Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 294 (10.8.1933)
- Date
- 1933-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 DIE STIMME Wf* K4 - 10. Äogqrf 1933 JlleAiigfuigj ixuz-J*Kc&t cU% „Stimm* Exportmarftte im modernen Orient Die Ziele der Levante'Messe, Tel-Awiw 1934 Von Dr. J. Adler (Tel-Awlw) Export, Erschließung neuer Märkte, das ist der Ausweg aus dem Auftragsmangel und der Arbeitslosigkeit, welche rn unseren Tagen das Wirtschaftsleben aller Industriestaaten desorganisieren. Wo aber sind heute überhaupt neue Märkte zu finden? Der Nahe Osten gewährt in dieser Hinsicht weit bessere Aussichten als jeder andere Teil der Erde, Viele Jahrhunderte hindurch waren diese Länder — _ Palästina, Aegypten, Syrien, Arabien, Irak, Türkei — wirtschaftlich vernachlässigt gewesen, noch weit unter dem Niveau Chinas und Indiens. Heute ist das Verhältnis umgekehrt: 1932 hat China für 4 sh Waren pro Einwohner importiert, Indien für 6 sh, dagegen der Middle East durchschnittlich für 1 % £ und Palästina, das «Wirtschaftswunder» des Orients sogar für 7 £. _ Wer als Geschäftsmann oder als Tourist den _ «Middle East» bereist, wird staunender Zeuge eines einzigartig«! Vorgangs. In rapider Entwicklung übernehmen die 50 Millionen Menschen dieses Erdraumes die Errungenschaften der modernen Zivilisation. Sie intensivieren ihre Landwirtschaft und technisieren ihre städtischen Gewerbe und ihr Verkehrswesen. Fast unbekümmert um die internationale Depression, bauen sie neue Autostraßen, Eisenbahnen, Elektrrzdätszentralen, Häfen und dehnen ihre Städte durch, modernste Fabrik- und Wohnquartiere aus. Diese Entwicklung ist das Stimulans eines starken Importbedarfes an allen Waren, die zur technischen Equipierung und zu einem höheren «Standard of life» gehören. Im besten Jahr der Nachkriegszeit hat der Gesamtimport des Mittleren Ostens schon 140 Millionen erreicht, in erster Link aus Textilwaren Maschinen, Elektromaterial, Baustoffen, Eisenwaren, Chemikalien und Lebensmitteln bestehend. Gegenüber dem Drucke der Weltwirtschaftskrise hat sich der Import des «Middle East» gut um ein Drittel besser behauptet als der Import aller anderen Länder der Erde. Dieser Markt beansprucht also mit Recht die' höchste Aufmerksamkeit der internationalen Exportindustrien. Wie steht es um Devisenbestimmungen, diese größte Sorge des Kaufmannes kn Europa von heute? In Palästina, Aegypten, Syrien, Irak, Cypern, sind glücklicherweise solche Reglementierungen überhaupt unbekannt Und die Zölle? Im heute wirtschaftlich wohl interessantesten Lande des Middle East, in Palästina, das im letzteren Jahrzehnt für 70 Millionen £ Waren importierte und seine Bevölkerung um 40 Prozent erhöhte, sind die Zölle niedriger als in den meisten Ländern Europas und Amerikas, und auch tm übrigen Orient sind die ZoMverhältnisse durchaus erträglich. Wer die idealen Bedingungen dieses neuen großen Absatzmarktes kennen lernt, dem werden auch die dortigen günstigen EinkaufsmögJichkeiten nicht verborgen bleiben. Für Europas Bedarf an Orangen und sonstigen Südfrüchten, an Frühgemüse, Reis, Kaffee, Tabak, Zigaretten, Eiern, Oelen und Seifen, Baumwolle, Wolle, Seide, Häuten und Fellen, Petroleum bieten die Länder der Levante dre vorteilhaftesten Bezugsquellen, sowohl hinsichtlich der Preise und der Qualität als auch der Pünktlichkeit und Solidität der Bedienung. Das ist das Bild des modernen Orients: befreit von ehemaliger Lethargie, voll von neuer Initiative, der Geschäftspartner, wie ihn die alten Industrieländer brauchen und suchen! Vierzig Prozent größer als Indien, 20 Prozent größer als Europa (ohne Rußland) und ungefähr gleich groß wie China — das ist der Flächenraum des Mittleren Ostens, der sich von Teheran .bis Kairo, von Istanbul bis Aden erstreckt. Es wäre für den Kaufmann unmöglich, ihn planmäßig zu bearb«tcn, wenn es nicht ein gemeinsames geschäftliches Zentrum gäbe, eine