Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 358 (5.6.1934)
- Date
- 1934-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint Dienstag und Freitag fnh <u«#r wmmwr 30 g_v. b. k Rasiere dielt $uf and billig A || IV A Oitunithlubis \ || VI \ Qualltflts- «Mt«'«« Ueberall erhältlich JÜDISCHE ZEITUNG Nr« 358 Redaktion und Administration. Wien, l KirntnerstraSo 9a Tel. R 27-4-65. RedakÜoMsohtuS Montag und Mlttwooh vorm. Pie Anleihe gegen das indische Palästina XXV. Tagung der Mandatskommission Genf, 3. Juni. Die 25. Tagung der Ständigen Mandatskommission hat hier am 30. Mai begonnen. Das Verhör mit den Vertretern der Mandatarmacht für Palästina begann Donnerstag, den 31. Mai, und dauerte den ganzen Tag und noch den Vormittag des Freitag, den 1. Juni. Im Namen der Mandatarmaoht wurden die Fragen der Kommission von J. H. Hall, dem Herr N u r o k, assistierte, beantwortet. An den Beratungen nahmen als Kommissionsmitglieder teil: T h e o d o 1 i (Italien, Vorsitzender), van Hees (Holland, Vizevorsitzender), Prof. R a p p a r d (Schweiz), Prof. P a 1 a c i o s (Spanien), Graf Penha-Garcia (Portugal), Lord L ugar d (Großbritannien), Merlin (Frankreich), Sakenobe (Japan), Orts (Belgien), Frl. Dannevig (Norwegen), Weaver (Großbritannien, Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes) und der Direktor der Mandatsabteilung des Völkerbundsekretariats, Catastini (Italien). Außer dem Bericht der Mandatarmacht liegen der Kommission offiziell folgende Dokumente vor, die in dieser Tagung 'erörtert werden, und zwar unter anderem: 1. Das Memorandum der Jewisb 'Agency for Paleßtine, zu dessen Berichterstatter Graf Penha-Garcia (Portugal) ernannt wurde. 2. Memoranda des Waad Leumi, des palästinensischen Oberrabbinats und der „Central Agudath Israel“ vom April und Mai 1933 mit Beobachtungen der Mandatarmacht vom 15. Juni 1933. Das Memorandum des Oberrabbinats und des Waad Leumi beziehen sich auf eine Benachteiligung der Rabbinatsgerichte durch die Geraeindeordfcung; die „Agudath Israel“ fordert ihre Anerkennung als autonome Gemeinde. Zum Berichterstatter für den in diesen Petitionen berührten Fragenkomplex wurde Prof. R a p p a r d (Schweiz) erannt. Eine Petition zur Frage der jüdischen Immigration, dia- Ztiort vom 29. November 1933, von dem Zionistischen Landesverband Ostfrankreichs, Straßburg, steht ebenfalls auf der Tagesordnung. Berichterstatter für alle diese Petitionen ist Orts (Belgien). Weiters liegen der Mandatskommission verschiedene arabische Petitionen vor. Als Vertreter der Jewish Agency weilt Dr. V. J a c o b s o n in Genf. Die Verhandlungen der Kommission sind, wie bekannt, geheim und ihr Ergebnis wird erst anfangs September d. J. zur Veröffentlichung gelangen. * Das jüdische Volk blutet aus tausend Wunden, Tausende warten auf die Möglichkeit der Einwanderung, aber die Mandatskommission läßt sich Zeit. Damit könnte man sich noch abfinden, wenn wenigstens als „Ergebnis“ mehr als verbindliche Redensarten zu erwarten wären. Wir haben unter den Mitgliedern der Mandatskommission gute Freunde. Hoffentlich gelingt es ihnen, den schlechten Willen Englands zu brechen. Der Beginn der Beratungen Der Generalsekretär der palästinensischen Regierung, John Hathorn Hall, (Foittettung «u/ Seit« 2) Die Zwei-Millionen-Pfund-Anleihe für Palästina ist vom englischen Unterhaus bewilligt worden. Dem Beschluß ging eine lebhafte Aussprache voran, in der Mitglieder aller Parteien die Vorlage bekämpften, vor allem darum, weil die Anleihe unnötig sei in einem Land, das einen Budget über schuß produziert hat. Trotz aller dieser Bedenken siegte die Regierung; sie hat ihren Willen