Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 317 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b, Erscheint Dienstag und Freitag Mi ditMt Nnmnir tS % JÜDISCHE ZEITUNG Nuwwif3^7],'wieniTTl934 Redaktion und Administration: Wien, I., Kärntnerstraße 28, Tel. R-27-4-85. RedaktionsachluB Montag u. Mittwoch vorm. Heute 8 Seiten stark (X7jraebetJ694)| 7« Jahrgang Das wahre Gesicht Deutschlands Touristen nach Palästina fahren am besten und billigsten zu Purim, am 21. Februar 1934 mit der «Conte di Savoia» und zurück mit der «Rorna*, durch das Weltreisebureau CompaB-Tours. Zehn Tage im Lande mit gründlicher Besichtigung um S 950*—, Inklusive sämtlicher Spesen, ab Wien. Eventueller anschließender Ausflug nach Cairo. Für Vereine und Organisationen Sonder-Angebote. Näheres im Bure au, I 'S p 1 t.a 1 gasse3, Tel. B 4 2-5-3 8, mir sm eine macm in raüsiiaa Die jüdische Bevölkerung Palästinas beträgt jetzt eine Viertelmillion Seelen. Von 60.000 vor dem Kriege-' ist sie auf 250.000 angewachsen und damit hat sich auch die Relation zu der im großen ganzen unverändert gebliebenen Zahl der Araber verschöben. Die Juden haben eide Position errungen, über die nicht mehr hinweggegangen werden kann. Sie beherrschen Handel und Gewerbe, haben, die Landwirtschaft modernisiert und Ä"'Ertrag gesteigert, so sehr, daß gewisse Palästina- Produkte einfester Bestandteil des Welthandels geworden sind, die Juden haben Palästina in den Weltverkehr eingeführt und sie schließen die Industrie auf. Palästina, so groß wie Mähren, etwas kleiner als Belgien, hat heute in der Verkehrs- und Haiidelsstatistik einen ehrenvollen Platz. Es hat sich ihn durch Arbeit erworben, durch eine rastlose Anstrengung, die schon heute der Aufmerksamkeit der europäischen Welt sicher ist Was Palästina heute ist, verdankt es dieser jüdischen Arbeit; in einer Zeit, in der die großen Kulturvölker von einer Krise in die andere geraten, in der sich ihre Besitzsubstanz von Tag zu Tag aufzehrt, hat das jüdische Volk, das ärmste aller Völker, aus seiner eigenen Kraft uhter der FÜHruhg des Zionismus Brot und Arbeit für Generationen neu geschaffen. Aber diese wirtschaftliche Entwicklung ist rascher vorangegangen als die politische. Palästina ist in seiner Arbeit, in seiner Bedeutung jüdisch, aber es ist völkerrechtlich ein von der Türkei an die Gesamtheit der Siegerstaaten abgetretenes Gebiet, das von diesen als das jüdische Nationalheim an England übergeben wurde, mit dem Marfdat, den Juden bei der Errichtung dieses Heimes beizustehen. Was man damals unter Nationalhelm sich vörgestellt hat, ist nicht zweifelhaft. In der Zeit, in der das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker als die Errungenschaft des Krieges bejubelt wurde, hat wohl niemand an ein jüdisches Ghetto im jüdischen Land gedacht,micht an eine britische Kolonie, und schon gar nicht an. ein arabisches Majoritätsregime. Aber eine Definition wurde nicht offiziell gegeben und die Erklärung «Palästina so jüdisch, wie England englisch» wurde amtlich abgestritten. Immerhin hat der Völkerbund als das Organ der Alliierten eine politische Grundlage errichtet, ohne sie genau zu bestimmen, und die Zionisten mußten sich wohl, damals noch unter dem moralischen Druck der Not, damit abfinden. Dieser Mangel hat sich ln der Folge noch verbreitert und heute ist vom Nationalhelm nur mehr in feierlichen Rundfunk-, erklärungen der englischen