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Die Stimme · 1933-09-07 · Heft 299 (7.9.1933) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 299 (7.9.1933)
Date
1933-09-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 309 —?. September 1039 Dfg STIMME Seife? 1 Für die hebräische Schule in st Qaiien (Schwell) wird tüchtiger hebräischer Lehrer gesucht. Zuschriften unter Angabe des Lebenslaufes und der Oehaltsansprüche erbeten an die Adresse M. Bier, St. Qallen, Unterstraße 38 Professor Brodetsky Ober Pächterschutzverordnung, French-Berlcht, Legislative Council und Massen* Immigration Professor Brodetsky führte In seinem politischen Referat u .a. aus: In den letzten zwei Jahren ist eine große Entwicklung in Erez Israel auf dem Oebiete der Kolonisation und Immigration zu verzeichnen. Aber trotzdem stehen wir jetzt vor schwierigen politischen Verhältnissen in Palästina. Dies tot vor allem ln der Veröffentlichung der Oeaetze zum Schutze Jer Pächterrechte und des French-Bcrichtes zum Ausdruck gekommen. Es scheint jetzt, daß die Regierung entschlossen ist, den Gesetzentwurf, so wie er veröffentlicht wurde, ln Kraft treten zu lassen. Das bedeutet allerdings nicht, daß schon das letzte Wort in dieser Frage gesagt wurde. Eine Eigentümlichkeit des Gesetzes bekämpfen wir besonders: Nach dem Gesetz scheint es, daß in Palästina alles zu bleiben hat, wie es ist. Wir betrachten aber Palästina als ein Land, in dem Immerwährend Aenderungen Vorkommen müssen. Es soll dort eine jüdische nationale Heimstätte errichtet werden, Palästina soll zu einem modernen Land und zu einem wiohtigen Zentrum für den gesamten nahen Osten werden. Das Gesetz über den Schutz der Pächter ln seiner gegenwärtigen Form wird für Jahre die Entwicklung der Landwirtschaft in Palästina hemmen, und Landwirtschaft Ist doch die Grundlage von Ercz Israel; außerdem können wir uns vom zionistischen und jüdischen Standpunkt nicht damit begnügen, daß eine Wiederkehr nach Erez Israel ohne eine Rückkehr zum Boden vor sich geht Leider scheint es, daß' die Regierung daran denkt, gewisse Kapitel des Frenoh-Berichtes, so wie sie sind, durchzuführen. Wir müssen aber trotzdem unseren Kampf auf diesem Gebiet fortsetzen. Nach einigen Bemerkungen zur Frage der Imperial Preference besprach Prof. Brodetsky die Frage der Konstitution Palästinas und erklärte, man müsse sich darüber klar sein, daß früher oder später die Frage der konstitutionellen Gestaltung Palästinas auftauchen und dringend werden wird. Die Lage in Deutschland — fuhr Professor Brodetsky fort — hat eine neue Stellungnahme zur gesamten jüdischen Frage und zur Frage Palästinas geschaffen. Es wurde immer klarer, daß es ein Land gibt, in dem das jüdische Problem zum größten Teil gelöst werden kann, und das ist Palästina. Diese Ansicht teilen auch Nichtzionisten. Es handelt sich um die Durchführung einer großen jüdischen Immigration nach Palästina, die allmählich zur Lösung des jüdischen Problems führen soll. Präsident Sokolow ergänzte den Bericht Brodetskys durch Mitteilungen über seinen Empfang beim K ö n i g v o n Aegypten und beim italienischen Ministerpräsidenten. Die Emigrationsarbeit der Jewlsh Agency ln der Diaspora täd ln Palästina — Referat Dr. Werner Senators In der dritten Sitzung der Council-Tagung, die am!. September vormittags abgehalten wurde, sprach zunächst Dr. 1. Bcrkson über Erziehungsfragen in Palästina, worauf