Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 340 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer JO g V. b. b< Die nlcflsfe Nummer der »Stimme« erscheint Mittwoch fröhl Heute Pessach- Fest - Nummer 16Seiten stark! JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 340 Redaktion und Administration; Wien, 1. KärntnerstraBe 28. Tel. R 27-4-85. RedaktlonssohluB Montag und Mittwoch vorm. I AUS DEM INHALT: Unsere 8 Seiten starke Pessach-Beilage bringt: Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang: Frtihiings weben. Oskar Neumann (Preßburg): Pessachtage in .Jerusalem. David Rothbtum: Drei aus Saffed. Dr. Jakob Rosenthal: Juden in Spanien Dr. Aby Goldman (London): Besuch bei Beilis. Ego (Jerusalem): Das Wunderkind von Jerusalem. David Neumann (Tei-Avlv): Reife Zeit. Dr. Samuel Rappaport: Elijahu Hanabi. Marek Scherlag: Sedernacht im Ghetto. Dr. T. Nussenblatt: „Haus Jakob Herzl.“ Dr. Wilhelm Stein: „Jüdische Erneuerung.“ Dr. Henriette Liechtenstein - Rappaport: Franz Werfel: „Die 40 Tage des Musa Dagh. Dr. Amalie Kantor; Der Humor bei Sahalom Al j echem. Friedrich Tleberger: Die Schöpferische Idee des Judentums. (14. Nisan $694) I 7* Jahrgang Pas Fest der Freiheit Eines Tages geschah ein Wunder. Eine Horde von müden, schwerfälligen Sklaven, von Ziegelstreichern, Steinbrucharbeitern, Lastträgern, Schleusenwächtern — stand auf, warf die Fron von sich und zog in die Freiheit. Und dieses Wunder hatte ein Mann bewirkt, hochgewachsen, von adeligem Wesen und Denken, mit schwarzem Haar und brennenden Augen. Er hatte zu den Zerschlagenen, Hoffnungslosen gesprochen, mit glühenden, lodernden Worten ihre Seele geweckt, verschüttete Erinnerungen befreit. In seiner Rede lebte die Heimat auf, die große, stolze Vergangenheit und der Unterschied zwischen einst und jetzt. Und da schlossen sie sich zusammen. Wer zu ihnen gehörte, malte ein blutiges Zeichen an seine Türe. Und alle diese Sklaven, diese . Fronarbeiter, waren über Nacht zu einem Ganzen geworden, bewußt ihrer Lage, bewußt ihres Zieles. Das Land, aus dem die Ahnen gekommen waren, rief sie. Sie hörten die Stimme. und-zogen fort, warfen jeden Widerstand d6r Ägypter, die die billigen Arbeiter nicht fortlassen wollten, nieder. Rot war das Meer vom Blut -— und dann war die Freiheit, da. Nicht alle konnten diese neue Zeit fassen. Steinig und hart ist der Weg in die Freiheit. Der gestern noch . ein stumpfer Proletarier gewesen, der kärglichen, kalten Sorgo Fremder überlassen, ' trug heute Verantwortung fiir sich, für alle. Das lernt sich sehr langsam. Durch Wüsten ging der Zug, einem fernen Ziel irgendwo gegen Sonnenaufgang zu; feindliche Stämmo drohten mit Überfall, heischten Wegzoll und Steuer; Krankheiten brachen aus, Frauen, Kinder starben auf dem Weg. Die Kleinlichen weinten der verlassenen Stumpfheit, der Ordnung der Fron nach, erzählten einander von den Fleischtöpfen Mizraims. Die anderen aber wurden wieder zu den Männern mit dem eisernen Rückgrat. Sie sangen die uralten Lieder von Abraham, der die siebzig Könige geschlagen, vom treuen Elieser, der für den Herrn auf Brautwerbung ritt, vom wilden Jäger Esau, von Jakob und seinen Söhnen. Lust und Glück und Fehde und Kampf brannte auf in den Sagen, die des Nachts, wenn die Feuersäule am Himmel stand, unter flüsternden Palmen erzählt wurden. Und unbeirrbar, sicher dos Weges, sicher des Zieles, in tiofer, gütiger Kenntnis von den Menschen führte Moses die Sechsmallninderttausond, die sich ihm in Ägypten an vertraut hatten. Er führto sie dom Tag entgegen, da or ihnen das Gesotz geben konnte, das aus dor Masse ein Volk machte, eine Gemeinschaft, stark in ihrem Kraftgofiihl, in ihrem Selbstvertrauen, in der freudigen Erkenntnis vom gemeinsamen Schicksal und der Zukunft, die alle für einen, jeder für alle, mitbereiten