Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 299 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054053--3725-3059266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 290 — 7. September 1933 Judenverfolgungen müsse dem Prager Zionistenkongreß sein Qeprlge geben, wollte dieser Kongreß seine Ihm von der Geschichte diktierte Aufgabe erfüllen und sich auf der Höhe des tragischen Augenblicks befinden, wollte er eich zu dem von seinem Schöpfer Herzl geschaffenen Organ einer Bewegung bekennen, die die Lösung der Judenfrage auf Ihr Panier geschrieben hat. Die internationale völkerrechtliche Stellung des Zionistenkongresses gab ihm die rechtmäßige Möglichkeit, die deutsche Judenfrage und Judennot nach seinen Gesetzen und Prinzipien zu behandeln und, soweit sie auf Politik Bezug haben, einer konkreten Lösung zuzuführen. Inwieweit der Kongreß diesen Aufgaben wirklich nachgekommen ist, werden wir bei unserer nächsten Betrachtung der Kongreöerelgnisse feststellen können. Heute sei nur gesagt: Den Kongreß trifft keine Schuld. Plötzlich lagerte über Ihm ein anderer Alpdruck, ohne den ersten zu verscheuchen, wohl aber ihn ln seinen Bann so zu ziehen, um unsere Tagung ln Ihrer Arbeit zu .gefährden. Denn außer dem monumentalen Hintergrund, der Verfolgung ln Deutschland, den wir oben skizzierten, stand der Kongreß im Zeichen und im Schatten einer — sagen wir — persönlichen Tragödie, die das Herz des Kongresses noch mehr erschüttern ließ. Eine Tagung im Schatten des Ermordeten und im Bann einer brutalen Judenverfolgung — vom doppelten Schmerz über tragisches, sinnloses Geschehen und Handeln erfüllt —, das war der XVIII. Zionistenkongreß ln Prag. Unter dem Aspekt dieses seines dramatischen Inhaltes war er ein schwerer und harter Kongreß, der es gleichwohl nicht erlaubt, sich dem Gefühl der Enttäuschung hinzugeben. Usslsdikln In Wlenl Wie «Die Stimme» schon nnküinligte, wird über Einladung des Keren Kajemetli und der «Hlstadruth Ivrlth» M. M. Uaaiachkin nach Wien kommen. Er wird öffentlich sprechen, und zwar, im Großen Musikvereinssaal. Da Herr Ussischkin unmittelbar nach dem XVIII. Zionistenkongreß unsere Stadt besucht, wird der «altneue» Führer unserer Bewegung Gelegenheit haben, sich über die aktuellsten Fragen unserer Renaissancebewegung zu äußern. Die jüdische Oeffentlichkeit wird auch in die Lage kommen, ihm anläßlich seines 70. Geburtstages seine Verehrung zu erweisen. Eine der nächsten Nummern der «Stimme» wird zum großen Teile der Würdigung dieses wunderbarem Marines und Führers' gewidmet sein. Kopfschmerzen und Erkältungskrankheiten bekämpft man rasch und sicher mit Togalt&bletten. Ueber 6000 Aerzte bestätigen die hervorragende schmerzstillende und heilende ,Wirkung von Togal, Es ist In jeder Apotheke zu haben, wmmmmmmmKmmammmmmmm Samstag, 9. September 1933.8 Uhr abends Heim der Zion. Bezirkssektion Wien II., Praterstraße 13 Vortrag TISCHBI, Leiter das Handels- und Industrladapartements dar Jawlsli Agency, „Wirtschaftliche Möglichkeiten in Palästina“ Nur für Palästina-Interessenten) mammmmmmammmmmmmmmmm Sotftc Sajasao! $u ird 75. Sodedfoo «Die Ehe gleicht einer belagerten Festung: Die draußen sind, möchten gern hinein, und die drinnen sind, möchten gern raus.» «Das Auge des Gesetzes ist wie das Auge im Schweizerkäs: Wo nichts ist, dort ist es, aber wo etwas ist, dort ist es nicht.» Ueber den Autor dieser und unzähliger anderer unsterblich gewordener Bonmots schreibt Meyers