Minister die Rede und es scheint, als wäre das ganze Palästina nichts mehr als das Hinterland des Haifaer Hafens oder die berühmte Flankendeckung des Suez-Kanals. Das in der Annahme Rasiere Dich gut und billig dlf r OesierrslcliisGiies MID :* Ueberall erhältlich Es gibt jüdische Kreise, die der irrigen Ansicht sind, daß die Verhältnisse .der Juden ln Deutschland sich zum Besseren gewendet haben. Diese falsche Meinung ist darauf zurückzuführen, daß die Terror-, akte langsam aufzuhören scheinen.. Es muß aber daran erinnert werden, daß nach wie vor ungezählte hunderte Juden in den Konzentrationslagern schmachten und tagtäglich allen möglichen Entbehrungen, und‘Demütigungen ausgesetzt sind. Aufgehört scheint nur der blutige Terror zu haben. An seine Stelle ist aber — das kann nicht oft genug hervorgehoben werden— ein brutaler, wirtschaftlicher - Terror getreten. I n d e n k 1 e i n e n 0 r t e n. kommt es vor,; daß .Juden nicht mehr Lebensmittel eirikaüfen können, weil man ' ihnen die Abgabe von' Waren verweigert Dazu kömmt noch, daß sich derTüde; Nätiohäisöziälisi mus.; insbespadere in den kleinen Orten .austoi)t vml dort die-arischen '.^eÄ^rrö'r-lsaflife'-' um ffeii jüdisöhöh ihm das'Leben zu vergällen. Da es aber noch immer Arier gibt, die beispielsweise gerne einen tüchtigen, jüdischen Arzt oder einen tüchtigen, jüdischen R e c h t s a n w a l t, der zugelassen ist, aufsuchen wollen, bereitet die nationalsozialistische Regierung gegen diese jüdischen Existenzen einen neuen Schlag vor. Es besteht die Absicht ein Gesetz zu schaffen, wodurch jüdische Aerzte und jüdische Rechtsanwälte gezwungen werden sollen, in kleinere Städte zu übersiede 1 n und ihnen die Berufsausübung nur an den Urnen zngewiesenen Aufenthaltsorten zu gestatten. Das bedeutet nicht mehr . oder nicht weniger, als daß arische Aerzte und arische Rechtsanwälte in die Lage versetzt werden sollen, sich die Klientel jüdischer Aerzte und Rechtsanwälte gratis'anzueignen. Der jüdische Arzt und der jüdische Rechtsanwalt, die gezwungen werden sollten, in eine kleinere Stadt zu übersiedeln, werden sich , dort wehrlos einer antisemitischen Meute gegenüber sehen und die S. A.- Gewaltigen in den, kleineren Städten werden durch ihre bekannten Methoden schon dafür sorgen, daß es kein Arier wagen wird, einen jüdischen Arzt oder Rechtsanwalt zu konsultieren. Die Folge davon wird sein, daß diese jüdischen Existenzen, wie; tausende des Mandates gelegene Versprechen hat England nicht, gehalten, es hat vielmehr den Ausbau des Nationalheims zu einer politisch unabhängigen, freien, jüdischen Gemeinschaft verhindert. Es hat sogar mit der inneren Sicherheit unwürdig gespielt Nun ist aber trotz aller Schikanen, trotz aller Polizeireglements der aus Natal oder aus Negerstaaten herbeigeholten Verwaltungsoffiziere Palästina in Wesen und Arbeit jüdisch geworden. «Wir sind», sagte Professor B r o d e t s k y auf der Konferenz der englischen Zionisten, «jetzt eine Macht in Palästina und wir sind in der Lage, England und den Arabern wertvolle Freundschaft anzubieten.» Gewiß, 250,000 Menschen europäischen Standards, die konsumieren und zu einem großen Teil in der Urproduktion stehen, sind eine wirtschaftliche Macht. Aber sind sie auch eine politische Macht? Wessen Freundschaft wertvoll sein soll, muß Macht und Machtwillen haben, nicht militaristisch, sondern den Willen zum vollen Recht Das Judentum muß das