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Die Stimme · 1934-03-02 · Heft 332 (2.3.1934) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 332 (2.3.1934)
Date
1934-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint Dienstag und Freitag Preis dieser Nummer 20 g I Heute 8 Seiten stark V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG WeindEmkauf ist Verlrauenssadte! Verlangen Sie ausdrücklich: PflLflSTINA-UJEINE RISHONiZION m einschläg. Geschäften erhältlich I or. Vertreter für Österreich: Gustav Wilder, Wien, IV., Rafnerg. 31 Tel. U 42-4-84 ]~"(X5^dar S694)*T‘*"*7^ährgang Redaktion und Administration: Wien, I. Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4-85. Redaktfonssohluß Montag und Mittwoch vorm. Die jüdische Vorherrschaft Dr. Weifzmann bei Mussolini Rom, 26. Februar. Professor Dr. Chaim W e i z m a n n, der auf der Durchreise nach Palästina in Rom weil-t, ist vom italienischen Regierungschef Benito Mussolini in längerer Audienz empfangen worden. Eingehend wurden in dieser Zusammenkunft Fragen der Unterbringung der deutschen Flüchtlinge besprochen. In diesem Zusammenhang wurden auch Palästina-Fragen erörtert, wobei Ministerpräsident Mussolini ein starkes Interesse für die allgemeine Lage in Palästina und die Probleme der zionistischen Aufbauarbeit bekundete. Die jüdische Gemeinde in Rom hat zu Ehren Weizmanns einen feierlichen Empfang veranstaltet, dem die Führer des italienischen Judentums und eine Anzahl bekannter nichtjüdischer Persönlichkeiten beiwohnten. Ansprachen hielten der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Roms, Ing. R e c a n a t i, der Vizevorsitzende der römischen zionistischen Organisation, Ing. M i n e r b i, u. a. m. Neuer Protest Litauens gegen die Verletzung jüdischer Rechte in Deutschland Die litauische Regierung hat der deutschen Regierung in der Angelegenheit der Verletzung von Rechten litauischer Juden in Deutschland eine zweite Note überreicht, in der nochmals gegen die Behandlung litauischer Juden in Deutschland protestiert wird. Zur Begründung des Protestes werden mehrere konkrete Fälle angeführt, unter anderen der Fall eines jüdischen Schlächters, der ohne jede gesetzliche Grundlage innerhalb der Grenzzone verhaftet und ohne Angabe von Gründen zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde. Der Verhaftete wurde gezwungen, die Kosten seines Unterhalts im Gefängnis aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Pariser Flüchtltngshllfe liquidiert Nachdem kürzlich die Schließung der Kasernenwohnstätten für bedürftige deutsche Flüchtlinge angekündigt wurde, ist nunmehr von der Executive des Comitö National beschlossen worden, sämtliche Institutionen, die die jüdische Gemeinde durch das Comit6 National für die deutschen Flüchtlinge seit nunmehr fast einem Jahre in großzügigster Weise für Hilfszwecke eingerichtet hatte, innerhalb weniger Wochen zu liquidieren. Die Kaserne Orleans ist bereits geschlossen, das Lager St. Maur ist bis auf neun Insassen, die noch in dieser Woche das Lager verlassen, geräumt, die Kasernen Andral und Italie sollen ebenfalls bis zum 15. März geräumt sein. Auch das Büro in der Rue de la Durance mit seinem Verwaltungsapparat soll bis dahin verschwinden. Mit Hochdruck wird jetzt daran gearbeitet, alle körperlich irgendwie Geeigneten unterzubringen, vor allem die jüngeren Menschen. Die Verhandlungen mit den verschiedenen jüdischen Gemeinden der französischen Departements zur Unterbringung der Arbeitsunfähigen und Kranken in der Gesamtzahl $oo 4M SM xtfdtn festste*. Es gehört zum eisernen Bestand des Antisemitismus, unausgesetzt über die „jüdische Vorherrschaft“ zu reden und zu schreiben. In Österreich wurde nun die Öffentlichkeit in den letzten Tagen durch ein Interview überrascht, das Fürst S t a r h e m b e r g, der Bundesführer der Heimwehr, der französischen Zeitung „Petit P a r i s i e n“ gegeben hat. Auch da konnte man lesen, es sei beileibe nicht beabsichtigt, die Juden „auszumerzen“, man wolle nur ihre „Vorherrschaft brechen“. Ist das Interview richtig wiedergegeben, dann wird man wohl feststellen müssen, daß es nur dadurch möglich war, weil Fürst Starhemberg unrichtig informiert wurde. Wir wollen daher in aller Ruhe und Objektivität der sagenhaften jüdischen Vorherrschaft nachspüren. Vorher aber ist eine Feststellung unerläßlich. Man spricht in diesen Tagen soviel von „den Juden“. Es sei daher zunächst die Frage erlaubt: „Wer ist als Jude anzusehen?