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Die Stimme · 1933-09-14 · Heft 300 (14.9.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 300 (14.9.1933)
Date
1933-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Wr.'ab0 — 14. SepteinfietYwoK SefWf I Alten« des Kongresses! Roach-Haachana Fe$ii «i *mmer der »Stimm«« Es war kein schlechte'r, sondern ein tragischer Kongreß. Umwittert von rauchenden Schwaden einer Mordpsychose und geschüttelt von grausigen Realitäten einer Gegenwart, die plötzlich einer von Haß und Parteihader unterwühlten Organisation schier übermenschliche Aufgaben aufbürdete. Es galt Weltprobleme in einer Zeitspanne von zwei Wochen einer Lösung zuzuführen, mit einem gewaltigen Zündstoff von zwei Jahren aufzuräumen, eine Massenemigration vorzubereiten und neue Losungen für das aufgerüttelte Weltjudentum zu schaffen. Und in dieser Atmosphäre von Spannungen unc fiebriger Erwartung stießen dreihundert Abgesandte jüdischer Volksmassen aus aller Herren Länder plötzlich aufeinander, ohne richtige Bereitschaft und ohne richtige Erkenntnis fürs Ganze, unharmonisch und undiszipliniert, allzu oft belastet von landespolitischen Erwägungen und gelenkt von Parteiparolen, welche die eigentliche historische Mission einer Generation des auferstehenden Judentums vollständig überschatteten. So verdrängte auf diesem Kongreß eine Massenpsychose jede konstruktive Erkenntnis, ein parlamentarischer Leerlauf überbrückte gewaltsam drohende Explosionen. Politik und Taktik überwog schließlich wahre Staatsmannskunst. Parteipolitik über alles! Von links und von rechts. Hüben und drüben gutes Mittelmaß von Parteiführern, hüben und drüben Parteidisziplin, die einseitige Interessen auf die Spitze treibt und überall ein erschrekkender Mangel an gegenseitigem Verständnis, Wohlwollen und Opferbereitschaft, die aus dem immanenten Gefühl einer historischen Schicksalsgemeinschaft aufkommen müßten. Eine Schar glänzender Taktiker, hie und da hervorragende Persönlichkeiten, aber keine Führer. Führerlos steuerte dieser Kongreß und obendrein lähmte der Schatten eines toten Führers und die Abwesenheit eines Lebenden Energien, die gewaltsam nach Gestaltung suchten, statt sie gerade im entscheidenden Moment zur Ueberwindung und zur Entfaltung hinüberzuleiten. Ein Parlament mit dem Vorteil einer einheitlichen Zielsetzung und mit dem geschichtsgewordenen Nachteil verschiedenartigster Einstellungen, Temperamente, Interessen, Vorurteile und Traditionen, die kaum in vierzehn Tagen zu einer annehmbaren Harmonie heranreifen können. Wie lange es sich nur um den Kampf von Meinungen handelte, denen Realitäten des Alltags nicht allzu stürmisch nachdrängten, entzündete sich einst die Phantasie dfes Volkes an so mancher Generaldebatte, die oft Gärung aber auch Klärung brachte, in den Kongressen der Nachkriegszeit überflutet die Not des Tages immer mehr alle Debatten, Losungen, Beschlüsse und verwandelt notgedrungen das Idealbild eines Kongresses als hehrste Schöpfung Herzls zu einem Tummelplatz gewaltsamer Spannungen, die unsere tragische Ohnmacht vor aller Welt durch ein Zerrbild noch entstellen. Ein aus tausend Wunden blutender Organismus schuf sich einst eine Organisation als Symbol der Einheit, doch die Zerklüftung dieses Organismus griff heute bereits in gefahrdrohenderweise auf die Organisation über. Liebe schlug in Haß um, gegenseitiges Verstehen in maßloses Mißtrauen, echte Politik, diese Kunst des Erreichbaren, ist von läppischer Großmannssucht betörter Eigenbrötlerei