Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 358 (5.6.1934)
- Date
- 1934-06-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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tfr. 3fe8 — 5. Juni 1954 DIE STIMME Beließ ' Kunst und Literatur Zu Max Brods Weim es auch heute so ist, daß in reielisrdeufsehen Blättern vom 50. Geburtstag ries Prager Dichters Max B r o d keine Notiz genommen wird — gehört er doch zu den „Verbrannten“ des 10. Mai 1933 — so darf das literarische Wien an dem Wirken dieses feinen Poeten, dieses eminent musischen Menschen nicht stillschweigend vorübergehen. Max Brod hat sich vor allem durch den Roman .,Tycho Brahe’s Weg zu Gott“ (1916) einen wohlverdienten Namen als Romancier von hohem Rang gemacht. Ja, cs gibt sehr kritische Geister, die dieses Werk für eines der besten innerhalb der neueren deutschen Prosa ansehen. Der Grundgedanke, der das ganze Schaffen dieses mit religiösen, menschheitliohen und nationalen Problemen ernst ringenden Dichters durchzieht — die Frage nach dem Sinn des „bösen Triebes“ im Heihs plane Gottes, die Gegenüberstellung des Sündigen und des Heiligen — sie ist schon ln diesem auch kulturhistorisch bedeutsamen Meisterwerke aufs einprägsamste gestellt und beantwortet. Ähnlichen Zwiespalt, der (zur Lösung geführt wind, schildert das zweite epische Hauptwerk des Dichters, „David Reubeni, Fürst der Juden“, in wel chem Reubeni und Molcho die Antithese des Zerrissenen und des Begnadeten verkörpern Wunderbare Schilderungen aus dem alten Prag der Alchimistenzeit finden sich übrigens in beiden Werken. Reubeni, der vom Prager Ghetto hergeleitet wird, führt uns Im Verlauf der an Abenteuern reichen Ereignisse auch in das Rom der Päpste, läßt uns Michel Angelo und anderen Größen jener Zeit in bedeutsamer Weise begegnen. Von Brods späteren Romanen seien hier vor allem „Stefan Rott“ und „Die Frau, die nicht enttäuscht“ (1934) genannt, die sich mit der Frage des richtigen Lebens, mit einer „Nachfolge Platos“ und mit der Beziehung idee Judentums zum Deutschtum auseinandersetzen. Hier sei die kritische Bemerkung nicht unterdrückt, daß in Brods letzten Romanen, das Dialektische allzusehr überwiegt, daß es vom Romanhaften leider nicht gesondert ist, wie dies ehemals — sehr zum Vorteil seines Schaffens — die Gepflogenheit (dieses stark räsonierenden und philosophierenden Autors war, zum Beispiel in seinem theoretischen Hauptwerke „Heidentum, (Christentum, Judentum“. Es ist kein Zweifel, daß jene Partien der letzten Romane, die einen fast nur durch Zustimmung oder Zwischenbemerkung des Gesprächspartners kurz unterbrochenen Monolog darstellen, die sokratisehe Art der platonischen Dialoge nachzubilden bestrebt sind. Doch muß der Erfolg dieser Methode dahin gestellt bleiben Hier sei ferner auf die starke, innige Beziehung des Dichters zur Musik hingewiesen, ganz besonders zu Gustav Mahler, über dessen Schaffen Brod sich in mehreren Abhandlungen und Vorträgen mit tiefer Einfühlung geäußert hat. Es ist bemerkenswert, daß ein so sehr dem Sinnlich-Übersinnlichen zugewandter, von Religiosität erfüllter Dich ter wie Max Brod dennoch so elementar und freudig auf die Schwingungen der Volksseele