Dr. Werner S e n a t o r ein großingelegtes Referat über die Emigrationsarbeit der Jewlsh Agency in der Diaspora und ln Palästina erstattete. Er führte u. a. aus: Auch auf dem Oebiete der Emigration konnte vieles Notwendige nicht geschehen, weil uns die würgende und drückende Geldnot daran gehindert hat. ich erinnere hier nur an die Frage der Wohnungsbeschaffung in den Kolonien. Wenn wir in den Pflanzungen hätten mehr tun können, wäre das sehr wichtig gewesen. Sie wissen, daß die Wohnungsverhältnisse und Lebensbedingungen der Arbeiter in den Kolonien teilweise unerträglich sind und dadurch eine größere Absorption neuer Emigranten in den Kolonien erschwert ist. Aber abgesehen von solchen Fällen sind wir Gott sei Dank in der Emigration relativ unabhängig von den sonstigen großen finanziellen Schwierigkeiten der Jewish Agency. Nun einige Worte über die ökonomische Situation. Sie werden sich gewiß alle schon die Frage vorgeiegt haben, wie es möglich war, daß inmitten einer Welt des wirtschaftlichen Zusammenbruches diese glückliche Insel, dieses Paradies, wie man sagte, in Palästina sich halten konnte, ohne 24. September1933 ab Wien, 29. September früh Landung ln Haifa Rosch-Haschnnah ln Europa Jom-Kippur in Palästina I Rückfahrt kann wöchentlich innerhalb von 90 Tagen angetreten werden von S 235’- aufwärts ab Wien inkL Transitv.'sa, D-Zug, Hotel, Kabinenbett, Ein- und Auabootungageböhren etc. z.n.scMssi»r- Visabeschaffung für In Österreich wohnhafte Personen . Vorlangen Sie schriftlieh Reiseprospekt mit allen wichtigen Informationen (50 Groschen in Marken beilegen) HA/mi WIEN III. PAll . LANDSTR. GÜRTEL 9 * TeL U 19-2-25 Sprechstunde ab 1.' September: WIEN VI.. CAPISTR0NCASSE 2 TeL B 25-3-81 Dienstag bis Freitag halb 10 bis 12 Uhr Zuverlässig# Beratung In allen Pali* stlna» und Reisefragen v M M irgendwie von der Krise infiziert zu werden, ja, sich sogar sehr gut und schön entwickeln konnte. Die Antwort auf diese wirtschaftswissenschaftliche Frage tot eine zweifache: Erstens gibt es dafür einen äußeren Grund, der zusammenhängt mit der Lage des jüdischen Volkes ln der Diaspora, und zweitens gibt es einen inneren Grund, der mit der Entwicklung der jüdischen Wirtschaft in Erez Israel selbst zusammenhängt. Was den äußeren Grund anbelangt, konstatieren wir ln den letzten zwei Jahren einen dauernden Zustrom von jüdischem Kapital nach Palästina, und zwar geht dieser Kap'talsstrom aus der Diaspora der Emigration, die erst später stärker eingesetzt Zu dien indischen Peter- Ihm nach Polen mit unserem Sonderzug. Abreise 18. September 1933 für 2 und 4 Wochen, sehr billige Preise. Teilnehmer unserer Reise genießen 50 Prozent Ermäßigung nach allen Richtungen Polens. Nähere Auskünfte: E. Ferstel, I., Kärntnerring 12. Tel. U 40-3-01. hat, voraus. Amerika, Polen und Deutschland, früher in geringerem Maße, jetzt viel stärker, aber auch die baltischen Länder sind in den letzten zwei Jahren mit recht bedeutenden Summen von Kapital zu Investitionszwecken in Palästina vertreten. Dabei handelt es sich nicht um kurzf.'istig angelegtes Kapital, dessen vorzeitige Abrufung ungeheure Verwüstungen und schwere Wirtschaftskrisen mit sich bringen könnte; diese Gefahr liegt in Palästina nicht vor, weil es dort weder eine Wertpapierbörse, noch eine Immobilienbörse gibt. Der Kapitalist legt sein Geld in Palästina vor allem in Pflanzungen an und muß damit rechnen, daß