Konversationslexikon: «Saphir, Moritz Gottlieb, Journalist, geboren 8. Februar 1795 in Lovas-Bereny im ungarischen Komitat Weißenburg von jüdischen Eltern, gestorben 5. September 1858 in Wien, gehörte längere Zeit dem Handels- Stand an und lebte bis 1825 in Wien, dann in Berlin, wo er 1820 bis 1829 die «Berliner Schnellpost für Literatur, Theater und Geselligkeit» und 1827 bis 1829 den «Berliner Kurier» herausgab, später in München. Hier gründete er mehrere neue Zeitschriften, trat 1832 zum Protestantismus über, erhielt den Titel eines Hoftheaterintendanturrats, wandte sich 1835 wieder nach Wien, wo er in Gemeinschaft mit Bäuerle die «Theater-Zeitung» redigierte und seit 1837 die Zeitschrift «Der Humorist» herausgab. Unter seinen zahlreichen Schriften wurde das «Fliegende Album für Ernst, Scherz, Humor und lebensfrohe Laune» sowie sein «Konversationslexikon für Geist, Witz und Humor» am meisten gelesen. S. besaß ein seltenes Talent für witzige Wortspiele, war aber im übrigen ein ganz seichter Kopf.» DIE STIMME Am £re*-7$raef Tcl.Awlw Trust Co. Ltd. ln T e I - A w i w hat sich eine palästinensisch« Treuliandgesellschaft gegründet, deren Aufgabe es ist, außerhalb Palästina wohnenden Interessenten bei ihren Investitionen daselbst zu beraten, ihre Kapitalien treuhänilig anzuJegen und ihre Vermögenswerte sachlich und Juristisch zu überwachen. Diese Gesellschaft wird in ihrer Eigenschsft als Treuhänder darauf bedacht sein, die Interessen Ihrer Kunden redlich zu wahren und zu fördern. Sic betreibt keine Maklergeschäfte und ist an Pflanzungs- oder Grundstücksgeseilsohaften nicht beteiligt. Indem sie sich für das Tr«uhandgeschäft spezialisiert, erfüllt sie damit ein 1 a n g e m pfundenes Bedürfnis. Führende Fachleute für Zitr us-Pflanzungen, Bodengescfiäfte, industrielle Unternehmungen usw. werden mit der Gesellschaft zusammen arbeiten. Die Gesellschaft übernimmt beispielsweise den Bodenverkauf durch Vermittlung anerkannt zuverlässiger Makler, Anfertigung ordnungsmäßiger Kontrakte, Sicherung und Kontrolle von Eigentumstiteln, Verfassung von Kontrakten mit Architekten und Bauunternehmern, Beaufsichtigung von Bauarbeiten, Administration von Gebäuden, und auf dem Gebiet der Zltrus-Pflanzungen Anfertigung von ordnungsmäßigen Verträgen mit Personen, die mit der Anpflanzung betraut werden, sachverständige Beaufsichtigung von Pflanzungsarbeiten, Verwaltung von Anpflanzungen, Vorbereitung von Plänen zu Investierungen, Unterhandlungen mit den zuständigen Behörden und überhaupt die Verwaltung von Vermögenswerten jeder Art. Der Direktion gehören folgende führende Palästinenser an: M. Smilansky, Vorsitzender der Pflanzergesellscliaft; S. Suchovitzky, Gründer von Magdid; A. Schenkar, Vorsitzender der Industriellen Vereinigung; die Rechtsanwälte F. Rosenblüth und Dr. Dunkelbjum in Tel-Awfw, A. J. Kastelian. Geschäftsführender Direktor ist L. Bawly, bisher Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung der Jewi?h Agency. Bücherrevisor ist Herr J. Braude in Jerusalem, Bankiers der Gesellschaft sind die Anglo-Palestine Bank und die Barclays Bank. Bevollmächtigter der Gesellschaft für Oesterreich ist fleri Dr. Jakob Ehrlich, Wien, I., Helferstorferstraße 9, bei dem nähere Auskünfte eingeholt werden können. Di« Immigration aus Polen Wie aus einer von der Emigrationsabteilung des polnischen Arbeitsministeriums veröffentlichten Statistik zu ersehen ist, sind in der Zeit vom 1. Jänner bis zum 