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Die Stimme · 1934-05-29 · Heft 356 (29.5.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 356 (29.5.1934)
Date
1934-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Erscheint Dienstag und Freitag Priii dieter Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Rosien dicfi snt and Mills SAKS Qualitäts- Fabrikat Ueberall erhältlich Redaktion und-Administration Wien* ■ KSrntnerstraBe Tel. R 97-4^5 RedsktfonesohluB Montag und Mittwooh vohn. ^|(IS^IwanS69^J^^ahrgang GeldjundMenschenfttrdasJüdlscheJPalästlna Gesandter Prodiiuk über die luden in Osterreidi Herr G. L. Prochnik, der österreichische Gesandte in Washington, erklärte dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur u. a.: So etwas wie eine besondere jüdische Situation gibt es in Österreich nicht. Wohl gibt es in Österreich einen Antisemitismus, aber er hat auf die Regierung keinen Einfluß. Was die nationalsozialistische Propaganda betrifft, so wird diese konsequent von der Regierung bekämpft, die die Situation völlig kontrolliert. Von dieser Richtung her sind Unruhen nicht zu befürchten. Die Juden, sagte er, werden die Positionen, die sie inne gehabt haben, weiter behalten. Die neue Verfassung ändert nicht den Status der Österreichischen Juden. Ein Eindringen der Nazis in Österreich ist nicht zu befürchten. Auch werde es keinen A nschluß Österreichs an Hitler- Deut sc h 1 a n d geben. Hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation rn Österreich äußerte sich der Gesandte dahin, daß man — von einem bescheidenen Gesichtspunkt aus — von einer bemerkenswerten wirtschaftlichen Besserung in den letzten neun Monaten sprechen könne. Die Hitler-Regierung plant die Beschlagnahme des jüdischen Vermögens Unter der Überschrift „Die deutschen Juden gehen finstersten Tagen entgegen“ teilt „Daily Express“ in einem zweispaltigen Artikel auf Grund spezieller, in Berlin eingeholter Erkundigungen mit, daß die Hitler-Regierung einen Plan zur Beschlagnahme jüdischen Eigentums in Deutschland zwecks Kompensier ung des durch den anti-deutschen Boykott im Ausland der deutschen Wirtschaft zugefügten Schadens ausarbeitet. Am schlimmsten, teilt „Daily Express“ weiter mit, sei die Lage in den Provinzen, wo jüdische Kinder von ihren Spielkameraden boykottiert werden, die Bauern den jüdischen Geschäftsleuten keine Schulden zahlen, Kunden daran gehindert werden, jüdische Geschäfte zu betreten und S. A.-Leute vor Kinos jüdischer Besitzer Posten stehen und die Besucher verwarnen. Während auf diese Weise sein Geschäft abstirbt, muß der Jude, sogar der verarmte jüdische Arzt und Anwalt, seine Pflicht gegenüber dem Staate in dem gleichen Maße wie früher erfüllen. Not und Elend wachsen unter den Juden. Die wirkliche Tragödie beginnt erst, wenn die Ersparnisse aufgebraucht sind. Ihrer wirtschaftlichen Existenz und ihrer Bürgerrechte beraubt, geschmäht, verachtet, bleibt — so schreibt „Daily Express“ — vielen deutschen Juden nichts anderes übrig, als dem unmenschlichen Rat der Beamten zu folgen: „Das Beste, das Ihr tun könnt, ist, zu sterbe n.“ Das neue Anschwellen der Judenhetze gibt den Dieben einen Freibrief, in jüdische Wohnungen einzudringen und jüdisches Eigentum sich anzueigntu. Durch sieben Standen, hatten die Juden Palästinas die Arbeit einzustellen beschlossen. Es ergab sich, daß das ganze wirtschaftliche und Verkehrsleben des Landes ins Stocken geriet Es ergab sich, daß Palästina ohne den jüdischen Atem ein leeres, dumpfes Land ist, und daß es ohne die jüdische Arbeit bald wieder nur, wie vor dem Zionismus, nichts als ein Baedeker-Begriff wäre. Durch die Juden ist es in den. Weltverkehr eingeftihrt und aus der Lethargie des Orients herausgerissen worden. Die. gesamte Bewohnerschaft stand unter dem Eindruck dieser Demonstration, deren Wirkung noch