Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 318 (9.1.1934)
- Date
- 1934-01-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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PIESnmM* .. Wf. 3T» — 9. JliWWf W8t - Die Landeskonferenzen der Grttnbaiiin-Gnippe und Misrachi in Polen Warschauer Brief unseres Korrespondenten. gfeTfe.4, lames fflacdonald Ober das Dritte Heidi N«w York. Der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissar für Hilfe an die deutschen Flüchtlinge James Maed o n a I d, der gegenwärtig in Sachen der Fliichtlingshilfe in Amerika weilt, hielt bei einer Zusammenkunft der League for Political Education eine Ansprache, in der er folgendes sagte: Wie die Dinge in Deutschland liegen, ist zu erwarten, daß sich die Zahl der Flüchtlinge aus Deutschland, namentlich der jüdischen, in eien nächsten Monaten beträchtlich erhöhen wird. Die Hitleristen haben im Namen des Christentums ein Verbrechen gegen die Juden begangen, die amerikanischen Christen haben darum die Pflicht, vor der Welt darzutun, daß sie an solchen Verfolgungen nicht teilhaben wollen; sie müssen darum helfen, die Leiden der Verfolgten zu mildem. Die amerikanischen Christen werden den an sie ergehenden Appell, den deutschen Flüchtlingen zu Helfen, angemessen beantworten. Beleidigungen James Macdonalds in der deutschen Presse Unter der Ueberschrift «Wohltun trägt Zinsen» Schreibt die «Deutsche Zeitung:.Die einzige «positive» Tätigkeit des Verwaltungsrates bestand bisher darin, daß er für das sogenannte «Oberkommissariat», d. h. für alle Mitglieder des Bureaus des Oberkommissars sowie für diesen selber, einen Haushalt aufstelite. Dieser Haushalt umfaßt vorläufig jährlich 400.000 Schweizer Franken, die von den verschiedenen privaten jüdischen und nichtjüdischen Vereinigungen aufgebracht werden sollen . . . Von diesen 400.000 Franken werden vorläufig nur die Gehälter und Unkosten für Bureaus, Reisen und andere Ausgaben der an diesem äußerst lukrativen Unternehmen angestellten Persönlichkeiten bestritten. Der Herr «Oberkommissar» James M a cd o n a I d bezieht jährlich die «kleine» Summe von 80.000 Schweizer Franken, die aus 60.000 Franken Gehalt und 20.000 Franken «Repräsentationskosten» bestehenI Das ist aber nicht so aufzufassen, als ob Herr Macdonald nun auch seine Reisen von diesen 20.000 Franken bezahlen würde — er betrachtet vielmehr die «Repräsentationskosten» als einen festen Bestandteil seines Gehaltes und hat sich ausbedungen, alle Reisekosen noch nebenher berechnen zu dürfen.“ Die «Deutsche Zeitung» nennt auch noch die Gehälter der anderen Angestellten des FlfichtJngs-Hiifswerkes und nennt dieses «aktionsschwnch und kostspielig — genau wie der Völkerbund». Mehrere andere deutsche Zeitungen drucken diese Auslassungen nach, die offenbar auf «Informationen» Genfer deutscher Kreise beruhen. Ela Antrag Im amerikanischen .. Senat' - Washington. Das Kongreßmitglied Samuel Dickstein beantragte bei Eröffnung des Kongresses, daß eine Kömmission mit Strafbefugnis gebildet werde, um die staatszerstörende Tätigkeit der Nationalsozialisten in den Vereinigten Staaten zu untersuchen und zu unterbinden. 1000 Jüdische Familien nach Amerika ausgewandert Berlin. Wie aus den Statistiken der amerkanischen Konsulate in Deutschland zu ersehen ist, sind seit Beginn des Hitler-Regimes bis Ende 1933 mehr als 1000 jüdische Familien aus Deutschland in die Vereinigten Staaten eingewandert. Die amerikanischen Konsulate zeigen sich bei Gewährung von Visen sehr entgegenkommend. In der letzten “eit hat die Auswanderung nachgelassen. JAdlsthe Volkssdralen In DenlsAland Berlin. Die Reichsvertretung der deutschen Juden trat am 2. Jänner zusammen. Neben organisatorischen Fragen wurde eine Reihe von Problemen des Wirtschaftslebens behandelt. Im Mittelpunkt der Tagesordnung stand die Durchberatung und endgültige Genehmigung der vom Enziehungsausschuß aufgestellten Richtlinien, die zur Ergänzung der staatlichen Richtlinien für die Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen dienen sollen. In der nächsten Zeit soll eine größere Anzahl von jüdischen Volksschulen neu errichtet werden. Zusammenschluß in Bayern München. Die jüdischen Wohltätigkeits- und religiösen Vereine in Bayern w’urden auf Anregung des Landesverwälters der N. S.