15. August 1933 6500 Personen aus Polen nach Palästina ausgewandert. Es wird angenommen, daß die Zahl der Paiästinaeinwanderer aus Polen bis zum Jahresschluß 10.000 erreichen wird. Einwanderung aus Deutschland Im Laufe des letzten halben Jahres sind nach Mitteilung Dr. Senators ln der Counciltagung der Jewisb Agency aus Deutschland ungefähr 6000 Menschen nach Palästina abgewandert. Diese Zahl wird sich bis zum Ende des Jahres wahrscheinlich noch um 5000 bin 6000 erhöhen. GeschäftUcto Möglichkeiten in Palästina Herr N. J, Tlsobbi, Leiter des Handels- und Industriedepartements der Jewlsh Agency (Jerusalem) hält Samstag, den 9. d. M., um 8 Uhr abends über dieses Thema im Heime der Zionistischen Bezirkssektion, II,, Praterstraße 13, ein Referat. Zutritt nur Interessenten gestattet. Rumänische Palästina-Fahrer tödlich verunglückt Die Jugendlichen Samuel Katz und Eduard Fried» mann aus Tecuci, die nach Palästina fahren und wegen So die Meinung der Nachwelt. Aber es ist, nicht wahr, daß er so schlecht und so seicht ist, wie die Witze, die man ihm nachsagt. Man hat Saphir unrecht getan. Er hatte die Kraft, sich nicht zu überschätzen und hat sich selbst deshalb nur als den «Humoristen» bezeichnet. Er war aber mehr: vielleicht ein bißchen ein Dichter, dem es zum Letzten fehlte, ein guter Journalist und sicherlich ein Mensch, der sein großes Herz und seine heimliche Güte aus Schamgefühl mit einem Witz kaschierte. Denn er war der verprügelte Jude mit der großen Sehnsucht nach der Mutter, der frühverstorbenen Mutter. Er hatte keine Kindheit, keine Jugend. Er lernte nicht an liebevoller Hand gehen, sondern schlug sich die Nase so lange blutig, bis er laufen konnte. Und nur aus der frühesten Zeit blieb ein Erinnern, ein zartes Wort, das die Mutter sprach: «Sei still, Moritz, es wird schon wieder gut werden.» Dreißig Jahre später lag er in München am Nervenfieber darnieder. Seine Kollegen, die Journalisten, hatten schon seinen Tod verkündet. In einer Fiebervision erschien die traurige weibliche Gestalt, mit blaßblauen, tränengetrübten Augen, mit leidenden Zügen: die Mutter. Und sie schien zu flüstern: «Sei still, Moritz, es wird schon wieder gut werden.» Am nächsten Morgen war das Fieber gewichen. Saphir wurde Christ, verleugnete aber niemals seine Abstammung. Sein Judentum war der Motor seines Geistes, ln der Oede von Lovas-Bereny, dem Dorf mit seinen strohgedeckten Lehmhütten, dem streng abgeschlossenen Getto an einem und dem Zigeunerdorf am anderen Ende, gab es eine einzige Zierde: ein Schloß \ jMü* Nachhilfestunden bei miileUchUiern sucht Mita** beiter de» ^Stimme*, Unter »Billig* oft die Mminietration Oeldmangels die Reise nach Bukarest auf dem Dach eines Waggons des Jassy—Bukarester-Schnellzuges machen wollten, wurden, als der Zug unter einem Viadukt durchfuhr, enthauptet. Oie Bedrohung Deutschland« durch den Weltboykott Ein Geständnis Göbbels Auf dem nationalsozialistischen Parteitag in Nürnberg hielt Göbbels ein« Rede, die folgendes interessantes Geständnis über dl« verheerende, nicht mehr zu verheimlichende' Wirkung des Weltboykotts gegen den deutschen Warenmarkt enthält: «Zwar gelang es dem Judentum durch seine Weltboykotthetze eine augenblickliche außenpolitische Krise über Deutschland her aufzubeschwören; die Schäden aber, die es dab:i sz'bst erlitt, waren ungleich größer. (?) Es war bei der Aufrollung der Fragen des neuen Staates nicht zu vermeiden, daß auch die Judenfrage selbst In der