“ Wir Zionisten vertreten seit jeher den Standpunkt, daß ein Mensch zwei Erfordernissen gerecht werden muß, wenn er als Jude angesehen werden soll, und zwar: 1. er muß sich zum jüdischen Volk bekennen und 2. er muß der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören. Diese beiden Bedingungen sind untrennbar. Das Bekenntnis zum Volk muß als notwendiges Korrelat die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben aufweisen und umgekehrt. Für uns ist daher nicht mehr als Jude anzusehen, wer die Taufe genommen hat oder konfessionslos wurde. Diesen Standpunkt vertreten wir seit dem Beginn der zionistischen Bewegung. Wir lehnen es daher ab, uns mit Menschen zu identifizieren, die sich von unserer jüdischen Schicksalsgemeinschaft losgesagt haben. Wir haben mit ihnen nichts gemein und lassen uns sie nicht aufdrängen. Für uns ist beispielsweise Herr Dr. Danneberg ebensowenig ein Jude, wie für die Christen Herr Seitz ein Christ ist. Damit ist abgegrenzt, wer Jude ist und wer nicht. In Wien gibt es nun schätzungsweise 180.000 Juden. Die Provinz mit ihrer sehr schwachen jüdischen Bevölkerung kann hier außer Betracht bleiben. Im Durchschnitt betragen die Juden in Österreich etwa 4% der Bevölkerung. Von antisemitischer Seite wird nun manchmal auf einen ständigen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in Wien hingewiesen. Daran ist kein Wort wahr. Nach dem Ende des Weltkrieges sind viele tausende Juden, die während des Krieges nach Österreich geflüchtet waren, in ihre Heimat zurück. Seither ist zu beobachten, daß die Zahl der jüdischen Bevölkerung rapid abnimmt. Die Zahl der Eheschließungen und die Zahl der Geburten ist außerordentlich gering. Die Sterbeziffern sind außerordentlich hoch. Die jüdische Gemeinde in Wien hat in den letzten zehn Jahren einen ULLMANN, RINK & CO., INTERNATIONALE SPEDITION I„ Kurrentgasse 12 Telephon U 22-2*54 Spezialverkehr nach Palästina für Übersledlungen und Gütertransporte via Donau 1 pod Tifwt verzeichnen, im Jahr daher ungefähr 2000 Seelen. Wie sieht die soziale Struktur dieser jüdischen Gemeinde in Wien aus? Bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien wird eine Kartothek geführt, in der die Namen jener Juden verzeichnet sind, die sporadisch oder dauernd die Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde in Anspruch nehmen. Diese Kartothek enthält nicht weniger als 55.000 Namen von Wiener Juden. Daraus und aus der Tatsache, daß mehr als 60% aller jüdischen Begräbnisse in Wien Gratisbegräbnisse sind, kann ermessen werden, wie groß die Armut der jüdischen Bevölkerung in Wien ist. Man sehe sich die Selbstmordziffern an und wird finden, daß auch in diesen Ziffern das jüdische Elend klar zum Ausdruck kommt. Das S t e u e r m a x i m u m der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien beträgt 6000 Schilling. Während es noch vor nicht allzu langer Zeit 18 Steuerzahler gegeben hat, die 6000 Schilling jährlich an Kultussteuer bezahlten, ist diese Zahl derzeit auf sage und schreibe zwei gesunken. Man sieht also schon daraus, daß von einer jüdischen Vorherrschaft, zumindest auf dem Gebiet des Reichtums, nicht gesprochen werden kann. Früher konnte man noch von den reichen Rothschilds sprechen. Heute gehört auch dieser Reichtum der Vergangenheit an. Der jüdische Mittelstand ist pauperisiert und existiert vielfach nur dem Namen nach. D i e