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Die Stimme · 1934-03-27 · Heft 339 (27.3.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 339 (27.3.1934)
Date
1934-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erseheint Dienstag und Freitag Frei« Meter Nummer 20 g V.b.b. Nr. 339 JÜDISCHE ZEITUNG Die nächste Nummer der „Stimme“ erscheint als Pessach'Festnummer in besonders verstärktem Umfang und in verstärkter Auflage! I (11. Ntoan 5694) | 7. Jahrgang Redaktion und Administration; Wien, I. KärntnerstraBe 28, Tel. R 27-4-85. RedaktlonsschluB Montag und Mittwoch vorm. Um das Recht der Juden in Österreich Die braune Marketenderpresse hat ausgerechnet, daß vier Fünftel der Wiener Gemeindeärzte aus Juden oder Konfessionslosen bestehen. Demgemäß sei bereits jetzt einer Reihe nichtchristlicher Ärzte in den städtischen Spitälern die Mitteilung gemacht worden, daß nach Ablauf ihrer Anstellungsverträge deren Erneuerung nicht in Aussicht genommen ist. Aus dieser Mitteilung ergibt sich, daß die Statistik der arischen Blätter falsch ist, insofern, als es sich nicht um pragmatisierte Gemeindeärzte, sondern um Vertragsärzte handelt. In dem etwa 150 Personen zählenden gemeindeärztlichen Stab der Stadt Wien — ebenso wie im Sanitätsdienst des Staates — sind die Juden nur mit der Lupe zu finden. Für die Vertragsposten, die schlechter dotiert sind als irgendeine Schaffneretelle der Straßenbahn, wunden Juden nur deshalb herangezogen, weil sich „Arier“ nicht bewarben. Aber selbst diese Hungerstellen sind den Ariern heute plötzlich begehrenswert geworden und ihre Zeitungen jubeln, daß man diesen Juden ihre Verträge nicht mehr erneuere. Weshalb? Weil er a Jud is! Aus keinem anderen Grunde. Bis zum Fasching dieses Jahres haben nicht einmal die raseenbewußten Arier sich um diese Stellen bekümmert, noch weniger an der Besetzung durch Juden Anstoß genommen. Heute wird entdeckt, daß die jüdischen Vertragsärzte — nochmals: ein sehr geringer Teil der zirka 60.000 Personen umfassenden städtischen Angestelltenschaft — ein Mittel der „Kampfpolitik gegen das Empfinden der bodenständißchen Bevölkerung“ gebildet haben. Und dazu erfährt man, daß in der konstituierenden Versammlung der Vereinigung christlichdeutscher Ärzte erklärt wurde, es sei den verschiedenen Sozialversicherungsinstituten ein besonderer Augenmerk zuzuwenden. Es handelt sich da um die Aktivität von Kreisen, die ob der Entwicklung in Deutschland tief betroffen sind und die über die Behandlung der Katholiken durch den militanten Nationalsozialismus täglich schwere Klage führen. In Deutschland heißt es nationalsozialistisch; hier hat man das grausliche Wort bodenständ i g, das aus der Perspektive des Erdäpfel- und Rübenbaues stammt. Im Wesen ist’ das gleiche: die Minderheit hat Steuern zu zahlen und sonst zu kuschen. C u i u s regio, i 11 i u s religio. Das ist die Moralauffassung und wenn sie sich dort draußen gegen die Katholiken richtet, so ist Rasiere dich gut und billig SAKS Qualltitts- Fabrlktit Uebarall erhältlich eie mit dem Anathema zu belegen. Hier geht sie gegen die Juden und wird dadurch an eich schon zulässig. Es wird nicht einmal mehr die durchschossene Fassade des Marxismus ab Vorwand gebraucht. Nein. Es sind Juden und darum hinaus mit ihnen auf’e Straßenpflaster! Die Masse der Kranken und Spitalspatienten hat von der religiösen oder nichtreligiösen Zugehörigkeit der Ärzte niemals Notiz genommen, genau so, wie ja kein Jude einen arischen Beamten für verdächtig hält, weil er ein Arier ist. Niemals ist den jüdischen Ärzten eine Verletzung ihrer Pflicht auch nur vorgeworfen oder nachgewiesen worden. Aber jetzt sind sie „untragbar“, ihre 180 Schilling Gehalt sind marxistische Kampfpolitik. Hier ist ein tatsächlich untragbarer Widerspruch zwischen den Ereignissen und den wiederholten Erklärungen der Regierung. 