Welt aufgerollt würde. Noch liegt allerdings über unserem Lande der Jetzt zwar nicht mehr so offen zutage tretende Weltboykott dea Internationalen Judenums, noch sind wir eingeengt und bedroht von diesem raffiniert ausgedachten und planmäßig durchgeführten Weltkomplott.» Worburg-Blbllothek verläßt Deutschland Die weltberühmte kulturgeschichtliche Bibliothek Warburg, eine Gründung von Professor E. Warburg, ,die von der gesamten Familie Warburg unterhalten wird, und jedermann zugänglich ist, soll demnächst von Hamburg nach England verlegt werden. Dem Personal sind schon die Kündigungen zugegangen. Tod jüdischer Parlamentarier in England Jm Alter von 66 Jahren verstarb in London der langjährig« Schatzmeister de« Board of Deputics und ehemalig« Abgeordnete B. S. Straus. — Das ehemalige Mitglied des Unterhauses, Sir Maurice Levy, ist in London im Alter von 74 Jahren gestorben. Am 29. August starb im 91. Lebensjahr auf seinem Landsitz ln Surrey Sir Philip'Magnus, der «Grand Old Man» der englischen Judenheit. Sir Philip, der ursprünglich. Prediger an der West London Synagogue of British Jews war, vertrat die Londoner Universität, deren Senat er an gehörte, 16 Jahre lang im englischen Parlament. 1886 wurde er geadelt, 1917 erhielt er die Baronetswürde. Er galt als führende Autorität auf dem Gebiete der Technik in England und hat aueih im öffentlichen Leben des englischen Judcimims eine hervorragende Rolle gespielt. Insbesondere hat er sich um die Lösung von Erziehungs- und Bildungsfragen verdient gemaoht, Jahrelang war er Präsident der Wimm London Synagogue, die er.auch im Jewish Board ol Deputies, dem er als Vizepräsident ange>hörte, vertrat. Juden Währings! Deckt/' Euren Bedarf an Lebensnvttur., Delikat/ssen, Waschartikeln sowie Weine und Liköre bei Gesinnungsgenossen Isidor Tillinger, XVIII., Gersthoferstraße 103 (B 46-8-64), welcher schon bei Kauf von S 5.— aufwärts franko Haus liefert. in einem großen Par sehen v.m der Herrschnit besucht lind nur von Domestiken bewirtschaftet, Graben und Gitter versperrten jedweden Zutritt. Und als der Knabe einmal in kindlicher Neugier die Mauer überkletterte, wurde er von dem Gartenaufseher mit einer dicken Peitsche zum Tor hinausgetrieben. Blut rann über sein Gesicht, aber der Heiduck Heß in seiner Amtstätigkeit nicht nach: «Eredj te zsidol» («Hinaus, du Jude!») Hier hat man die beiden Motive seines Wesens. Sie scheinen der Trieb des Spötters, des Satirikers, des Humoristen zu sein: Die Peitsche, mit der der kleine Judenjunge aus dem erträumten Paradiese vertrieben wurde, und die Zärtlichkeit der zu früh gestorbenen Mutter. Ein gewisser Zynismus und Heinesche Sentimentalität werden durch sie erklärlich. Und doch war Saphir mit heimlicher Lyrik erfüllt. In der Novelle «Csakani und Tambur» konnte er den Satz schreiben: «Die Glocken hatten längst ausgetönt, nur der Nachhall zog leise summend wie einschlafende Gedanken durch die unbewegte Abendluft hin.» Seine gesammelten Schriften, vom heutigen Publikum wenig gekannt, sind die Fundgrube der Witze moderner Conferenciers. Eine auch nur flüchtige Lektüre beweist es. Kaum einer liest heute seine Novellen, seine Kampfschriften und Feuilletons. Und sie sind doch wert, gelesen zu werden. Lediglich Witze sagt man ihm nach, deren Autor er wahrscheinlich gar nicht ist, und das Konversationslexikon behauptet, er wäre ein seichter Kopf gewesen. «Sei still. Moritz, cs wird schon wieder alles gut werden.» i i m