Nationalheim bauen. Es muß Werkstatt und Tenne haben, das Land wirklich besitzen, um gegen UnglUcksfäUe, gegen Bosheit ugd Neid andere jüdische Existenzen, dem s'icheren Hungertod preisgegeben sein werden. Die deutsche Reichsregierung scheint die Absicht zu haben, aus den deutschen Juden systematisch ein Voll« von Bettlern zu machen. Tagtäglich . werden gesetzliche.. Ausnahmsverfügungen gegen die Juden getroffen und die Verwaltüngsmaßnahmen der. Behörde in den einzelnen Orten tun das übrige. So-ist zum Beispiel den Erben eines verstorbenen jüdischen Kaufmannes nicht .gestattet, das-Geschäft des Verstorbenen weiter, zu führen. Es muß liquidiert werden. Jüdische Studenten der Medizin können nur mehr das Doktorat erlangen, wenn sie vorher au f die deutsche Staatsbürgers ch aft verzichten, das heißt mit anderen Worten, daß der betreffende Student als Staaten-: loser nicht mehr die Möglichkeit hat, den Beruf, für den er sieb vorbereitet hat, ausziiüben.; Der Kampf e der ,deutschen Regierung richtet sich mit besonderer Schärfe ■ gegen die Jugend Zu-, Ostern-dieses Jahres werden die letzten jüdischen Mittelschüler die Möglichkeit haben, die Matura abzulegep.. Künftighin wird es für Juden ausgeschlossen sein,-ein Reifezeugnis einer Mittelschuje zu erhalten. Viele jüdische jugendliche haben deshalb den Entschluß gefaßt, ein Handwerk zu erlernen. Aber auch , da hat die deutsche Reichsregierung einen Riegel vorgeschoben und die Innungen verweigern auch christUchenrGewerbetreibenden die Aufnahme jüdischer Lehrlinge. So wird auf allen Fronten ein brutaler Vernichtungskampf gegen das deutsche Judentum geführt. Was tut aber das Judentum in den anderen Ländern? Es! besteht die Gefahr, daß es dem Elend der deutschen Juden gegenüber abgestumpft wird. Es ist daher Pflicht, unablässig auf die deutschen Absichten hinzuWeisen. Die deutsche Reichsregierung darf ihr Ziel nicht erreichen. Sie muß darüber belehrt werden, daß das Judentum seine Ehre und die Ehre seiner Brüder in Deutschland so hoch einschätzt, daß es unter keinen Umständen und durch keine noch so geschickte Propaganda der Reichsregierung sich, einjullen läßt. .Wer da meint, daß die deutsche Reichsregierung den Boykott nicht verspürt, der spontan in allen jüdischen Kreisen der Welt und bei Millionen anständiger Christen -zum s.o gesichert zu sein, wie nur ein selbstbewußtes Volk gesichert sein kann. Und diesen Anspruch muß das jüdische Volk durch seine berufenen Organe, durch seine Presse, seine Dichter und Denker immer wieder an den maßgebenden Stellen verkünden. Im Völkerbund sind wir nicht vertreten, obzwar gerade der Völkerbund das jüdische Anrecht auf Palästina anerkannt hat. Der Völkerbund steht durch die Sabotage der deutschen Nationalsozialisten in einer Krise, aber er wird sie überwinden, weil er eine naturnotwendige Institution ist. Er ist noch ein Rest von Demokratie, und gerade wir sind die einzigen, die selbstlos aus innerer Ueberzeugung für die Demokratie eintreten. Wir sehen im Völkerbund die Möglichkeit der Diskussion, und es muß nächstes Ziel zionistischer Außenpolitik sein, dem jüdischen Volk ln irgendeiner Form eine, wenn auch eingeschränkte Vertretung zu schaffen, damit es an .der Diskussion teilnehmen kann. Als Ankläger gegen die deutsche Folterkammer, gegen Englands Mandatspraxis, ln dieser Forderung sind doch wohl alle zionistischen Gruppen eines Sinnes; sie mögen das beweisen. 9929