reagiert, wie er dies in seiner Beziehung etwa zu Jarosiav Haschok, dem Dichter des „Sohwejk“ gezeigt hat. Diesen hat, er zu einer Zeit verstanden und gewür digt, als die übrigen Zeitgenossen in ihm nur den verkommenen Vagabunden sehen wollten. Daher auch Brods Dramatisierung des „Sohwejk“. Audi im „Sohwanda“ sehen wir das Verständnis dieses deutschjüdischen Dichters für „böhmischen Volkes Weise“. Brods cchto Empfindung für Volkstum im besten Sinne äußert sich auch in seiner positiven Beziehung zum Zionismus, dein er viel gegeben hat und von dem ihm viele Impulse gegeben wurden. Es gibt nicht viele Künstler unserer Zeit, auf die so sehr das Wort paßt „Wer immer strebend sich bemüht ..Brod ist trotz seinor Fünfzig in Wahrheit ein jugendlich Strebender, um Erlösung der Zeit Ringender. Möge ihm noch reiche Erfüllung werden! Martha Hof mann. Arnold Bronnen, Diktator des Jüdischen Kulturbundes? Dem „Neuen Vorwärts“ wird aus Berlin gemeldet, daß der Reichspropagandamlnlster Dr. Goebbels, der sämtliche deutsche Bühnen kontrolliert, nunmehr die Aufsicht über die Theater des Jüdischen Kulturbundes in Deutschland, bis jetzt zwölf an der Zahl, dem Schriftsteller Arndt Bronnen anvertraut hat. Bronnen wird nun zu bestimmen haben, welche Stücke auf diesen jüdischen Bühnen gespielt werden dürfen und welche nicht, auch welche Direktoren, Regisseure, Kapellmeister usw. dem Reichspropagandaministerium genehm sind * Bronnen hat also seine Mutter und seinen Vater öffentlich beschimpft, um sich bei den Nationalsozialisten zu behaupten. Sein Vater, bekannt unter dem Schriftstellernamen Fianz Ad amu s, schrieb seinerzeit ein Stück, „S c hmelz der N ib el u n g e“, das einen polnischen Juden auf die Bühne bringt, der von seinem Sohn, dem Erstchargierten einer deutschen Burschenschaft, verleugnet wird. Dieser So/m wird nun Diktator des Jüdischen Kulturbundes, also des jüdischen Theaters in Berlin. Von diesem Theater behaupten immer die Nazi, seine Existenz beweise, wie sehr der Nationalsozialismus ver leumdet werde, wenn man „Greuelnachrichten“ verbreite. Nun wird Pfefferkorn-Bronnen Diktator des Jüdischen Kulturbundes, Stellvertreter des Herrn Goebbels. Damit sollen wohl die Juden gedemütigt werden, ln Wirklichkeit, aber bedeutet dies nichts weiter, als einen neuerlichen Beweis für die Niedrigkeit der Gesinnung des Deutschlands von heute. Goebbels und Bronnen — sie sind einander würdig. Der^4rJosor^IordgrozeA Berichte der Jüdischen Telegraphen-Agentur Jerusalem, 31. Mai. Konzert Tendter-Lfchtmann Nach langer Zeit wieder ein Abend mit auserlesenem Programm jüdischer Musik. Der stimmgewaltige Baritonist David T e n d- 1 e r und der bekannte Tenor Max Lichtm a n n, dessen leuchtende Stimme und ernstes Streben bereits mehrmals gewürdigt wurde, gaben gemeinsam ein Konzert im Festsaal des Ingenieur- und Architekten- Vereins. Der erste Teil war den Gesängen mit hebräischem Text gewidmet und enthielt Werke von Engel, Brandmann, Millner, Glacistein, Nowakowski und Hände’, dessen Arioso David Tendier Gelegenheit gab, sein herrliches Organ und seine wundervollo Atemtechnik ins beste Licht zu setzen. In Umfang und Größe erinnert seine Stimme an jene von Wat-zke, übertrifft