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Die Stimme · 1933-11-09 · Heft 308 (9.11.1933) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 308 (9.11.1933)
Date
1933-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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•' i t . ~r ln Deutschland verboten Erscheint Jeden Donnerstag Redaktion und Administration: Wien, 1. Bez., Kärntnerstrafie Nr. 28, Telephon R-27-4-85 Redaktionssohluß: Dienstag abends Bezugsbedingungen: Monatl. 8 1.50, vierteljährlich 8 4.20, ganzjährig 8 16.—. Für das Aualand: Deutschland vierteljährlich RM 3.—, Tschechoslowakei viertel]. Ko 24.—, Jugoslawien viertel), Dinar 40.—, Polen viertelj. Zloty 6.50, Ungarn viertel]. Pengo 4.20, Rumänien viertelj. Lei 120.—, übriges Ausland vierteljährlich Schweizer Franken 4.50. Postaoheok - Konti: Oesterreich Nr. D 113.546, Polen Nr. 191.199, Tschechoslowakei Nr. bU0.230, Jugoslawien Nr. 40.8T9. Preis einer Nummer 35g de Jahrgang Wien, Donnerstag« 9» November 1933 (to* March. 5694) Nummer 398 Leo Motzkin gestorben Knapp vor Redaktionsschluß erreicht uns die erschütternde Kunde« daß Dr. Leo Motzkin in der Nacht vom 6. auf den 7» November in P aris im 67. Lebensjahre einem Herzantalle erlegen ist. Diese Nachricht wird die ganze zionistische Bewegung in tiefe Trauer versetzen. Erst vor wenigen Tagen nahm Motzkin an den Beratungen der Londoner jüdischen Welthilfskonferenz führenden Anteil. Wer je Motzkin bei einer Beratung sah, in der es sich um das Schicksal des Judentums handelte, der wußte, daß es für diesen unentwegten Enthusiasten keine Schonung und keine Rücksicht für die eigene Person gab. Tagaus, tagein debattierte , und verhandelte er, jahraus, jahrein bereiste er alle Zentren des Judentums und seit Jahrzehnten gab es keine internationale Tagung der Weltjudenheit, der er nicht durch seine starke, impulsive und doch fest in sich geschlossene Persönlichkeit seinen Stempel aufgedrückt hätte. Eine ewige Unruhe trieb ihn förmlich seit seiner ersten Jugend in die vorderste Kampffront und diese Kämpfernatur war es, die, von glühend'er Begeisterung beseelt, noch vor dem Auftreten Herzls die Judenfrage vor allem von der politischen Seite her aufzurollen begann. Dieser Parole, die er im Jahre 1889 zusammen mit N. S y r k i n, L u r i e und Birnbaum bei der Gründung des ersten jüdisch nationalen Studentenvereines in Berlin in einer bemerkenswerten Broschüre festgelegt hatte, blieb er zeitlebens treu. Ging AchadHaam vom Begriffe der J a h ad u t h — Judenheit — aus, so war für den realpolitisch denkenden Motzkin das Judentum, das lebende und aus tausend Wunden blutende Judentum, der Ausganspunkt seiner Erneuerungsgedanken. Nicht nur die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins»Judenland, sondern Auffrischung und Zusammenfassung aller Energien und Schaffung einer einheitlichen nationalen Front in der Galuth war sein immerwährendes Streben. Diese Galuth — oder Gegenwartsarbeit — war es auch, deren leibhafter Repräsentant Motzkin bis zu seinem letzten Atemzuge geblieben ist. So war es nur selbstverständlich, daß die zur Tat drängende und energiegeladene Persönlichkeit Motzkins schon zu Herzls Zeit stets zur praktischen, für den unmittelbaren Alltag bestimmten Arbeit drängte. Diese Einstellung war auch entscheidend für seine Gründung der demokratisch-zionistischen Fraktion, die eine Abkehr be- ★ ★ ★ deuten sollte von der reinen palästina-zentralen Theorie zur praktischen, unabwendbaren Tagesfron. Dieser Not des Tages widmete Motzkin auch die Kriegsjahre, in denen er in Skandinavien eine großzügige Hilfsaktion für die notleidenden Juden der Kriegsgebiete organisierte. So ging seine soziale Tätigkeit mit der gleichzeitigen rein politischen Arbeit W ei z m an ns und Soko- I o w s, die in der Balfour-Deklaration ihre Krönung fand, parallel. Kaum war der Krieg zu Ende, da war es wieder Motzkin, der in Paris