jüdischen Angestellten sind größtenteils arbeitslos. Nach dem Krach der Kreditanstalt fielen hunderte jüdischer Existenzen dem Abbau anheim. Der jüdische Kaufmannsstand in Wien liegt danieder. Das ist derselbe Kaufmannsstand, dem es zu danken ist, daß Wien trotz der schweren Bedingungen des Friedensvertrages seine Stellung als Transithandelsplatz bis zum heutigen Tage behaupten konnte. Es ist gewiß richtig, daß die Juden im Handel Österreichs einen großen Faktor darstellen, das ist aber ohne unser Hinzutun geschehen. Man hat eben die Juden in gewisse Berufszweige, so auch in die Adv ok a t u r und den Ärztestand, hineingedrängt, weil man ihnen den Zutritt zu anderen Berufen verschlossen hat. Seit dem Ende des Weltkrieges wurde in Österreich kein Jude zum Richter amt zugela s s e n oder als Beamter in der Hoheitsverwaltung des Staates, oder der Gemeinde Wien angesteilt. Aus der Vorkriegszeit gibt es noch 13 jüdische Richter in Wien, in der Provinz keinen einzigen. Es gibt auch k e ibei irgendeiner Landesregierung und wenige Juden in den Betrieben der Gemeinde Wien. Bei dieser Gemeinde gibt es unseres Wissens einen einzigen jüdischen Konzeptsbeamten. Bei den Bundesbahnen wurden die Juden auf das Aus sterbeetat gesetzt. An der Wiener Universität gibt es drei ordentliche Professoren der medizinischen Fakultät, die Juden sind. An den übrigen Fakultäten gibt es nicht einen einzigen Juden, der ordentlicher Professor wäre, und die Juden, die Privatdozenten oder außerordentliche Professoren sind, besitzen ja schließlich nur den Titel. An jüdischen Theaterdirektoren wird Wien vielleicht einen oder zwei haben. Aber da kommt man immer und weist auf die große Zahl der jüdischen Rechtsanwälte und jüdischen Ärzte hin. Dazu sagen wir: Wir werden uns niemals mit einem Numerus clausus einverstanden erklären. Gäbe es aber einen Numerus clausus, der genau eingehalten würde, dann hätten wir sofort weniger jüdische Rechtsanwälte und weniger jüdische Ärzte, denn viele von ihnen wären froh, wenn ihnen Stellungen als Landes- oder Staatsbeamte, Gemeindebeamte, Straßenbahnschaffner oder Bundesbahnschaffner offen stünden. Ist es noch notwendig, darauf hinzuweisen, daß die Privatbankiers einen äußerst reduzierten Gechäftsumfang aufweisen? Oder will man etwa jenen jüdischen Kaufleuten, die Transithandel betreiben und in Wien sitzen, einen Vorwurf daraus machen, daß sie ihre Geschäfte nicht vom Ausland aus betreiben? Man sie... also, daß die „jüdische Vorherrschaft“ nicht existiert, daß vielmehr die jüdische Bevölkerung Österreichs infolge ihrer beruflichen Schichtung mehr unter der Wirtschaftskrise leidet als die christliche Bevölkerung. Es geht daher sicher nicht an, daß man fortwährend auf die Überfüllung' einzelner Berufe hinweist, wenn man gleichzeitig bewußt verschweigt, daß die Juden aus vielen Berufen hinausgedrängt wurden und sich so gezwungenermaßen den freien Berufen zuwenden mußten. Niemand beklagt diesen Umstand mehr als wir Juden selbst, und wir Zionisten waren es vor allem, die seit jeher auf eine berufliche Umschichtung durch Rückkehr zu Handwerk und Landwirtschaft hinarbeiteten. Wir bilden junge jüdische Menschen zu Handwerkern aus und wir lassen sie in der Landwirtschaft unterweisen, damit sie hier oder in Palästina ein neues Leben beginnen können. Man nehme sich aber ein- Nach Palästina mit der Compass Tours Offizielles Propagandabüro der Stadtgemeinde Tel-Aviv Am 19« März: Osterreise mit dem Luxusschiff „Vulcania“ Von S 530,_ über Rom, Neapel, Athen, Beirut aufwärts Am 17. April: Offizielle Messereise der Kollektiv-Ausstellung Österreichs auf der Levante-Messe in Tel-Aviv unter dem Protektorat« der Wiener Handels- und Gewerbekammer . Schiffskarten zu Originalpreisen für jede Fahrt nach Palästina. Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass-Tours Wien, IX., Spitalgasse 3, Tel. B 42-5-38

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