Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 333 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b Erscheint Dienstag und Freitag Preis dieser Nummer 20 g JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 333 | Wien, 6. März 1934"^" Redaktion und Administration: Wien, I. Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4-85. Redaktionsschluß Montag und Mittwoch vorm. AUS DEM INHALT: Henry Beranger: Was Cöbbels den Juden vorwirft Die Palästina-Exekutive der Jewlsh Agency an der Arbeit Literaturbeilage: Jüdische Damenmoden Juden in der Zauberkunst Dstfüdische Sprückwörter Theater — Kunst (19. Adar $694) j 7« Jahrgang Keine Aenderung im Arbeitsbereich der Wiener isr. Kultusgemeinde Wien, 4. März. In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur äußerte sich der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann, in bezug auf die Annullierung der Mandate der von den Paole Zion und den „Werktätigen Juden“ in den Gemeindevorstand entsandten Vertreter, wie folgt: Das Erlöschen der Mandate der Angehörigen der beiden sozialistischen Gruppen im Kultusvorstande ist eine Folge der Regierungsverordnung, welche bestimmt, daß die Amtsbefugnis der auf Grund der Vorschläge der Sozialdemokratischen Partei oder von ihr beeinflußter Gruppen gewählten Funktionäre aufhört.. Durch das Ausscheiden dieser Mandatare wird die Beschlußfähigkeit des Kultusvorstandes, dessen Mitgliederzahl nunmehr auf 28 beschränkt ist, nicht berührt. Das Ausscheiden der sozialistischen Mandatare aus dem Kultusvorstande wird auf den Arbeitsbereich der Israelistischen Kultusgemeinde keinen Einfluß ausüben. Die vorbildliche soziale Hilfstätigkeit der jüdischen Gemeinde und ihrer Fürsorgeeinrichtungen, deren Aufbau in hohem Maße ein Verdienst des zionistischen Kultusvorstehers, Dr. Isidor K1 a b e r, ist, wird uneingeschränkt fortgeführt werden. Die jüdische Gemeinde hat sich niemals von irgendeinem Klassenstandpunkt leiten lassen und stets Wert darauf gelegt, daß ihre Wohlfahrts¬ und Fürsorgetätigkeit allen Bedürftigen, ohne Unterschied der Klasse und des Standes, zugute kommen. An diesem unverrückbaren Grundsatz wird die Gemeinde auch weiterhin festhalten. vBraunbuchi(-Verbot in Palästina vor dem englischen Unterhaus London, 4. März. Im Unterhaus fragte Oberst Josiah Wedgwood den Kolonicnminister, warum das „Braunbuch über den Hitler-Terror“ in Palästina verboten ist, während Hitlers „Mein Kampf“ vertrieben werden darf. Major Davies erwiderte für die Regierung, der Kolonienminister besitze hierüber keine Informationen, er werde beim High Commissioner Erkundigungen einziehen. Rasiere dich gut und billig SAKS Quolitüts- Fabrlkaf Ueberall erhältlich Völkerbund, Italien und Jiidenstaat Die offiziellen Sprecher des nationalsozialistischen Deutschland sind seit neuestem bemüht, in der Judenfrage eine neue Walze zu spielen. Herr von Papen hat damit begonnen, der Justizminister setzt es fort. Es handle sich — heißt es in diesen Reden — nur um die Zurückdrängung eines unberechtigten jüdischen Einflusses auf Wirtschaft, Politik und Kultur; Bekenntnis zur deutschen Raßse sei noch nicht Haß gegen eine andere Rasse und gegen die jüdische Religion sei in Deutschland nichts unternommen worden. Ja, Herr von Papen hat sogar die Juden dee Saargebietes an sein Herz gedrückt und ihnen versichert, daß sie im Falle eines positiven Abßtimmungsresultates nichts zu besorgen hätten, die Gesetzgebung des Reiches in puncto Juden würde nicht auf sie ausgedehnt werden. In dieser Zusicherung liegt zugleich ein Urteil über das, was im Dritten Reich gegen Judentum und Judenverbrechen wird und das gleiche Urteil zeigt sich in dem gegen den Streichersehen „Stürmer“ in Nürnberg erlassenen Ausfuhrverbot. Es wird nicht gewünscht, daß das Ausland diese Ergüsse eines Individuums, das eich mit Vorliebe in der Sexualsphäre herumtreibt, kennenlerne und daran den Grad der Entsittlichung Deutschlands vermesse. Sieht man die Meldungen durch, die aus Deutschland kommen, so erkennt man, daß sich in Wahrheit nichts in dem Kurs geändert hat. Ee ist eine lückenlose Kette von Gesetzen, Verordnungen. Verfügungen und Geheimord onanzen, die mit berechneter Systematik den Juden Erwerb und Lebensmöglichkeit abschneiden. Sie werden aus dem wirtschaftlichen Getriebe, aus den freien Berufen, ausgeschlossen; Handwerk und landwirtschaftliche Ausbildung wird unmöglich gemacht; und dort, wo die behördlichen Maßnahmen nichts an ordnen, setzt die Stimmungsmacherei der uniformen Presse ein, die zum geschäftlichen den gesellschaftlichen und persönlichen Boykott fügt. Die halbe Million Juden Deutschlands ist eine halbe Million Geiseln und Heloten und jeder Deutsche, der etwa diesen Unglücklichen mit Freundlichkeit und Takt begegnet, wird als Verräter an seinem Volk diffamiert. Selbstverständlich leugnet das amtliche Deutschland, wenn es von der Empörung des Auslandes gestellt wird, dies alles einfach ab, wie es ja seit dem ersten Tag seines Bestandes mit Fälschungen und Lügen vor dem eigenen Volk und vor der Unwelt arbeitet. Es ist längst festgestellt worden, daß jede Statistik, jede Ziffer aus dem Wirtschafts¬ und Arbeitsmarkt Deutschlands seit mehr als einem Jahr unwahr ist; es ist festgestellt, daß die deutsche Öffentlichkeit über alle außenpolitischen Niederlagen — angefangen vom Völkerbund bis zum Vertrag mit Polen —nicht aufgeklärt wird, daß sie nichts über die tatsächlichen Verhältnisse in Österreich erfährt und daß sie nicht weiß, daß ein Viertel des Volkes durch die öffentliche Hand erhalten wird, die sich die Mittel wieder durch Sammelbüchsen und Klingelbeutel vom Publikum holt, weil die Staatskassen leer sind; daß die Amtswalter und Führer herrlich leben und drei- bis vierfache Mammuthgehalte aus den Taschen des Volkes ziehen; daß der Parteibuchbeamte zum besten und wohlinformierten Träger des Systems geworden ist, tausendmal ärgeres Schmarotzertum als je in der Zeit der Parteien. Im Ausland weiß man dies alles sehr genau und nimmt die Dementis mit Achselzucken hin. Aber in der Bewertung Deutschlands zeigt sich diese Kenntnis und es ist nichts anderes als bittere Erfahrung, wenn zum Beispiel Frankreich nach jeder deutschen Erklärung zur Abrüstung jedes Detail durch Sachverständige überprüfen läßt. Und so nimmt man denn auch die Ableugnungen des Exzeßantisemitismus als Lügen hin, als eine der beliebtesten deutschen Tarnungen der Wahrheit. Und es ist sicher eine Folge dieser Erkenntnis, wenn Mussolini sich heute mit der Idee des Judenstaates befaßt und sie als das einzige Mittel erkennt, der Lösung . der Frage .näherzukommen. Es handelt sich nicht so sehr darum, die halbe Million deutscher Juden aus dem Hitler- Kerker zu befreien, als darum, daß auch die Juden anderer Länder in diese höllische Atmosphäre gelangen könnten. Denn der germanische Rituälmord ist das einzige Geistige, das der. deutsche Nationalsozialismus zu exportieren vermag. Er hat nichts an positiven, verbessernden Werten geschaffen, nichts für das deutsche Volk, nichts für die Menschheit, und alles, was er an Leistungen aufzuweisen vermag, ist der von Regierung und Staat organisierte Judenpogrom und der gelbe Fleck. Und gerade das wirkt auf das seelisch gleichgerichtete Lumpentum in der übrigen Welt, und wir brauchen gar nicht so weit zu suchen, um die Sänger vom Judenblut zu treffen. Wir haben sie sehr nahe