'Es wird versichert, daß die Bestimmungen über Glaubens- und Gewissensfreiheit und die besonderen Verfassungsgesetze der Sechzigerjahre über die Grundrechte der Staatsbürger in die neue Verfassung hineingearbeitet worden sind. Da Näheres über diese Angelegenheit noch nicht bekannt ist, muß man wohl die Publizierung abwarten. Man kann nur annehmen, daß die durch den Friedensvertrag geschaffenen internationalen Verpflichtungen mit hineingearbeitet worden sind, was dem Staat immerhin äußere Komplikationen ersparen würde. Es scheint aber — wenigstens nach Äußerungen des Heimwehrführers Starhemberg zu schließen — als ob noch andere Gesetzeswerke in Vorbereitung sind. Starhemberg leimt den numerus clausus als Terrormaßnahme ab, eine Selbstverständlichkeit, die aber heute wichtig ist; er sieht aber eine Möglichkeit für die Lösung der Judenfrage in der Schaffung von Gesetzen, die dem Empfinden der christlichen Bevölkerung entspreche n“. Er fügt hinzu: „Die wertvolle Judenschaft, deren Dienste wiir zum Wiederaufbau des Staates benötigen und in Anspruch benötigen werden, wollen wir behalten.“ Wer bestimmt da, was dem christlichen Empfinden entspricht und was-unter wertvoll zu verstehen wäre? Eine dialektische Analyse ist freilich unnütz. Was gemeint ist, ist jedem klar und die berufene Vertretung der Wiener Judenschaft und mit ihr jeder, den die kautschukartige Entwicklung an Existenz und sicherem Wohnen tangiert, wird dio Regierung nicht im Unklaren darüber lassen dürfen, daß eine Schmälerung des Rechtes für uns unter gar keinen Umständen in Frage kommen kann. Es ist eine Eigenheit der antisemitischen Schreier, daß sie sich niemals darüber Rechenschaft geben, welche Wirkungen ihr Treiben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hervorruft. Aber es darf niemand in den verantwortlichen Kreisen übersehen, daß in der österreichischen Judensohaft mit Erbitterung bemerkt wird, wie hemmungslos hier gearbeitet wird, wie & der Zeitungen ein ,jEölzal geworfen“ wird und wie prompt dann diese so künstlich geschaffene Stimmung jüdische Opfer fordert. Und aus tausenden Briefen, aus allen jüdischen Zeitungen im Ausland ist zu erkennen, daß man draußen die Vorgänge sehr aufmerksam und besorgt verfolgt. Wir stellen fest: es ist k e i n Greuelmärchen, daß eine Reihe jüdischer Vertragsärzte abgebaut wird, denn die christlichsoziale österreichische Presse bestätigt die Wahrheit, und wenn sich das „Weltblatt“ darauf beruft, daß die Forderung gegen „Überfremdung der Intelligenzberufe“ von allen Vaterlandstreuen der Bevölkerungsschiohten erhoben wird, so wollen wir, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, sagen, daß die vaterlandstreue Judenschaft solche Forderungen nicht stellt. Und wenn dasselbe Blatt meint, daß diese Maßnahmen auch in jenen Kreisen der Judenschaft, die auf ein friedliches Zusammenleben mit der bodenständigen Bevölkerung Wert legen, nur Zustimmung und Billigung finden, so wollen wir einfach er- Die Tagung des Aktionskomitees in Jerusalem Jerusalem, 26. März. (Eigenbericht.) ’ Gestern, Sonntag, fand im neuen Amtsgebäude der Zionistischen Exekutive in Rechawia, dem modernen Stadtteil Jerusalems, die feierliche Eröffnungssitzung des großen Zionistischen Aktionskomitees statt. Die erste