Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 347 (24.4.1934)
- Date
- 1934-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint Dienstag und Freitag Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG »DIE STIMME« VERTRITT ME JÜDISCHEN INTERESSEN AM BESTEN ABONNIERET DAHER »DIE STIMME« Nr. 347 I Wien, 24« April 1934 | Redaktion und Administration; Wien, I. Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4-85. Redaktionsschluß Montag und Mittwooh vorm. |(9^iaM694^^^^Jah^ang Die Zionistische Landeskonferenz die letzten Mittwoch vertagt wurde, tritt morgen Mittwoch, um halb 8 Uhr abends, im Heim der „Zionistischen Sektion“ Leopoldstadt, Praterstraße 13 (Lioyd- Hof), zusammen. Eintritt haben nur D e I e g i e r t e. Oie österreichischen Palästina-Zertifikate Beim Wiener Palästina-Amt ist eine Anzahl von Zertifikaten eingetroffen. Daraus scheint hervorzugehen, daß die leidige Zertifikatenaffäre — die allerdings bei vorheriger Erkundigung beim Zionistischen Landeskomitee wohl nicht entstanden wäre — erfreulicherweise b e i g e 1 e g t ist. Beisetzung Motzkins auf dem ölberg in Jerusalem Jerusalem, 22. April. Sämtliche Mitglieder der Palästina-Exekutive der Jewish Agency und eine riesige Menschenmenge fanden sich am 19. April am Kai des Hafens von Jaffa ein, um die sterblichen Reste des verstorbenen Präsidenten des Zionistischen Aktionskomitees, Leo M o t z k i m, in Empfang au nehmen. Die Beisetzung wird amf dem jüdischen Friedhöfe auf dem ölberge zu Jerusalem erfolgen. , Trauerreden am Hafen hielten Rabbi Uziel, Rabbi Aronsohn, Bürgermeister Dizengoff, Suprasky und Dr. Mossinsohn. Der Trauerzug bewegte sich nach Kirjath Anawim, wo der Präsident des Jüdischen Nationalfonds, M. M. U s 6 i s c h k i n, eine Gedenkrede hielt. Gegen Mittag erreichte der Trauerzug Jerusalem. Der Sarg wurde in das Gebäude der Jewish Agency gebracht, wo etwa 2000 Personen versammelt waren. Trauerreden hielten hier der Präsident der Jewish Agency, Nahum Soko- 1 >o w, und Dr. D. Y e 11 i n. Mussolini gegen die Rassentheorie Rom, 20. April. Der italienische Regierungschef Benito Mussolini hat seine Zustimmung zur Durchführung einos neuen Planes zur Hebung der Volksgesundheit in Italien gegeben. In der Einführung zu diesem neuen Gesundheitsstatut wird erklärt, das Ziel der Regierung sei es, eine gesunde Bevölkerung ohne Rücksicht a u f d e r e n rassischen Ursprung heranzuziehen. Allgemein sieht man hierin oine Desavouierung der Hitlerschen Rasse-Idee durch Mussolini. Rasiere dich öul und hllllg tarettches Qualitäts- Fabrikat Ueberall erhältlich Berlin-Bagdad Der Innenminister des Dritten Reiches, Herr Dr. F r i c k, war einige Tage in Palästina. Er ist einer der Paladine des Pogromsystems und insbesondere bekannt als der Anfertiger der „gemäßigten“ Erlässe über die Behandlung der Nichtarier in der Wirtschaft. Es sind das Verfügungen, die dem Ausland ein Nachlassen des antijüdischen Terrors vortäuschen, während im Innern des Reiches die Streicher und Genossen einander in praktischem Judenhaß überbieten. Über Fricks Reise wird nichts verlautbart, aber bei dem besonderen Interesse, das sowohl das Goebbelsche Propagandaamt als auch die von Rosenberg geleitete außenpolitische Abteilung dem Orientproblem widmet, kann man ohne übergroße Anspannung der Phantasie sich sehr gut vorstellen, welche Bewandtnis es mit dieser Fahrt gen Osten gehabt hat. Schon bei den Araberunruhen des Vorjahres konnte das Auftauchen nationalsozialistischer Heilsboten in Syrien und Palästina festgestellt werden. Es wurden ganze Pakete