in dem «C o m i 16 des DGlegations Juives» repräsentative Juden aller Weltteile um sich scharte und diese bedeutsame Körperschaft den Kampf um die Minoritätenrechte aufnahm. Dieser Begriff der Minoritätenrechte mußte erst geschaffen und ins Gewissen der europäischen Staaten eingehämmert werden, und da war es wieder Motzkin, der sich mit unendlicher Ausdauer bei allen internationalen Tagungen und Konferenzen für diese Idee einsetzte und nicht nur im Interesse des jüdischen Volkes, sondern der Minoritäten allerVölker den Kampf mitErfolg führte. Von diesem ComitG trug er auch den Gedanken einer Welthilfskonferenz hinaus, die auch über Motzkins Initiative zum ersten male im Jahre 1920 zusammentrat. Als hilfsbereiter und kampferprobter Führer verlor Motzkin bei der Gegenwartsarbeit jedoch nie den Blick fürs Ganze. Die Problematik des Judentums, die bei der Galuiharbeit erst richtig aufgerollt wurde, mußte notgedrungen in den Zionismus münden. So stand auch Motzkin seit dem Ende des Weltkrieges in der vordersten Reihe der zionistischen Führer. Als Präsident des Aktionskomitees seit dem Jahre 1925 und als beinahe legendärer Präsident der zionistischen Kongresse erwies sich Motzkin als Taktiker von erstaunlichem Format und als Mensch, der stets die Linie zu wahren wußte, die den Parteimann vom wahren Volksführer unterscheidet. Er stand wie ein Fels im Kampfgewühl der Parteien und wuchs stets über die Parteien hinaus. Unbeugsam und unbeirrt wußte er stets und auch in den kritischesten Situationen blitzschnell die richtige Entscheidung zu treffen. Dieser absolute Sinn für Gerechtigkeit und Objektivität war es auch, dem man sich stets beugte. Motzkin war der geborene Präsident. In unerschütterlicher Ruhe saß er auf der Tribüne und leitete mit fester Hand die Debatten. Ringsum tobten die Leidenschaften des Parteikampfes, Zwischenrufe dur.chbrausten den Saal, und trotzdem vermochte es Motzkin immer, durch seine stoische Ruhe, durch seine Güt<y^ gepaart mit stets richtig dosierter Energie, auch die gefährlichsten Situationen zu beherrschen. In solchen Augenblicken schien seine kleine, unansehnliche Gestalt zu wachsen, seine modulationsfähige, kräftige Stimme verstand es, sich im stärksten Lärm Gehör zu verschaffen, und gar oft war es ein einziges, geistreiches Bonmot, mit welchem dieser fabelhafte Kongreßlenker so manche fast unlösbar erscheinende Krise schlagartig zu lösen vermochte. Er hatte die Objektivität eines Weisen, der menschliche Schwächen richtig zu werten verstand, und die von unendlicher Güte durchpulste Persönlichkeit Motzkins schuf stets eine Atmosphäre des Wohlwollens und der Achtung. Mit dem Tode dieses prachtvollen Juden wird eine klaffende Bresche in die vorderste Front unserer Führer geschlagen. Er fiel im Kampfe, wie alle unsere Führer, deren Herz plötzlich entzweibricht. Er war erst in London, ging nach Paris, um auf dem Wege nach Genf vielleicht eine Nacht im eigenen Heim auszuruhen. Nun sollte es seine ewige Ruhe werden. Mit Motzkin sinkt ein Stück unserer Geschichte der letzten Jahrzehnte ins Grab und eine unendliche Fülle noch nicht ausgeschöpfter Möglichkeiten. Die Weltjudenheit ist um eine zentrale Persönlichkeit ärmer geworden. Gramgebeugt trauert die zionistische Weltorganisation an der Bahre eines ihrer schicksalhaften Wegbereiter und Schöpfer. Nachmu, nachmu Ami . . . Auch der Weltverband der Allgemeinen Zionisten verliert in Motzkin einen seiner Gründer und einen unentwegten Kämpfer für die Ideale des Allgemeinen Zionismus. _ —i_4a A _»_um 8 Uhr abends im Festsaal des DJGnStDDy aen 14» NOVQVTiDSI« Hotels Continental, li.. Taborstr. 4 Bericht über die Jüdische Welthiifskonferenz in London Redner: or. Desider Friedmann Ferner sprechen Uber: Der Zionismus als Rettungsanker: or. Oskar Granbaum Politische und wirtschaftliche Fragen der Juden: or. Josef Löwenheri

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