durch einen Vergleich mit den verschiedenen arabischen „Generalstreiks“ der vergangenen Jahre verstärkt wurde.. Während diese ’ arabischen Kund«, gebungen das Bild der, Städte und des flachen Bandes kaum änderten, sank bei der jüdischen Maßnahme Handel und Wandel :h Feiertagsstille. <• Die Demonstration richtete sich unmittelbar gegen die Entsch'eidung. des Oberkommissärs, statt der' angeforderten 21.000 Zertifikate nur ,5600 zu bewilligen, eine Zahl, die sich gegenüber dem Verlangen wie ein Hohn ausnimmt Der Oberkommissär W a u c h o p. e ist. ein eng-; lischer Beamter und treibt als solcher, nur englische Politik. Ein aufmerksamer und weitsehender Beobachter der gesamten weltpolitischen Situation Englands würde vielleicht zu dem Schluß kommen, daß es im Interesse Englands läge, die panarabisehen Bestrebungen nicht so stark zu unterstützen, weil jeder Wohlwollensbeweis nur neue Begehrlichkeiten weckt, die sich dann in Arabien, in Ägypten und in Asien ungebärdig äußeirn. Aber wir haben die Frage , nicht von dieser Seite anzusehen. Sir Wauchöpe ist in Palästina, um das Mandat Englands auszuführen. Es ist der Auftrag des Völkerbundes, daß England die Aufrichtung des jüdischen Nationalheimes unter Berücksichtigung des Rates der Jewish Agency gemäß der Balfour-Deklaration durchzuführen hat. Es ist billig und gerecht, daß dabei kein Recht der arabischen Be-, völkerung verletzt werden darf. Aber nichts in dem Mandat ermächtigt die englische Regierung, die Errichtung des jüdischen Nationalheimos zu sabotieren und den Rat der Jewish Agency mit offenem Spott zu beantworten. Tatsächlich aber ist 4er Grundzug der englischen Tätigkeit in Palästina seit fast fünfzehn Jahren eine ausgesprochene Feindschaft gegen die jüdischen Bemühungen. Es mag zutreffen, was die englische Regierung im Unterhaus erklärt, daß auch die Araber unzufrieden sind, woraus dann der Schluß gezogen wird, daß die Verwaltung doch entsprechend sei und daß sie zwischen den zwei Komponenten die Balance halte. Diese kolonialpolitis c h e Weisheit, langt beute nicht einmal mehr für Zulus und Raffern, wo England als der englische Herr auftroten kann, geschweige denn für Palästina, das nicht den Engländern gehört, sondern Ihnen nur anvertraut ist. Freilich zeigt auch der »Völkerbund, der England! als Treuhänder eingesetzt hat, ein sehr weitgehendes Desinteressement an der Sache. Er begnügt sich damit, daß ihm einmal im Jahr die Mandatskommission berichtet, alles sei schön und gut, und die Juden seien wirklich sehr tüchtig, und dann läßt er weiter die Kolönialoffiziere. schalten und walten. . Darum ist der jüdische Generalstreik auch ein Signal für den Völkerbund, das man mit der Rede Wedgewoods im Londoner Unterhaus Zusammenhalten muß,' Dieise Arbeitseinstellung, die zeigt, wie Palästina ohne die Juden äussehen würde, und wie tief der Oberkommissär,die Schutzhoheit des Völkerbundes einschätzt,, kaün auch in Genf nicht unbeachtet bleiben. l. Die jüdische Bevölkerung Palästinas ist i n s.t ä r k s t e r E r r e g u n g. Es ist ein schönes’'.Zeichen für ihre Entschlossenheit und 'nationale . Disziplin, daß' der 23.. Mai, -4er 'Tag-!desi Streiks,1 bis auf geringe Ausuahnsßh o R fl e Zwischen fall abgelaufen ist. Die Juden Palästinas haben das ■Land sö-hoch-entwickelt, daß es Kassenübersebüsse hat und daß. es . von England 'röchst unnötigerweise mit einer von Juden zu bezahlenden, für England und die Araber zu, verwendenden Anleihe belastet werden kann. Zu.antijüdischem Zweck ist die Kategorie der deppssedierten Araber e r f u nden worden; während’ die' jüdische Einwanderung gedrosselt wird, strömen arabische Arbeiter und Nichtarbeiter aus dem Häurän, aus Tränsjördahien und dem Irak unkontrolliert über die Grenze in das Land, besetzen diedank dem Oberkommissär den Juden vorenthaltenen Posten und helfen so, den