über wuchert. So zeigte dieser Kongreß gefährliche Risse der Organisation und ein riesenhaftes Wachstum unserer nationalen Volksbewegung, die über und neben einer zerklüfteten Organisation n a ch n e u e n Form en derRealisierung strebt. Es ist das Schicksal eines schwachen und zermürbten Nachkriegsgeschlechtes, das zum Träger der zionistischen Organisation wurde. Es ist aber auch die immanente Tragik einer jeden Idee im Zeitpunkte der Realisierung. Von dieser zwiefachen Tragik war der Kongreß umwittert. Und nur von solcher Warte wird dieses Zerrbild verständlich. Als Ausfluß eines geschichtlichen Waltens und Ausdruck eines anormalen Daseins. Was übrig bleibt und zu kritisieren gilt, bleibt notgedrungen an der Oberfläche haften. Zufälligkeiten, die nur das Bild verdüstern oder erhellen. * * * Die Linke verlegte sich auf Taktik und die rechten Koalitionsparteien aufs Feilschen. Majorität hüben und Punkte drüben. Bei der Frage des Präsidiums, bei der Resolution über die Terroristengruppen in Palästina, bei der Frage des Primats der Disziplin und schließlich bei der Wahl der Exekutive. Ueberall Feilschen, Handeln, Opposition der Opposition wegen und mehr oder weniger offenkundiges Ausspielen der Majorität. Diese war im vorhinein gegeben. Im Gegensatz zu den zwei letzten Kongressen verblieben die Revisionisten in einer beachtenswerten Reserve. Waren eher Objekt als Subjekt von Kämpfen. Ob sie, vollkommen isoliert, aus der Not «ine Taktik schufen, ist einerlei. Sie «choben allenfalls an ihre Stelle als Kampffront gegen die Linke den Misrachi und in weiterer Folge den rechten Flügel der Allgemeinen. Diese beiden Gruppen bildeten das eigentliche Zentrum, um das die «Judenstaatspartei» mit einer bewundernswerten Beharrlichkeit den ganzen Kongreß hindurch herumschwirrte und die Opposition aus Prinzip wohl nur als die Erben der Revisionisten betrieben. Da nun die Majorität schon bei der Abstimmung über das Präsidium gegeben war, hatte die Linke das Spiel im vorhinein gewonnen. Und hätte bei kluger, verständnisvoll e r F fl h r u n g den ganzenKongreß zur konstruktiven Tätigkeit mitgerissen. Ohne Taktik, aber mit Takt. Aufbau der Organisation, Umbau der Landesorganisationen, der Zweijahresschekel, reorganisierte Alijah und Hachscharah, nationale Arbitrage — ein Wust von Problemen türmte sich vor dem Kongreß, die im gegenseitigen Interesse und bei wohlwollendem Verständnis leicht zu lösen waren. Doch eine mit Zündstoff geladene Atmosphäre verhinderte ein kühles Abwägen und die fortwährenden taktischen Schachzüge der Linken riefen eine Gegentaktik der anderen hervor, die schon a priori auf Mißtrauen aufgebaut w a r. Während jedoch die Linke, diszipliniert und erfüllt vom heroischen Geist des P i o n i e r t u m s, bei aller Taktik die Zusammenhänge der Idee und Wirklichkeit nicht verlor, traten ihr die anderen von verschiedenen Kampffronten und mit verschiedenartigsten Interessensphären entgegen und mit einer Kritik, die an Aeußerlichkeiten haften blieb. Solche Kritik, verbunden mitUnkenntnis der primärsten Grundlagen der j ü d i s c h e n A r b e i t, mußte die Kluft noch vergrö- Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint am Mittwoch, den 2Q. September als Rosch-Haschanah-Festnummer in besonders verstärktem Umfange mit Beiträgen aus ersten Federn• S c h I a g w o r t e tl a s B i n d e n d e einer einheitlichen nationalen Front, die in einer der schrecklichsten Zeitepochen und in einer Welt von Feinden nur durch gegenseitiges Verstehen und Verzichten