-Votkswohlfahrt in Bayern Ln einem «Dachverband der israelitischen Vereine im Freistaat Bayern» zusammengeschlossen. Justizrat Dr. Eugen Strauß- Augsburg und Felix Feuclitwanger -München wurden zu Vorständen, Fritz Rothschild -München zum Treuhänder bestellt. Hilfsaktion In Bulgarien Sofia. Unter Führung des Zentralkonsistorium* der Juden Bulgariens ist hier eine Aktion im Gange, einen Fonds zur Ausbildung deutschjüdisch er Kinder in Landwirtschaft und Handwerk für Palästina aufzubringen. Ungeachtet der schweren Wirtschaftslage des bulgarischen Judentums erwartet man, daß die nötigen Gelder für eine zweijährige Ausbildung von etwa SO Jungen und Mädchen aus Deutschland aufgebracht werden würden. Die Kosten fiir die zweijährige Ausbildung eines Jugendlichen betragen 75 Pfund» Zwei bedeutsame Botschaften des Präsidenten Sokolow. Warschau, 1. Jänner 1934. Wegen der tragischen Ereignisse in Rumänien hat Präsident Sokolow seinen ursprünglichen Reiseplan, in welchem der Aufenthalt in Rumänien vorgesehen war, aufgegeben und diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß die Warschauer Zionisten in den zwei letzten Tagen des in der jüdischen Geschichte mit tiefem tragischen Geschehen erfüllten Jahres 1933 Gelegenheit hatten, Sokolow am Rednerpult begrüßen zu können. Die eine Gelegenheit bot die 6. Jahreskonferenz der Radikalen (Grünbaum-Gruppe), die sich mit Unrecht Allgemeine Zionisten nennen. Die Sitzung wurde Samstag abends feierlich eröffnet. Sokolow bezeichnete sich als erster Bevollmächtigter der Warschauer Zionisten und betonte, daß er diesen Ehrentitel auch weiterhin neben seinen späteren Würden führen möchte. Er erzählte von den ersten Anfängen der zionistischen Organisation in Warschau und erwähnte mit Rührung der werktätigen Mithilfe der verstorbenen Führer Jasinowski und Podlischewski. Die Arbeit war konspirativ. Die Genossen kamen wie einst die Marannen in Spanien in geheimen Lokalen zusammen. Die Arbeitsmöglichelciten waren eng begrenzt und doch gab es Erfolge, wie sie in der organisatorischen Beziehung auch jetzt zu wünschen wären. Sokolow erklärte, daß der jetzige Wendepunkt im Zionismus nach den verschiedenen Phasen der Entwicklung, welche wir durchgemacht haben, vom Basler Programm über die Balfour-Deklaration zum «Oranges-Zionismus und endlich zu den «Zertifikaten>-Zionisten neue Arbeitsmethoden verlangt. Man darf nicht stagnieren und muß alle Kraft aufwenden, um neue Schichten des Judentums zur aktiven Mitarbeit am zionistischen Werk heranzuziehen. Die Ereignisse in Deutschland haben die Verhältnisse im Gesamtjudentum und im zionistischen Lager gründlich verschoben und deshalb wählte Sokolow fast unmittelbar nach dem Kongreß gerade Polen zu seinem Aktionsfeld, denn er wollte unmittelbar mit dem Volke und mit noch etwa vorhandenen Gegnern des Zionismus, falls noch welche existieren, Zusammenkommen und diskutieren. Er wollte erfahren, wie die «Agudah». sich zum Zionismus stellt und was jetzt die Assimilanten zu sagen haben. Vor allem tut es not, den inneren Parteihader zu überwinden und mit dem leidigen Fraktionismus aufzuräumen. Die Schaffung einer einheitlichen gemeinsamen Front, die Koordination aller Gruppen ist notwendig, damit neue Kreise des lebendigen Reservoirs der Judenschaft1 für den