraphen drähten, fixe Preise bezahlt werden. Das Geld kommt auf verschiedenen Wegen aus Deutschland, aus dem Staat, der seine Schulden nicht zahlen kann, der seinen Arbeitern die Löhne kürzt, aber, wie man sieht, Mittel genug hat, um Propaganda nach seiner Art zu betreiben. Diese Tätigkeit ist heute fast schon art pour art. Sie wäre sinnlos, denn mit Bomben und Höllenmaschinen ist ein politischer Zweck nicht zu erreichen. Es ist reine Lust an der Gewalt, an der Zerstörung von Verkehrswegen, an der Schädigung von Kindern, dio das gefährliche Zeug auf der Straße finden. Der Justizminister hat in einer Rede in Krems dieses Treiben charakterisiert: „Heute ist es so, daß nicht Idealismus, sondern Geld, schm u t z i g e s ausländisches Geld am Werk ist, um Söldner zu dingen, deren Aufgabe es ist, auf Banditen art schaft ist, deren Ehre und Recht die Verfassung verbürgt. Die Judenlietze ist ein integrierender Pestandteil der nationalsozialistischen Weltanschauung; sie ist ohne den Antisemitismus undenkbar, sie erschüttert vom Judenpunkt aus den Bau der Gesellschaft, um dann auf den Trümmern einen finanziell wohlfundierten Sieg über Judentum, Christentum, Kultur und Zivilisation mit entsichertem Browning feiern zu können. Das Wagnis des nationalsozialistischen Ansturms wird aber dadurch unterstützt, daß auch in Österreich Kreise bestehen, die da meinen, in punkto Antisemitismus die Konkurrenz aufnehmen zu können und die die Augen vor der aus Deutschland herüberdringenden Tatsache schließen, daß für dieses braune Heidentum der Sprung vom Alten zum Neuen Testament sehr kurz ist. Der innere Feind Österreichs hat sehr hohe Gönner, die antijüdisch und — kurzsichtig sind. Der Staat ruft alle Gutgesinnten zum Kampf auf. Es wird der Sache nur förderlich sein, wenn es auch die inneren Drahtzieher erkennt und unschädlich macht, die , Elemente, die ja heute schon wissen, daß das Dritte Reich nach Luft schnappt und wirtschaftlich in eine Zange geraten ist, die aber gewissenlos genug sind, auch Österreich in den Wirbel des untergehenden Schiffes hineinzureißen. Ihr Weizen blüht, wenn hohe Staatsfunktionäre öffentlich in ihren Äußerungen den christlichen Charakter des Staates überbetonen, so daß gewisse Kreise die Absicht eines Ausschlusses der Juden wittern. Österreich will ein Rechtsstaat bleiben und nur als solcher genießt es die Unterstützung Europas. Nur wenn es Rechtsstaat bleibt und die Gleichberechtigung aller seiner Einwohner hochhält, wird es sich mit Erfolg derer erwehren, die von schmutzigem, ausländischen Geld für ihr Banditentum bezahlt werden. Verhandlungen in London über die Einwanderungslrage k | Nur In die guten billigen INeudegger Fahrschulen Wien, VIII., Neudeggergasse Nr. 18, Telephon B 46-5-72 und Inzersdorf (Nied.-Öslerr.) Prüfungaerloioliterung durch : 8{Laufendes Auto im Lehrsaall! London, 13. Juni. Im Londoner Hauptbüro der Zionistischen Organisation gab der politische Referent der Exekutive der Jewish Agency Prof. Selig Brodetsky in einer Konferenz Erklärungen über die Politik der Exekutive, insbesondere in der Einwanderungsfrage, ab. Die Exekutive, sagte Dr. Brodetsky, beabsichtige dio Einwanderungsfrage s ow o h 1 in'London als auch i n P a 1 ä stina weiter zu behandeln. Man könne nicht ruhig bleiben, solange nicht der Grundsatz, die Einwanderung entsprechend der Aufnahmefähigkeit des Landes z-u regeln, voll und loyal eingehalten werde. In diesem Zusammenhang sprach Dr. Brodetsky sein Bedauern über die Zwischenfälle in Tel-Aviv aus, durch die Wirkung und Wert der Kundgebung gegen die Regierungspolitik schwer beeinträchtigt würden. Im Anschluß daran kündigte Dr. Brodetsky die Herausgabe eines Buches über die Einwanderungsfrage für die nächste Zukunft an. Man werde dem Gesamtproblem nicht gerecht, wenn man nur die Arbeitereinwanderungs-Schedule in Betracht ziehe. Man müsse sich in einer klaren autoritativen Erklärung mit der Frage der Einwanderung in ihrem ganzen Umfang befassen und diese Erklärung zur Grundlage weiterer Verhandlungen mit den Behörden machen. Zu der Erklärung, die der Vertreter der Mandatarmacht, Chefsekretär John Hathorn - H a 11, vor der Mandatskommission des Völkerbundes betreffend das Mißverhältnis zwischen der Zahl der von der Jewish Agency angeforderten und der der bewilligten Zertifikate gemacht haben soll, bemerkte Prof. Brodetsky, die Behauptung des Chefsekretärs, die Anforderungen der Jewish Agency hätten sich auf nur vorübergehend vorhandene Arbeitsgelegenheiten bezogen, müsse schärfstens zurückgewiesen werden. Diese Behauptungen werfe eine Frage wieder auf, die vor drei Jahren behandelt und ausgekämpft wurde. Die Araberfrage Im Zusammenhang mit der vor kurzem von der Palästinaregierung gegen das Postenstehen zum Schutz jüdischer Arbeit erlassenen Verordnung kam Dr. Brodetzky sodann auf dio Araborfrage zu sprechen. Die Verordnung worde nur noch mein* Verbitterung erzeugen. Der Postendienst, in den sich die besten Kräfte dos Jwcluit gestellt habe, sei zu begrüßen. BAD ISCHL Pension Andreas-Hofer A. WIU.NER Streng rituelle Küche unter Aufsicht, eigenen Schöchter von Herrn Gr. Robb. Babad, Zentral gelegen beim Kuipark, Komfortable Zimmer, volle Pens'on v. S 6.- oufw. MittajjsmenQ S 2.80 aufw. Auskunft II., Novarag. 24, Restaurant.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.