mit blutrünstigen Flugschriften aufgefangen. Auch jetzt erfährt man von so merkwürdig viele'- nationalsozialistischen Touristen und Journalisten, die ihrer germanischen Wanderlust im vorderen Orient obliegen und miteinander die interessante Eigenschaft gemeinsam haben, daß sie über viel Geld verfügen und im eigentlichen Beruf deuts-' Generalstabsoffiziere sind, denen es sich natürlich darum handelt, Spionage zu betreiben oder zu organisieren und so im Nebenzweck der arabisch-mohammedanischen Jugend den preußischen Drill beizubringen. Diese Geschäftigkeit, die ja nicht unbemerkt bleiben kann, entspringt einer gewissen Zwr'”~'1"nfigkeit, die das System des Dritten Reiches in eine vorläufig noch propagandistische Offensive treibt. Der Elan der Anhänger in Deutschland wird schon lahm und zeigt sich nur mehr im Kampf gegen die halbe Million Juden. Die Aktion gegen das Christentum wird einstweilen, wohl mit Rücksicht auf die bevorstehende Abstimmung im Saargebiet nur lässig geführt. Erst wenn diese vorbei sein wird, kann der Wotanismus seine volle Kraft entwickeln. Einstweilen freilich ist schon die A Fmerksainkeit des Völkerbundes auf die Vorgänge im Saarland gelenkt worden und die Ankündigung einer Nacht der langen Messer hat insoferne ihre Wirkung getan, als das in Rom tagende Dreierkomitee eine neuerliche Untersuchung der Zustände angeordnet hat. In neun Monaten soll die Volksabstimmung stattfinden und da die Entscheidung beim katholischen Zentrum liegt, ist es verständlich, daß für den Augenblick eine mildere Praxis der Katholikenpolitik in Deutschland vorherrscht. Der nationalsozialistische Betätigungsdrang wird, um ihn von den immer größer werdenden inneren Schwierigkeiten abzulenken, in die Außenpolitik überführt, lind hier ist es sehr leicht, durch den Anschluß an die radikalen und antisemitischen Gruppen in allen Staaten die schwachen Punkte der Politik aufzustöbern und Unruhe zu erzeugen. Das klarste Arbeitsfeld ist gegenwärtig Rumänien; der Prozeß gegen die Duca- Mörder und der ihm direkt folgende Prozeß gegen die Precup-Verschwörer hat die breite Basis der nationalsozialistischen Eisernen Garde aufgezeigt. Die Verbindungen nach Berlin sind bloßgelegfc worden. Deutschland will die italienische Mitteleuropa-Politik sprengen und gleichzeitig durch seine Vorstöße über Ungarn, Bulgarien und Ruinänien in Verbindung mit dem vorderen Orient kommen. Der Traum Berlin—Bagdad ist in! neuer Form da und der Judenpogrom ist eines der Mittel, sich im Osten eine neue deutsche Interessensphäre zu schaffen. Die Reise des französischen Außenministers Barthou, der sich von dem rumänischen Außenminister, Titulescu hat informieren lassen, ist ein Gegenzug gegen diese unterirdische Wüh-i lerei aus dem Dritten Reich, das der französische Rechtspolitiker Hautecloque, derj eben Deutschland bereist hat, eine ungeheure Bombe nennt, in der Millionen mensch-- lieber Wesen die Moleküle des Metalles ersetzen. „Jenseits des Rheins — sagt er — lernen die Kinder von fünfzehn Jahren mit Handgranaten zu werfen, die Alten freuen,' sich mit Maschinengewehren, SA., SS.* Reichswehr, militarisierte Polizei trainieren für das Massaker. Die Augen werden diesem Volke verbunden, das zum Tod oder zum Siege läuft: das Denken selbst ist verboten. Alles, was ein Element der Mäßigung darstellt, ist mundtot gemacht.