Zionismus gewönnen werden können. Es sei müßig, sagt Sokolow, wenn die Gruppe «Eth Liwnoth» mit «Al Hamischmar» im Streite Hegt, denn beide Fraktionen wollen schließlich dasselbe und die ideologischen Unterschiede sind bereits überwunden. Soll «Eth Liwnoth» gegen die «Loh Eth Liwnoth» auftreten? Mit anderen Worten, die am Aufbau Zions Interessierten sollen die Lauen und Indifferenten zur Aktivität im Zionismus heranziehen. , Das ganze jüdische Volk muß einhellig am Aufbau des jüdischen nationalen Heimes mitarbeiten. Während ani Samstag Sokolow zu unbedingten Anhängern und Jasagern sprechen konnte und von der dichtgedrängten Versammlung bejubelt wurde, hat der Sonntag ihn vor eine schwierigere Aufgabe gestellt. Es galt nämlich, auf die kompakten Massen unserer ecclesra militans, welche die 6. Landeskonferenz der «Misrachi* im großen Saal des Warschauer Stadtrates versammelt hat, Einfluß zu nehmen und einer organisierten Demonstration der Opposition zu begegnen. Das äußere Bild der Versammlung, welche durch den Vertreter der Woiwodschaft Rat Steinbock und im Namen des Stadtpräsidenten durch den Stadtrat Dr. Bychowski begrüßt wurde, war imposant. Ueber 60 Rabbiner in traditioneller Galatracht, darunter Männer von wirklicher Bedeutung, wie Kahane (Warschau), Rubinstein (Wilno), Brod (Tomaschow), Nurok, (Riga), Fishmann (Jerusalem) repräsentierten das gesetzestreue Judentum. Unter den Anwesenden bemerkte man einige Rabbiner, welche vor kurzem das Lage der «Agudah» verlassen und zum «Misrachi» übergegangen waren. Rabbi B r o d t eröffnete die Konferenz in h c b r ä ischer Sprache und fuhr dann polnisch und jiddisch fort. Ergelobte, daß der Misrachi. niemals die Palästina-Arbeit verraten werde. Stadtrat Doktor Bychowski begrüßte die Konferenz im Namen des Stadtpräsidenten Slominsky. Nach Ans'prachen des Deputierten Rabbi Nurok (Riga) und des Keren Hajessod-Leiters Leib Jaffe (Jerusalem) ergriff Präsident Nahum Sokolow, von Delegierten und Gästen, auch den Rabbinern, sehr herzlich begrüßt, das Wort. Ausgehend von der Ermordung des rumänischen Ministerpräsidenten Duca, eines persönlichen Freundes und Förderers des Zionismus, besprach Sokolow den Sinn seiner politischen Tätigkeit. Es gilt Freunde zu werben für die zionistischen Forderungen, deren Verwirklichung nicht nur von der Gunst der Mandatarmacht, sondern auch von der freundlichen Stellungnahme aller im Völkerbünde vereinigten Staaten abhängig ist. In Rumänien galt es speziell, die angestrengten Beziehungen zwischen der dortigen Regierung und der Judenschaft des Landes zu beruhigen. Diese politische Arbeit sollte in Rumänien jetzt getan werden. Premierminister Duca hat aber kurz vor »einem gischen Ende darauf hingewiesen, daß die öffentliche Stint* mung im Lande viel zu sehr aufgewühlt sei und riet Sökölöw von der Reise im jetzigen Zeitpunkt ab. Wie »ehr DoC* recht hatte, bewiesen die Vorfälle der letzten Tage. Sokolow hat mehrmals Gelegenheit gehabt, mit seinem Freunde Duca die tragische Situation der rumänischen Juden zu besprechen. Duca hat mit großer Unruhe das Anwachsen der antisemitischen Strömungen in seinem Lande beobachtet und verübelte es den früher am Ruder befindlichen Politikern, daß sie nicht energisch genug die antijüdischen Ausschreitungen verfolgen. Vor einigen Jahren — sagt Sokolow — versprach mir Duca, daß sobald seine Partei die Staatsgeschäfte übernehmen werde, die gefährliche Hetzarbeit unverantwortlicher. Elemente aufhören wird. Duca hielt sein Versprechen. Die «Eiserne Hand», deren Verbindungen mit Hitler klar aufscheinen, wurde von Duca aufgelöst. Der edelsinnige, wackere Staatslenker Duca fiel ebenso wie der polnische Staatspräsident Narutowicz aus Mörderhand als Opfer seiner liberalen und judenfreündlichen Gesinnung und Ueberzeugung. Der