helfen mußte und wollte. VII,, KAISERSTRASSE 123 * IX., ALSERSTBASSE 6 Das ist die Freiheit: das Aufgehen des einzelnen in der Gemeinschaft seines Volkes, die Sorge der Gemeinschaft um den einzelnen. Jeder muß wissen, wo sein Platz, was seine Pflicht ist innerhalb der Gemeinschaft; jeder muß verstehen, daß der einzelne verdorrt, wenn er sich nicht der Gemeinschaft anschließt, wenn er nicht die Kleinlichkeit seines eigenen Interesses zurückzustellen bereit ist; jeder muß wissen, daß er in einer Kette steht, die vom Anfang der Tage beginnt und in die Unendlichkeit weiterläuft, daß er nicht für sich allein auf dieser Erde geht, sondern auch für die, die nach ihm kommen und sein Wesen, das er selbst übernommen hat, fortsetzen werden. Die Gemein- 'schaft aber muß wissen, daß ihr Wohl nicht vollkommen ist, solange auch nur einer ihrer Angehörigen darbt und krankt. Dieses Eins- Werden im Willen und Fühlen, diese bewußte, klar erkannte Harmonie zwischen dem Volk und dem einen, dieses umeinander, Wissen und Denken, das ist die Freiheit, die im anderen den Gleichen, den Bruder, den vom gleichen Trieb und Streben Erfüllten sieht und achtet. Und als die Sklaven dieses Wesen der Freiheit erfaßt hatten, gab ihnen Moses die festen Formen der Freiheit, das Gesetz, die erste Ordnung der Gesellschaft. * Wenn wir in jedem Jahr das Pessachfest begehen, so sehen wir es als das Fest der Freiheit. Wir bekennen uns zu ihr, zu der Freiheit, die Recht und Gesetz ist, „Huf, Hüfte und Mark“. Wir bekennen uns zu dem Volk, dessen Herz und Traum, dessen Hoffnung und Leben die Freiheit ist, die Achtung vor Ehre, vor Arbeit, vor Atmen, vor dem Gut des Nächsten, seinem Blut und Besitz, seiner Würde. Wir waren Sklaven in Ägypten und wir wissen, wie Sklaverei wirkt, wie sie die Augen boshaft und das Herz schwach macht. Wir wissen aber auch, was Freiheit ist, und weil wir dies wissen, hat unser Volk alle Qual und Not auf sich nehmen müssen, wandert es durch eino haßerfüllte Welt, die Steine nach ihm wirft, dem ewigen Verkünder der Freiheit und der Wahrheit. Alles das, was wir ehren und lehren, haben die anderen Völker von uns genommen. Aber sie haben es entstellt, zerstört und zu Atomen zerrieben. Was der Wort des Menschen ist, sein eigenes Denken und Fühlen, das vernichten sie, zermalmon es unter der Walze der Masse. Was Freiheit ist, das bewußte Einfühlen in die Gemeinschaft, das setzen sie zum stummen Gehorsam herunter. Wir sind beladen mit ihrer Feindschaft, weil wir ihnen eine peinlieho Erinnerung sind an das Gesetz vom Menschentum und Menschenwürde, das aus unserem goistigen Besitz stammt. Wir tragen heute dieson Haß und diese Feindschaft mit dem Stolz des freien Volkes, das ondlich wieder sein oigenes Leben leben will. Wir haben unsere Lago erkannt. Nicht unsere Schuld ist es, daß durch zweitausend Jahre das kaudinische Joch über uns stand; unsere Schuld aber ist es, daß wir es nicht als Joch empfunden habon; unsere Ehre aber ist es, daß wir es jotzt so empfinden uud daß wir den Weg in die Freiheit solbst gefunden haben. Unter allen Völkern leben wir seit zwei Jahrtausenden] allen Völkern haben wir redlich gezahlt: mit unserem Blut, mit unserem Geld, mit unserem Wissen, ja, sogar mit unserer Würde. Es ist die Zeit da, da wir zu uns zurückkehren, daß wir für unser Volk die Freiheit schaffen, daß wir es mit seinem Land verbinden, daß es wieder eins werde mit seinem Gott und seinem Gesetz. Vor fast vierzig Jahren ist ein Großer gekommen,. von adeligem Wuchs und Wesen, mit schwarzem Haar und brennenden Augen. Er hat — wie einst Moses — zu den Zerschlagenen, Hoffnungslosen" gesprochen, mit glühenden lodernden Worten ihre Seele ge- •weckt. Fast vierzig Jahre sind vergangen, die Heimat lebt, die Kinder Israels gehen mit Herrenfüßen über heiliges Land, neue