er 5 bis 6 Jahre keinen Zins bekommen kann, weil erst nach dieser Zeit die Pflanzungen einen Ertrag zeigen. Diese Investitionen können also nicht einfach und plötzlich aus dem Land berausgezogen werden. Für Grundstücke, Pflanzungen, Häuser usw. tot immer nur ein beschränkter Markt vorhanden. Es sind ln den letzten Jahren auch eine ganze Anzahl von Wertpapieren geschaffen worden, Aktiengesellschaften gegründet worden, aber es Ist nicht möglich, diese Papiere auf dem palästinensischen Markte zu verkaufen und so das Geld herauszuziehen. Andererseits haben die palästinensischen Banken eine Politik großer Liquidität verfolgt. Der kontinuierliche Kapitalzustrom dauert jetzt schon zwölf Jahre und hat eine stets steigende Kurve, und es besteht wohl begründete Auss’cht, daß diese Kurve weiter steigen oder mindestens stabil bleiben wird. Wachsende Produktivität der Palästina-Wirtschaft — Verstärkte Einwanderung erzeugt verstärkten Güterbedarf Der zweite Grund dafür, daß Palästina von der allgemeinen Wirtschaftskrise nicht erfaßt wurde, fuhr Dr. Senator fort, liegt in der wachsenden Produktivität der palästinensischen Wirtschaft. Der Orangenexport betrug vor zwei Jahren ungefähr 2/% Millionen Kisten; heute beträgt er 4J4 Millionen Kisten. Wenn Sie nur einen Preis von 10 Shilling annehmen, so bedeutet dies, daß im Vergleich zu der Zeit vor zwei Jahren eine Million Pfund mehr ins Land fließt. Aber auch die industrielle Produktion hat sich außerordentlich entwickelt Zwei große Unternehmungen wurden eröffnet: die Tote-Meer-Company und das Ruthenberg-Werk. Es haben sich aber auch einige kleinere Exportindustrien entwickelt, wie etwa Textil- und Zementunternehmungen. Dabei ist die Einfuhr nach Palästina nicht gefallen. Das erklärt sich aus der großen Immigration, die einen großen Güterbedarf schafft Im Jahre 1930 sind ungefähr 5000, im Jahre 1931 nur 4000 Menschen eingewandert (die Touristenimmigration ist hier nicht berücksichtigt). In den ersten Monaten dieses Jahres sind bereits inklusive der Touristeneinwanderung 18.000 bis 20.000 Menschen eingewandert. Unter diesen Einwanderern haben wir einen relativ starken Prozentsatz von Kapitalisten, die nach den schlechten Erfahrungen in Amerika und Europa einen Teil ihres Vermögens in Palästina anlegen wollen, das bei allen Schwankungen eine große Stabilität im Werte der Investitionen bewiesen hat. Die unbemittelten und weniger bemittelten Einwanderer haben Arbeit gefunden, und zwar im Gegensatz zum Jahre 1925 keineswegs zu drei Vierteln im Baugewerbe. Abschied von Prag Ein schwerer Kongreß, ein schlechter Kongreß ist vorüber und mit ihm fast drei Wochen aufreibender Arbeit in endlosen Sitzungen, Beratungen und Debatten. Nun heißt es Prag verlassen, diese wunderbare, harmonische Synthese aus Renaissance, Barock und modernem Leben. Ein letzter Besuch gilt dem jüdischen Prag. Wieder stehe ich in der sagenumwobenen Alt-Neuschul. Aui dem alten tausendjährigen Tempel ruht dieses wundervolle gotische Gotteshaus, einzigartig in der ganzen Welt. Die Wände sind ungetüncht. Das Blut von Märtyrern hat sie bespritzt. Und ich stehe vor dem Sitz des «Hohen Rabbi Löw». Seit dessen Tode ist er ein Heiligtum und steht unbenutzt. Und ich blicke auf die gewaltige Fahne, die den Juden für die tapfere Verteidigung Prags im Jahre 1648 vom Kaiser verliehen wurde. Kaum vorstellbar, daß Ghettomenschen, unkundig der