Sitzung galt dem Gedenken des vor wenigen Monaten in Paris verstorbenen jahrelangen Vorsitzenden des Aktionskomitees und der Zionistenkongresse, Leo Motzkin. Die eigentlichen Beratungen nehmen erst heute ihren Anfang. widern, daß das vergebliche Hoffnungen sind, insoweit es sich nicht um Erpressung handelt. Wir stehen auf dem Boden der Verfassung und wir verweisen auf den Friedensvertrag. Österreich, das gegen die Vergewaltigung durch Deutschland bis zumVölkerb u n d geht, darf nicht selbst Gewalt-, auch nicht legale, anwenden. Pas große Wettrennen Um es gleich vorwegzunehmen. Wir wollen weder von Pferderennen noch von Autorennen sprechen, sondern von einem großen Rennen, bei dem wir nicht mitlaufen, bei dem vielmehr versucht wird, jüdische Existenzen zu zertrampeln. Während der Ministerrat über die neue Verfassung berät, drängen dunkle Mächte ans Licht und versuchen, vollzogene Tatsachen zu schaffen. Diese dunklen Mächte organisieren sich. Überfallsartig wollen sie in jüdische Wirtschaftspositionen eindringen. Ihr Kampfgeschrei gellt: „Der Jud’, der Jud’!“ Sie stürmen zur Futterkrippe, deren beste Stellen sie längst besetzt haben. „N umerus clausus!“ tönt es im Chor, aber über den schon in vielen Berufszweigen bestehenden numerus nullus schweigt man sich lieber aus. Statistiken wenden den Lesern an den Kopf geworfen, ob echt oder falsch, objektiv oder frisiert bleibe dahingestellt. Wir haben auch eine Statistik. Die ist verläßlich. Seit dem Ende des Weltkrieges wurde kein Jude Richter oderStaatsanwalt, kaum einer Staats-, Landes- oder städtischer Beamter. Unter zirka 200.000 Staatsbeamten kaum ein paar Juden und das gleiche gilt von den zirka 60.000 pragmatisierten Dienstnehmern der Gemeinde Wien. Aber es gibt noch jüdische Ärzte im Dienste der Gemeinde Wien und da setzt die Jagd der Stellenjäger zum Endspurt an. „Ganze Mädchenklassen nackt ausgezoge n!“ heulte der „österreichische Beobachter“, aber der Staatsanwalt hörte es nicht. Dieser aus der Sexualsphäre geholte Blödsinn verfing nicht, Pflichtverletzungen jüdischer Ärzte ließen sich auch nicht konstruieren und so kehrte man zum alten bewährten Schlachtruf zurück: „Der Jud’, der Jud’,“ Und die ^Reichs* post“ weiß schon zu melden, daß es den jüdischen Ärzten der Wiener Gemeinde an den Kragen geht. Kaltblütig sollen jüdische Existenzen aufs Pflaster geworfen werden, weil sie Juden sind. Über das Wesen des Antisemitismus wurden schon unzählige gelehrte Abhandlungen geschrieben. In unseren Tagen aber sehen wir, daß sich der Antisemitismus in allen seinen Spielarten ebenso einfach als richtig definieren läßt. Antisemitismus ist transformierter Brotneid. Überfremdung der freien Berufe, das heißt: Es gibt „arische“ Advokaten, die gern die Klientel des jüdischen Rechtsanwaltes annektieren möchten und es gibt „arische“ Ärzte, die einen Posten bei der Gemeinde haben möchten, den gerade ein Jude besitzt. Man bemüht sich nicht einmal, dem Wettrennen nach besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen, wie es die Nationalsozialisten in Deutschland tun. Das Rennen ist im vollen Gange. Blindwütig tobt der „Stellungskrieg“. Die „Stellungskrieger“ sehen nur ihr Ziel: Den Juden aus seiner Existenz werfen. Sie sehen aber nicht, daß Österreich durch sie Gefahr läuft, seinen moralischen Kredit in der Welt einzubüßen. Wir haben eine viel zu gute Meinung von den guten Absichten der österreichischen Regierung, als daß wir an- C&fCCL Tlöt VII., KAISERSTRASSE I23 * IX.. ALSERSTRASSE 6

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