sie aber in der Weichheit des Timbres. Max Lichtmann ist der geborene lyrische Tenor, dessen Jugend und Intelligenz, und nicht zuletzt die kluge pädagogische Führung — er ist Schüler des bekannten Gesangmeisters Viktor Fuchs — zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Der zweite Teil enthielt ausschließlich Am 29. Mai wurden im Arlosoroff-Prozeß mehrere Zeugen vernommen, die erklärten, Frau Arlosoroff habe ihnen unmittelbar nach dem Mord gesagt, sie glaube, einer der Mörder sei ein Araber. Al« Erster wurde der Ingenieur Andrei Gut vernommen, der den tödlich verwundeten Dr. Arlosoroff in seinen Wagen genommen und ihn zum Hadassah-Krankenhaus gebracht hat. Als er dann Frau Arlosoroff in Begleitung des Beamten der Zionistischen Exekutive, Juschua Gordon, in die Pension zurückbrachte, habe Frau Arlosoroff während der Fahrt erklärt: „Ich bin zu 90 Prozent sicher, daß der kleinere Mann, der geschossen hat, ein Araber und der größere ein Jude war.“ AuE die Frage des Generalstaatsanwalts Trustod, warum der Zeuge dies nicht bei seiner Vernehmung auf der Polizei miitgeteilt habe, erklärte dieser, er habe is zwar gesagt, doch sei diese Äußerung nicht ins Protokoll aufgenommen worden, weil die Polizei sie für unwichtig hielt. Hätte er gewußt, daß diese Äußerung wichtig sein würde, so hätte er a.uf ihrer Protokollierung bestanden. Die Kauf man nsgattin Brucha K u 1c h i n s k y ist am Mordabend an der Kätc-Dan-Pension vorbeigekommen, vor def ein Krankenwagen stand und eine Menschenmenge angepuinmelt war. Sie habe gehört, wie Frau Arlosoroff zu sich selbst sprach: „Ich darf nicht der Polizei sagen soll.“ vergessen, was ich’ Der Polizist Abraham Malkowski, der am Strand darüber zu wachen hatte, daß die Fußspuren nicht verwischt werden, hat gehört, wie Frau Arlosoroff in ihrer dom Kommissär Stainford gegebenen ersten Schilderung des Geschehenen erklärte, der größere Mann, der Dr. Arlosoroff mit den Worten „Kamah Haschaah“ nach der Zeit fragte, hat mit orientalischem Akzent gesprochen und auch der andere, der den Schuß abgab, sei von orientalischem Typus gewesen. Der im Schlachthaus von Tel-Aviv beschäftigte Arbeiter Saadia Ben Joseph N a h u m erklärte, Oscher Chasan, der Hauswirt Stavsky« und Aohi-Meirs, habe ihm gesagt: „Man kann eich nicht freuen, wenn die freikommen. Man müßte etwas tun, damit sie verurteilt werden, sie sind Sie, diebe- Sehufte und Streikbrecher. Glauben die Stellung von uns Arbeitern wird selbe bleiben, wenn sie nicht schuldig funden werden?“ Entlastungszeugen und Sachverständige Jerusalem, 1. Juni. Am Schluß der Gerichtssitzung am 29. Mai sagte der jüdische Detektiv Nahum Ben Ezra Saadia aus, daß Oscher Chasan, Stavskys Hauswirt, ihm, dem Zeugen, gesagt hatte: „Wir müssen Stavsky begraben.