sich behaupten kann. So ward dieser Kongreß nur ein Spiegelbild der Organisation und kein Ausdruck eines Volkes in Not. Die Organisation wird seit Jahr und Tag vom Parteiwesen zerfressen, mit Haß und Unverständnis gegen Andersdenkende durch uns allein und die vermeintlichen Führer ausgefüllt. Nur so war's möglich, daß aus dieser Saat auf dem Kongreß eine unverantwortliche und egozentrische Parteitaktik hervorging, die eine vermeintliche Gegnerschaft zur Feindschaft vertieft, Bedingungen der Mitarbeit stellt, statt Bindungen zu stärken, und die geschichtliche Not einer ganzen Generation durch breiter oder enger geartete Koalitionen zu lösen vermeint. Bei derartiger seelischer Einstellung wird auch kaum der gewiß begrüßenswerte Beschluß über den Primat der Disziplin hinweghelfen. Ueber das Parteiwesen muß das Wohl der Organisation gestellt Für Festgefichte das reine Kunerol... 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Solch glattweg negative Einstellung, die vielleicht im Prinzip berechtigt sein kann, aber bei völligem Unverständnis herausfordernd wirkt, verdichtete noch die Kampfstellung der Linken und drängte sie unwillkürlich zur Offensive statt zur konstruktiven Zusammenarbeit. Wenn man seit der Bilu-Bewegung stets bewährte Träger nationaler Würde, nationaler Arbeit, hebräischer Kultur und nationaler Disziplin zu Söldnern einer Internationale stempelte, so mußte es ein Gefühl des Undankes und Zurücksetzung, eine überspitzte Taktik der Linken hervorrufen, die leider den Kongreß auf Abwege mitriß. Tagelang tobte der Kampf ums Präsidium, tagelang feilschte man um jedes Wort des Berichtes der vom A. C. eingesetzten Kommission, tage- und nächtelang stritt man um die deutsche Resolution und als die eigentlichen Schwarzarbeiter der Kongresse, die Kommissionen, zu tagen begannen, da war es schon um den Glanz dieses Kongresses geschehen. Zwei oder drei feindliche Heerscharen lauerten förmlich und bekämpften sich gegenseitig und verloren im Kampfgetöse der1 werden, uju der Sorge um die Organisation muß auch die Umkehr und Einkehr ihrer Träger folgen. Unsere Organisation ist kein Selbstzweck und hat nur insolange Berechtigung, als sie als Trägerin nationaler Interessen volksverbunden das Schicksal des Volkes entscheidend zu formen vermag. Auf diesem Kongresse suchte man danach vergebens. * * Als es zur Bildung der Exekutive kam, da hnäuelte sich erst das Chaos persönlicher und Parteieninteressen zusammen. Das Partei wesen triumphierte. Wie feindliche Mächte verhandelte man von Gruppe zu Gruppe. Mit einer offenkundigen Fiktion eines Staates ohne dessen Machtmittel. Man suchte der. Anteil an der Macht und schreckte doch vor Verantwortlichkeiten zurück. Man verhandelte und handelte D o u t d e s. Punkte, nichts als Punkte. Nur, daß diesmal die Front wechselte. Es war die Linke, an die man Bedingungen stellte. Der Misrachi stellte sieben Punkte und Farbstein obendrein als Bedingung der Mitarbeit, das Zentrum gar zwölf Punkte, nur die winzige Gruppe um Großman mit der wahren Großmachtbezeichnung verschmähte es, überhaupt über eine Machtteilung in der Exekutive zu verhandeln. Wer sollte der Geber und wer der Nehmer sein. Ist es nicht eine vollständige Verkennung des Wesens unserer historischen Mission als Träger und Erfüller des nationalen Gedankens? Ist’s nicht die unübersehbare Schar der Juden aller Welt, die Träger aller Opfer der Galuth mul des Aufbauwerkes in Palästina sind, und wird niqjit durch

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