Jugend singt, neue .Lieder klingen, ein neues, junges*Volk wächst auf. Aus der Glut der Rede Herzls, aus der Arbeit derer, die ihm folgten, ist dieses Wunder erblüht. Und in diesem Jahr, am Fest der Freiheit, tagt wieder eine jüdische Versammlung in Erez In dem noch nicht ganz vollendeten Gebäude der Jewish Agency in Jerusalem wurde, wie schon berichtet, am Sonntag, den 25. März, bei Anwesenheit von etwa 500 Persönlichkeiten des Jischuw und der Diaspora die erste Sitzung des Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation auf palästinensischem Boden eröffnet. Die Sitzung trug ein außerordentlich feierliches Gepräge. Die Mitglieder der zionistischen Exekutive und die Mehrheit der Mitglieder Israel! Was soll uns da der Haß, was das kleinliche Gewimmer der Leute, die an die Fleischtöpfe der Sklaverei nicht vergessen wollen? Wir glauben an unsere Zukunft, an unser Volk, an die Arbeit, die allen inneren Streit überwinden .wird, wir glauben an die Freiheit, die in unserem Land, im Schutz unseres Gesetzes, wieder ersteht. Wir glauben. Wir sind das ewige Volk, das adelige Volk des Rechtes. Die anderen, die von unserem geistigen Gut genossen haben, die von unserer Ethik leben, danken uns mit Schimpf und Hohn, mit Feme und gelbem Fleck. Nie hätten sie aus ihrer Kraft eine Ordnung der Gesellschaft erreicht, wenn nicht das Gesetz Möses’- sie gelehrt hätte; nie hätte ihre Wissenschaft, ihre technische Organisation bleibende Werte geschaffen, wäre nicht das jüdische Gehirn ihnen zu Hilfe gekommen. Wir lassen uns von ihnen nicht beirren. Sie mögen hassen, sie mögen einander bekriegen —1 wir gehen unseren Weg. In die Heimat, in die Freiheit, in die Menschlichkeit. des A. C. waren bei der Eröffnung der A.-C-- Session anwesend. Dr. Chaim Weizmann, Mitglied der Exekution und Leiter des Ansiedlungswerkes der Jewish Agency für die deutschen Juden, blieb der Sitzung fern, obwohl er jetzt in Palästina weilt. Das hängt wohl mit seiner jüngst abgegebenen Erklärung zusammen, daß er, der Atmosphäre von Tagungen müde, sich nur in der praktischen Betätigung wohl fühlt. Hinter der Estrade waren die Porträts von Theodor Herzl, Leo M o t z k i n und Dr. Chaim A r 1 0 s 0 r 0 f f, die beiden letzten schwarz Bepcäßuft#. den Tel-Avü/cz Jflessc duceU den östecctidUscheH Ucutdctsm*tisiu Si&dUnfyet- Für den offiziellen Katalog der Levante- Messe in Tel-Aviv hat der österreichische Handolsminister Fritz S 10 c k i n g e r die folgende Begrüßung geschrieben; Die aufstrebende Entwicklung Palästinas hatte auch eine bedeutende Erweiterung des österreichischen Handelsverkehres mit diesem Lande zur Folge. Ist doch die österreichische Ausfuhr dorthin, die im Jahre 1932 2,045.000 S betrug, im Jahre 1933 auf 4,773.000 S, also um mehr als das Doppelte gestiegen. Schon aus diesem Grunde b egrüße ich als österreichischer Handelsminister die Levante- Messe in Tel-Aviv, die, wie ich hoffe, zu einer weiteren Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern führen wird. Es freut mich, daß cs der ehrenamtlichen Vertretung der Levante-Messe in Österreich gelungen ist, eine beachtenswerte Anzahl österreichischer Aussteller für diese Veranstaltung zu gewinnen, da diese Messe die beste Gelegenheit bietet, dio Völker der Länder des Orients über die Qualität österreichischer Produktion zu unterrichten. In diesem Sinne wünsche ich der Veranstaltung besten Erfolg. Nach Palästina mit der Compass Tours 17. April 1 Offizielle Messereise 30.Aprils Zweite Messereise mit dem Luxus-Motorschiff „Vulcania“ Uber Rom, Neapel, Palermo, Athen, Beirut Für Einzelreisende Schlflskarten xu Orlginalpreiscn I Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass Tours, Wien, IX., Spitalgasse 3 M Telephon B 42-5-38 Aktionskomitee - Sitzung in Jerusalem Eigenbericht der „Stimme“ Jerusalem