Konzentration des Levantemarktes an einem bestimmten Termin. Dieses Problem bestand schon vw Jahrtausenden. Bereits damals wurde es durch Palästina gelöst, das «Land der Mitte» im ältesten Kulturkreis der Welt, das Land des Transites und des Seehandels schon in den Kindheistagen der Menschheit. Die Formen der Wirtschaft und Technik haben sich seit König Salomons Zeit gewaltig verändert — aber die Gunst der geographischen Lage ist geblieben. Wiederum erleben wir es daß Handel und Industrie des Orients ihren Brennpunkt in Palästina finden. Tel-Awiw: Kennt man schon allgemein die Geschichte dieses jungen Wirtschaftszentrums des Orients? 1909 gründen 300 Menschen, Pioniere der großartigen jüdischen Kolonisation, die das alte Palästina verjüngt, am Strande des Mittelfmeeres eine neue Siedlung: Tel-Awiw Nach 24 Jahren, 1933, wohnen hier 60.000 Menschen und in nicht ferner Zeit werden es über 100.000 sein* Fast noch verblüffender ist die Entwicklung der Levante-Messe, die in Tel-Awiw ihren Sitz hat. Erstmalig fand sie 1926 statt, ein Versuch, der zur Wiederholung ermutigte. Schon die vierte Levante-Messe Tel-Awiws, 1929 abgehalten erreicht 330 Aussteller (darunter 121 ausländische Firmen) und 120.000 Besucher, und die fünfte Levante- Messe. die 1932 stattfand, bringt es in jähem Aufschwung auf 1226 Aussteller (darunter 821 ausländische Firmen) und auf 285.000 Besucher, mit diesem geschäftlichen Resultat: unmittelbare Messe-Abschlüsse rund 100.000 £ und Nachbestellungen auf Grund der Messe-Anbahnungen von mehreren Millionen Pfund l So hat die Levante-Messe Tel-Awiw gerade in dem «internationalen Krisenjahr» 1932 ein glänzendes Examen bestanden. Daraus ergab sich die Basis für die nunmehr sechste Levante- Messe. die im Mai 1 934 stattfinden wird, zum ersten Male auf eigenem Gelände von 100000 Quadratmeter, in permanenten Hallen, in der definitiven Form einer großen internationalen Messe. Sie wird — als einzige moderne Mustermesse des gesamten Orients — der Treffpunkt d:r bedeutendsten Ein- und Verkaufsinteressenten des «Middle East» sein, das Schaufenster der europäischen und amerikanischen Industrieproduktion für die Levante — und umgekehrt Stark verbilligte Sonderdienste der Eisenbahnen, 4er Scbiffsünien, der Autolinien, des Luftverkehres werden den Teilnehmern der Messe zur Verfügung stehen. Umfassende Organisation wird dafür sorgen, daß Unterkunft und Verpflegung auch bei stärksten Andrang tadellos funktionieren, daß alle gewünschten Auskünfte über das Levante-Geschäft präzis erteilt werden, daß überhaupt die Levante-Messe Tel-Awiw 1934 hundertprozentig dieses Versorechen erfüllt: Ein Maximum an Geschäften mit einem Minimum von Zeitaufwand und Kosten! 100.000 Pfund für den Wiederaufbau von Safed Jerusalem. Frau Sarah Levi aus Singapore, die sich gegenwärtig in Palästina aufhält, hat beschlossen, Ihr gesamtes etwa 100.000 Pfund betragendes Vermögen für den Wiederaufbau der Stadt Safed, die während der Unruhen von 1929 schwer gelitten hat, zu verwenden. Ein neues Wohnviertel, eine Synagoge und eine große Mittelschule sollen auf dem bei der Stadt liegenden Berg Kanaan errichtet werden. Zur Durchführung dieses Planes wurde ein Komitee eingesetzt, dem Frau Levi als Ehrenpräsidentin angehört. Kurt Blumenfeld In Palästina eingetroffen Jerusalem. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, ist in Palästina eingetroffen. Landwirtschaftliche Kolonisierung von Juden In Mazedonien Belgrad. Im jugoslawischen Teil von Mazedonien wurde mit landwirtschaftlicher Kolonisierung von Juden begonnen. Wie die Belgrader Zeitungen melden, wurden die ersten 50 jüdischen Familien bereits in Bitol Jumarea angesiedelt. Der Landwirtschaftsminister hat die von jüdischer Seite finanziell gesicherten Kolonislerungsbestrebungen im Hinblick auf die infolge der Wirtschaftskrise eingetretene Verarmung der städtischen jüdischen Bevölkerung