Fall Duca wirft ein grelles Licht auf die tragische Lage des jüdischen Volkes überall in der Welt. Nicht irgendwelche Ideale, nicht einmal religiöser Fanatismus, wi<? zur Zeit der Inquisition, rufen jetzt den Judenhaß hervor. Nur eine brutale, ideenlose Massenpsychose wüt die Juden von ihren Arbeitsstätten verdrängen, um dieselben selbst einzunehmen. Diese organisierte, kalte, mörderische Arbeit gegen die Juden macht überall Fortschritte. Diese unerhört tragische Situation, ruft Sokolow, zwingt zur Konsolidierung der eigenen Kräfte im Zionismus. Die vorhandenen Gegensätze müssen ausgeglichen werden. Wenn verfeindete Völker und Weltteile zu einem gemeinsamen Beratungstisch in Genf Zusammenkommen konnten und ein Locarno geschaffen wurde, so müßte auch bei Juden ein Weg zur Verständigung möglich sein. Nicht nur Frieden allein, sondern Kraft und Selbstschutz ist unsere Losung. Wir brauchen eine gemeinsame Abwehrarrnee, und Misrachi soll den alten Stamm repräsentieren. Einigkeit tut jiot, denn noch nie waren die Feinde so organisiert wie jetzt. Wir müssen dessen eingedenk sein, daß wir uns auf der politischen Schaubühne befinden und unsere inneren Zwistigkeiten Beachtung finden. Die äußeren Verhältnisse zwingen zum Ausgleich. Die zionistische Politik pflegt die freundlichen ..günstigen Beziehungen zu den Ländern’, in welchen wir leben. Die Worte Sokolows fanden stürmischen Beifall der Imposanten Versammlung. fn der Jahresübersicht, welche die hiesige jüdische Presse veröffentlicht, wird speziell betont, daß die polnische Außenpoütik des letzten Jahres dem Lande sahr viele Freunde gewonnen hat. Die polnischen Deklarationen finden Vertrauen in der gesamten zivilisierten Welt. Dr. Arnold Friedmann. . . * Schluß der Misrachi-Koaiferenz Warschau, ln der Schlußsitzung der Landeskonferenz des Misrachi polemisierte Rabbiner Rubinstein (Wilna) gegen Rabbi B r o d t, der eine Annäherung an die A g u d a h sucht, während letztere nicht hn entferntesten an ein Zusammengehen mit dem Misrachi denkt. Rabbi Rubinstein warnte eindringlichst, dem Gedanken eines Austrittes des Misrachi aus der Zionistischen Weltorganisation Raum zu geben. Ihm schloß sich Sejmdeputierter Rabbi Nurok aus Riga an. Beide Redner forderten den Misrachi zur Mitarbeit an dem Jüdischen Weltkongreß auf. Es wurde beschlossen, den Keren Kajemeth zu unterstützen, ebenso die Aktion zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina. Zum Präsidenten des polnischen Misrachi wurde Rabbi S. Brodt wiedcrgewählt. Vorsitzender des Parteirates ist Rabbi J. Rubinstein (Wilna). Der neuen Leitung wurde aufgetragen, zu entscheiden, ob Misrachi die Petitionsaktion der Revisionisten unterstützen soll. Jahreskonferenz des Niederländischen Zionistenbundes (Von unserem Dr. 11. - Bericht« erstatter) Forderung nach einer aktiven MandatspoUtik. — Einheit der Organisation. — Relegierung eines kommunistischen Mitgliedes. In einem 80 Seiten starken blauen Büchlein ist 4er Jahresbericht 5693—5694 des Niederländischen Zionistenbundes (N. Z. B.) kurz niedergelegt. Der Teilnehmer der in Anwesenheit von 123 Delegierten der 31 Ortsgruppen am 24. und 25. Dezember stattgefundenen 34. Jnhreskonfcrenz wird durch dön gedruckten Jahresbericht in die gesamte Materie eingeführt und hat Gelegenheit, auch an Hand der abgedruckkn Resolutionen des Landesvorstandes des N. Z. B. vorbereitet zur Tagung zu kommen. Das mußte jeder objektive Zuhörer aus der Beherrschtheit der Materie und den gutgeschulten Debatten freudig wahrnehmen. In seiner Eröffnungsrede ging der Vorsitzende de« N, Z. B., F. Bernstein, Rotterdam, von dem geschichtlichen Geschehen in Deutschland aus und wies darauf, hin» daß diese Ereignisse einen viel tieferen Eindruck gemacht hihf ab die blutigen Nachkriegsverfolgungen der Juden hl