“ Fügen wir, hinzu, wie dieses Regime die kleine jüdische Minderheit martert und ausraubt, wie es die Weltrevolutionsrezepte des Bolschewismus nachahont und dabei seine Aktivität hiDter Friedensreden tarnt, wie es sich gegen Österreich benimmt, so haben wir ein genaues Bild der Ethik und Kultur dieser, auf die Welt losgelasseneu Parasitenhorde, die alle Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit in! den Schmutz ihrer Korruption reißt. Sie sucht und findet überall Eingang mit dem Antisemitismus und vom Antisemitismus aus unterwäscht sie den Bau der staatlichen Organisation. Das hat vor kurzem ein ungarischer Minister im Abgeordnetenhaus —* wenn auch nicht so deutlich — herausgesagt, das erkennt Rumänien und das ist auch in Österreich zu merken, wo das geistige Rüstzeug des Nationalsozialismus, die Bomben und Böller, Aufregung und Schaden genug gestiftet haben. An diesen Beispielen und an dem Untersuchungsbeschluß des amerikanischen Kongresses wie nicht minder an der Erpressungspolitik im Saarland müssen alle Regierungen lernen, wo die ungeheuerliche Gefahr lauert. Im Westen abgedämmt, will sie sich auf den Osten, auf Asien'werfen, den ganzen Orient aufhetzen, um dann den großen Raubzug in Europa beginnen zu können, wenn die Zeit reif ist und wenn die Regierungen weiter ernstlich über deutsche Abrüstungsmomoranden konversieren, solange, bis sie eines Tages überrannt sein werden. Ein New Yorker Gerichtsurteil New York, 22. April. Die Utility Products Company verklagte den jüdischen Kaufmann Jonas Haies in New York-Brooklyn auf Zahlung von 150 Dollar für bestellte Rohriegeartikel, die Haies zurückgegeben hatte, weil es sich um deutsche Erzeugnisse handelt. Vor Gericht erklärte Haies, er habe bei der Bestellung nicht gewußt, daß es sich um deutsche Erzeugnisse handelt; Arlosoroff-Mordprozeß in Jerusalem Jerusalem, 23. April. 5 Das Oberste Gericht Palästinas hat beschlossen, die Hauptverhandlung gegen Stavsky, Rosenblatt und Achi- M e i r nicht in Jaffa, sondern vor dem Jerusalemer Geschworenengericht stattfinden zu lassen. Der Prozeß hat heute begonnen. Die Anklageschrift wurde am 18. April den Angeklagten Abraham Stavsky, Zwi Rosenblatt und Abba A c h i - M e i r zugestellt. Die Anklage lautet auf vorbedachten Mord an Dr. C hai m Arlosoroff und gründet sich auf Artikel 117 des ottomanischen Strafgesetzbuchs. Von der Staatsanwaltschaft werden in dem Prozeß 45, von der Verteidigung 79 Zeugen geführt. Man rechnet mit einer zweimonatigen D a u e r. Über die Wahl des Vorhandlungsortes bestanden tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung. In einem vom Staatsanwalt, unterstützten Schriftsatz hat der Kommandant der Palästina-Polizei Major S p i c e r die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem mit der Begründung beantragt, daß das Jaffaer Gefängnis keine Gewähr für die sichere Verwahrung der Gefangenen biete, und daß ferner die Verlegung nach Jerusalem mit Rücksicht auf die derzeit herrschende e r b i tterte Feindschaft zwischen Revisionisten und Arbeiterparte i 1 e r n, die zu Störungen der öffentlichen Ordnung führen könne, geboten sei. In einer Gegeneingabe erhob der Verteidiger Horace Samuel schärfsten Einspruch gegen dio Verlegung des Prozesses nach Jerusalem. Er machte geltend, daß hiedurch die Arbeit der Verteidigung in ihrer Kontinuität gestört und vollkommen desorganisiert werden würde. Samuel unterbreitete dem Obersten Gericht Erklärungen des Bürgermeisters von Tel-Aviv Dizengoff und des Vizebürgermesiters R o k a c h, die die Garantie für dio öffentliche Sicherheit in Tel-Aiviv, falls der Prozeß in Jaffa stattfände, übernehmen. Das Oberste Gericht sehloß sich den Argumenten der Staatsanwaltschaft und der Polizei an und delegierte das Jerusalemer G esch wornengericht.