Arbeitsmarkt zu regulieren. Ihnen gesellen sich, Gott sei es geklagt, jüdische Pflanzer hinzu, die die billigen und unterbietenden arabischen Arbeiter den Juden vorziehen, eine Haltung, die man als s c h ä n d 1 i c h e n H o c h v e r r a t anprangern muß. Es kann nicht , geduldet werden, daß sich Plantagensitten und Anschauungen des verderblichsten europäischen Rentabilitätskapitalismus vereinigen, .um den Sinn der zionistischen. Aufbauarbeit i n s c i n G e g e n t e i 1 z u v e r f ä 1 s c b e n. Dieses Einschmuggeln .der billigen Araber hat Übrigens auch noch eine in die nächste Zukunft reichende . unheilvolle ‘ Wirkung. Wenn jüdische Arbeiter' kommen werden, dann wird England verkünden, daß die Jerusalem, 24. Mai. Die jüdischen Gemeinden von Jerusalem, Tel Aviv und Haifa, der Waad Leumi als das exekutive Ofgan der organisierten palästinensichen Judenheit (Knesseth Jisrael) und eine Reihe' jüdischer Wirtsehaftsverbände hatten die Mobilisierung des gesamten Jischuw zu dem von der Assefath Haniwcbarim (Delegiertenversammlung der Knesseth Jisrael) für Mittwoch, den 23. Mai, proklamierten Generalstreiks in die Hand genommen. In Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa wurden Plakate angeschlagen, in Fellachen nicht entlassen werden können, weil dies zu neuen Friktionen führen könnte. Es wird ein Präjudiz geschaffen, und es kann leicht zu jüdischer Arbeitslosigkeit kommen, und damit ist auch die Gefahr einer sozialen Radikalisierung und neuer Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gegeben, in dio sich immer wieder die englische Behörde einmengen kann. Das will sie. Ihr geht <s darum, die Kluft zwischen Juden' und Arabern offenzuhalten und im Judentum selbst Gegensätzlichkeiten und innere Spannun-i gen zu erzeugen. Das ganze jüdische Volk sieht mit atemloser Aufmerksamkeit diese Entwicklung an. Die jüdische Position in Palästina, dio wir uns aus unserer eigenen Kraft gebaut haben, ist die jüdische Hochburg. Sie '«t. für das ganze jüdische Volk Trost und Freude in diesen erschütterten Tagen, und darum muß alles entschlossen sein, alll Kräfte zu verdoppeln, Geld und Measchen, für Palästina bereitzuhalten und der englisch-arabischen Koalition entgegenzuwirken* Vor allem anderen aber ist es notwendig, die Einigung innerhalb des Zionismus herbeizuführen. Von dem Streit zwischen- Sozialisten und Revisionisten — einem Streit, den. ein Außenstehender überhaupt nicht verstehen kann — lebt die hochnäsige Politik’ der Kolonialoffiziere und ihrer Spione, deren verderbliche Zusammenarbeit in dem durchaus auf falschen Erhebungen aufgebauten Mordprozeß in Jerusalem man sehen kann. Hoffentlich wird diese Erkenntnis auch die hitzköpfigsten unter den Nichtsals-Partei-Rämpfern zur Raison bringen. Dies ist nicht nur ein Wunsch, sondern eine sich aus der Sachlage ergebende dringende Forderung des gesamten Juden** tums. Wir müssen unsere Arbeit in Palästina fortsetzen, mit zusammengebissenen Zähnen und unbeugsamem Willen die Stärkung des Jischuw fördern. Heute sind 250.000 Juden im Land, morgen werden es 300.000 sein. Je stärker wir werden, desto schwächer muß die Gegnerschaft worden. Einwandern und Geld geben! Das ist die beste Gegenwehr gegen den proarabischen Kurs. denen die jüdische Bovölkeruug aufgefordert wird, gegen die von der Regierung befolgte Politik der Einwanderuugsbeschrän** kung einig zusaramenzustehon. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchöpe hat dem Waad Leumi mitgeteilt, daß er bereit ist-, am Mittwoch eine jüdische Abordnung zu empfangen; dies konnte den Verlauf des Streiks nicht mehr beeinflussen. Der Streik verlief sehr imposant. Von 12 Uhr mittags bis 7 Uhr abends waren in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa Per jüdische Generalstreik in Palästina

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