Waffenführung, sich so hervorragend schlugen. Aber es waren doch die Nachkommen jener Männer, die bis zum letzten Blutstropfen Jerusalems Mauern verteidigten. Ich gehe am jüdischen Rathaus vorbei und blicke auf die Uhr mit dem hebräischen Zifferblatt» auf den Zionsstern mit dem Schwedenhut. Wenige Schritte weiter und ich bin im Jüdischen Museum mit seinen großen Schätzen. Ein Bild fesselt mich: 1209 jüdische Soldaten der deutschen Armee begehen im Kriegsjahr 1870 bei Metz das Versöhnungsfest. Hitler dankt ihren Söhnen und Enkeln für ihre Aufopferung durch Diffamierung, Aushungerung und Vertreibung. Und ich stehe auf dem jüdischen Friedhof. Wirr durcheinander, halb in die Erde versunken stehen die Grabsteine. Der hohe Rabbi Löw Hegt hier und viele Märtyrer. Draußen pulsiert das Leben der Großstadt, hier herrscht beklemmende Stille. Dieser Friedhof Ist ein gewaltiges steingewordenes Symbol, Verkörperung des ganzen Jammers der Galuth. Und der Himmel unterstreicht die düstere Stimmung. Aus trostlosem Grau rieselt der Regen. Tief bedrückt trete ich den Heimweg an. Auf einem stillen Platz, am Eingang des ehemaligen Ghetto, stehen zwei for allo Leh rannt alten, ngen Auflagen au de neu und antiquarisch, in richlen billiguten Preisen in- J, L. Potiakt Schulbuchhandlung und Antiquariat, Wien, XV., Alunaniilcittfiuio 140, Toi. li •{•-U 84. Jodos liuch wird koatcnlos zngeste lt Statuen. Hier der Hohe Rabbi Löw, Sinnbild höchster Geistigkeit. Dort steht der Golem, eine mächtige Figur in Ritterrüstung, den Helin übers Gesicht gezogen, Gesichtslos anmutend, scheint er wuchtig einherzuschreiten, Sinnbild ungeistiger Gewalt. Ich biege zum Altstädter Ring ein und sinne darüber nach, wie heute noch der Hohe Rabbi Löw, der Geist des Judentums, kämpft gegen die blindwütige, seelenlose Materie, den Golem. Wie der Golem, die Galuth, uns zertrampelt, wie der Golem, die künstliche Treibhauspflanze der Assimilation, uns narrte und ins Elend stürzte. Ich denke an die Ketten, die einst das Prager Ghetto absperrten und nun vergoldet, Im Talmiglanz der Emanzipation, im Altstädter Rathaus an einer herrlichen, gotischen Balkendecke hängen. Und ich stehe am Altstädter Ring. Die Sonne bricht durch, Ich stehe vo. der Gedenktafel der 27 Märtyrer, die für Böhmens Freiheit Im Jahre 1621 fielen, blicke hinüber zum gewaltige« Denkmal des Johannes Hus, der für seine Ideen dei Feuertod starb. Ich denke wieder an den alten Friedhof, den ich eben verließ, und sehe vor mir unsere Märtyrer in endlosen Scharen, sehe tausende und aber tausende Juden, die für fremde Ideale litten und starben, sehe die Millionen der Satten, der Gleichgültigen, sehe Theodor Herzl an gebrochenem Herzen sterben, sehe vor mir die Gräber unserer Chaluzim ln Erez Israel, sehe Arlosoroffs frisches Grab. Grell bricht die Sonne aus schwarzen Wolken und weckt mich aus schweren Gedanken. Ich sehe Erez Israel, unser Erez Israel. Ich banne aus meinen Gedanken die Schwermut über diesen traurigen Kongreß und denke an Masaryks Wort: «Die Wahrheit siegt.» Das tschechische Volk hat gesiegt. 1918 siegte die Wahrheit von 1621. Wann wird die Wahrheit siegen, wie sie die Verteidiger Jerusalems sahen, wie sie Theodor Herzl sah? Wann kommt der Tag, da die Wahrheit des Zionismus hell erstrahlen wird in unserem alt-neuen Lande? Es kommt der Tag. Unsere Wahrheit wird siegen. og.

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