durchgesetzt, noch ehe die Mandatskommission in Genf mit ihrem umständlichen Verfahren einsetzt. Es wird also aus dem englischen Finanzmarkt eine sehr bedeutende Summe herausgezogen, die Palästina zu bezahlen hat und die für Palästina verwendet wird. Das jüdische Palästina hat sie zu zahlen und das Geld wird zur Stärkung des arabischen Palästina verwendet, nebenher auch noch für merkantile und strategische Zwecke Englands. Die Juden, tragen die Wirtschaft Palästinas. Sie haben das alles geschaffen, was Palästina Wert darstellt und was jetzt als Unterlage für den Kredit herhalten muß, den niemand in Anspruch genommen hat. England hemmt das Tempo der jüdischen Einwanderung und belastet die jüdische Siedlung, die sich bereit« im Lande befindet. Unzweifelhaft besteht zwischen diesen beiden Maßnahmen ein Zusammenhang. Der Sinn ist der, das Judentum außerhalb Palästinas zu zermürben, ihm die Freude an dem Nationalheim zu verekeln und zugleich den Jischuw finanziell zu schwächen und ihn für die kommenden Maßregeln, für die gesetzgebende Körperschaft moralisch zu drücken, vielleicht auch da und dort vorhandene Farmer- und Plantageninstinkte zu benützen. Wird die jüdische Arbeiterschaft, die immerhin höhere Löhne verlangt, schwächer oder gar zurückgedrängt, so steigt durch die billigen arabischen ErsatzkTäfte die Profitrate. Das spaltet den Jischuw, stärkt die Araber, lockt die in den angrenzenden Ländern Fluktuierenden nach dem jüdischen Gebiet und entlastet die englische Politik von einer ziemlichen Sorge. Damit entstehen neue Konfliktsmöglichkeiten: Juden gegen Juden, Araber gegen Juden — und der englische Oberkommissär bleibt der entscheidende, ordnende, vermittelnde Faktor. Macchiawellismus in schönster Formt . Der. Jischuw hat gegen die Einwanderupgs-Ordonanzen würdig . protestiert. Er hat für. einige Stunden Arbeitsruhe gehalten und so der Welt vor Augen geführt, was Palästina durch die Mühen der Juden geworden ist. Aber dabei kann es doch nicht sein Bewenden haben. England sieht das Wachstum des Jischuw nicht mit Sympathie an, im Gegenteil, mit dem stärksten Übelwolleu, und es nützt die Situation, die ihm durch den vollkommenen Mangel einer zionistischen Führung geboten wird, nach Herzenslust . aus. Wenn England statt 21.000 Zertifikate 5600 bewilligt, wenn es den jüdischen Arbeiter, Bauer, Kaufmann, Industriellen mit einer 2-Millionen-Pfund- Steuer belegt, die für das Land schlecht« hin unnötig ist, so tut es das nur, weil e$ entweder einen schwachen oder gar keinen; Gegenspieler hat. Wo ist die Gegen-« aktion .der zionistischen Exekutive? Sie hat die Dinge gehen lassen, wie sie liefen. Die Exekutive hat von sich! aus nichts zu der Anleihe zu sagen gehabt, Die Kritik wurde von dem englisch« jüdischen Abgeordneten Bamett-J a n n e r und dem Arbeitsparteiler W e d g w o o d bestritten. Aber eine Erklärung der zionistischen Exekutive an das Unterhaus, di« jedermann erwartet und auch mit. Respekt aufgenommen hätte, ist nicht erfolgt. War der Flug des Präsidenten S o k o 1 o w nach Johanniburg gerade jetzt so unbedingt notwendig? Die außenpolitische Schwäche der zionistischen Exekutive resultiert zwangsläufig — von dem persönlichen Moment abgesehen — aus ihrer innenpolitischen' Unzulänglichkeit. Auf dem Pragers Kongreß ist ein Teil der Allgemeinen Zionisten und der Misrachi nicht zur Bildung der Leitung herangezogen worden und auch auf der Jerusalemer Tagung konnte eine Einigung nicht herbeigeführt werden. Die Exekutive ist ein Torso und dies wirkt auf ihre Autorität, aber auch auf das Gefüge der Organisation unheilvoll zurück. Dazu kommt, daß sich der Jischuw