“ Sergeant Joseph Svititsky, Leiter der Ortspolizei in Petach Tikwah, sagte aus, der arabische Spurensucher Abu Regaig habe ihm erzählt, daß ihm ein Polizeibeamter iui Gefängnis den verhafteten Stavsky gezeigt und ihn angewiesen habe, sich Stavskys Schuhabdriieke zu merken. Abu Regaig habe weiter erzählt, daß er Gelegenheit hatte, Stavskys Schuhe einen Tag vor der Identifizierungsvorführung zu prüfen. Vom Oberstaatsanwalt Trusteid genauer befragt, erklärte Svititsky, Abu Regaig1 habe ihm erzählt, daß er Stavskys Schuhabdrücke bei der Identifizierungsvorführung erkannte, und zwar nicht in Vergegenwärtigung der Spuren am Strande, sondern aus der Erinnerung vom Vortage, wo er Stavskys Schuhe im Gefäng- Gesänge in jiddischer Sprache. Bekannte Volkslieder in Bearbeitung von Millner, Kopit, Engel Rosowsky und Lwow, gaben den Sängern Gelegenheit, ihren echt jüdischen Vortrag dem zahlreich erschienenen Publikum zu zeigen. Der Erfolg war sehr groß, am Klavier begleitete mit Geschick Josef Blatt. Zum Vordringen ihn Sauds naeß Jemen: ' £ S jj iS*; * Der prächtige Königspalast in Jemen ni« untersucht habe. Der Tel-Aviver berittene Polizist Emanuel Feldman sagte aus: „Ich und zwei andere Polizisten haben zwanzig Minuten nach dem Morde auftragsgemäß im Friedhof in der Nähe der Mordstelle und in der ganzen Umgebung nach Verdächtigen gesucht. Eine halbe Stunde später trat Abu Regaig' ein und begann nach Spuren zu suchen. Er ging meinen Fußspuren nach. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß es meine Fußspuren sind, die er untersucht. Jedoch Abu Regaig hörte nicht auf mich und fuhr fort, meine Spuren zu verfolgen... An jenem Abend trug ich halbbesohlte Schuhe mit Gummiabsätzen unid Sporenketten. In der Gerichtssitzung am 30. Mai, vormittags, sagte der Berliner Liohtsaoliverständige Prof. Levensohn aus, der iri mondlosen Nächten an der Mord stelle Experimente angestellt hat. Er erklärte, die Experimente hätten ergeben, daß zu dieser Zeit und an dieser Stelle in der Entfernung von einem, halben Meter Rot als Schwarz gesehen wurde. Es sei unmöglich, daß die Person, die Dr. Arlosoroff ins Gesicht leuchtete, von j einer Begleitperson Dr. Arlosoroff« gesehen * werden konnte. Zu dieser Zeit konnte auch, weder der rote Zickzackstreifen an Rosenblatts Jacke noch das Muster derselben gesehen werden. Auf die Frage Richter Cordes, ob derjenige, der den Schuß abgab, genauer gesehen werden konnte, erwiderte Prof. Levensohn: „Nur das Gesicht in den Umrissen konnte gesehen werden, jedoch die Züge im einzelnen wären nur sehr verschwommen sichtbar, so daß es unmöglich sein müßte, die betreffende Person später wiederzuerkennen. Der bekannte Tel-Aviver Arzt Dr. Theodor Zlocisty, früher medizinischer Kriminalsaohverständiger in Berlin, sagte aus, der medizinische Leichenbefund zeigte, daß die Kugel diagonal nicht höher als 50 Zentimeter vom Boden abgefeuert worden sei. Es folgte die Einvernahmo Abraham S c h a p d r o s, des bekannten Kolonistenführers aus Petach Tikwah, eines der ältesten und populärsten jüdischen Kolonisten in Palästina. Er wurde von der Verteidigung als Zeuge geladen. Er erklärte, daß Abu Ruz, der zweite arabische polizeiliche Spurensucher, ihm gegenüber beteuert habe: „Ich gebe meinen Kopf dafür, daß die am Strande Vorgefundenen Fußabdrücko nicht die der Angeklagten sind.“ Schammah Kuperstein, ein Angestellter, des Magistrats in Tel-Aviv, sagte aus, am Freitag abends nach dem Morde habe Frau, Arlosoroff dem Polizisten Sheroieister in seiner, des Zeugen, Gegenwart in der Iväte« Dan-Pension gesagt, sie habe Grund, anzuuehmon, daß Araber Arlosoroff ermordet-