bei uns, hier in Österreich. Die Schriftleiter — die nicht deutsch kennen —, die den Friedenswillen der Regierung sabotieren, die in Zeitungen, in Broschüren und Bezirksparteitagen Benzin ins Feuer gießen. Das ist hier so, das ist in der Tschechoslowakei mit ihrem Gajda und Kobzinek, in Rumänien der Cuza, das ist überall, wo das deutsche Wesen hinstrahlt und wo durch die Hitler-Agenten Judenmord und Meuterei gepredigt wird. Es ist eben jetzt erwiesen worden, daß der Millionendieb Stawisky ein Hitler-Spitzel war, der gemeinsam — wenn er nicht gerade gestohlen hat — mit dem Judenfresser Coty, dem Generalstaatsanwalt Pressard und dem Politiker Bouaure für Sympathie für das Hitler-Deutschland Goldströme rinnen ließ. Auch Frankreich bekommt diese Methoden und diesen made in Germany- Geist zu spüren. Italien hat antiösterreichische Bombenlager in Triest ausheben müssen und man hat dort Kisten mit antisemitischen Flugblättern gefunden. Es ist sehr wohl zu verstehen, daß der Judenstaatsgedanke in die italienische Politik kommt. Er wird von dort weiterdringen, und es ist zu hoffen, daß von dort aus die Frage überprüft werden, wird, wie der Völkerbund seine Versprechungen, wie England sein Wort einlöst und wie durch ein Zusammenwirken bewußter, geplanter Versäumnisse das jüdische Volk bisher betrogen worden ist. Wie aus dieser Mißachtung feierlicher Zusagen und Verträge das Deutschland von heute dazu ermuntert worden ist, an den Juden seines Staates Rechtsraub zu vollziehen, sie zu schänden und zu diffamieren. Der italienische Ministerpräsident hat dem Völkerbund viele Vorhaltungen gemacht. Die eine und ärgste, daß das Vertrauen des jüdischen Volkes getäuscht wurde, hat er unterlassen. Aber unter dem Mandatsvertrag steht auch der Name Salandra. Was hat Italien getan, um die Ehre seiner Unterschrift zu wahren? Henri Beranger: Was Goebbels den luden vorwirft Henri Beranger über seine Gespräche mit Goebbels Die „Deutsche Freiheit“ in Saarbrücken veröffentlicht Äußerungen des Vorsitzenden des französischen Komitees für Flüohtlingshilfe, Senator Henri Beranger, dessen Rede anläßlich der Behandlung des Falles der oberschlesischen Juden vor dem Völkerbund so viel Eindruck in der ganzen Welt gemacht hat. Beranger schreibt: Ich las „Mein Kamp f“ und das aus dem Jahre 1932 stammende Buch „Nazi- Sozi“ des heutigen Propagandaministers Goebbels, worin ich den Satz fand: „Man muß die Juden töten wie die Flöh e.“ Ich benutzte die Anwesenheit des Ministers Goebbles in Genf, um mir bei ihm Aufklärung zu holen. Ich fragte ihn, was man in Deutschland den Juden vorzuwerfen habe. „Sie sind keine Arie r“, bekam ich zur Antwort. Dann erklärte mir der Minister, daß sie einen zu breiten Raum im öffentlichen Leben einnehmen. Also Vorwürfe gegsn das Blut und die Zahl. Aber keine etwas Wesentliches betreffende Anklage. Auch keine Einwände wegen schlechter Sitte, staatsfeindlicher Tätigkeit, nichts, was die Verfolgungen auch nur im geringsten hätte rechtfertigen können. Jeder weiß, daß die deutschen Juden gut deutsche Patrioten waren, und während des Weltkrieges im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl ebenso zahlreich gefallen sind wie die anderen. Goebbels zitierte mir Statistiken: 40% bis 70% der freien Berufe seien von Juden besetzt worden.“ Ich machte zuerst einen Einwand gegen die zweifelhafte Statistik und fragte dann, ob man auch dis gleichen Unterscheidungen für die Sachsen, I PAG-BÜCHER — soeben erschienen |,HEBRÄISCH - LEICHT GEMACHT' 170 Seiten, Transkription, Hebräisch. Grammatik „Der Buchtitel ist berechtigt“, sagt ein hervorragender Pädagoge I 1 * k«l. S 7.20 (M 4.20). gebunden S 9.60 (M 5.70) bei Vorauszahlung