in Palästina nicht nach den wirtschaftlichen Erfordernissen, sondern rein nach politischen Gesichtspunkten organisiert. Die Siedlung, die sich gegen den Hochmut der Kolbnialregiemng und gegen die Araber, gegen das Desinteressement des Völkerbundes zu wehren hat, duldet rechte und linke Strömungen, duldet Klassenkampf und Parolen! eines iin Grund assimilatorischen Rechtsradikalismus! Die Judenschaft Palästinas, die in dieser Zeit einig und geschlossen dastehen müßte — der jüdischen Gesamtheit zum Trost — ist gespalten und atomisiert. Dieser Zustand, den wieder in der Hauptsache das Caissez-allez der Exekutive verschuldet, ist unerträglich. Seine Gefahren zeigen sich in dem Tun und Lassen der englischen Mandatsbehörde, in der Verachtung für die Ein wanderungs Vorschläge der Jewish Agency und in der Belastung der jüdischen Arbeit mit einer sonst unverständlichen Anleihe, die Josiah Wedgewood zur Genüge charakterisiert hat. Es versteht sich von selbst, daß die Organisation, trotz aller Kritik, die Exekutive jetzt nicht verlassen kann. Vor dem nächsten Kongreß kann keine Änderung erfolgen. Die Exekutive hat also noch geraume Zeit vor sich, um das Vertrauen der Zionisten zu gewinnen. Das ist nur durch ungescheute und rücksichtslose Nackensteife gegenüber der Mandatsmacht möglich. Wir wissen — und man sagt es sechsmal in der Woche -*•, daß England größer und stärker ist als wir. Aber das ist noch kein genügendes Argument für Sich-Ducken und Schweigen. Weder En gl and noch das jüdische Volk leben allein auf der Welt. Das österreichische Landeskomitee hat im Wege der Jewish Agency das folgende Schreiben an den englischen kolonialminister Sir Cunllffe List er gerichtet: „Trotz eines ungeheuren Arbeitermangels in Palästina hat die Palästina-Regierung der Jewish Agenci statt der angeforderten 20.100 Zertifiakte nur 5600 Zertifikate zugeteilt. Diese Nachricht hat bei den Juden aller Lander tiefste Bestürzung und Erbitterung hervorgerufen. Allgemein herrscht die Meinung, daß die Palästina-Regierung die offenkundige wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit Palästinas und den in verschiedenen Ländern unberücksichtigt gelassen hat, und daß ihre Entscheidung daher mit den Bestimmungen der Balfour-Deklaration und des Mandates nicht im Einklang steht. Die Erregung der jüdischen Massen. ist außerordentlich groß. Auch in Wien haben spontan große zionistische Versammlungen stattgefunden, in denen gegen die Drosselung der Einwanderung protestiert wurde. Das unterfertigte zionistische Landeskomitee für Österreich als Exekutive des Zionistischen Landesverbandes für Österreich vertraut auf den Gerechtigkeitssinn des englischen Volkes und erwartet, daß die Regierung Sr. Britischen Majestät die Schaffung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk mit Wohlwollen betrachten und die größten Anstrengungen machen wird, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern. Dazu, gehört vor allem die Erleichterung der Masseneinwanderung jüdischer Arbeiter und jüdischer Landwirte. Wir erwarten daher zuversichtlich, daß die Regierung Sr. Britischen Majestät die Arbeitschedule gemäß den Berechnungen-der Jewish Agency erhöhen und alle Maßnahmen treffen mrd, die geeignet sind, die Wiedererrichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk zu gewährleisten. Zionistisches Landeskomitee für Österreich. Dr. Oskar Grünbaum m.p, Dr. Paul Berger m. p. Sabine Passweg m. p. Eine Abschrift des Berichtes ist mit einem [ mit dem Ersuchen, die gerechten Forderun- Begleitschreiben dem englischen G egen des jüdischen Volkes zu unterstützen, sandton in Wien übermittelt worden