gebilligt. „Esnica“, eine neue Hilfsgesellschaft für Palästina-Siedlung London. In London wurde unter dem Namen «Emica» eine neue Gesellschaft gegründet, deren Aufgabe es ist, armen Juden die Einwanderung nach Palästina und die Niederlassung in diesem Lande zu ermöglichen. An der Spitze der neuen Gesellschaft stehen der Präsident der Jewish Colonisation Association (JCA) Sir Leonard L. Cohen, Felix M. Warburg, 0. E. d’Avigdor Goldsmid, Simon Marks, Julius Simon, Bernard Flexner, Dr. Julius Blau-Frankfurt und Dr. Alfred Klee. Felix M. Warburg, Bernard Flexner und Julius Simon sind «A»-Mitglieder der Vereinigung, weitere «A»-Mitglieder sollen durch den Palestine Trust Fund ernannt werden. Die übrigen heißen «B»-Mitglieder, weitere «B»-Mitglieder werden durch die Jewish Colonisation Association ernannt. Arbeit für deutsche Juden In Palästina — Ein großes Verlagshaus soll errichtet werden London. Frau Persitz, die Tochter Hillel Zlatopolskis, Besitzerin eines Druck- und Verlagshauses in Palästina, hat den Vorschlag gemacht, ein großes Verlagshaus zu gründen, in dem deutsche Juden beschäftigt werden sollen, und das die Aufgabe haben soll, die Werke jüdischer Gelehrter aus Deutschland zu publizieren. Die Vorbereitungsarbeiten zur Gründung dieses neuen palästinensischen Verlagshauses wurden mit Unterstützung des Präsidenten der Palestine Electric Corporation Pinchas Ruthenberg bereits in Angriff genommen. In dem Programme des Unternehmens, für das ein Kapital von 100.000 Pfund aufgebracht werden soll, heißt es. Aufgabe der Anstalt sei, Juden aus Deutschland die Existenz und die Erhaltung ihres Judentums zu sichern, sowie jüdische Religion und Kultur zu fördern. Der Rat der United Synagogue von England hat 10.000 Pfund unter der Bedingung, daß die übrige Kapitalssumme aufgebracht wird, für das neue Unternehmen gezeichnet und dem Wunsch Ausdruck gegeben, daß das Unternehmen so bald als möglich zu funktionieren beginne, da es sicherlich einer großen Zahl wissenschaftlich qualifizierter Kräfte Beschäftigung bieten und der jüdisch-kulturellen Entwicklung große Dienste leisten werde. Erlaß des Zehents In Palästina Jerusalem, 6. August. (J. T. A.) Wie offiziell bekannt gegeben wird, hat der High Commissioner mit Rücksicht auf die schlechte Winterernte den Zehent- Schuldnern von der gesamten Schuldsumme von 157.505 Pfund 105.150 Pfund erlassen. Vor einem Jahfe, lm August 1932. hatte der High Commissioner 173.000 Pfund an Zehentschulden erlassen. Der High Commissioner zieht nunmehr auch den Erlaß des Zehents für die Sommerernten und die Gewährung von Anleihen an notleidende Landwirte zum Ankauf von Saatgut in Erwägung. Grabsteine Friedländer & Dentsch Wien. l.'BelteniteMengaiie Hr.i Tel. (J *8.1-28 XI«, Zeotralfriedbof. neben dem l. Toi. Tel- U 18-0.85 Die fkebräisdte Konferenz in £Vag Vom f7. bis 20. August tagt in Prag die hebräische Weltkonferenz der B r i t h Iwrith 01 a m i t h. Die Konferenz wird sich hauptsächlich mit folgenden Fragen befassen müssen: 1. Die Reorganisierung des Zentralbureaus der Brith Iwrith Olamith. 2. Die endgültige Festlegung und Bestimmung der Zeit und des Ortes des ersten hebräischen Weltkongresses. 3. Die Formulierung der Fordefungen der B. I. 0. zum 18. Zionistenkongreß in Prag. Zu Punkt 1: Durch die bekannten Ereignisse in Deutschland mußte das im Jahre 1931 durch die hebräische Gründungskonferenz eingesetzte Zentratbureau in Berlin seine Tätigkeit einstellen. Der Konferenz wird ein Vorschlag unterbreitet werden, das Zentralbureau zu reorganisieren und es nach London zu verlegen. Was den 2. Punkt der Tagesordnung betrifft werden hier voraussichtlich die Meinungen der Delegierten sehr weit auseinandergehen. Schon auf der letzten Sitzung des Zentralkomitees in Berlin war dieser Punkt Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Einerseits wurde der Standpunkt verfochten, der erste hebräische Kongreß müsse in Palästina tagen. Der erste hebräische Kongreß soll sowohl nach außen hin wie auch nach innen der Verkünder hebräisch schaffenden Geistes in Erez sein. Auch aus rein technischen Gründen müsse Palästina als Kongreßort allen anderen Ländern vorgezogen werden. Dem gegenüber wird die Ansicht vertreten, ein Kongreß in Palästina werde vielen Delegierten aus den Ostländem, und zwar aus Polen, Litauen usw. jede Möglichkeit rauben, sich an dem Kongreß zu beteiligen. Dasselbe Argument gilt auch für die Beteiligung der hebräisch sprechenden Juden Amerikas. Bei der Abstimmung entschied sich das Zentralkomitee mit knapper Mehrheit für Palästina. Bald darauf aber erhob die Tarbutkonferenz in Polen gegen diesen Beschluß Einspruch und forderte die Zentrale auf, den Beschluß zu revidieren. Nun wird die Frage des Kongreßortes auch auf der Prager Konferenz Gegenstand heftiger Diskussionen sein. Voraussichtlich wird sich auch diesmal die Konferenz für Palästina entscheiden. Die Einberufung des Kongresses soll für Ostern 1934 vorgeschlagen werden. Die Konferenz wird schließlich die Forderungen der B. I. O. zum 18. Zionistenkongreß formulieren. Vor allem soll der 18. Kongreß den Beschluß des 16. Kongresses erneuern, demzufolge die zionistische Exekutive in London verpflichtet wurde, ein besonderes Departement für hebräische Kultus- und Erziehungsfragen in London zu eröffnen. Diesem Departement soll die Führung des hebräischen Schullebens sowohl in der Diaspora als auch in Palästina anvertraut werden. Für diesen Zweck 6oH ein spezieller Fonds, ein sogenannter Kulturfonds (Keren Hatarbuth), geschaffen werden. Ferner soü der 18. Kongreß den Beschluß des 17. Kongresses erneuern, der jeden Zionisten verpflichtet, seine Kinder hi die hebräische Schule zu schicken, und die zionistische Exekutive verpflichtet, die hebräische Bewegung materiell zu unterstützen. Schließlich wird die Konferenz den 18. Zionistenkongreß auffordern, endlich einmal die Verwirklichung des noch auf dem 9. Kongreß gefaßten Beschlusses, die hebräische Sprache solle die offizielle Sprache der zionistischen Kongresse sein, zu verwirklichen. Nach einer aut dem letzten Kongreß durchgeführten Statistik stellte sich heraus, daß ungefähr 70 Prozent aller Kongreßdelegierten Hebräisch verstanden haben und daß ungefähr 70 Prozent der Kongreßreden von Delegierten gehalten wurden, die gut Hebräisch sprechen. In Wirklichkeit aber hört man auf dem Zionistenkongreß nur sehr selten eine Rede in der offiziellen Sprache des Kongresses. Demi praktisch ist heute die deutsche Sprache die offizielle Sprache des Kongresses. Deutsch ist die Kongreßtribüne, deutsch das Kongreßbureau und sogar das offizielle Organ des Zionistenkongresses erscheint in deutscher Sprache. Nach den traurigen Ereignissen m Deutschland und nachdem die tschechisch, nationalen Kreise deutlich in ihrer Presse zu verstehen gegeben haben, daß ein auf Prager Boden in deutscher Sprache abgehaltener Kongreß ihre nationalen Gefühle kränken würde, ist die Frage der offiziellen Verhandlungssprache auf dem 18. Zionistenkongreß sehr akut geworden« Diesmal wird die Leitung dafür Sorge tragen müssen, daß die Tagesordnung der Konferenz nicht mit allzu vielen Fragen überbürdet werde, daß die Referate sachlich und kurz gehalten und die Redezeit beschränkt werde. Zu der Prager Konferenz wurden aus Wien delegiert: Dr. David R o t h b 1 u m, Mitglied des Weltrates, Präsident der Histadruth Iwrith; S. Dulitzky, Leitungsmitglied der Histadruth; Dr. Z. F. Fink eiste in, Delegierter zura 18. Kongreß, Chefredakteur der «Stimme»; Dr. S. Horowitz, Leitungsmitglied; Dr. A. Kaminka, Mitglied des Weltrates; Dr. Ch, Tartakower, Leitungsmitglied; Professor M. Rath, Vorsitzender der Erziehungskommission der Israel. Kultusgemeinde und Leitungsmitglied; Prof. M. Chart in er und M. Ungarfeld, Mitglieder des Weltrates. M. Ungar leid